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Die zweite Herztransplantation
ОглавлениеEtwas mehr als eine Woche vor Hofmanns Tod hat Åke Senning am 7. Juli 1969 einem zweiten Patienten ein Herz eingepflanzt. Ruth Gattiker ist beim zweiten Mal nicht mit dabei. Auch diesmal bleiben die Namen von Spender und Empfänger nicht lange im Dunkeln, trotz «strenger Geheimhaltung im Kantonsspital», wie der Blick drei Tage darauf am 10. Juli schreibt. Genützt hat es wenig. Die Boulevardzeitung berichtet, dass sich der 46 Jahre alte Bauer Franz Büeler durch das viele Arbeiten von fünf Uhr früh bis spät in die Nacht für seine fünf Kinder die Gesundheit ruiniert habe und deshalb ein neues Herz brauche.15 Eine Fotografie zeigt den aufopferungsvollen Vater. Am 11. Juli berichtet der Blick über den Vespa-Unfall des Herzspenders Anton Imhof, eines 33-jährigen Landwirts, der «nur wenige 100 Meter vom Heimetli des Herzempfängers entfernt in Muotathal verunglückte». Doch man scheint aus dem ersten Fall etwas gelernt zu haben. «Nach langem inneren Kampf gaben die Eltern Imhof ihre Einwilligung», dramatisiert der Blick den Umstand, dass man diesmal das Einverständnis zur Herzverpflanzung bei den Angehörigen eingeholt hat.
Auch Büeler geht es nach der Operation gut, und zwar so gut, dass ihn die Ärzte nach Hause entlassen, nicht zuletzt, weil sein Vorgänger ja schwere Pilzinfektionen im Spital eingefangen hat. Das will man nun verhindern. Bei einer Kontrolle nach drei Monaten ist das EKG nicht in Ordnung, und die Internisten deuten es wieder als Zeichen für die Abstossung. Ruth Gattiker berichtet: «Sie haben ihn daraufhin aber trotzdem wieder heimgelassen, und eines morgens lag er tot im Bett. Die Frau rief uns an und sagte, es mache nichts, denn seine letzten drei Monate seien so schön gewesen. Er habe wieder alles machen können, sei Traktor gefahren, habe die Kühe gemelkt und sei glücklich gewesen, und jetzt sei er friedlich in der Nacht gestorben. Es sei gut so, er habe ein schönes Ende gehabt. Für Senning war der Fall danach klar. Er hat gesagt, er transplantiere keine Herzen mehr. Der Ball liege jetzt bei den Immunologen. Die müssten etwas entwickeln, das die Abstossung verhindere. Letztlich waren beide Operationen Experimente am lebenden Objekt oder, besser gesagt, am todgeweihten Objekt, denn beide Patienten hatten keine Prognose mehr.»
Ruth Gattiker drückt damit deutlich aus, worüber man im Nachgang der beiden ersten Transplantationen lieber nicht mehr sprechen möchte. Im Herbst 1969 findet ein Symposium zum Thema Transplantationen der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften statt. Der Chirurg und Spezialist für Nierentransplantationen Prof. Felix Largiadèr sagt, dass das Thema Herztransplantationen am Symposium nicht thematisiert werden durfte. Dabei wäre es in seinen Augen der Moment gewesen, um wissenschaftlich darüber zu diskutieren. Aber offenbar wollte man nicht über Misserfolge sprechen.16 Diese «Schwamm drüber»-Mentalität deckt sich mit der Beobachtung, dass auch im Jahresbericht 1969 des Kantonsspitals die Herztransplantationen kaum erwähnt werden. Im Bericht der Chirurgischen Klinik A werden zwar zwei Herztransplantationen und acht Nierentransplantationen aufgezählt, aber nur mit dem Vermerk, dass es weniger Nierentransplantationen als sonst waren wegen fehlender Spender. Im Bericht kommt das Thema Nierentransplantationen zur Sprache, zu den Herztransplantationen kein Wort.
Anfang der 1980er-Jahre kommt mit Cyclosporin ein Medikament zur Kontrolle der Abstossungsreaktion auf den Markt. Danach werden Herztransplantationen sicherer; die Zahl nimmt stetig zu und pendelt sich ab Anfang der 1990er-Jahre bei jährlich weltweit 4000 bis 4500 Herztransplantationen ein. 2013 wurden 4477 Herzen verpflanzt. Die durchschnittliche Überlebenszeit liegt heute bei elf Jahren.17 In der Schweiz wurden in den vergangenen Jahren durchschnittlich 30 Herzen pro Jahr transplantiert. Das Scheinwerferlicht der Medien ziehen diese Operationen längst nicht mehr an. Und faktische Probleme wie der Umstand, dass es zu wenige Spenderherzen gibt, haben nicht das Potenzial, die Fantasie von Journalisten und Publikum anzuregen.