Читать книгу DIE LSD-KRIEGE - Gerald Roman Radler - Страница 6
AUFERSTEHUNG
ОглавлениеDas nächste, woran ich mich erinnere, sind fremde Stimmen, auf die eine bekannte Stimme in mein wiedererlangtes Bewusstsein schneidet. Es ist die Stimme meiner Mutter, die schrill und unnatürlich mein Traumgespinst zerreißt. Sie stellt tausend Fragen. Es fällt mir schwer, ihrem Ansturm gerecht zu werden. Um sie herum stehen mir völlig unbekannte Personen. Eine davon ist eine Bäuerin mit einem Kopftuch. Sie ist die einzige, die lacht und mir einen kräftigen Arm reicht und mich unter der Kuh hervorzieht, was meine Ordnung zerstört. Meine bleiche Freundin dürfte das wissen. Meine Mutter kreischt Worte wie »tottrampeln« und Sätze wie »mit dem Schweif die Augen auspeitschen«, die mich beängstigen und amüsieren zugleich. Aber ich habe noch lange nicht mein normales Bewusstsein erlangt.
Meine Mutter regt sich über irgendetwas fürchterlich auf. Ich bin verwirrt, bis ich begreife, dass der Grund ihres Ärgers ich selbst sein soll. Mein Vater verhält sich ruhig, daher erkenne ich ihn erst jetzt. Er sieht mich eigenartig an.
Die Mutter legt eine Hand auf meine Stirn.
»Er hat Fieber«, sagt sie.
»Das Stroh wärmt«, sagt die Bäuerin. Sie steht mir näher, als alle anderen.
»Er muss ins Spital, er ist krank«, sagt meine Mutter.
»Er ist noch ganz verdattert, er hat tief geschlafen«, sagt die Bäuerin.
»Wo hast du dich versteckt? Wie kommst du her?« fragt meine Mutter vorwurfsvoll und unpassend.
Ich kann mich nicht erinnern, aber ich sehe in meinem Geist die Füße mit den Turnschuhen laufen und schüttle den Kopf. Ich kann denken, aber nicht sprechen.
»Er wird hier gespielt haben, müde geworden sein und sich unter die Kuh zum Schlafen gelegt haben«, sagt die Bäuerin.
Sie weiß etwas. Ihre Augen sind schwarz, wie Beeren und können lachen, während ihr Gesicht unbewegt bleibt.
»Wir haben ihn in Judenstein verloren und sind nach Stunden ergebnisloser Suche hierher zurückgefahren, um den Verlust bei der Gendarmerie zu melden«, erklärt mein Vater die Situation.
»Wahrscheinlich nahm ihn jemand mit dem Auto mit, nachdem er sich verlaufen hat.
»Das war sehr klug von dir. Sie haben einen gescheiten Buben«, lobt mich die Bäuerin und ihr Mann, der tatenlos neben ihr, auf eine Mistgabel gestützt, steht, nickt eifrig.
Meine Mutter ist an der richtigen Stelle getroffen. Sie wird arglos und der Stolz lässt sie größer erscheinen. Ihre Stimme wird versöhnlich.
»Was ist dir da durch den Kopf gegangen?« fragt sie und stemmt die Hände in die Hüften.
»Der Kopf gehört nur ihm«, sagt die Bäuerin lachend, »und wer oder was durch den Kopf gegangen ist, das weiß niemand, außer der Bub!« Obwohl ich nicht fassen kann, was hier vor sich geht, spricht die Bäuerin die einzige Sprache, die ich momentan verstehe …
Als die Bauern mich spät abends in ihrem Stall gefunden hatten, waren sie sofort zur Pension, in der wir wohnten, gegangen, zumal sie höchstens fünfzehn Gehminuten entfernt war.
Touristen waren gering vertreten in Axams und eine Familie, die in der Nähe einquartiert war, entging den Augen der Einheimischen nicht. Nachdem die Familie wieder vereint war und den Bauern gebührlich gedankt wurde, gingen wir nach Hause zur Vermieterin. Ich war angeschlagen und taumelte, was mein Vater aber auf Schlaftrunkenheit zurückführte. Mir war zu diesem Zeitpunkt der Hergang der Ereignisse, bis auf den Höhepunkt der Vergiftung völlig klar. Dieser Umstand milderte meine Furcht und meine Verwirrung. Eigentlich fühlte ich mich rundum wohl. An diesem Abend fiel ich, trotz einer inneren Erregung, bald wie ein Stein in mein weiches, weißes, fremdes Bett und schlief bis in den nächsten Vormittag hinein. Ich wurde anderntags ausgiebig interviewt, wie es mir gelungen war, mich vor den Eltern zu verstecken und wen ich angesprochen hatte, der mich mit dem Auto zurückgebracht hatte. Doch auch nach vielen weiteren Fragen, sollte mein Verbleib ungeklärt bleiben. Die von der Bäuerin vorgesetzte Version wurde insgeheim akzeptiert.
An die laufenden Schuhe und an das Erwachen unter der Kuh konnte ich mich später deutlich erinnern, obwohl ich zum Zeitpunkt des tatsächlichen Ereignisses, nur eine partielle Bewusstheit besessen hatte. Ich verschwieg den halben Fliegenpilz und war im Unklaren über meine Abenteuer, die nach dem Betrachten des letzten Steinmarterls begonnen hatten. Ich musste bizarre Eindrücke gehabt haben, denn manchmal tauchte ein seltsames Gefühl auf, dass ich mit dem Wald in Judenstein in Verbindung brachte. Völlig unklar blieb meinen Eltern das Bewältigen der Distanz von über zwanzig Kilometern. Wie konnte ein schüchternes Stadtkind so energisch auftreten, sich verlaufen, eine Entscheidung fällen, ein Auto aufhalten und den Ort, wohin es wollte, nennen.
Ich allein wusste, dass ich gelaufen war. Doch ich sagte nichts, denn meine Erinnerung wies Lücken auf. Schon in den folgenden Nächten beschäftigte ich mich im Schlaf mit der Zeit der Halbbewusstheit.
