Читать книгу Killer gesucht: 7 Strand Krimis - 1500 Seiten Spannung - Alfred Bekker - Страница 24

Elbenmagie in Borghorst

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„Lange ist es her“, murmelte Branagorn, während er mit der Regionalbahn von Münster nach Steinfurt fuhrt. Ein älterer Mann in einem Jackett, das dem völlig unmodischen Schnitt nach uralt sein musste, aber offenbar selten getragen und gut gepflegt war, saß ihm gegenüber. Dazu trug er eine Baseballmütze. Schon die ganze Zeit hatte der alte Herr Branagorn misstrauisch gemustert. Ein Elbenkrieger, der auch noch im Sommer einen relativ warmen Umhang trug, unter dem dann auch noch ein Schwertgriff hervorschaute - das war für ihn einfach nicht so richtig einzuordnen.

Noch viel mehr wunderte sich der alte Herr, als sein Gegenüber plötzlich anfing, eigenartige Silben aneinanderzureihen. Für Branagorn war das eine elbische Stärkungsformel. Denn Stärke, so glaubte der Elbenkrieger, konnte er jetzt dringender als je zuvor gebrauchen, zumal ihm ja auch sein bevorzugtes Schwert Nachtmahrtöter nach wie vor nicht zur Verfügung stand.

Jener Klinge auf seinem Rücken hatte er inzwischen den Namen Feind des Traumhenkers gegeben. Einer Klinge einen Namen zu geben, verlieh ihr zusätzlich Macht. Dies erst im Hinblick auf eine ganz bestimmte Aufgabe zu tun, in der die Waffe sich zu bewähren hatte, bedeutete erst recht, dass zusätzliche Kräfte wachgerufen wurden. Reserven, von denen der Betreffende vielleicht nicht einmal geahnt hatte, dass es sie überhaupt gab.

„Sagen Sie, Sie sind aber nicht von hier, oder?“, fragte der alte Mann.

Branagorn sah ihn etwas irritiert an. Sollte er diesem Mann erwidern, dass er vor tausend Jahren schon einmal hier gewesen war und für Kaiser Otto III die Urkunde angefertigt hatte, mit der dieser die Gründung des Stiftes Borghorst bestätigte? Nein, besser nicht, entschied er. Es war nicht immer ratsam, die Wahrheit allzu unverblümt zu sagen. Das hatte er inzwischen gelernt. Man musste es vermeiden, seinem Gegenüber vor den Kopf zu stoßen, wobei Branagorn zugeben musste, dass ihm das keineswegs immer gelang. Schließlich wirkte schon seine Kleidung, sein Auftreten und seine Ausdrucksweise auf mache Zeitgenossen wie die pure Provokation.

„Ich war schon einmal hier, aber es ist lange her“, sagte Branagorn.

„Ich meine ja nur, wenn ich Sie so ansehe.“

„Was meint Ihr damit?“

„Na ja – wir im Münsterland gelten ja als stur und dickfellig – aber dat wir nich mitkriegen täten, dat man man im Sommer oder meinetwegen sogar Frühherbst kein Karneval mehr mehr feiert – dat halte ich für'n Gerücht!“

„Mir dünkt, dass ich niemals Karneval gefeiert habe“, erwiderte Branagorn. „Der Auflauf der Massen und ihr schrilles Geschrei sind mir zuwider.“

„Sie reden eigenartig. Kommen Sie aus den neuen Bundesländern? Oder sind Sie ein Türke mit gefärbten Haaren? Heute sieht ja nichts mehr so aus, wie es eigentlich ist.“

„Ihr müsst verzeihen, aber Eure Sprache ändert sich so schnell, dass manchmal nur Augenblicke zu vergehen scheinen, ehe sie sich so gewandelt hat, dass man Gefahr läuft missverstanden zu werden.“

„Ja, dat ist wohl wahr“, stimmte der Mann zu. „Was die heute so für Ausdrücke benutzen, da kommt unsereins nich mit!“

„Ich nehme an, dass Ihr das Marienkrankenhaus in Borghorst kennt – angesichts der deutlichen Zeichen des Alters, die Euer Leib trägt, nehme ich an, dass Ihr es hin und wieder aufsuchen müsst.“

Der alte Herr runzelte die Stirn. „Wie kommen Sie mir denn? Ich bin fit wie ein Turnschuh, auch wenn meine Treter schon etwas abgelaufen sind. Aber für neue Schuhe bin ich zu geizig, die könnte ich ja nicht mehr richtig ablaufen, das sag ich immer auch, wenn meine Frau sagt: Schmeiß die alten, schief gelaufenen Dinger weg, da fällst du nur mit.“ Er beugte sich etwas vor. „Wie kommen Sie denn jetzt auf dat Krankenhaus?“

„Ich bin unterwegs dorthin.“

„Wat Ernstes? Na, ich will nich indiskret sein. Ich bin nur ab und zu da, um die Blutwerte überprüfen zu lassen und wegen Rücken. Ich hab nämlich Rücken, aber nix Ernstes. Wie gesagt: Fit wie'n Turnschuh, nur dürfen Sie sich meine Turnschuh nich ansehen, die usseligen Dinger.“

„Wenn Ihr öfter in diesem Hospital weilt, dann kennt Ihr gewiss auch eine Krankenschwester namens Nadine Schmalstieg!“

Eine tiefe Furche erschien nun auf der Stirn des alten Herrn und teilte sie mehr oder minder exakt in zwei gleich große Hälften. „Also ich bin ja schon froh, wenn ich den Namen vom Arzt behalten kann. Die Schwestern kann ich mir nicht auch noch merken! Das überfordert meine kleinen grauen Zellen. Außerdem: Wenn die sich alle erst vorstellen würden, bevor sie einem Blut abzapfen oder sowat, da bräuchte die Ambulanz ja wohl ein doppelt so großes Wartezimmer!“

„Häufig tragen die mildtätigen Helfer im Hospital Schilder mit ihrem Namen an der Kleidung. Ich könnte mir denken, dass dies hier in Borghorst auch so sein könnte.“

„Ja schon – aber die soll ich mit meinen Matschaugen erkennen? Ich bin nämlich kurz- und weitsichtig. Und das heißt, wenn ich eine Brille aufsetze, habe ich immer die falsche auf – und von Gleitsicht wird mir schwindelig. Darum setze ich besser gar keine Brille auf, was dazu führt, dass ich nur das richtig lesen kann, was exakt im richtigen Abstand ist. Die Schnörkelbuchstaben auf dem Amulett um ihren Hals kann ich zum Beispiel klar erkennen. Das heißt Coca Cola, vermute ich mal. Aber wenn ich mich jetzt etwas zurücklehne oder Sie das tun, dann passt dat schon wieder nich.“ Er kratzte sich am Kinn und schüttelte den Kopf. „Also eine Schwester Nadine Schmalstieg ist mir nicht begegnet. Ich glaube, das hätte ich mir auch gemerkt, denn meine falsche Enkelin heißt auch Nadine. Also – falsch deswegen, weil die eigentlich nur durch die Patchworkfamilie meines Schwiegersohnes gewissermaßen importiert worden ist, aber trotzdem Opa zu mir sagt.“

„Ja, die Zeiten sind verworren und schwierig“, erwiderte Branagorn.

