Читать книгу Das Antikrebs-Buch - David Servan-Schreiber - Страница 14
Das Wunder der Zerbrechlichkeit
ОглавлениеIch erinnere mich an eine dieser flüchtigen Begegnungen, die uns ganz unvermutet die Zerbrechlichkeit des Lebens und die wunderbare Verbundenheit zu anderen Sterblichen, zu unseren Mitmenschen, spüren lassen. Es war nur ein kurzes Zusammentreffen auf einem Parkplatz, kurz vor meiner ersten Operation, eine Begegnung, die von außen betrachtet belanglos schien, für mich jedoch wie eine Offenbarung wirkte. Anna und ich waren nach New York gefahren, und ich parkte auf dem Parkplatz des Krankenhauses. Während ich tief die frische Luft einsog und die letzten Minuten der Freiheit vor der Aufnahme, den Tests und dem Operationssaal genoss, fiel mir eine alte Frau auf, die offenbar nach einem Krankenhausaufenthalt auf dem Weg nach Hause war, ganz allein und ohne Hilfe. Beladen mit einer schweren Tasche bewegte sie sich auf Krücken und schaffte es nicht in ihren Wagen. Ich starrte sie an, überrascht, dass man sie einfach ihrem Schicksal überlassen hatte. Sie bemerkte mich, und ich erkannte an ihrem Blick, dass sie keine Hilfe von mir erwartete. Nichts. Schließlich waren wir in New York, da muss jeder selbst sehen, wo er bleibt. Ich fühlte mich von einer überraschenden Kraft zu ihr hingezogen, die von meiner eigenen Lage als Patient herrührte. Es war kein Mitleid, sondern ein instinktives Gefühl der Brüderlichkeit. Ich fühlte mich der Frau nahe, die Hilfe brauchte, aber nicht darum bat, denn wir saßen im selben Boot. Ich hievte ihre Tasche in den Kofferraum, fuhr den Wagen für sie aus der Parklücke, stützte sie beim Einsteigen und Hinsetzen und schloss mit einem Lächeln die Tür. In diesen wenigen Minuten war sie nicht allein gewesen. Ich war froh, dass ich ihr diesen kleinen Dienst hatte erweisen können. Tatsächlich tat sie mir einen Gefallen, weil sie mich genau in dem Moment brauchte und mich so spüren ließ, dass wir als Menschen eine Schicksalsgemeinschaft bilden. Wir machten uns gegenseitig ein Geschenk. Ich sehe immer noch ihre Augen vor mir, in die das Vertrauen zu ihren Mitmenschen zurückgekehrt war; ein Gefühl, dass man dem Leben vertrauen konnte, wenn es ihr – wie gerade eben – im richtigen Augenblick die Hilfe sandte, die sie brauchte. Wir hatten nur ein paar Worte gewechselt, aber ich bin mir sicher, dass sie wie ich dieses Gefühl der Verbundenheit empfand. Die Begegnung wärmte mir das Herz. Wir, die Verletzlichen, konnten einander helfen und lächeln. Ich ging in Frieden zu meiner Operation.