Im Traum beschloss ich, von einer Asphaltstraße weg, in den Wald zu gehen. An der Stelle, wo ich den Wald betreten wollte, standen ein paar bunte Turnschuhe, die ich sofort als »meine Schuhe« identifizieren konnte. Ich freute mich dann durch einen so ungewöhnlichen Zufall, meine Schuhe zu finden. Manchmal zog ich sie an, bevor ich mich in den Wald aufmachte. Oft träumte ich nur von den »Tappenden Füßen«, die am Rand einer Landstraße liefen. Ich sah den Rest meines Körpers nicht, doch ich wusste, dass hier vertraute, kleine Füße in bunten Turnschuhen entlang der Landstraße liefen.
Ich vermutete, dass ich während meiner Bewusstseinsstörung instinktiv zur Straße fand und die lang gezogenen Serpentinen dann hinunterlief, da wir sie mit dem Auto hinaufgefahren sind. Möglich ist, reimte ich mir aus der Erinnerung und den Träumen zusammen, dass ich die ganze Strecke bis nach Axams, gelaufen bin. Ich war trotz oftmaliger Bronchitis und allergischem Asthma ein schneller Läufer, der im Sprint auch den Besten seines Alters leicht davonlief. Fraglich ist aber, wieso die Eltern mich überhaupt aus den Augen verloren.
Merkwürdig ist, dass sie zum Gasthof gingen, ihre bestellte Mahlzeit zu sich nahmen und offensichtlich auf mein Nachkommen warteten. Noch Verwunderlicher ist, dass sie nicht im Wald weitergesucht haben, sondern zur Pension zurückgefahren sind, obwohl sie wussten, dass bald die Nacht hereinbrechen würde und von diesem Zeitpunkt an die Chancen, mich zu finden, schlecht stünden. Ich bekam auch weder von meinem Vater, noch von meiner Mutter eine klare Antwort über die tatsächlichen Ereignisse. Ich wartete vergeblich auf ihre Interpretation der chronologischen Abläufe bis zu meiner Aufspürung im Kuhstall. Vorwürfe und Angriffe waren die Resonanz auf meine Anfragen. Mein Bruder behauptete, sich nicht dieses Vorfalles in Judenstein entsinnen zu können. Ich versuchte ihm später mit einer genauen Schilderung, seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Doch entweder hatte er das Erlebnis wirklich vergessen, weil es für ihn kaum eine Bedeutung hatte, oder er wollte mir keine Auskunft geben. Ich hatte den Eindruck, meine Eltern und mein Bruder schwiegen das Erlebnis in Judenstein absichtlich tot, obwohl ich den Grund für ihr Verhalten nie verstanden habe.
Es folgten in den Tiroler Urlaubstagen noch viele Ausflüge, bei denen die Eltern das schöne Wetter ausnutzen wollten und Johnny und ich um unser Gartenidyll bangten. Schon vor dem Frühstück drehten wir eine Runde im taufeuchten Gras und schielten nach den Schaukeln. Doch wir durften uns vor dem Essen nicht auf die gekerbten Bretter setzen, um in immer höheren Schwüngen zu schwelgen. Ich erwähnte die Fahrt nach Judenstein nicht mehr und widmete mich kurzweiligen Betätigungen, auch wenn ich besonders in der Dämmerung ins Grübeln kam.
Es gab nämlich noch ein Vergnügen, das wir bis zur Neige auskosteten. Wir benutzten ein blaues Kinderrad mit kleinen Ballonreifen, sobald es verlassen am bemoosten Holzzaun lehnte, der den Beginn des nächsten Anwesens anzeigte. Mehrmals am Tag spähten wir zum Gatter, ob die Nachbarskinder das Rad bereits achtlos weggelegt hatten, dann gehörte es uns. Wir lenkten den Trittroller vom Ende der langen Wiese hinter dem Haus die Böschung hinab zur Straße, um uns dann mit rauchenden Reifen einzuschleifen. Mit dem Fuß drückte man eine Gummirolle nieder, die auf den Hinterreifen wippte und durch den direkt ausgeübten Druck die Fahrt verzögerte. Wir ahnten nicht, wie gefährlich unser Unterfangen war. Eines der zahlreichen Kinder des Nachbarn unserer Unterkunftsgeber fand ein frühes Ende aufgrund dieses Vergnügens.
Es bremste zu spät, oder konnte nicht genügend Kraft auf den Ballonreifen übertragen. Es kam zu einem tödlichen Unfall. Der Bub rollte einfach auf die Straße, kurz bevor ein Tankwagen mit überhöhter Geschwindigkeit in Richtung Brenner raste und ihn regelrecht zerquetschte. Mit unserem geliebten Zeitvertreib war es danach ein für alle Mal vorbei.
Das Ende unseres Urlaubs kam den Eltern zu Hilfe. Während der Abfahrt, winkten wir lachend mit unseren Stofftaschentüchern der Martinswand im Vorbeifahren. Ich aber spürte unter der Maske der Fröhlichkeit einen furchtbaren Abschiedsschmerz.
Die Martinswand gehörte zur Nordkette und man konnte deutlich eine halbmondförmige Höhle erkennen, an der ein österreichischer Kaiser beim Aufstieg scheiterte. Er erreichte die Höhle, indem er sich auf einen Überhang schwang. Doch von dort aus konnte er nicht weiterklettern und auch nicht mehr absteigen. Mit dem Fernglas beobachtete ich mit morbider Faszination die schicksalhafte Höhle. Ich stellte mir die Not des Kaisers vor und wandte mich mit Schaudern ab. Die wuchtige Martinswand beeindruckte mich während unserer Aufenthalte in Tirol besonders. Einmal wanderten wir unter einem schwarz verhangenen Himmel über eine breite Wiese, auf der zahlreiche Starkstrommasten standen. Ihre Metallgerüste ragten in die Gewitterwolken hinauf.
Vor uns befand sich die Martinswand. Ich schlug vor, in das Loch des Kaisers aufzusteigen. Mein Vater lachte nur. Nach zwei Stunden Gehzeit lag die Höhle greifbar nahe. Sie schien ums Dreifache angewachsen und ich konnte das Holzkreuz in ihrem Inneren deutlich erkennen. Bevor es zu regnen anfing und wir umkehrten, sah ich mit Unbehagen, dass uns nicht nur ein langer Marsch, sondern eine tiefe Schlucht und unüberwindbare zerklüftete, steile Felsen von der Höhle trennten.