„Aber einen Tipp kann ich Sie noch geben, wenn Sie ins Marienhospital kommen!“

„Jeder Ratschlag ist mir willkommen - und ganz besonders der Eure, edler Herr.“

„Wenn Sie Probleme mit der Verdauung haben – dann gehen Sie nicht zu Dr. Freckenbrede!“ Der alte Herr verzog das Gesicht, als gäbe es da unaussprechbare Grausamkeiten, die er auf keinen Fall über die Lippen bringen konnte. Er sagte nur dreimal stoßgebetsartig: „Ne! Ne! Ne!“ - jeweils mit einem abgehackten, kurzen, aber hell gesprochenen 'e' am Ende des Wortes, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Hecheln eines Hundes hatte.

*



Später betrat Branagorn das Marienhospital von Borghorst. Borghorst hatte gegenüber Burgsteinfurt, dem anderen, größeren und wichtigeren Stadtteil von Steinfurt, in nahezu jeder Hinsicht den Kürzeren gezogen. Die Vereinigung der beiden Städte war im Grunde eine Eingemeindung von Borghorst nach Burgsteinfurt gewesen. Burgsteinfurt war auch vorher schon Kreisstadt gewesen, nur dass der Kreis anschließend etwas größer geworden war. Nicht mal die Reformation hatte es bis Borghorst geschafft, denn im Gegensatz zu Burgsteinfurt war Borghorst so etwas wie eine katholische Insel, wo es Prozessionen mit Weihrauch, Karneval und all die anderen Dinge gab, die die reformierten Spaßbremsen, für die das Leben ein Jammertal war, abgeschafft hatten. Aber immerhin gab es in Borghorst das Marienhospital – und das war mit seinen 500 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber der Stadt.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragt die Stimme im Glaskasten an der Pforte des Marienhospitals. Sie gehörte einer beleibten Mittdreißigerin mit gelockten blonden Haaren und freundliche Augen.

„Ich suche eine Krankenschwester“, sagte Branagorn.

„Nun, davon gibt es bei uns viele. Haben Sie Beschwerden und wollen Sie zur Notaufnahme? Oder sind Sie hier, um jemanden zu besuchen.“

„Ich suche Nadine Schmalstieg. Sie arbeitet hier als Krankenschwester.“

„Also hier arbeiten so viele Menschen, die kenne ich nicht alle persönlich und mit Namen“, sagte die Frau mit den Locken.

„Ich muss Nadine Schmalstieg dringend sprechen und wäre Euch sehr dankbar, wenn Ihr mir in dieser Angelegenheit helfen würdet!“

„Sind Sie ein Verwandter oder ein Freund? Ich meine, Sie kommen hier einfach her ...“

„Ich bin ein wohlmeinender Freund und es geht um Leben und Tod, werte Frau Kemper!“

Sie trug ein gut lesbares Namensschild an ihrer Kleidung – Ilona Kemper.

Sie beugte sich vor und musterte Branagorn nun stirnrunzelnd von Kopf bis Fuß und wieder zurück. Von den spitz zulaufenden und leicht nach oben gebogenen Spitzen der Wildlederstiefel bis zu dem Schwertgriff, der über seiner rechten Schulter unter dem Umhang hervorragte. Anschließend blieb ihr Blick einige Augenblicke an dem gusseisernen Elbenrunen-Amulett hängen. Nachdem sie es wohl aufgegeben hatte, darin irgendeine für sie unmittelbar erfassbare Bedeutung erkennen zu wollen, lehnte sie sich wieder zurück, sodass sie nun nicht mehr Gefahr lief, mit der Stirn gegen das Glas zu stoßen, das sie beide voneinander trennte.

„Gehören Sie zu der Laienspieltruppe, die die kranken Kinder unterhalten soll? Dafür ist aber jemand anders zuständig als ...“

„Nein, nein, Ihr missversteht mich! Ich bin keineswegs ein Gaukler zur Belustigung der Genesenden.“

Ilona Kemper blätterte in ihren Unterlagen herum und wirkte auf einmal etwas hektisch. „Ach, Entschuldigung! Nicht Laienspieltruppe, sondern Kasperletheater! Ich habe mich wohl vertan. Allerdings frage ich mich, was Ihre Verkleidung dann soll.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber es ist für die Kinder ja vielleicht ganz lustig, wenn die Puppenspieler verkleidet sind. Ich darf Sie dann an meine Kollegin verweisen. Einen Augenblick bitte!“

„Ich darf Euch höflichst mitteilen, dass Ihr mich offenbar vollkommen missverstanden habt!“, erklärte Branagorn dann in einem Tonfall, der an Bestimmtheit nichts zu wünschen übrig ließ. „Bitte sagt mir, wo ich Nadine Schmalstieg finde. Für den Fall, dass Ihr nicht willens oder in der Lage seid, mir in dieser Angelegenheit zu helfen, werde ich mich selbst auf die Suche machen.“

„Hören Sie, Herr ...“

„Anscheinend habe ich mich getäuscht und Eure Kenntnisse und Fähigkeiten überschätzt. Das mögt Ihr mir verzeihen.“ Branagorn deutete eine Verbeugung an und ging dann mit weiten Schritten voran. Eine transparente Tür öffnete sich selbsttätig.

„Warten Sie!“, rief Ilona Kemper. „Sie können da nicht einfach hinein! Das geht nicht!“

Aber der Elbenkrieger nahm sie gar nicht weiter zur Kenntnis. Die Frau mit den gelockte Haaren beeilte sich, aus ihrem Glaskasten herauszukommen. „Vielleicht kann ich Ihnen ja doch helfen“, behauptete sie. Branagorn blieb stehen. Ilona Kemper holte ihn ächzend ein. Sie musste erst einmal wieder zu Atem kommen und rang nach Luft.

