Читать книгу Ruth Gattiker - Denise Schmid - Страница 8
Januar 2015
ОглавлениеIch bin in Davos. Gestern habe ich sie angerufen und gefragt, ob sie Lust hätte, mit mir heute zu Mittag zu essen. «Ja, wieso nicht. Ich gehe am Nachmittag eine Bekannte auf dem Wolfgangpass besuchen. Wir können uns vorher treffen. Wo?» «Im Chesa im Hotel Seehof?» «Ja, das ist gut.» «Soll ich sie abholen, Frau Gattiker?» Sie wohnt am Eingang des Dischmatals in der Siedlung Büelen in ihrem früheren Ferienhaus. Ich war einmal dort.
«Nein, nein, das ist überhaupt nicht nötig.» Sie weist das Angebot leicht entrüstet zurück. Das ist etwas, was ich mit der Zeit lernen werde. Sie mag es nicht, wenn man ihr etwas nicht zutraut oder sie wie eine hilfsbedürftige ältere Dame behandelt. Alles, nur das nicht.
Wir treffen gleichzeitig um halb eins vor dem Restaurant ein. Sie beäugt kritisch den Steinboden im Eingangsbereich des Restaurants Chesa. «Ist das Stein? Dann muss ich meine Bergschuhe wegen der Eisen ausziehen.» Sie schnallt ihren kleinen Rucksack ab, packt ein paar leichtere Winterschuhe aus; mit der Hand auf einen Tisch abgestützt, bückt sie sich und wechselt auf einem Bein stehend ihre Schuhe. Nein, nein, sie braucht natürlich keine Hilfe, und die Schuhe mit den Eisen hatte sie nur an, weil sie vom Dischmatal zum Restaurant zu Fuss gegangen ist. Eine gute halbe Stunde. «Ich muss ja jeden Tagen gehen, das ist wichtig», sagt sie.
Ruth Gattiker ist ausserordentlich in vielerlei Hinsicht, mag es aber nicht, wenn man das erwähnt. Beim Mittagessen im Restaurant Chesa schlage ich ihr das erste Mal vor, dass wir zusammen ihre Lebensgeschichte aufschreiben könnten.
«Dumms Züüg, wer würdi das läse?», lautet die spontane erste Reaktion. Ich habe diesen Satz schon einmal gehört. Wir kennen uns, weil ich ein Jahr zuvor ein kurzes Porträt über sie und ihr Leben verfasst habe, nachdem ich sie bei einem Abendessen an der Universität kennengelernt hatte. Ihre burschikose, resolute Art und wie sie aus ihrem Leben erzählte, interessierten mich sofort.
Ruth Gattiker gehört zusammen mit anderen zu den Pionieren der Entwicklung der Herzchirurgie in den 1950er- und 1960er-Jahren. Aufgewachsen in einer Mittelstandsfamilie in Zürich Oerlikon mit Eltern, die sich für ihre beiden Töchter ein Leben als Hausfrau und Mutter vorstellten, war ihr Weg alles andere als vorgezeichnet. Gattiker ist als Kind ein widerspenstiger Rotschopf, der sich nicht davor scheut, mit dem autoritären Vater zu streiten. Sie träumt schon als Teenager von einem akademischen Beruf, möchte keine Kinder und unabhängig sein. Über Umwege – wie das dreimalige Ablegen der Matura, bis sie endlich Medizin studieren darf – wird sie Ärztin und spezialisiert sich auf Anästhesie. Als der renommierte Herzchirurg Åke Senning 1961 nach Zürich geholt wird, gibt das ihrem Weg eine neue Wende. 1963 verbringt sie ein Jahr an der Mayo-Klinik in den USA und macht danach mit ihrem VW Käfer für zwei Monate eine Tour zu den wichtigsten Herzkliniken. 1964 ist sie bei der ersten Nierentransplantation in Zürich mit dabei, 1969 bei der ersten Herztransplantation. Da steht längst fest, dass sie eine akademische Karriere einschlagen will. Ihre Habilitationsschrift erscheint 1971 und ist über viele Jahre das Standardwerk zum Thema Herzanästhesie im deutschsprachigen Raum. 1976 wird sie zur Titularprofessorin ernannt und 1986 pensioniert. Und obwohl sie in ihrem beruflichen Umfeld als Fräulein galt, das vorwiegend für seinen Beruf lebt, hatte Gattiker ein vielseitiges, schönes Privatleben.
Ich möchte dieses Buch über sie und mit ihr schreiben. Es scheint mir erzählenswert, dieses aussergewöhnliche, selbstbestimmte Leben. Kann ich sie davon überzeugen? Sie ist etwas misstrauisch, aber ganz abgeneigt wirkt sie nicht. Das hätten schon viele Leute gesagt, dass sie ihr Leben aufschreiben solle, aber sie wisse nicht recht. Die wachsamen, braunen Augen in dem schmalen Gesicht schauen mich prüfend an. Selbst schreiben will sie es nicht. Ich biete ihr an, Gespräche mit ihr zu führen. Sie schweigt und denkt nach. Ich dränge sie nicht. Wir lassen das Thema ruhen und gehen zu anderem über.
Als sie um zwei Uhr den Bus Richtung Wolfgang nimmt, kann ich noch nicht einschätzen, wie es weitergehen wird. Ich habe vorläufig auch gar keine Zeit für dieses Projekt, nur Lust darauf. Als der Bus weg ist, fällt mir ein Satz ein, den sie gegen Ende unseres Treffens gesagt hat: «Wissen Sie, ich will nicht sterben, ich lebe so gerne.» Rührt daher diese gewisse Scheu? – Sich auf ein Buch einzulassen, das eine letzte Seite haben wird?