In Wien bereitete ich mich nach dem letzten der zahlreichen Urlaube in Tirol auf die erste Klasse des Gymnasiums vor. Jeder meiner Schritte wurde ständig überwacht. Meine Eltern kontrollierten unaufhörlich, ob ich ihre strengen Gebote einhielt. Ich konnte nie über mich bestimmen. Die Eltern setzten ihre Ideen stets durch. Für sie ging es vielleicht um eigentlich unwichtige Dinge, die für mich aber die Welt bedeuteten. Sie zeichnete ein lineares Verhalten aus. Sie waren Egoisten und mir blieb keine andere Wahl, als alles hinzunehmen und daran zu ersticken.
In meiner damaligen Lage gab es keine andere Möglichkeit mich zu behaupten, als das, was ich fürchtete, vehement anzustreben. Bevor ich einschlief, stellte ich mir oft vor, was ich tun würde, wenn ich versagte und keine gute Benotung mehr erhalten würde. Das Schreckgespenst der geächteten Schüler, die repetierten und in der Eselsbank saßen, geisterte durch meine Albträume.
Die schlimmste Zeit begann, als ich mit der ersten Klasse des Gymnasiums begann. Da brach auch bald meine asthmatische Beklemmung mit voller Wucht aus. Dass meine Eltern die wahre Ursache nicht begriffen, verstand ich nicht. Sie dachten, ich wäre auf Pelztiere allergisch. Zum Teil stimmte das auch. Ich reagierte auch auf Meerschweinchen, Hamster und Katzen mit Atemnot. Mittlerweile war ich bereits von Dr. Flossys Drogen substanziell lädiert und litt psychisch fortgesetzt unter Erfolgszwang.
Eines Tages betrat ich die, gegenüber unserer Wohnung liegende, neu eröffnete Zoohandlung und mir wurde die Luft knapp. Dieser Zustand war neu und ich blieb viel zu lange in dem muffigen Geschäft. Ich bestaunte die Aquarien mit den tropischen Fischen besonders ausgiebig. Ich sah schon Sternchen, so schwer fiel mir das Atmen. Als ich mich unter äußerster Anstrengung über die Gasse wieder in meinem Zimmer geschleppt hatte, röchelte ich nur mehr. Im Spital wurde eine Allergie festgestellt, die durch kleine Säugetiere, die mit einem Pelz ausgestattet waren, ausgelöst wurde.
Kurze Zeit nach diesem Wendepunkt in meinem Leben war ich bei einem Freund aus meiner Klasse zu Besuch und bekam nach wenigen Minuten einen schweren Anfall. Er hielt ein Meerschweinchenpärchen in einem Schuhkarton. Für meinen angekündigten Besuch sollte er aufräumen und hatte die Tiere unter dem Kleiderkasten versteckt. Nachdem sich die Erstickungsanfälle häuften, wurde mir klar, dass ich aufpassen musste, wo ich mich fürderhin aufhielt.
Der familiäre Druck war inzwischen so stark geworden, dass er bei mir ein Ventil an der undichtesten Stelle fand. Mir fehlte regelrecht die Luft zum Atmen. Ich wäre gerne eigenverantwortlich gewesen, erstickte aber aufgrund meiner Minderjährigkeit an dem engen Kostüm, das Eltern und Lehrer mir geschneidert hatten. Zu dieser Zeit war ich gerade zwölf Jahre. Dabei hatte ich mich anfangs auf die allgemein bildende höhere Schule gefreut, bis ich merkte, dass ich mein Niveau als Vorzugsschüler nicht vorbehaltlos halten konnte. Die drei ersten Jahre sollte ich es trotz des Drucks schaffen, einen bemerkenswerten Notendurchschnitt zu erreichen. Wenn ich nicht lauter Einser nach Hause zu bringen imstande war, hing der Haussegen schief. Bei meinem Bruder reichte es, wenn er eine Prüfung bestand. Er litt unter einer leichten Form der Legasthenie. Er verdrehte Zahlen und Wörter. Die Eltern waren froh, wenn er mit einem Vierer benotet wurde. Mir wurde zum Ausgleich doppelt so viel abverlangt. Dabei hatte ich anfangs große Freude mit dem neuen Unterricht. Ich fühlte mich wie ein junger Forscher, der endlich die Gelegenheit bekam, seine Intelligenz unter Beweis zu stellen. Ich wollte mich in die anregende Gesellschaft der Professoren für Chemie, Physik und Naturgeschichte begeben, um dort die passende Herausforderung zu finden. Die Wirklichkeit sah freilich anders aus. In Wahrheit war ich ein Kind, das zu den Lehrern aufsehen musste. Ich kämpfte mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln um Beachtung. Ich bemühte mich unter Aufbietung aller Kräfte erfolgreich, mich von der Masse abzuheben. Bei meinem Bruder war die Situation anders gelagert. Er bekam die Gelegenheit mich zu beobachten. Er hatte immer zwei Jahre Zeit abzuwarten, was passierte. Als er sah, wie viel ich lernen musste, um zu bestehen, bekam er es mit der Angst zu tun.
Ihn begeisterte die Vorstellung, das Gymnasium zu besuchen nur wenig. Er ließ sich – ganz im Gegensatz zu mir – nur auf Wunsch des Vaters in die Albertgasse einschreiben. Hatte ich noch dem Besuch der allgemein bildenden höheren Schule mit klopfendem Herzen entgegengefiebert, fürchtete sich Johnny vom ersten Schultag an vor dem Druck, dem er ausgesetzt sein würde. Er sollte sich nicht getäuscht haben. Seine Angst bestätigte sich schon bald. Er wäre nach der Volksschule liebend gern in die Hauptschule gegangen, die in der Pfeilgasse, im selben Gebäude, an das er sich endlich gewöhnt hatte, untergebracht war. Durch den Abriss der alten Volksschule in der Lerchengasse und die vorübergehende Unterbringung im Ersatzlokal in der Zeltgasse, fühlte sich Johnny entwurzelt. Er hatte es schwer, sich an eine neue Umgebung anzupassen. Er konnte keinen erschöpfenden Kontakt mit Lehrern und Schülern knüpfen.