„Sie können hier nicht einfach herumlaufen, wie Sie wollen, Herr ...“

„Mein Name ist Branagorn, Herzog von Elbara.“

„Ich meine, Ihren echten Namen!“

„Nun, man nennt mich bisweilen auch Schmitt.“

„Gut, Herr Schmitt. Und Sie haben ein privates Anliegen an Schwester Nadine?“

„So ist es. Ich habe eine sehr persönliche Botschaft zu überbringen.“

„Sind Sie so etwas wie eine Geburtstagsüberraschung oder so? Ich meine, da hört man ja viel von diesen Agenturen, wo man von der Stripperin, die aus der Torte springt, bis zum Nikolaus, der ein Gedicht aufsagt, alles buchen kann, wovon man glaubt, dass jemand Freude daran hat.“

„Die Zeit drängt. Wie kann ich Nadine Schmalstieg finden?“

Ilona Kemper schnippte mit den Fingern. „Ich wette, es waren die Kollegen von der Station. Aber ich finde, das nimmt langsam Überhand! Für den alten Chefarzt ist neulich der ganze Kirchenchor gekommen! 50 Personen! Und nur, um ein Ständchen zu bringen! Ich habe das ja nicht zu entscheiden und wenn so was an der Spitze erlaubt wird, dann nehmen sich das irgendwann alle raus! Während der Arbeitszeit sollte so etwas tabu sein, wenn Sie meine Meinung dazu hören wollen. Aber leider hört ja niemand auf mich.“

„Ich höre durchaus Eure Worte. Aber die Zeit drängt. Ich will nicht ungeduldig erscheinen, doch meine Botschaft ist wirklich von höchster Dringlichkeit!“

Ilona Kemper zwinkerte Branagorn zu und sagte in verschwörerischem Tonfall: „So folgt mir, edler Herr, damit ich Euch Hilfe angedeihen lassen kann!“

„Ich stelle fest, wir sprechen eine Sprache, werte Frau Kemper!“

„Na, wenn Sie jetzt noch anfangen würden, die Laute zu zücken und Minnelieder zu singen, dann könnte Ihrem Charme wahrscheinlich niemand widerstehen!“

Branagorn folgte Ilona Kemper zurück zum Eingang. Sie passierte die Tür zu dem gläsernen Kubus, in dem sich ihr Büro befand und begann in ein paar Listen nachzusehen, die sie anscheinend griffbereit zur Hand hatte.

„Ah ja. Nadine Schmalstieg arbeitet auf der 6. Ich ruf da einfach mal an. Dann sehen wir weiter.“

Sie griff zum Hörer. Branagorn sah ihr ungerührt dabei zu. Sein Blick wirkte abwesend. Er schien in seine eigene Gedankenwelt versunken zu sein.

„Ja, ich verstehe“, sagte Ilona Kemper inzwischen schon zum zweiten Mal mit einer immer deutlicher hervortretenden Falte auf der Stirn. Dann legte sie auf und wandte sich an Branagorn. „Herr Schmitt, Schwester Nadine hat heute etwas früher Schluss gemacht und ein paar Überstunden abgefeiert. Es tut mir leid. Sie ist nicht im Haus.“

„Mir dünkt, dass Ihr dafür nichts könnt, werte Frau Kemper!“

„Tja, ich kann Ihnen leider wohl doch nicht weiterhelfen, werter Herzog von Schmitt oder wie Sie sich nennen.“

„Könnt Ihr mir den Weg zu ihrem Heim beschreiben? Ich kenne nur die Adresse, war aber viele Zeitalter nicht mehr hier in der Stadt.“

„Nein, tut mir leid, dass kann ich nicht“, erklärte Ilona Kemper nun mit einem veränderten Gesichtsausdruck. Sie schien misstrauisch geworden zu sein. „Und um ehrlich zu sein, weiß ich auch nicht so ganz, was ich davon nun halten soll.“

„Falls meine Bitte ungebührlich war, so verzeiht mir und habt Dank für die Hilfe, die Ihr mir trotz alledem habt angedeihen lassen.“

*



Branagorn verließ mit langen Schritten das Marienhospital. In unmittelbarer Nachbarschaft befanden sich ein großer Parkplatz und das Café Mauritius. Branagorn blieb einen Moment lang stehen und ließ den Blick schweifen. Sein Handy klingelte. Nein, ich werde dem sprechenden Artefakt jetzt keine Bedeutung zumessen!, nahm er sich vor. Er war auf das Höchste konzentriert und konnte jetzt keinerlei Ablenkung gebrauchen. Darüber hinaus gab es nur eine einzige Person, die seine gegenwärtige Handynummer kannte – und das war Anna van der Pütten, die er als Seelenträgerin seiner geliebten Cherenwen zu erkennen glaubte. Nur sie konnte es sein, aber wenn er jetzt mit der Frau sprach, deren Seele ihm schon in einer anderen Welt so sehr verbunden gewesen war, so konnte er gewiss seine Konzentration nicht mehr aufrechterhalten. Zu aufwühlend wäre das gewesen. In diesem Punkt hegte er keinerlei Zweifel. Also ließ er das sprechende Artefakt klingeln, bis es von selbst aufhörte. Er war unschlüssig darüber, was er tun sollte. Nadine Schmalstiegs Privatadresse aufsuchen? Er bemerkte einen großformatigen Stadtplan in einem Schaukasten, ganz in der Nähe des Cafés Mauritius. Das wird mir helfen!, ging es ihm durch den Kopf.

Dann, als er den Blick auch über den Parkplatz schweifen ließ, bemerkte er etwas, was ihn stutzen ließ. Eine Frau und ein Mann. Die Frau wollte offenbar in einen Wagen steigen, denn dessen Tür war offen. Ihr Gesicht konnte Branagorn nicht sehen, denn sie wandte ihm den Rücken zu. Aber den Mann konnte er dafür umso besser erkennen. Er war nicht viel größer als sie und anhand des Größenverhältnisses zu den Dächern der benachbarten Kleinwagen schätzte er ihn auf ungefähr ein Meter siebzig. Die langen, dunklen Haare, der Ledermantel und die Ringe, die man sehen konnte, wenn er die Hand hob – nein, Branagorn hatte selbst auf die Entfernung hin nicht den kleinsten Zweifel, dass er niemand anderen als Timothy Winkelströter sah, dessen Gesicht er zuletzt in einer noch sehr viel jugendlicheren und weniger haarigen Version auf der Stellwand im Polizeipräsidium gesehen hatte.

Timothy Winkelströter hob sehr häufig seine Hände, denn er gestikulierte wild herum. So hoch ausholend, dass oft genug sogar der Ärmel seines Ledermantels hervorschaute, unter dem er nur ein schwarzes T-Shirt trug, dessen Aufdruck der Tätowierung in allen wesentlichen Details entsprach. Ein Stierkopf auf einem Kreuz. Und dieses Kreuz hatte acht Spitzen wie das Kreuz der Tempelritter! Dieses Detail entging Branagorn natürlich nicht. Manche Zeichen wurden eben immer wieder in wechselnden Zusammenhängen und in verschiedenen Zeitaltern benutzt. Man durfte sich nicht täuschen lassen!, wusste Branagorn. Die Bedeutung blieb keineswegs konstant. Sie verkehrte sich manchmal sogar in ihr Gegenteil. Dann drehte sich die Frau um. Branagorn konnte jetzt mehr sehen, als nur die Rückseite eines kecken Pagenschnitts. Er war sich nun vollkommen sicher, dies war Nadine Schmalstieg – auch wenn sie seit ihrer ersten Begegnung die Haarfarbe geändert hatte. Ihr Haar war nun rotbraun und nicht mehr dunkelbraun.

