Читать книгу Ein stilles Dorf in Kent - Gerda M. Neumann - Страница 12

Kapitel 5

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Pünktlich um elf Uhr zog Olivia die schwarze Haustür hinter sich ins Schloss. Das Heiligenkraut neben dem kurzen Weg zur Straße zeigte frische silbergrüne Spitzen. Sie atmete auf den wenigen Metern zu dem großen weißen Landhaus tief durch und spürte die Frühlingsluft durch ihre Adern ziehen. ›Fast könnte man denken, ein solcher Frühlingstag bringt das Blut zum duften…‹ Mit leicht geneigtem Kopf hing sie ihrem Gedanken nach, während sie den Türklopfer auf das alte Holz fallen ließ. Diese Haustür war genauso schwarz wie die ihres Onkels, nur in Kassetten aufgeteilt und imposanter, schließlich musste sie sich gegen einen richtigen Portikus behaupten. Gemeinsam zierten die beiden ein zweistöckiges Haus mit waagerecht angebrachten, sich überlappenden Holzbrettern, die wie überall in Kent mit wetterbeständigem weißen Lack gestrichen waren. Im Erdgeschoss war zu beiden Seiten der Haustür ein großer Erker aus der Fassade vorgezogen, mit schwarzen Fensterrahmen, das war ungewöhnlich, ungewöhnlich auch die schmale Schmuckleiste unter dem leicht vorkragenden Dach.

Schon stand Susan im Türrahmen in indischen Hosen, Tunika und Schal, alles gelb, die Tunika mit einem Paisleymuster. »Wie schön!« entfuhr es Olivia statt einer Begrüßung.

Susans Blick leuchtete auf: »Möchten Sie hereinkommen oder sollen wir gleich gehen?«

»Lassen Sie uns gehen, die Luft ist so weich und duftend, dass man sich einfach darin bewegen muss.« Und auf das kurze Zögern hin ergänzte sie: »Ich vertraue mich ganz Ihrer Führung an, meine Ortskenntnis verdient nicht einmal den Namen.«

Susan wandte sich Richtung Kirche und sah Olivia mit der ihr eigenen stillen Offenheit an: »Meinen Namen wissen Sie sicher längst, mögen Sie mir den Ihren verraten?«

Das Zucken ihres Zwerchfells schmerzte fast, nur kurz, aber unmissverständlich. Jetzt wurde es ernst. »Ich heiße Viola Imbry, meinen Nachnamen mag ich nicht besonders, also bitte – bleiben Sie bei Viola.«

Ein stilles Nicken war die ganze Antwort, bis sie den überdachten Eingang zum Kirchhof passiert hatten. Niemand war hier zu sehen. »Ich kenne die Menschen hier kaum«, es klang wie eine Entschuldigung, »deswegen schweige ich lieber in der Nähe ihrer Häuser.« Langsam ging Susan weiter. »Manchmal denke ich, auch die Toten können uns reden hören, Friedhöfe sind seltsame Orte.«

»Ich mag sie sehr«, bekannte Olivia, »besonders auf dem Land. Diesen ummauerten Frieden mit den alten Taxusbüschen und den frischen Blumen…« Sie sah zu Susan hinüber, die vor ihr auf dem schmalen Weg langsam voranging, den Blick auf die Baumkronen hinter dem Kirchhof gerichtet, sie schwieg. »Ich gehe gern zwischen den Gräbern entlang, lese die Namen und die Daten, in manchen Fällen noch die Todesursache oder Verwandtschaftsbeziehungen, betrachte die Steine und die Bepflanzung und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Diese Floskel trifft genau das, was ich dann tue und es ist ungeheuer weltverloren und entspannend.«

Susan schwieg weiter, bis sie auf der anderen Seite den Friedhof wieder verlassen hatten und auf einem schmalen ausgetretenen Pfad in ein Wäldchen hineingingen. Sie wandte sich im Gehen um: »Sie fürchten die Toten nicht?«

»Nein – die Lebenden meistens auch nicht…«

Nach vielleicht hundert Metern verließ der Pfad das Wäldchen, machte eine Kurve und führte sie an einen offenen Hang. Vor ihnen lagen heckenumsäumte Weiden und vor dem schweifenden Blick breitete Kent sich in der ganzen verträumten Schönheit Südenglands aus. Ein Eselruf drang in das Schauen, jetzt hörte Olivia auch verschiedene Vogelstimmen und bei genauerer Konzentration Schafstimmen irgendwo weiter weg.

»Dieses Land ist wunderschön«, Susan sagte es sehr leise. »Und schauen Sie, die Veilchen dort unter der Hecke, hinter ihnen hat ein Rotkehlchenpaar sein Nest, es ist etwas unordentlich, aber am Boden macht das ja nichts. Der rufende Esel gehört Mrs Melling. Er hat noch drei Gefährten, sie leben auf einer großen Wiese mit alten Apfelbäumen, kommen Sie, ich zeige es Ihnen.«

Die Esel kamen angetrabt, als sie Susan kommen sahen und mit leisen Worten begrüßte sie sie und kraulte sie sanft hinter den langen Ohren. Mit den Eseln hatte sie während ihrer Sommeraufenthalte Freundschaft geschlossen. Und die Tiere hatten ein langes Gedächtnis. Von Mrs Mellings Haus sah man nur das Dach hinter einer gewaltigen Rhododendronhecke aufragen, die Zufahrt führte an der Eselweide entlang und war beidseitig von Obstbäumen gesäumt, sie waren jünger und sorgfältiger beschnitten als die auf der Weide. Olivias Blick blieb an weißen Kästen hängen, die weit hinten nahe an der Hecke standen.