Als er nach der Volksschule gebeten hatte, in die Hauptschule gehen zu dürfen, bekam der Vater einen kalkulierten Zusammenbruch. Er würde nie solch ein selbst zerstörerisches Verhalten billigen. Da könne er ihn ja gleich ins Behindertenheim geben, meinte er erbost. Dabei dachte er mehr an sein Ansehen als an das Bedürfnis seines Sohnes. Er wollte im Büro stolze Berichte über die Fortschritte seines Nachwuchses abgeben. Damals war das erste Jahr, in dem eine Aufnahmeprüfung nicht mehr für notwendig erachtet wurde, der ich noch ausgesetzt gewesen war. So sah Vater überhaupt keinen Grund, warum mein Bruder in eine Deppperlschule umschwenken sollte, zumal er ja meine teuer erstandenen Bücher wieder verwenden konnte. Ich achtete akribisch auf meine gebundenen Schätze, die mein Bruder bereits im Zeitraum von einigen Wochen beschmierte und zerfledderte. Bücher waren für mich ein wertvolles Gut. Ich betrachtete die Schutzhüllen, nahm sie vorsichtig ab und strich liebevoll über die, mit Stoff überzogenen Buchdeckel. Ich vermied es, Speisen zu mir zu nehmen, während ich am Bauch liegend las. Der Tisch musste sauber sein, wenn ich ein neues Buch aufschlug. Für mich gab es keinen Unterschied zwischen einem Schulbuch und einer privaten Lektüre. Das Buch lüftete Geheimnisse, von denen ich nichts geahnt hatte. Die Freude meines Vaters über den Zustand meiner Bücher war grenzenlos. Ein Eselsohr war für ihn und auch für mich eine Katastrophe.
Mein Vater hoffte, dass sich mein Bruder durch die Teilnahme am Unterricht im Gymnasium für die einzelnen Fächer begeistern würde. Die forcierte Förderung seiner Fähigkeiten, so dachte er, sollte sein Interesse am Lernen wecken. Die Rechnung ging niemals auf. Johnny hatte von der ersten Schularbeit an schlechte Noten und kämpfte ums Überleben. Er versuchte, lediglich durchzuhalten. Die gehobenen Anforderungen empfand er als nutzlose Quälerei. Die Einwürfe der Mutter, ihn doch zu erlösen und in die Hauptschule zu stecken, wurden von meinem Vater geflissentlich überhört.
Latein war einer meiner Lieblingsgegenstände, bevor ich auch in diesem Fach krank und wacklig geprüft wurde. Ich bekam jeden Morgen heftige Magenschmerzen und Dr. Ladengrau verschrieb mir Belladonna gegen die konstatierte chronische Gastritis, die mich langfristig plagte. Der Gipfel der Unverträglichkeit war zum Schulschluss des dritten Jahres erreicht. Monatelang hatte ich ständig ein flaues Gefühl im Bauch und wolle mich nicht so recht erholen. Belladonna dämpfte den Schmerz und die darauf folgende nervöse Übelkeit um den Preis der fortwährenden Müdigkeit. Ich konnte mich schwer konzentrieren und geriet ins Tagträumen.
Am achtundzwanzigsten Juni bekam ich zur Zeugnisverteilung heftige Magenschmerzen, obwohl ich – oder gerade weil ich – statt eines Frühstücks vorsorglich einen Kamillentee getrunken hatte. Ich regte mich innerlich ziemlich auf, da die Benotung in einzelnen Fächern für mich unklar war. Ich ging unruhig im Klassenzimmer umher. Ich beobachtete die herausgeputzten Burschen und fühlte mich in meinem steifen, unförmigen, unprofessionell zusammengestellten Anzug unwohl.
Meine Mutter ließ einfach einen alten Anzug meines Vaters in der Änderungsschneiderei zurecht nähen. Ich war im Wachsen und es hatte aus der Warte der Eltern keinen Sinn, Geld für einen neuen Anzug auszugeben.
Schließlich betrat der Klassenvorstand den Raum und das Murmeln und Raunen der Schüler erstarb schlagartig. Die Beurteilungen wurden einzeln besprochen. Aus diesem Programm bestand im Wesentlichen alljährlich so ein besonderer Tag. Noch bevor mein Zeugnis an der Reihe war, steigerte sich mein Widerwille ins Hysterische. Ich ging, unter dem Vorwand, dringend die Toilette aufsuchen zu müssen, aus dem Klassenzimmer. Der Gang war leer und so begann ich zu laufen. Eine unberechenbare Übelkeit hatte sich meines Magens bemächtigt. Ich konnte den unbändigen Brechreiz kaum mehr unterdrücken. Einige Meter vor den Toiletten passierte es dann. Ich erbrach mich in einem mächtigen Schwall auf die frisch gereinigten Kacheln. Eine klare, schleimige Flüssigkeit breitete sich aus. Ich geriet in Panikstimmung und drehte mich hektisch um. Am Flur war es immer noch still. Sämtliche Schüler und Lehrer befanden sich in den Klassen in feierlicher Abschlussstimmung. Am nächsten Tag würden die Ferien beginnen. Ich drehte um, wischte mir den Mund notdürftig mit zwei eingesteckten Papiertaschentüchern und schlenderte scheinbar teilnahmslos und sehr erleichtert zurück.
Nichts war geschehen. Ein Blick über die Schulter bestätigte es. Das Erbrochene war durchsichtig und glänzte, als wäre der Boden extra aufpoliert worden. Obwohl mir immer noch der Gestank des verarbeiteten Kamillentees in die Nase stieg, roch in der Klasse niemand etwas. Eine halbe Stunde später war alles vorbei und einige Kollegen gingen mit mir den Gang entlang. Die Klassenzimmer öffneten sich. So auch die Türe zur achten Klasse. Die positiv bewerteten Schüler der Oberstufe rannten johlend und quietschend vor Erleichterung in Richtung der Toilettenlagen, um dort ihre wohlverdienten Zigaretten zu rauchen. Wir Unterstufenschüler standen etwas abseits und als der Erste über den trügerischen Estrich schlitterte und zu Boden fiel, lachten noch alle über seine Ungeschicklichkeit. Ich wusste aber sofort, dass dieser bedauernswerte Schüler über meinen schlüpfrigen Mageninhalt geschlittert war. Innerhalb von Sekunden purzelten zwanzig Schüler schreiend übereinander. Ich starrte gebannt zu der Horde strauchelnder Krieger. Sie alle fielen meiner Nervosität zum Opfer. Ich zuckte nicht einmal mit den Mundwinkeln. Es zeigte sich, dass es gar nicht so leicht war, einmal gestürzt, wieder auf die Beine zu kommen. Besonders die Träger von Holzpantoffeln rutschten mehrmals und hielten sich, die Beine im Spagat, fluchend aneinander fest. Sie rissen ihre Halt suchenden Freunde erneut mit ins Verderben. Später lehnten sie erschöpft und bleich an der Mauer, massierten ihre schmerzenden Gliedmaßen und schwören dem Schelm ewige Rache, der die Fliesen mit Schmierseife bearbeitet hatte. Zu ihrem Glück ahnten sie nicht, wie weit sie von der Wahrheit entfernt waren.