Nadine stieg in den Wagen. Sie knallte die Tür.

Timothy Winkelströter wischte sich mit der Hand über die Stirn und schüttelte den Kopf. Dann zog er seinen Ledermantel aus, öffnete ebenfalls die Tür seines Wagens und warf den Mantel auf den Rücksitz. Dann stieg er ein.

Jetzt, dachte Branagorn, werde ich Eile walten lassen müssen!

*



Nadine Schmalstieg trat mit aller Kraft auf die Bremse. Ihr Wagen rutschte noch einen halben Meter über den Asphalt und ein quietschender Laut ertönte. Ein Laut, wie Branagorns empfindliche Ohren ihn hassten.

Urplötzlich war der Elbenkrieger auf die Ausfahrt des Parkplatzes zugelaufen, hatte sich mitten in den Weg gestellt und dabei die Arme ausgebreitet.

Nadine Schmalstieg öffnete die Tür.

„Sagen Sie mal, sind Sie wahnsinnig?“

Branagorn stand da, murmelte eine magische Formel und ließ den Klang seiner Stimme dröhnend anschwellen.

„Mann, ich rede mit Ihnen! Sie sind wohl lebensmüde – oder was?“

Ein zweiter Wagen stoppte. An dessen Steuer saß Timothy Winkelströter. Die Seitenscheibe glitt herab und er streckte den Kopf heraus. „Was ist los?“

„Werte Schwester Nadine! Ich muss mit Euch sprechen!“, sagte Branagorn. „Es ist dringend!“

„Was ist das für ein Spinner?“, rief Timothy Winkelströter.

Branagorn ging auf Nadine Schmalstieg zu.

„Lassen Sie mich zufrieden!“, sagte sie.

„Erkennt Ihr mich denn nicht? Erinnert Ihr Euch nicht der schönen Tage, da wir durch die Gärten zu Lengerich wandelten?“

Nadine Schmalstiegs Kinn klappte herunter. Ihre Augen wurden groß. Dann musste sie unwillkürlich schlucken und schüttelte fassungslos den Kopf. „Sie sind das, Herr Schmitt?“

„Auch wenn Ihr mich mit einem Namen ansprecht, dessen Klang das Ohr beleidigt, der aber in dieser Welt als gewöhnlich gilt, so sei den vergessenen namenlosen Göttern des Elbenvolkes dafür Dank, dass Ihr mich erkannt habt!“

Nadine kam jetzt etwas näher. „Herr Schmitt, bitte lassen Sie mich jetzt durchfahren. Sie können da nicht einfach stehen bleiben und den Verkehr aufhalten!“

„Kennst du den Spinner etwa, Nadine?“, fragte Timothy Winkelströter.

Nadine drehte sich kurz um, während Timothy jetzt erst den Motor abgestellt hatte und sich bequemte auszusteigen.

„Der ist harmlos, Timmi!“

„Das ist doch ein Irrer!“

„Timmi! Ich kenne den Mann. Als ich Schwesternschülerin in Lengerich war, da war er für 'ne Weile in der Psychiatrie, um wieder besser klarzukommen. Der ist liebenswert und harmlos, wenn auch ein bisschen ...“

„Plemplem!“, vollendete Timothy ihren Satz. Er stellte sich neben sie. „Also sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen und irgendwo anders Ihre Show abziehen!“

„Soweit ich sehe, sind wir uns von der Gewandung her gar nicht so unähnlich!“, erwiderte Branagorn. „Denn auch Ihr bevorzugt doch das Gebaren und die Kleidung einer vergangenen Epoche – wobei ich immerhin sagen kann, dass ich sie erlebt habe und es mir darum schwerfällt, mich innerhalb eines Jahrtausends an so viele modische Änderungen zu gewöhnen. Für Euch hingegen wären die Gewohnheiten Eurer eigenen Zeit vertrauter, und doch zieht Ihr es vor, ein Trinkhorn anstatt eines Glases zu heben! Mich bezeichnet Ihr als verrückt, doch gibt es für mein Verhalten eine logische Erklärung – für Eures doch keine andere als den Spieltrieb oder die Verweigerung gegenüber der Realität!“

„Dass müssen Sie gerade sagen!“, giftete Timothy.

„Jennifer Heinze war Euer beider Gefährtin – und der Traumhenker hat sie getötet! Darüber muss ich mit Euch reden! Das ist die Realität, der Ihr Euch stellen müsst! Ihr, holde Schwester Nadine – aber auch Ihr, Herr Timothy!“

„Herr Schmitt, woher wissen Sie das alles?“

„Die Sinne des Elbenvolks verleihen mir manchen Wissensvorsprung“, erwiderte Branagorn. Er wandte sich an Timothy. „Ihr wart doch dort, auf dem Markt zu Telgte, als es geschah! Ich habe Euch in der Menge gesehen. Feige verdrückt habt Ihr Euch dann, anstatt Euch den Hütern der Ordnung zu stellen!“

„So, jetzt reicht's, du Spinner!“, sagte Timothy und ging mit geballter Faust auf den regungslos dastehenden Branagorn zu. Es war nicht ganz eindeutig, ob nun der Anblick des unter dem Umhang hervorragenden Schwertgriffes oder aber Nadines beherzter Griff an seine Schulter ihn davon abhielten, noch einen Schritt weiter zu gehen und die Auseinandersetzung handfest fortzusetzen.

„Timmi, stimmt das? Du warst mit Jennifer auf dem Mittelalter-Markt in Telgte?“

„Hörst du diesem Typen zu, oder was?“

„Ist es wahr oder nicht?“

„Was spielt das denn für eine Rolle?“

„Mir hast du erzählt, du hättest mit ihr Schluss gemacht - und dann triffst du dich doch mit ihr auf der Planwiese!“

„Du hättest ja mitkommen können!“

„Ich hatte Dienst! Und außerdem wäre ich ja wohl definitiv übrig gewesen, drei sind sind eine zu viel! Ich hätte nur nicht gedacht, dass ich das bin!“

„Nadine, das ist nicht so, wie du denkst!“

„Doch, das ist genau so, wie ich es befürchtet habe! Schon als wir das erste Mal zusammen waren! Aber jetzt ist Schluss, ich mach das nicht mehr mit!“

„Bist du jetzt eifersüchtig auf eine Tote, oder was?“

„Das ist geschmacklos ... Timothy!“ - und dabei sprach sie seinen Namen auf eine Weise aus, dass dessen vollständige und sehr deutliche Nennung wie eine einzige große Anklage klang.

