Читать книгу Die Philosophie von Thomas von Aquin - Dr. Eugen Rolfes - Страница 6
Оглавление§ 2. Aufgabe der Philosophie.
„Die Wahrheit betrachtet mein Gaumen, und meine Lippen verabscheuen den Frevel", Sprüche Salomons 8, 7. Die Gewohnheit der Menge, der man nach dem Urteil des Philosophen Topik 2, 1 Ende folgen soll, hat allgemein dazu geführt, dass man solche als Weise bezeichnet, die die Dinge richtig ordnen und sie gut zu leiten wissen. Daher wird unter anderem, was sich die Leute unter einem Weisen denken, von dem Philosophen angeführt, dass es dem Weisen eigen ist zu ordnen 2 ).
Bei allem aber, was zu einem Ziele hin geordnet ist, muss man die Regel für seine Leitung und Ordnung aus eben diesem Ziele entnehmen. Denn jedes Ding wird dann auf das Beste eingerichtet, wenn es in angemessener Weise zu seinem Ziele hin geordnet wird. Denn das Ziel ist das Gut jedes Dinges. Daher sehen wir bei den Künsten, wie jeweilig diejenige die leitende und gleichsam herrschende gegenüber einer anderen ist, die für das Ziel dieser letzteren zuständig ist. So herrscht z. B. die Heilkunst über die Kunst der Salben- und Säftebereitung und bringt Ordnung in sie, weil die Gesundheit, mit der es die Heilkunst zu tun hat, das Ziel und der Endzweck aller Salben ist, die durch die Salbenkunst bereitet werden. Und gleiches zeigt sich in der Steuermannskunst gegenüber der Schiffsbaukunst und in der Kriegskunst gegenüber der Herstellung des Reitzeuges und sonstigen Kriegsbedarfs. Und diese Künste, die über die anderen herrschen, werden (Nik. Ethik, i, i. 1094 a 14) architektonische, gleichsam herrschende und führende Künste genannt, weshalb auch die Meister in ihnen, die als Architekten bezeichnet werden, mit Recht den Namen Weise erhalten.
Weil aber die vorgenannten Meister, die an den Zielen bestimmter Einzeldinge schaffen, mit dem gemeinsamen Ziele aller Dinge nichts zu tun haben, so heißen sie zwar Weise in der und der Sache, in welchem Sinne gesagt wird: „Als ein weiser Baumeister habe ich den Grund gelegt", 1. Kor. 3, 10, aber der Name eines Weisen schlechthin ist dem allein vorbehalten, dessen Betrachtung sich um das Ziel des Universums bewegt, ein Ziel, das auch Prinzip des Alis der Dinge ist. Daher ist es nach dem Philosophen Metaphys. I (2. 982 b 9 f., Thom. lect. 2 fin.) der unterscheidende Vorzug des Weisen, dass er die höchsten Ursachen erforscht und betrachtet.
Letztes Ziel jedes Dinges ist nun aber dasjenige, das von seinem ersten Urheber oder Beweger verfolgt wird. Der erste Urheber und Beweger des Universums ist aber der Verstand, wie weiter unten (Cont Gent. 2, 23 f.) gezeigt werden soll. Mithin muss das letzte Ziel des Universums das Gut des Verstandes sein (der alles um seinetwillen gemacht hat); dieses Ziel aber ist die Wahrheit. Die Wahrheit muss daher das letzte Ziel des ganzen Universums bilden und auf ihre Betrachtung das Hauptabsehen der Weisheit gerichtet sein. Und deshalb bezeugt die göttliche, im Fleische erschienene Weisheit, dass sie zur Offenbarung der Wahrheit in die Welt gekommen sei, indem sie spricht: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe", Joh. 18, 37.
Aber auch die erste Philosophie (die Metaphysik) ist nach dem Ausspruch des Philosophen Metaphys. 2 (1. 993 b 20; Thom., lect. 2, init.) die Wissenschaft der Wahrheit, nicht jeder, sondern derjenigen Wahrheit, die der Ursprung aller Wahrheit ist, die nämlich dem ersten Prinzip alles Seins zukommt, weshalb auch seine Wahrheit der Grund aller Wahrheit ist, Metaphys. 2 (1, Ende; Thom. lect. 2). Denn die Stellung der Dinge in der Wahrheit ist dieselbe wie ihre Stellung im Sein.
Es fällt aber immer einem und demselben die Aufgabe zu, das eine von zwei konträren Dingen zu verfolgen und das andere abzuweisen, wie die Heilkunst die Gesundheit bewirkt, aber die Krankheit fern hält. Wie es deshalb dem Weisen obliegt, die Wahrheit besonders über das erste Prinzip zu betrachten und auch anderes zu erörtern, so liegt es ihm gleichfalls ob, die entgegenstehende Falschheit zu bekämpfen. Darum ist es angemessen, wenn in den Worten des Vorspruchs durch den Mund der Weisheit eine doppelte Aufgabe des Weisen angezeigt wird, einmal die, die göttliche Wahrheit, die antonomastisch die Wahrheit ist, zu betrachten und die betrachtete vorzutragen, was sie berührt, wenn sie sagt: „Die Wahrheit betrachtet mein Gaumen", und dann die, den Irrtum wider die Wahrheit zu bekämpfen, was sie berührt, wenn sie sagt: „und meine Lippen verabscheuen den Frevel" (das Unfromme, impium), womit die Falschheit wider die göttliche Wahrheit bezeichnet wird, die der Gottesfurcht (Religion) zuwiderläuft, die auch Frömmigkeit genannt wird, weshalb auch die ihr entgegengesetzte Falschheit den Namen Frevel erhält. Cont. Gent., erstes einführendes Kapitel.