Der Schulwart wurde zur Ergründung und Beseitigung der Ursache dieses Desasters auf den Plan gerufen. Er allein konnte weder eine Lösung, noch eine Entscheidung treffen. Inzwischen wurde nämlich von der Mehrheit der Betroffenen an einen psychopathischen Anschlag mit einer unbekannten, zersetzenden Substanz geglaubt. Verzweifelt wurde auch noch nach der Schulwartin geläutet. Sie erschien missmutig und erschöpft von den vorangegangenen Vorbereitungen für die Schulfeier. Sie diagnostizierte keine geheime chemische Formel und keine heimtückische Lauge, welche die Haut der Betroffenen auflösen würde. Einige der Burschen untersuchten bereits die Oberfläche ihrer Haut und erwogen die Polizei einzuschalten. Die Schulwartin wusste sofort, was sie von dieser klaren Flüssigkeit zu halten hatte. Sie kniete am Boden und schnupperte. Und dann rochen es alle. Es verhielt sich wie bei einer Massensuggestion. Ich beobachtete schweigend, aber verriet mich nicht. Ich blieb im Hintergrund und besprach mich mit anderen, so wie es alle taten. Das Bild des Ganges verblasste und das Stimmengewirr der aufgeregten Schüler verhallte.
Zwei weitere Jahre benötigte ich, um mich aufzurichten. Ich erinnere mich noch an die wunderbare Nacht, in der ich ohne Magenkrämpfe und Gewissensbisse einschlief, obwohl ich nichts gelernt hatte. Der äußere Zwang bestand unverändert, doch als ich in mich hineinhorchte, gab es keinen Anlass mehr, mich anzustrengen. Der Bann schien gebrochen und die Idee, niemandem mehr gefallen zu müssen, war ein Geistesblitz, der mir bis zu diesem Tag verwehrt geblieben war. Ich konnte mir nicht erklären, wieso ich auf so eine einfache Schlussfolgerung nicht schon eher gekommen war. Hier ließ offensichtlich die Suggestion durch die Eltern allmählich nach, weil der Testosteronspiegel stieg. Ich wollte meine wahre Bestimmung finden. Unterstützt wurde mein Mut durch frappante Veränderungen, die ich an mir feststellte. Mir wuchsen bereits Schamhaare und Achselhaare. Ein kaum sichtbarer Flaum zeichnete sich auf meiner Oberlippe ab. Das reichte vorerst. Mir war egal, dass meine Eltern enttäuscht sein würden. Ich brauchte mir keine Gedanken zu machen, denn ich wusste ja, dass ich nur negativ abschneiden konnte. Diese Gewissheit, ruhig versagen zu dürfen, war trotz wahrscheinlich nachfolgender Ächtung und Bestrafung derart beruhigend, dass ich in tiefen traumlosen Schlaf fiel. Ich erwachte ausgeruht und frühstückte ohne anschließenden Brechreiz. Selbst das nervöse Lidflattern, das sich in letzter Zeit hinzugesellt hatte, war verschwunden. Kein schnelles, dumpfes Pochen hob und senkte meinen Bauch. Ich schlenderte wie ein Urlauber, der allerlei Sehenswürdigkeiten zu bestaunen hatte in die Albertgasse. Ich kam etwas spät und es störte mich nicht im Geringsten. Mein Herz schlug dennoch ruhig und ich fand das Verhalten der Mitschüler einfach lächerlich. Meine Sichtweise hatte sich praktisch über Nacht geändert. Ich hörte die aufgeregten Kollegen schnattern und laut ihre auswendig gelernten Texte wiederholen. Sie verglichen praktisch in letzter Sekunde ihren Wissensstand und fanden mit aufgerissenen Augen und hektischen Flecken auf den Wangen bisher verborgene Mängel. Ich selbst dürfte einen lässigen, ruhigen Eindruck bei ihnen hinterlassen haben. Ich kümmerte mich nicht um sie und besuchte das nächstgelegene Stockwerk, um in den höheren Klassen Ausschau nach neuen Freunden zu halten.