*



Jemand hupte. Inzwischen stand ein drittes Fahrzeug in der Ausfahrt. Es war ein silbergrauer Mercedes. Zur akustischen Unterstützung des Hupsignals ließ der Fahrer den Motor kurz aufheulen. „Geht's da irgendwann auch noch weiter?“, rief ein Rentner mit hochrotem Kopf. „Ich habe keine Lust, hier elendig lange zu warten!“

Nadine wandte sich an Branagorn. „Herr Schmitt, ich kann mich jetzt nicht um Sie kümmern, aber ...“

„Wir müssen miteinander reden, werte Heilschwester! Denn der Traumhenker wird in seiner Raserei nicht nachlassen! Er wird weiter töten und wer mag schon wissen, in wen er als nächstes fährt, um ihn zum Werkzeug des Bösen zu machen.“

„Nadine, wach auf, dieser Spinner ist bestimmt der Kerl, der dich dauernd anruft und verfolgt!“, meinte Timothy Winkelströter. „Du hast mich doch gefragt, ob es nicht langsam Zeit wäre, die Polizei anzurufen. Vielleicht wäre das der richtige Moment! Dann können die den Kerl mitnehmen und dahin zurückschaffen, wo er hingehört. Zu den Türmchen in Lengerich nämlich, damit man ihn wegsperren und in eine Zwangsjacke einschnüren kann, wie sich das gehört!“

„Wird das endlich was? Sonst hole ich die Polizei!“, rief jetzt der Rentner.

„Halt die Klappe, Alter!“, rief Timothy zurück, woraufhin der Rentner eine eindeutige Geste mit seiner flachen Handkante an seiner Gurgel entlangführte.

„Ich darf Euch alle um Mäßigung bitten, werte Herren und edle Dame!“, mischte sich Branagorn ein. Er begann eine Formel vor sich hin zu murmeln. Falls es der Sinn dieser Form von Magie gewesen war, die Situation zu entschärfen und die Beteiligten zu beruhigen, so wurde diese Absicht grundlegend verfehlt.

„Ist ja nicht zu fassen! Auch noch besoffen, der Kerl!“, rief der Rentner. „Lallt vor sich hin und blockiert den Verkehr!“

Nadine wandte sich nun an Branagorn. Sie nahm ihn an den Händen. „Herr Schmitt, ich kann mich jetzt nicht mit Ihnen unterhalten, das sehen Sie doch!“

Branagorn brach seine elbische Beschwörungsformel ab. „Eure Stimme ist klar und fein, aber das Böse lauert in Eurer Nähe. Ihr müsst mit mir sprechen! Über die Maske des Schwarzen Todes, die auch Euer Freund Timothy gesehen haben muss!“

„Nicht jetzt, Herr Schmitt!“

Nadine Schmalstieg schob Branagorn ein Stück zur Seite. „Ich muss jetzt dringend nach Hause. Aber eine Frage noch ...!“

Der Rentner hatte inzwischen sein Handy am Ohr. „Ich ruf jetzt die Polizei an. Das ist Nötigung!“, rief er und fluchte gleich darauf leise vor sich hin, weil er sich mit seinen dicken Fingern wohl mit dem Eintippen der Nummer vertan hatte.

„Fragt mich, was immer Ihr wollt, und ich werde Euch Rede und Antwort stehen – in der Hoffnung, dass auch Ihr mir meine Fragen beantworten werdet, Nadine!“, sagte Branagorn.

„Haben Sie mich in letzter Zeit angerufen?“

„Ich hätte niemals über das sprechende Artefakt Kontakt zu Euch gesucht, ohne Euch um Erlaubnis zu fragen, edle Nadine!“

„Das war war jemand mit Rufnummernunterdrückung!“

„Sein Zeichen zu verbergen ist ein Akt tiefster Niedertracht! Dass Ihr so etwas von mir erwartet, verletzt mich!“

„Tut mir leid, war nicht so gemeint. Es ist nur so, dass ich in gewisser Weise erleichtert gewesen wäre, wenn Sie ...“ Sie sprach nicht weiter. Es war unschwer zu erkennen, dass Furcht in ihr Aufstieg. „Sie würden mir nie etwas tun, das weiß ich, Herr Schmitt!“

„Nennt mich bei meinem eigentlichen Namen, werte Heilschwester! Nennt mich Branagorn!“

„Meinetwegen, Branagorn, aber Sie sehen doch, dass ich jetzt keine Zeit für Sie habe! Timmi und ich haben einiges zu klären und ....“

„Sagt mir nicht, dass es Euch nicht interessiert, dass bereits mehrere Frauen, die Euch gute Gefährtinnen gewesen sind und mit Euch die Leidenschaft für alte Gewandungen aus dem Zeitalter des Schwertes und der Magie teilten, von der Mörderseele hinweggerafft wurden, die vom Traumhenker zu einem Werkzeug gemacht worden ist! Ihr ahnt doch längst, dass das Töten weitergehen wird, und ich denke, dass Euch dies mindestens so nahegeht wie mir, der ich mit keinem der Opfer bekannt gewesen bin.“

„Und was, wenn ich fragen darf, haben Sie dann mit der Sache zu tun?“

„Ich kenne den Täter – und Ihr kennt Ihn auch! Wir haben die Augen der Mörderseele gesehen! Ihr müsst Euch erinnern, denn ich sah nichts anderes als die Augen, Ihr aber müsstet auch den dazugehörigen Namen kennen!“

„Sie kennen ... den Täter?“

„Ihr versteht mich anscheinend nicht!“

„Wundert Sie das? Herr Schmitt, ich meine Branagorn, so geht das nicht!“

„Ihr könnt mir nicht weismachen, dass Ihr an den Hintergründen nicht interessiert seid! Als Heilschwester seid Ihr es doch gewöhnt, dem Tod und dem Wahnsinn ins Gesicht zu blicken. Was sollte Euch also schrecken!“

In dem hochroten Gesicht des Rentners zeigte sich jetzt ein triumphierender Gesichtsausdruck. „Polizei kommt!“, rief er, während sich ein weiteres Fahrzeug einreihte, dessen Fahrer sich durch Hupen und Vogelzeigen bemerkbar machte.

Timothy fasste Nadine am Arm. „Los, wir machen jetzt die Bahn hier frei und fahren zu dir nach Hause! Da sprechen wir dann über alles – und dieser Verrückte hier sieht zu, dass er Land gewinnt!“

„Nein!“, sagte Nadine Schmalstieg nun mit großer Bestimmtheit und entwand sich Timothys Griff. „Lass mich los!“

„Nadine!“

„Ich will jetzt alles wissen – du hast mich offensichtlich angelogen! Jetzt will ich erst mal hören, was Herr Schmitt mir zu sagen hat!“ Nadine wandte sich an Branagorn. „Ich fahre durch die Einfahrt wieder auf den Parkplatz zurück und dann treffen wir uns hier im Café Mauritius!“

„Das ist mir sehr recht“, nickte Branagorn.

