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Ludwig Bieberbach, Mathematiker auf Abwegen

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Im Mai oder Juni 1933 klagte Ernst Kantorowicz seinem Freund und Kollegen Percy Ernst Schramm sein Leid: »Als Mineraloge wäre es einfacher, da der Dodekaeder Dodekaeder bleibt und unter keinem Regime einem Oktogon gleichzuschalten wäre.«59 Erst recht für den Mathematiker, in dessen Kompetenz der Dodekaeder ja ursprünglich fiel, musste das gelten. Doch Kantorowicz irrte. 1933 war ein Jahr, in dem auch die scheinbar unumstößlichen Gewissheiten fielen. Das zeigt der Fall des Berliner Mathematikers Ludwig Bieberbach (1886–1982).

Bieberbach wurde 1921 nach Berlin berufen und sein Nachfolger in Frankfurt sah sich tatsächlich einmal mit unlösbaren Fragen zum Dodekaeder konfrontiert. Doch das berührte Bieberbachs Forschungen nicht. Mit Arbeiten zur Funktionentheorie und Topologie, zu algebraischer, Differenzial- und Elementargeometrie wie auch zur angewandten Mathematik, mit Lehrbüchern und Beiträgen machte er sich national und international einen Namen.60 Die von ihm aufgestellte bieberbachsche Vermutung (die zu erklären hier nicht versucht werden soll) hatte lange Bestand und wurde 1984 bewiesen. Ehrenvolle Mitgliedschaften unterstrichen seinen Rang.

Das alles bewahrte ihn jedoch nicht vor einer folgenreichen Entscheidung: der Entscheidung, seine Wissenschaft in den Dienst des nationalsozialistischen Staates zu stellen. Er tat das auf zweierlei Weise, sowohl wissenschaftlichtheoretisch als auch praktisch-hochschulpolitisch. Mehrfach legte er offen, worauf es ihm ankam: auf eine Abgrenzung verschiedener »Stilarten mathematischen Schaffens« anhand rassischer Kriterien. Er berief sich dabei auf die Typenlehre des dezidiert anticartesianischen Marburger Psychologen Erich Rudolf Jaensch, fügte ihnen Begriffe aus der Rassenkunde eines Hans F. K. Günther (»Rassen-Günther«) hinzu und kam schließlich zu folgendem Ergebnis: Grundsätzlich müsse man zwischen »S-Typus« (»Strahltypus«) und »I-Typus« (»Integrationstypus«) unterscheiden. Der eine werte »in den Dingen nur das […], was der Verstand in sie hineinlegt oder was kühle Berechnung mit ihnen anfangen kann«. Der andere sei »mit der Wirklichkeit und in sich integriert« und fühle sich mit ihr »als ein Ganzes« und zu ihr »offen«; »mit allen Sinnen, […] mit Anschauung und Denken« versuche er, »möglichst viel von der Wirklichkeit zu erfassen«. Natürlich gebe es Übergänge und Neigungen in die jeweils andere Richtung. Typus und Individuum seien zu unterscheiden. Aber der »I-Typus« bevorzuge die Intuition in der Mathematik, während der »S-Typus« ein strikt formales Vorgehen praktiziere.61

Da aber – ebenso grundsätzlich – »all unser Tun und Denken […] in Blut und Rasse« wurzele und von ihnen seine Eigenart empfange, liege es nahe, die »Stilarten mathematischen Schaffens« als rassisch bedingt zu begreifen. Das »Jonglieren mit Begriffen«, Hypothesen und Abstraktionen finde man bei französischen und jüdischen Denkern, Vertretern des »lebensfeindlichen, unorganischen S-Typus«. Der deutsche Geist dagegen sei »zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt«, an Erfahrung der Wirklichkeit und konkreter Anschauung orientiert. Der »nordisch-fälische« Carl Friedrich Gauß habe anders gedacht als der »ostisch-dinarische« Leonhard Euler oder gar der »orientalische« Carl Gustav Jacob Jacobi. Gauß widmete Bieberbach eine exemplarische Biographie, Euler warf er »ein kindliches Einssein mit den Dingen«, Jacobi ein »Durchsetzenwollen des Menschen und seines Willens gegenüber den Gegebenheiten« vor. Grundlagendebatten um Intuitionismus und Formalismus, wie sie seinerzeit von den Mathematikern geführt wurden,62 waren für Bieberbach »in erster Linie […] ein Rassenstreit«. Daher komme es nur darauf an, die Deutsche Mathematik als Ausdruck Deutscher Art (beides von Bieberbach konsequent großgeschrieben) zu bewahren und fremden Einflüssen zu wehren, also eine Art mathematischer »Aufnordung« zu betreiben. Ausdrücklich begrüßte er es, dass ein bedeutender jüdischer Mathematiker, Edmund Landau in Göttingen, von der Studentenschaft »mannhaft« boykottiert wurde. Denn dessen »Stil« zeige »deutliche Merkmale des S-Typus«, sei also »deutschem Empfinden unerträglich«.


Ludwig Bieberbach (1886–1982).