Als die Glocke zur Schularbeit schrillte, ließ ich noch einige Minuten verstreichen, bis sich der Gang leerte und mein Diskutant, der das Gespräch begonnen hatte, wurde allmählich nervös. Ich genoss den Triumph, dass er mich mit Bewunderung bedachte, weil ich seelenruhig plauderte, während die Unterrichtsstunde bereits begonnen haben musste. Dann sagte ich wie nebenbei, dass ich jetzt noch eine Lateinschularbeit hätte und verließ grinsend den verblüfften Burschen. Ich betrat mein Klassenzimmer. Jeder Einzelne sah vorwurfsvoll und ernst zu mir auf. Der Klassenvorstand zeigte sich über mein Verhalten völlig verstört. Er sah kopfschüttelnd auf die Uhr und meinte, die ganze Klasse hätte auf mich gewartet und es sei kostbare Zeit – unsere Zeit – sinnlos verstrichen. Durch meine Schuld mussten meine Kollegen schneller arbeiten, um die Schularbeit abzuschließen. Ich sagte ihm, dass ich diese fragwürdige Loyalität nicht gewünscht hätte. Er entgegnete, es sei üblich, sich nach dem Letzten zu richten. Dabei sah er mich mit zusammengekniffenen Augen an, gefährlich reglos kauernd wie ein Leguan. Ich meinte ruhig, er solle uns die Pause dazu schenken, worauf die Klasse einstimmig johlte. Er versprach es unter dem Druck der Mehrzahl. Doch sein lauernder Blick verhieß nichts Erquickliches. Ich brauchte keine Pause. Ich schrieb nur, was ich wirklich wusste und das war mager. Ich erhob mich träge und gab als Erster mein Heft ab. Ich grinste in das Gesicht des Klassenvorstandes. Er nickte wie eine Aufziehpuppe, während sich seine Pupillen stechend in meine Augen senkten. Sein Mund war verächtlich schief verzogen. Mir schauderte bei dem Gedanken, mich mit diesem Mann anzulegen. Nichtsdestoweniger fühlte ich mich aufgeräumt und entkrampft. Dann verließ ich, wie es Brauch war den Raum, um nicht zu stören und um nicht in Versuchung zu geraten, jemanden bei der Arbeit zu helfen. Lange stand ich am Fenster zum Hof und überlegte, was ich getan hatte. Die Mitschüler mochten glauben, ich hätte schnell und sauber die vier vorgegebenen Punkte behandelt. In Wahrheit gab ich nur über einen einzigen Abschnitt Auskunft. Der betraf eine fantasievolle Beschreibung der Germanen, wie sie die Römer erlebt haben mochten. Meine Ideen stützten sich aber nur ansatzweise auf den Originaltext von de bello gallico. Ich hatte nicht die blasseste Ahnung von den Arrangements der Feldherren und das würde die Klasse bald auch wissen. Ein Anfang war gemacht. Die erste Hürde zur Furchtlosigkeit war gemeistert.
Gerne wäre ich Wissenschaftler geworden, dazu hätte ich aber tolerante Eltern gebraucht, die mich in Ruhe ließen, meine Interessen wirklich unterstützten und nicht nur vorgaben meine Karriere zu befürworten. Sie unterbanden meine Bemühungen drastisch, sobald sie ihnen unbequem erschienen. Sie sabotierten meinen Forscherdrang, wenn ihnen meinen wahrlich harmlosen Missetaten einfach über den Kopf wuchsen. Ich hätte meine eigenen vier Wände lieber selbst gestaltet. Ich hätte mir meines Lebensraums sicher sein müssen, auch ohne Anknüpfung unfairer Bedingungen. Mein Platz in der Wohnung und im Leben galt nur als unangreifbar, solange ich ihrem Diktum Punkt für Punkt nachkam. Widerspruch und eigene Ideen, die eigentlich in diesem Alter normal waren und sich ständig änderten, wurden so zu einer fixen Idee, weil ich mich in meiner Entwicklung bedroht und betrogen fühlte.
Es war ganz einfach: Ich wurde nicht mehr geliebt, weil ich schleichend aber unübersehbar erwachsen geworden waren. Doch die Eltern merkten nicht, was sie mit ihren unkontrollierten Emotionen, die über der Vernunft standen, verbrachen. Indem sie ihre eigenen Unzulänglichkeiten demonstrierten, schufen sie einen unüberbrückbaren Abstand. Sie zeigten sich leidend über die jüngsten Veränderungen, anstatt mir mit Offenheit zu begegnen. Sie wünschten letztlich nur das für sie, was ihnen vermeintlich gut tun würde. Daher wandte ich mich schließlich ab. Die Eltern entzogen ihre Liebe, weil ihnen mein Unabhängigkeitsbestreben zu viel wurde und sie den Überblick verloren. Letztlich kannten sie nur dieses eine gemeine Druckmittel: die Verweigerung, sowohl von Ressourcen, als auch der Entzug von Zuneigung. Sie boten keinen Raum zur Entfaltung. Im Speziellen vertrat mein Vater überhaupt eine ungesunde Spießbürgermoral, die mir das Bewusstsein allmählich aufspaltete.
Er hörte leicht verdauliche Popmusik, lehnte aber Rock, der mir gefiel grundsätzlich ab. War eine Frau in engen Jeans und prall gefülltem T-Shirt die Bandleaderin, befand er die Songs als melodiös. Stach ihm ein langhaariger, bärtiger Mann, der überdies noch eine Nickelbrille trug, von einem Cover ins Auge, verurteilte er die Platte als untalentiertes Negergekreische. Er war von Tina Turner fasziniert, ignorierte Ike und verachtete Frank Zappa, den er als Scheißkerl bezeichnete, ohne je eine Nummer komplett gehört zu haben. Er kaufte all you need is love von den Beatles, dann drehte er die volle Lautstärke auf und pfiff die Melodie, mit am Rücken verschränkte Arme, als hörte er eine Robert-Stolz-Platte. Er kleidete sich auffällig wie ein bunter Papagei, ertrug es aber nicht, mich in knappen, unterhalb des Knies ausgestellten Hosen und weißen Tennisschuhen zu sehen. Was er bei jungen Mädchen als unheimlich erotisierend empfand, stieß ihn bei Burschen ab – nämlich das auf die Schultern hängende, unmodellierte Haar. Seine Gattin jedoch schickte er zum Friseur, weil er fand, dass ihr nur kurze, aufgetürmte Haare standen, bei denen die freiliegenden Ohrläppchen mit bunten Plastikclips geschmückt waren. Seine Doppelbotschaften verwirrten mich, weil sie trotz meiner unsinnigen Bemühungen nie aufgeklärt wurden. Weder meine Mutter noch mein Vater sahen einen Widerspruch in ihrem Verhalten. Im Gegenteil, sie suchten den Fehler bei mir, während Zuneigung beim Befolgen ihrer Vorstellungen und Abneigung bei Zuwiderhandlung ihrer Diktate in rascher Folge wechselte. Groteskerweise behandelten die Eltern mich wie einen Erwachsenen, der schon eine abgeschlossene Reifung hinter sich hatte, anstatt in mir das unlogische, verwirrte Kind zu sehen, dass totale Unterstützung brauchte, weil es die Hormone zu einem vollwertigen Menschen machen sollten. Ein Fehler, den auch die Lehrer oft genug bei ihren Schülern machten. Sie erwarteten logisches, zukunftsorientiertes Denken. Doch wir waren nur von Rockmusik begeisterte Halbwüchsige, die mit ihrer erwachenden Sexualität und dem Strecken ihrer Knochen nicht zurechtkamen.