„Ich mach diesen Mist nicht mit!“, schimpfte Timothy.

„Das brauchst du ja auch nicht“, versetzte Nadine spitz.

„Du lässt dich doch jetzt nicht von dem Bekloppten da beeinflussen! Hallo! Das ist ein Patient! Jemand, den du offenbar aus der Klapse kennst und niemand, auf dessen Rat du hören solltest!“

„Ich weiß schon, was ich tue, Timmi. Aber du anscheinend nicht, denn sonst hättest du dich nicht noch mit Jennifer getroffen!“

„Du ist doch hysterisch!“

„Ja, kann sein! Dann bin ich eben hysterisch und drehe durch! Aber dafür bin ich wenigstens ehrlich!“

„Wie du willst!“

Timothy ging zu seinem Wagen, zeigte dem Rentner einen Stinkefinger, stieg ein und schlug die Tür so heftig zu, dass man befürchten musste, dass sie im nächsten Moment aus ihren Scharnieren fiel. Branagorn wich zur Seite. Nadine stieg ebenfalls in ihren Wagen, fuhr los und bog nach rechts ab, sodass sie gleich wieder zurück auf den Parkplatz gelangen konnte. Timothy Winkelströter hingegen brauste mit quietschenden Reifen und aufheulendem Motor nach rechts. Er trat das Gaspedal voll durch. Die ganze Wut, die er in sich hatte, schien er jetzt durch den Auspuff seines Wagens entladen zu wollen. Branagorn ging indessen zum Café Mauritius, denn er hatte keinerlei Zweifel daran, dass Nadine Schmalstieg wenig später dort eintreffen würde, und war schon wenige Augenblicke später von der Parkplatzausfahrt aus nicht mehr zu sehen.

Der Rentner mit roten Gesicht setzte seine Fahrt ebenfalls sehr aggressiv fort. Allerdings hatte er nicht die Gnade der Poole-Position, sondern den Fluch des späten Starts und das bedeutete, dass er beinahe dem anrückenden Dienstfahrzeug der Polizei in die Motorhaube fuhr.

Ein Beamter stieg aus.

Der Rentner ließ die Seitenscheibe herunter und ein chaotischer Wortschwall sprudelte dann nur so aus ihm heraus. Sein Kopf wurde dabei so dunkelrot, dass man sich Sorgen um die Gesundheit des Mannes machen musste. Aber zur Not war ja eine Klinik in unmittelbarer Nachbarschaft.

„Nun beruhigen Sie sich doch bitte“, sagte der Beamte. „Ich habe nichts verstanden. Sind Sie der Herr, der angerufen hat? Was sagen Sie? Ein Krieger mit einem Schwert? Der hat den Weg versperrt? Ah, ja ... Dann fahren Sie doch mal bitte dort auf den Bürgersteig ... Haben Sie heute schon was getrunken? Oder nehmen Sie Medikamente?“

Als der Mercedes sich dann langsam in Bewegung setzte und so auf dem Bürgersteig zu stehen kam, dass das nachfolgende Fahrzeug vorbeikonnte, griff der Polizist zu seinem Funkgerät. „Hallo Zentrale? Könnt Ihr mir mal jemanden vom sozial-psychologischen Dienst schicken?“

*



Branagorn betrat das Café und setzte sich an einen der Tische. Nadine folgte ihm wenig später und setzte sich zu ihm. Sie bestellte eine Latte Macchiato. Branagorn hingegen nahm nur ein Wasser ohne Kohlensäure. „Es gab Zeiten, da hatte kein Wirt es gewagt, für ein Glas Wasser eine Münze zu verlangen“, meinte der Elbenkrieger. Dann musterte er Nadine eingehend und auf eine Weise, die ihr schon fast unangenehm war. Diesem sehr intensiven und fokussierten Blick schien keine Unreinheit und kein Mitesser zu entgehen. „Es ist schon eine ganze Weile her, dass wir uns zuletzt begegnet sind, werte Heilschwester“, sagte er.

„Ja, das ist vor mindestens sieben Jahren gewesen. Eher acht. Irgendwas dazwischen.“

„Ihr habt mir damals freudestrahlend mitgeteilt, dass Ihr eine Stelle am Marienhospital zu Borghorst bekommen habt, nachdem Eure Ausbildung abgeschlossen und die Prüfung bestanden war.“

„Und daran haben Sie sich erinnert?“

„Ich wäre sonst nicht hier. Nein, das ist nicht ganz richtig. Es gibt noch einen anderen Grund, denn ich sah Euch zuerst auf einer Stellwand wieder, die in einem Gebäude steht, dass sich Polizeipräsidium nennt und wo die Hüter der Ordnung ihr Heim haben. Man weiß um Euch. Man kennt Euren Namen, aber es gibt offensichtlich mehrere Personen, die diesen Namen tragen. Ich hingegen wusste sofort, dass Ihr es seid!“

„Sagen Sie mir, was Sie wissen, Branagorn – und was Sie mit der ganzen Sache zu tun haben“, verlangte Nadine.

„Ich – herzlich wenig, wenn Ihr mal von der Tatsache abseht, dass ich Morde verhindern und einem üblen Geist, der unglücklicherweise mich zu seiner Gesellschaft erkor, das Handwerk legen will.“

„Tja, ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht, was ich dazu sagen soll ...“

„Es gibt ein Bild, dessen Urheber Ihr sein sollt und das im Audienzsaal der Ordnungshüter neben vielen anderen hängt. Es zeigt Eure Freunde in der Gewandung aus der Zeit des Schwertes. Der werte Herr Timothy ist darunter. Aber auch Jennifer Heinze, Chantal Schmedt zur Heide, Elvira Mahneke, Franka Schröerlücke und Jana Buddemeier – all jene Jungfrauen, die in den letzten siebeneinhalb Jahren der Mordlust des Traumhenkers zum Opfer gefallen sind!“

„Ein Bild?“

„Es stammt aus dem Buch der Gesichter.“

„Buch der Gesichter? Ach, meinen Sie Facebook? Da bin ich schon lange nicht mehr gewesen. Ich hab mein Passwort vergessen und ehrlich gesagt, habe ich mich schon eine ganze Weile nicht mehr um meinen Account gekümmert.“

„Wer ist Sarah?“, fragte Branagorn.

