Читать книгу Ruth Gattiker - Denise Schmid - Страница 10

Januar 2016

Оглавление

Ein Jahr ist vergangen seit unserem Essen im Restaurant Chesa in Davos, mehr als ein halbes Jahr ist es her seit dem ersten Interview für das Buch. Längst haben wir mehr als zehn Gespräche geführt. Interessante Monate liegen hinter uns. Zu Beginn kam Ruth oft bei mir an und liess mich spüren, dass ihr die Angelegenheit lästig sei. Es ermüdete sie, über ihre Vergangenheit zu sprechen, aber sie war loyal und tat es trotzdem, und immer wieder fing sie auch Feuer für die Geschichten und Anekdoten aus ihrem Leben. Einmal sprach ich sie auf ihren Widerstand an, sagte, dass sie es rechtzeitig sagen solle, wenn sie aufhören will, nicht erst, wenn ich drei Viertel des Buches geschrieben habe. Sie schaute mich etwas verwundert an und versicherte dann, dass sie sich an die Abmachung halten werde. Sie kann stachelig und widerspenstig sein, streitet auch gerne, vor allem, wenn ich private Fragen stelle, die sie wie lästige Fliegen abwehrt. Sie ist auf der Hut und nicht leicht zu greifen. Sie hat es in der Hand, ihre Informationen zu dosieren. Und so grosszügig und offen sie sein kann, sie macht von ihrem Wissensmonopol gewiss auch Gebrauch. Ich weiss zwar nicht, was ich nicht weiss, aber ich ahne mitunter, dass es Dinge gibt, die ich nicht erfahren soll und vielleicht auch nicht erfahren muss.

Alles in allem ist es eine höchst faszinierende Erfahrung, nicht nur mit Papier, sondern mit einer lebendigen Quelle zu arbeiten, und dazu noch mit einer geistig so regen. Zu sehen, was Ruth im Gedächtnis haften geblieben ist und es mit Dokumenten, die ich in Archiven finde und Material, das sie mir gibt, sowie durch Gespräche mit Verwandten und Weggefährten zu ergänzen. Es gibt viele schöne Momente in unserer Zusammenarbeit. Besonders schön, wenn sie sich aufgrund des Manuskripts, das sie gelesen hat, plötzlich ganz neuer, weiterer Geschichten erinnert. Sie steigen aus dem Gedächtnis auf, lang vergessen. So baut sich der Text über die Zeit auf und zusammen wie ein grosses, verschachteltes Puzzle. Kurz vor Weihnachten 2015 gehen wir Hunderte von Dias auf ihrem Dachboden miteinander durch. Sie hat eine Stehlampe hochgeschleppt und hilft mir suchen. Das erste Mal habe ich den Eindruck, dass sie auch ein wenig Freude an diesem Wühlen in ihrer Vergangenheit hat, auch wenn sie es nicht zugeben würde.

Mit der Zeit entdecke ich neben ihrer grossen Energie aber auch noch andere Seiten, dass sie ein ausgeprägter Morgenmensch ist und abends mitunter etwas misslaunig werden kann. Einmal ruft sie mich am Abend, bevor ich zu ihr kommen soll, an und verkündet resolut, dass sie morgen kaum Zeit für mich haben werde. Man habe ihr vor einigen Tagen das Portemonnaie gestohlen, und sie habe deshalb noch so viel zu erledigen. Eine Stunde höchstens habe sie Zeit für mich, und die Unterlagen, nach denen ich gefragt hätte, habe sie auch noch nicht raussuchen können. Sie klingt gestresst. Als ich am nächsten Vormittag bei ihr auftauche, darauf gefasst, dass ich bald wieder gehen muss, empfängt sie mich freundlich und führt mich in die erste Etage ins Zimmer von Marie Lüscher. Dort auf dem Bett hat sie ihre Schätze ausgebreitet: die Aufzeichnungen zu ihren Reisen seit den 1950er-Jahren und die Tagebücher, die sie ab 1981 geführt hat. Dazu eine Schachtel mit Fotografien und Dokumenten. Ich soll doch einfach alles mitnehmen, meint sie. Ich bin überrascht und überwältigt von diesem unerwarteten, schönen Vertrauensbeweis. Anschliessend sitzen wir in ihrem hellen Wohnzimmer mit dem grossen schwarzen Flügel und reden noch fast drei Stunden. Dann hilft sie mir, das Material im Auto zu verstauen. Sie kann ebenso kantig und abweisend wie grosszügig und warmherzig sein. Ich erlebe beide Seiten, und das tut der Bewunderung für diese eigenwillige Persönlichkeit keinen Abbruch, im Gegenteil. Wäre sie immer nett, freundlich und unverbindlich gewesen, hätte sie eine solche Karriere machen können?

Von ihren über 90 Lebensjahren verbringt die 1923 Geborene die ersten 29 Jahre mit Schule und Studium bis zum Staatsexamen 1952, anschliessend 34 Jahre im Beruf. Und heute, wenn ich dies schreibe, ist sie 30 Jahre pensioniert, wovon sie noch elf Jahre mit einem Zweitstudium in Musikwissenschaften und Philosophie verbracht hat. Ruth Gattikers Leben lässt sich grob in Drittel teilen, ganz unterschiedliche Drittel, die doch alle ineinandergreifen. Die grossen Linien waren von Anbeginn da und sind bis heute in jedem Gespräch mit ihr spürbar: die unstillbare intellektuelle Neugier, der zähe Wille, Wachsamkeit, viel Energie und sehr viel Selbstdisziplin. Und ihre direkte, unverblümte Art, der trockene Humor, Bescheidenheit und ein leidenschaftliches, erzählerisches Talent, das Gespür für eine interessante Geschichte.

Ruth Gattiker

Подняться наверх