Die einzige Anstrengung, die mein Vater unternahm, sich mir zu nähern, bestand in seinem Anliegen, mir das Geheimnis von Mann und Frau drastisch näher zu bringen. Er bemühte sich, mich mit diesem, für ihn schwierigen Thema, frühzeitig zu unterrichten. Er rang sich eine sexuelle Aufklärung ab, die so verklemmt anmutete, dass es rasch peinlich wurde. Ich fühlte mich ihm während der ganzen Unterredung fremd und unendlich fern. Ich kannte den heiklen Gegenstand seines stockenden Vortrags schon längst aus den Magazinen, die meine Eltern regelmäßig lasen. Die Zeitschriften lagen offen in der Wohnung herum. In Praline, Jasmin und Eltern stand alles Wissenswerte über Partnerschaft und Sex. Oswald Kolle füllte regelmäßig mehrere Doppelseiten mit seinen Vorstellungen von freier Liebe und antiautoritärer Erziehung in der umfangreichen Ausgabe von Eltern. Daher wusste ich auch, dass moderne Eltern ihre Kinder beizeiten ungeniert aufklären sollten.
Mein Vater blieb an der Schilderung des männlichen Geschlechtsorgans hängen und versuchte mit beiden Händen die Größe eines erigierten Penis zu zeigen. Ständig korrigierte er die vorgeführten Maße. Schließlich blieb er bei der beeindruckenden Länge eines Eselschwanzes. So bezeichnete er auch den männlichen Penis, um einen treffenden Vergleich zu finden. Ich war unangenehm fasziniert, weil ich annahm, er sprach von seinen eigenen begnadeten Maßen. Gleich darauf fühlte ich mich gedemütigt, denn mir schien seine Vermessungstechnik wenig korrekt, oder mit mir stimmte etwas nicht.
Vor einigen Wochen hatte ich einen ansehnlichen Stapel bunter Pornohefte in einem Schrank des Vaters gefunden, der meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Die spärlich vorkommenden nackten Männer waren nicht so gut bestückt gewesen, wenn es auch erhebliche Unterschiede in Form, Länge und Umfang des Geschlechts gab. Vielleicht wollte er nachdrücklich klarstellen, wer der wahre Herr im Hause war. Tatsächlich begann schon bald eine unterschwellige, lang dauernde Rivalität, die vor allem von meinem Vater ausging und in dieser ungeschickten Schilderung des männlichen Gliedes seinen Anfang nahm. Lange nach dieser Unterredung spulte ich diese Szene immer wieder vor meinem geistigen Auge ab. Nie kam ich dahinter, wieso er es nicht bemerkte und innehielt, als er nur mehr mit einer hypothetischen Abmessung beschäftigt war.
Das heimliche Betrachten und Benutzen der Hochglanzmagazine im praktischen Format A5, wurde allmählich zu meiner liebsten Passion. Dieser Ambition gesellte sich eine zweite, neue Gestaltung meiner Freizeit hinzu. Ich bekam Gefallen daran, meinen Körper mit Übungen zu trainieren. Ich zog an drei Federn meines neuen Expanders, mit dem Vorsatz, einmal alle fünf Federn zu schaffen. Aber was ich noch mit größerem Optimismus tat: Ich zog mich am Türstock zur Küche hoch. Bald gelangte ich zu einer Meisterschaft. Mein Vater überging gnädig meine Betätigung mit den Heften, die ich nach dem Gebrauch immer ordentlich an ihren Platz zurücklegte. Meine Klimmzüge am Türstock schienen ihm aber zu missfallen. Er fand, ich hinge »ständig wie ein Affe am Baum« und entferne mich zusehends von der menschlichen Kultur.
Ich erreichte gerade mein dreizehntes Jahr, als mein Leben in einem wesentlichen Punkt bereichert wurde, der mich durch alle weiteren Stationen meiner Existenz begleiten sollte.
Es verhielt sich ähnlich wie mit einer mir bisher unbekannten Art der Rockmusik. Diese Musikrichtung lag jenseits der »Großen Zehn«, einer Sendung, in der Musikstücke in undurchsichtiger Weise bewertet und nie zur Gänze ausgespielt wurden. Genauso wie die einstündige Vormittagssendung des Rundfunks, »beschwingt um elf«, in der – immerhin ohne Unterbrechung – seichte Unterhaltung geboten wurde. Eine neue Musik bestimmte mein Leben. Diese fantastische Richtung war seit ihrem Auftauchen nicht mehr aus meinem Alltag wegzudenken. Was mein Streben nach Autonomie auf unerwartete Weise unterstützte und meinen Mut schürte, war die englische Rockgruppe Jethro Tull.
Ich bekam die Platten Aqualung und A Passion Play von meinem Sitznachbarn Schlesinger, mit dem Hinweis auf ihre Einmaligkeit, geborgt. Schon von den Plattenumschlägen konnte ich meinen Blick nicht wenden. Sie schienen ein Geheimnis zu verbergen, dass ich unbedingt lüften wollte. Als ich dann zu Hause das erste Mal Aqualung hörte, konnte ich die Genialität dieser Klänge nicht fassen. Die mitreißenden, direkten, spontanen Riffs, rissen mich aus meiner Lethargie und transportieren mich in einen Zustand, in dem ich nichts zu befürchten hatte.