„Wie?“

„Es ist eine unbekannte Person zu sehen, die Sarah heißt. Wie ist ihr zweiter Name, sodass man sie unterscheiden und Ihren Wohnort erfahren kann?“

„Ich verstehe nicht, was das mit den Morden zu tun hat?“

„Macht es Euch keine Angst, werte Nadine, dass Menschen, die Euch bekannt sind, der Reihe nach dahingerafft werden, als würde eine Seuche sie zu ihren Opfern machen? Aber es ist ein böser Geist, der dies tut – und keine Gewalt der Natur!“

„Es wäre einfacher, wenn Sie sich normal ausdrücken würden. Tut mir leid, ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber damals in Lengerich war ich besser an dieses Gerede gewöhnt, das ...“ Sie stockte und entschied sich offenbar dagegen, den Rest des Gedankens laut auszusprechen.

„Der Maßstab dessen, was Wahnsinn ist und was einer besonderen Gabe entspricht, ist der Zeit und der Welt geschuldet, in der man lebt“, sagte Branagorn. „Ihr solltet mich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich nur das Beste für Euch will und dass der einzige Beweggrund für mich, mit Euch in Kontakt zu treten, die echte Sorge um Euch ist.“

„Sie sind niemand, vor dem ich Angst hätte“, stimmte Nadine ihm zu. „Davon abgesehen, scheinen Sie sich seit damals auch überhaupt nicht verändert zu haben!“

„Das liegt an meiner Natur. Wir Unsterblichen ändern uns nicht, während man Euch die Spuren der letzten Jahre durchaus ansieht.“

Nadine seufzte. „Ich hatte wirklich heute schon genug Stress, da habe ich das gerade nicht gebraucht!“, meinte sie. „Offenbar hat auch der Mittelalter-Charme eines Elbenkriegers seine Grenzren ...“

„Wer ist Sarah?“, kehrte Branagorn nun noch einmal. „Eine Person auf dem Bild trägt den Namen Sarah.“

Nadine zuckte die Schultern. „Das kann nur Sarah Aufderhaar gewesen sein. Eine andere Sarah kenne ich nicht.“

„Was könnt Ihr mir über Sarah Aufderhaar sagen?“

„Sie wohnt hier in Borghorst in der Nordwalder Straße. Hausnummer habe ich vergessen. Ich glaube, sie arbeitet immer noch in der Kreisverwaltung in Burgsteinfurt. Da ist man ja unkündbar und ich glaube, sie überarbeitet sich da auch nicht gerade. Ehrlich gesagt, habe ich sie schon länger nicht gesehen. Meinen Sie, dass der Täter es auch auf sie abgesehen haben könnte?“

„In diesem Punkt versagen meine Elbensinne leider“, erklärte Branagorn.

Nadine lächelte. Zum ersten Mal während ihres Gesprächs lächelte sie. „Wieso? Haben Sie mir damals nicht gesagt, dass ein Elbenkrieger mitunter sogar die Gedanken anderer lesen könnte?“

„Nur die Gedanken von Personen, die einem sehr nahestehen und deren Seelen einem verwandt sind.“

„Dann ist das eigentlich keine echte Magie!“, meinte Nadine.

„Doch, es ist Magie!“, widersprach Branagorn. „Was sollte es sonst sein?“

„Also wenn das Magie ist, dann kenne ich aber viele Leute mit magischer Begabung. Zum Beispiel diese Sarah ...“

„Sie ist eine Zauberin? Ich hätte nicht zu hoffen gewagt, in dieser Welt jemanden zu treffen, auf den sich dieser Begriff mit Fug und Recht anwenden ließen.“

„Nein, nein, sie ist keine Zauberin, so sehr sie sich das vielleicht auch gewünscht hätte. Schließlich haben wir ja alle früher viel an Fantasy- und Mittelalter-Rollenspielen teilgenommen und uns entsprechend verkleidet. Wenn Sie ihr Bild gesehen haben, wissen Sie ja, was ich meine.“

„Worin besteht die Magie dieser Sarah?“

„Sie hat eine Zwillingsschwester. Und manchmal, dann hat eine von den beiden einen Satz angefangen und der andere hat ihn beendet. Verstehen Sie, was ich meine? Es ist ganz normal, sich in die Gedankenwelt eines anderen hineinzuversetzen. Dazu braucht es keine Magie!“

„Das ist ein Paradox in Eurer Welt und speziell in dieser Zeit: Ihr glaubt einerseits an die Wirksamkeit von Magie, leugnet aber gleichzeitig ihre Existenz und versucht sie, durch weniger naheliegende Erklärungsversuche wegzuargumentieren, weil Euch ihre Macht unheimlich ist und ihr sie einfach nicht als das zu sehen vermögt, was sie eigentlich ist.“

„Und das wäre?“

„Eine natürliche Kraft unter anderen natürlichen Kräften, die man ausnutzen kann wie den Wind zum Segeln oder die Sonne, um sich zu wärmen und Feuer zu entzünden.“

Nadine runzelte die Stirn. „So habe ich ehrlich gesagt noch niemanden darüber reden hören – obwohl, es erinnert mich ein bisschen an das, was Timmi manchmal sagt.“

„Ihr sprecht von Herrn Timothy.“

„Ja, diesem Schuft, auf den ich insgesamt zweimal hereingefallen bin.“

„Was hat dieser Schurke denn mit Magie zu tun? Ich glaube nämlich nicht, dass er über solche Kräfte verfügt, sondern dass es sich bei ihm vermutlich nur um ganz gewöhnliche Überredungskunst handelt.“

Nadine lachte auf. „Sie drehen das immer so, wie es Ihnen passt, oder?“

„Nein. Das ist der Unterschied zwischen wahrer Magie und ihrem Anschein, werte Nadine.“

„Wenn Sie das sagen.“

„Versucht Euch an die Zeit erinnern, als im Angesicht der Türme zu Lengerich wir einander kennenlernten ...“

„Gerne. War 'ne tolle Zeit – wenn man mal davon absieht, dass ich damals zum ersten Mal mit Timothy zusammen war und er mich zum ersten Mal verarscht hat mit dieser ... Elvira. Und dabei hatte ich sogar noch für ihn gelogen!“

„Gelogen?“, fragte Branagorn. „Was offenbart Ihr mir da an Abgründen Eurer Seele?“

Sie beugte sich etwas vor. „Gelogen ist nicht das richtige Wort. Aber auf dem Schandmaul-Konzert im Jovel ist doch Franka Schröerlücke umgekommen. Wurde mit Draht erwürgt und dann hat der Täter ihr die Haare abgeschnitten. Wir waren alle dort. Unsere ganze Clique. Damals gab es noch nicht so viele LARP-Fans wie heute und wir hatten uns ja alle über das Rollenspiel und die Mittelalter-Szene kennengelernt.“

„Timothy war auch dort?“, merkte Branagorn auf.