Bieberbachs abstrusen Behauptungen wurde im In- und Ausland laut und vernehmlich widersprochen. Der dänische Mathematiker Harald Bohr machte sich über die »Neue Mathematik in Deutschland« lustig, nannte sie einen »grobkörnigen Scherz«. Bieberbach replizierte scharf und grenzte sich von den »ewig Gestrigen« ab, die das »neue Deutschland« verleumden. Gleichzeitig machte er deutlich, dass er alle ihm zur Verfügung stehenden Machtmittel einzusetzen gewillt war. Die Deutsche Mathematiker-Vereinigung geriet dadurch in eine Krise.63 Bieberbach verbündete sich mit seinem Berliner Kollegen Theodor Vahlen und gründete mit ihm zusammen eine eigene Zeitschrift, die schon durch ihren Titel mit den übernationalen Traditionen des Fachs brach: »Deutsche Mathematik«. Es war nicht alles Unsinn oder rassistisch, was dort publiziert wurde. Nach 1945 glaubte man sogar, einen Teil der Artikel nachdrucken, andere ausblenden zu können.64 Das Ergebnis war kurios. Denn die Zeitschrift insgesamt repräsentierte eine fachliche Richtung, die sich dem Nationalsozialismus andiente: Ihr Ziel sei es, die »gesamte mathematische Arbeit deutscher Volksgenossen« zu dokumentieren und auf diese Weise der »deutschen Art in der Mathematik« zu dienen.65 Vor allem die ersten Bände wurden deshalb unter die entsprechenden Mottos gestellt: für Volk, Kampf und Nation, gegen Fremdworte und eine allzu logische Form. Wie der Heidelberger Nobelpreisträger Philipp Lenard unbeirrt für eine »anschauliche« Deutsche Physik eintrat und Albert Einsteins »jüdische« Theorie zum Teufel wünschte, so hatten sich Vahlen und Bieberbach in den Kopf gesetzt, eine artgerechte Deutsche Mathematik zu etablieren.

Die beiden Herausgeber der Zeitschrift gaben sich allerdings nicht damit zufrieden, nur publizistisch zu agieren, sondern drängten darauf, ihre Ziele auch personalpolitisch durchzusetzen, also das »deutsche Volkstum« in der universitären Mathematik zu stärken und »fremdes« von ihr zu entfernen. Vahlen tat das als »Alter Kämpfer« und erster Gauleiter der NSDAP in Pommern, der zwischenzeitlich ins Ausland gehen musste, 1933 triumphal zurückkehrte und jetzt als Leiter der Hochschulabteilung im Preußischen Kultusministerium die Strippen ziehen konnte. So sorgte er etwa für die Entlassung von Bieberbachs Nachfolger in Frankfurt, nicht weil der die Fragen zum Dodekaeder nicht hatte beantworten können, sondern als Jude und weil er einmal eine von Vahlens Publikationen schlecht rezensiert hatte.66

Bieberbach beschränkte sich auf die Friedrich-Wilhelms-Universität, machte aber als Prorektor, als Klassensekretär der Preußischen Akademie der Wissenschaften sowie als Dekan zunächst in der Philosophischen, dann der neu gegründeten Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät seinen Einfluss geltend. Seinen jüdischen Kollegen Issai Schur denunzierte er bei der Akademie, Habilitationen wusste er zu verhindern, einen missliebigen Kritiker durch einen Nationalsozialisten zu ersetzen; ehemalige Sozialdemokraten oder Mitglieder einer Loge zeigte er an.67 Bieberbach gab sich »alle Mühe, mit der Erbschaft aus der Vergangenheit gründlich aufzuräumen«, und wurde deshalb von seinen Kollegen als »einer der eifrigsten Wegbereiter des Nationalsozialismus«, seine Vorgehensweise als »recht unerfreulich« betrachtet.68 Dass ihm dabei auch ein Privatdozent mit Namen Carl Erdmann in die Quere kam, wird er als Marginalie bei der Erledigung seines selbst gestellten Auftrags angesehen haben.

Was brachte einen renommierten und erfolgreichen Mathematiker dazu, so bedingungslos gegen andere Vertreter seines Fachs und gegen weitere Mitglieder der Universität vorzugehen? Was trieb Bieberbach an, sich das Amt eines »Großinquisitors« anzumaßen?69 Die Unterscheidung verschiedener »Stilarten mathematischen Schaffens« hatte Bieberbach schon 1926 in einem (unpublizierten) Vortrag zum Ausdruck gebracht und antisemitische Ressentiments waren in der deutschen Universität endemisch verbreitet, ohne dass man sich deswegen mit den jüdischen Kollegen überwarf. Bieberbach galt damals als gemäßigt linksstehend, als loyaler Diener der Republik. Manche hielten ihn für einen Juden.70 Erst nach 1933 verband er das eine mit dem anderen und wurde zum »Exponenten des Nazi-Regimes in der Mathematik«.71 Denn davon versprach er sich etwas, ohne allzu viel von sich preisgeben zu müssen. Albert Einstein hielt ihn für selbstgefällig und eitel,72 und dass er ehrgeizig war, geht aus seinem Verhalten hervor. Wahrscheinlich wollte er eine noch bedeutendere Stellung in seinem Fach gewinnen, sozusagen vom Professor zum Oberprofessor avancieren. Der »neue Staat« bot ihm die Möglichkeit dazu. Dass er sich dafür auf wissenschaftliche Abwege begab, wollte er nie ganz einsehen. Noch in hohem Alter hielt er an seiner Beschreibung der mathematischen »Stilarten« fest. Das Unrecht, an dem er mitschuldig geworden war, bereute er jedoch zutiefst.73

Der Untergang des »Dritten Reichs« setzte auch Bieberbachs Ehrgeiz ein Ende. Das letzte Heft der Deutschen Mathematik war im Juni 1944 erschienen. Vahlen setzte sich nach Prag ab und starb dort 76-jährig »in der Gefangenschaft«.74 Bieberbach wurde sofort nach Kriegsende fristlos entlassen. Seinen Sturz überlebte er um 37 Jahre.

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