Und dann, im Sommer passierte etwas Beiläufiges, das mein Leben in eine unkalkulierbare Bahn trieb. Es war der Juli, der mir ein Geburtstagsgeschenk bescherte. Einer der zwei Freunde aus meiner Klasse, die mir noch geblieben waren, überreichte mir formlos ein Taschenbuch mit praktischen Anleitungen zum Yoga. Dieses Buch hatte seine ältere Schwester von ihrem Gefährten geschenkt bekommen und konnte überhaupt nichts damit anfangen. Ich war schlichtweg begeistert. Yoga wurde damals – zumindest bei uns in Österreich – als unerwünschtes, fremdes und bestenfalls theoretisches Gedankengut gehandhabt. Fälschlicherweise wurde Yoga als Religion betrachtet. Ich hatte nie zuvor diesem Begriff zuordnen können. Meine Begeisterung, die einer rätselhaften Aufregung, während dem Lesen dieses Buches folgte, war enorm. Ich begann noch am selben Tag mit den wenigen Übungen, die das Büchlein ausführlich schilderte. Die Beschäftigung mit der neuen Materie verlangte meine volle Aufmerksamkeit. Sofort erkannte ich, dass mein Körper wie geschaffen war, für die dargestellten Übungen. Ich hatte keine Schwierigkeiten, die merkwürdigen Verrenkungen zu erlernen. Die einzelnen Abschnitte des Taschenbuches waren in einer klaren Sprache abgefasst. Sämtliche Übungen waren übersichtlich illustriert. Es fiel mir auch nicht sonderlich schwer, nach einigen Wochen den beidseitigen Lotussitz auszuführen. Die Thematik kam mir seltsam vertraut vor.
Bald nach dem Auftakt zu einem jungfräulichen Körpergefühl, durchstöberte ich planlos die Buchhandlung König, in der ich als Kind von meinem Vater all die Sachbücher aus der Reihe »Was-Ist-Was« geschenkt bekam. Ich wurde auf ungewöhnliche Weise fündig. Ich entdeckte ein teures, gebundenes Werk, das sich Yoga progressiv nannte. Das war der authentische Titel für meinen Gemütszustand. Das Buch war gerade erschienen. Eigentlich trug ich nichts zur Auffindung des Buches mit dem gelben Umschlag bei. Wenn es sich nicht aus einer Reihe andere Bücher aus dem Regal gelöst hätte und mir am Kopf gefallen wäre, hätte ich es nie aufgespürt. Ich studierte nämlich lediglich die Buchrücken in Augenhöhe. Das Erklimmen der Leiter, welches mir der Besitzer des Geschäfts ausdrücklich erlaubt hatte, lag mir fern. Zahlreiche Fotografien von Männern und Frauen aus Indien, die in verschiedenen Positionen dargestellt wurden, brillierten durch strotzende Gesundheit. Sie alle strahlten auf mich eine derartige Überlegenheit aus, dass ich mich ihrer Macht nicht entziehen konnte. Wohl versprach der Meister, der am häufigsten abgebildet war, das Blaue vom Himmel, aber er brachte genau die richtige Saite meines naiven, revolutionären Geistes zum Klingen. Ich war unzufrieden mit der verlogenen Welt, in der ich mich befand.
In diesem Werk wurde ein Zustand angesprochen, den ich durch meine eigene Mühe erreichen konnte. Das gefiel mir außerordentlich. Die vorgebrachten Argumente zum ewig währenden Glück leuchteten mir ein. Wäre mir nur ein Paradies – egal ob diesseitig, oder erst nach dem Tod – versprochen worden, ich hätte das Buch nicht angerührt. Aber es entsprach meiner Disposition, mit der Veränderung des Körpers eine Umbildung des Geistes und eine Befreiung der Seele zu erreichen. Die Übungen wurden detailliert erklärt und ihr Nutzen angepriesen. Da stand etwa:
»Diese Übung schenkt ein strahlendes Aussehen, ist für Kanoniere, Bettelmönche und Beamte, die lange sitzen müssen, und erweist sich genauso geeignet für Menschen, die 300 Jahre lang leben wollen.«
Oder etwa: »Diese Übung ist, wenn sie zwölf Jahre hindurch richtig ausgeführt wird, dazu imstande, Hämorrhoiden und Fehlstellungen der Beine zu heilen, erzeugt eine glatte Haut und erweckt die Kundalinikraft, die besondere Fähigkeiten hervorzurufen mag.«
Solche Prophezeiungen faszinierten mich und schienen mir realistisch. Mir gefiel der regelmäßige Hinweis auf den Bereich einer Verbesserung der Gesundheit für den normalen Menschen, mit anschließendem Wink auf den übernatürlichen Nutzen der Übung für den Suchenden. Ich konnte mich auf eine materielle und eine spirituelle Veränderung freuen, nicht zuletzt, da ich täglich an mindestens einem Asthmaanfall litt, der vornehmlich dann auftrat, wenn ich mich zu Bett begab. Ich schlief problemlos ein. Nach zwei bis vier Stunden wachte ich mit pfeifenden Atemgeräuschen auf und bekam kaum mehr Luft. Die Einatmung vermochte ich besser zu steuern. Über das Ausatmen hatte ich nur unter Aufbietung aller Kräfte eine leidliche Kontrolle, wie es bei dieser Krankheit üblich ist. Ich fühlte mich wie ein Luftballon, der zum Bersten gefüllt war. Ich litt an der Luft, einem lebenswichtigen Element.
Meine aufkeimende Verzweiflung wurde trotzdem durch spürbare Fortschritte neutralisiert. Ich lernte ein gut abgestimmtes Körpergefühl kennen. Tagsüber fühlte sich mein Körper leicht an und die Lunge arbeitete ausgezeichnet. Die Yogaübungen stabilisierten meinen Zustand und halfen mir ein Einzelgänger zu werden, dem es egal war, keine Sicherheiten oder Freundschaften mehr zu haben.
Ich wurde von einer Freundin meiner Mutter, die glaubte zu wissen, was ich vorhatte, auf die Möglichkeit zur Entwicklung zu einem schrulligen Kauz hingewiesen. Doch ich schlug ihre wohlgemeinten Worte in den Wind. Ich wollte mich von jedweder Enge befreien. Mein Klassenvorstand machte mich zur Genüge auf die Folgen aufmerksam, die mir nach einem Ausscheiden vom Schulbetrieb blühten. Ich sollte rasch Einkehr halten, mich unterordnen in Kleidung, Haartracht und in der Einhaltung der vorgegebenen Spielregeln. Mit der bedrohlichen Doktrin eine Umkehr auszulösen, klappte bei den meisten Schülern, bei mir schlugen solche Mahnungen gänzlich fehl. Ich machte mich der Häresie schuldig. Ich nahm an, der Lehrkörper wollte ein Experiment starten und versuchte herauszufinden, wie weit ich in meiner Verweigerung gehen würde. Ich fühlte mich seit meiner Änderung von den Lehrern, wie ein Versuchskaninchen beobachtet.