„Oh ja! Eigentlich hatte er ja keine Eintrittskarte und das haben auch alle bestätigt, die dazu befragt wurden. Allerdings weiß ich genau, dass er doch dort war! Es gab da einen Hintereingang, der normalerweise abgeschlossen war. Aber jemand hat für ihn die Tür aufgelassen.“

„Und wer?“

„Er gehört zu dieser Vereinigung der 'Neuen Templer', der Timothy angehört. Ich kenne ihn nicht.“

„Könnt Ihr ihn beschreiben?“

„Bart, lange Haare, aber oben alles kahl. Wie ein Klingone bei Star Trek, nur ohne Knochenwulst! Der Typ stand später am Eingang und hat mir einen Stempel auf die Hand gegeben. Jedenfalls dachte ich zu dem Zeitpunkt noch, ich wäre mit Timothy zusammen, aber Timothy dachte das offenbar nicht mehr und fuhr ganz dreist zweigleisig!“

Sie atmete tief durch und schien sich jetzt noch ziemlich darüber aufregen zu können.

„Ich glaube nicht, dass Timothys Seele vom Traumhenker erfüllt ist und zu einer Mörderseele wurde“, erklärte Branagorn.

„Glauben Sie, ich wäre mit ihm zusammen, wenn ich das denken würde?“

„Für die Zukunft solltet Ihr Euch nicht zu sicher sein, denn der Traumhenker kann in jeden fahren, der es zulässt, dass dieser böse Geist von im Besitz ergreift. Und versucht Euch zu erinnern! Denn damals in Lengerich sind wir ihm begegnet!“

„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen“, sagte Nadine und machte dabei ein ziemlich ratlos wirkendes Gesicht. „Ich meine, da waren damals einige ziemlich durchgeknallte Typen auf der Station. Also, entschuldigen Sie, ich meine natürlich nicht Sie und eigentlich wollte ich das so auch gar nicht sagen.“

„Es ist jetzt keine Zeit der Schmeichelei, sondern der mannhaften, ehrlichen Worte!“, erkläre Branagorn. „Die Lage ist zu ernst, die Gefahr zu groß!“

„Sie glauben wirklich, dass damals der Mörder, der seine Opfer kahl rasiert, dieser sogenannte Barbier, in Lengerich auf der Station war?“

„Ich sah ein Augenpaar und einen kahl rasierten Schädel – mehr nicht. Der untere Teil des Kopfes war verdeckt. Ich hörte Schreie des Wahnsinns und mir begegnete dieser Blick, den ich nicht vergessen werde. Der Traumhenker hatte ein Gefäß gefunden, in dass er gefahren war. Ein Lebewesen, dessen Seele ihm als Wirt diente! Ihr wart doch auf Seiten der Heiler! Und daher hatte ich die Hoffnung, Ihr wüsstet vielleicht, wem diese Augen gehört haben! Ihre Farbe war braun. Aber die Wärme ihrer Färbung stand in einem geradezu grotesken Gegensatz zur eisigen Grausamkeit diese Blickes! Und der rasierte Schädel – er hatte Wunden. Die Haut war auf eine krankhafte Weise verändert.“

Nadine atmete tief durch. Ihr Blick wirkte nach innen gekehrt und es schien Branagorn, als würde sie in ihrer Erinnerung nach jenen Bildern suchen, die seine Worte zu beschwören versucht hatten. Sie musste sich doch erinnern! Sie hatte doch dasselbe gesehen wie er, denn sie war bei ihm auf dem Flur gewesen, als hinter jener besonderen Tür der entfesselte Wahnsinn getobt hatte.

„Da waren so viele, Herr Schmitt“, sagte sie. „An Sie habe ich mich erinnert, weil Sie nett waren. Und ich erinnere mich auch an andere, aber ...“ Sie schüttelte den Kopf. „Das ist lange her und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie Sie darauf kommen, dass die Person, die Ihnen damals offenbar so einen Schrecken eingejagt hat, ein Mörder sein soll!“

„Ich bin der Mörderseele ein zweites Mal begegnet“, eröffnete Branagorn. „Auf der Planwiese in Telgte. Und wieder konnte ich nur die Augen sehen, denn alles andere wurde durch die Maske des Schwarzen Todes verdeck. Und so gut die Sinne von uns Elben auch sein mögen, so vermag ich doch nicht durch Masken zu sehen!“

„Meinen Sie diese Schnabelmasken, wie sie die Pest-Ärzte früher hatten?“

„Gewiss – auch wenn ich sie nicht in jedem Detail dem historischen Vorbild entsprechen, das ich noch aus eigener Anschauung kenne.“

„Das ist seltsam.“

„Was meint Ihr mit dieser Bemerkung?“

„Ich hatte auch mal so eine Maske. Timmi vertreibt die doch über seinen Shop. Und früher, als ich noch aktiver in der LARP-Szene war, sind wir damit im Partnerlook herumgelaufen. Allerdings habe ich die Maske dann vor Wut zerstört, als Timmi und ich das erste Mal Schluss gemacht haben.“

Branagorn schien ihren Bemerkungen nicht besonders viel Bedeutung beizumessen. Ihm war ein anderer Punkt offenbar sehr viel wichtiger. „Versucht Euch an das Gesicht von damals zu erinnern! Und vielleicht auch an den Namen! Ihr seid doch auf Seiten der Heiler gewesen.“

„Ich kann Ihnen da nicht helfen“, stellte Nadine jetzt erstmals in aller Eindeutigkeit klar. „Tut mir leid. Weder weiß ich, welchen Patienten von damals Sie meinen, noch hätte irgendwelchen Zugang zu den Unterlagen, sodass ich den Namen herausfinden könnte.“

„Das ist bedauerlich.“

„Ja, das mag sein. Aber ich frage mich auch, ob Sie die Ermittlungen nicht der Polizei überlassen sollten. Wieso mischen Sie sich da ein?“

„Das versteht Ihr nicht? Dabei traut Ihr offenbar doch selbst den Hütern der Ordnung nicht, denn andernfalls hättet Ihr Euch doch längst an sie gewandt und sie wären nicht gezwungen, mühsam die Merkmale Eures Wesens mit denen namensgleicher Frauen abzugleichen.“

Nadine schluckte. Eine sanfte Röte überzog ihr Gesicht. Sie rief die Kellnerin herbei, um zu bezahlen. „Ich lade Sie ein“, sagte sie. „Schließlich weiß ich, dass Sie nicht viel Geld haben. Aber jetzt muss ich gehen. Kommen Sie allein klar oder soll ich irgendwen verständigen, der Sie betreut?“

„Mich betreut niemand“, erklärte Branagorn. „Ich bin seit sehr langer Zeit auf mich allein gestellt. Also macht Euch um mich keine Sorgen. Um Euch selbst aber solltet Ihr durchaus besorgt sein. Überlegt Euch daher, ob Ihr Euch nicht doch lieber den Hütern der Ordnung anvertrauen wollt!“

„Auf Wiedersehen, Herr Schmitt.“

Nachdem sie bezahlt hatte, ging sie davon.

Branagorn sah ihr nach.


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