»Das sind Bienenstöcke«, bestätigte Susan. »Mrs Melling wird Ihnen alles erzählen, was Sie darüber wissen wollen. Nur heute lassen Sie uns weitergehen, ich möchte Ihnen noch ein anderes Stück Arkadien zeigen.«

Sie folgten dem Pfad hügelabwärts. Nach kurzer Zeit und der ein oder anderen Kurve lag vor ihnen ein weißes Farmhaus, genauso holzverschalt wie das Haus von Susan. Es wirkte flacher hingebreitet, hatte grüne Fensterläden und einen großzügigen Garten mit Rasenflächen, immergrünen Büschen und Blumenbeeten. Ein leichter Holzzaun und eine dichte Hecke trennten es von den weitläufigen Weiden. Leicht gewellt zogen sie sich bis zum Horizont, Baumgruppen und einzelne alte Baumriesen verwandelten das stille Land in einen großen Park, bevölkert von einer unzählbaren Menge Schafen mit ihren Lämmern. Auf das Gatter gestützt standen die beiden jungen Frauen lange und schauten ihnen beim Spielen zu.

»Wie geborgen diese Schafkinder hier mit ihren Müttern dahinleben, genauso sollte es sein.« Ein nachdenklicher Blick streifte Susans Begleiterin und kehrte zu den Lämmern zurück.

»War es bei Ihnen nicht so?« Olivia stellte die Frage beiläufig in die grüne Weite. Sie wartete.

Susan rührte sich nicht, auch nicht, als sie schließlich antwortete: »Nicht ganz. Ich mag meine Mutter. Sie ist sehr attraktiv, sehr schnell und witzig, und sehr erfolgreich. Sie arbeitet in der Abteilung für geographisches Profiling von Scotland Yard.«

»Ist das die Möglichkeit!« der Ausruf war ihr entschlüpft, bevor Olivia die Information ganz aufgenommen hatte, entgeistert starrte sie Susan an.

Ein kurzes Lächeln huschte über deren Gesicht. »Sie kann das wirklich sehr gut, als hätte sie einen sechsten Sinn für den Zusammenhang zwischen Täter und Tatort. Immer wieder mal versammelt sie verschiedene Verbrechen hinter einer einzelnen Person. Und Serientäter, die als solche erkannt sind, haben mit ihr ohnehin ein schweres Leben.«

»Erzählt Sie Ihnen von ihrer Arbeit?«

»Manchmal eine kuriose Einzelheit, oder etwas ganz allgemeines. Sie darf ja nicht wirklich über ihre Arbeit reden, ich meine konkret, so dass ich etwas ausplaudern könnte.«

»Nein, das wäre ja auch viel zu gefährlich, für Sie, meine ich.«

»Vielleicht, ich glaube nicht, dass sie sich darüber Gedanken macht. Menschen wie ich geraten ihrer Auffassung nach nicht in Gefahr.«

»Und Ihr Vater, was ist mit dem?«

»Der gehört auch zu den Menschen, die nicht in Gefahr geraten.« Susan bedachte Olivia mit einem weiteren kurzen Lächeln. »Er ist Jurist und arbeitet in der walisischen Regionalregierung.«

»Wie häufig sehen Sie sich?«

»Nicht oft, er führt sein Leben mit seiner neuen Familie. Meins hat er gut organisiert, solange ihm das möglich war. Jetzt steht es in meiner Verantwortung…«

»Und?«

»Er war unzufrieden mit meiner Entscheidung für Indien. Für ihn ist Sicherheit sehr wichtig.«

»Warum sagen Sie ›war‹?«

»Tante Delia hat mir nicht nur ihr Haus hinterlassen.«

»Verstehe.«

Susan sah Olivia auf ihre stille Weise nachdenklich an: »Sie leben die nächsten Monate bei Mr Fisher, haben Sie gesagt…«

»Ja, es gefällt mir hier! Und bei meinem Onkel! Er hat Platz für mich und da ich ohnehin zu Hause arbeite… ich entwerfe Strickmuster, vor allem…« Sie drückte sich vom Gatterbalken ab: »Wohin gehen wir jetzt?«

»Wenn Sie noch eine Stunde Zeit haben, könnten wir über den Zauntritt steigen

und zwischen den Schafen hindurch im Bogen zurückgehen. Auf dem Weg passieren wir nur ein kleines Farmhaus, in dem tagsüber niemand zuhause ist, und zwei weitere kleine Häuser, bis wir hinter dem Sportplatz wieder nach Howlethurst hineinkommen.« Sie sah Olivia abwartend an.

»Einverstanden.«

Schweigend suchten sie sich ihren Weg zwischen den Tieren, die ihnen mit unbeholfenen Sprüngen auswichen. Olivia sah Susan vor sich ruhig und konsequent auf eine große Eiche zuhalten, hinter der eine Fahrspur zu erkennen war. Sie selbst suchte sich ihren Weg mäandernd zwischen den Grasbüscheln und tierischen Hinterlassenschaften, verlor ein wenig die Richtung, wenn sie über das weiche, wellige Land schaute, und sann über Fragen nach, die sie noch unbefangen stellen konnte.

Auf dem Fahrweg angekommen, wandte Susan sich ihr zu: »Jetzt brauchen wir nur noch dieser Spur zu folgen. Ich habe mich auf dieser Weide schon verlaufen. Klingt verrückt, gelingt aber ganz einfach, deswegen bin ich heute so pedantisch vorangegangen, schließlich wartet Mr Fisher auf Sie.« Wieder huschte dieses stille kurze Lächeln über ihr Gesicht. »Sie entwerfen Strickmuster, haben Sie gesagt. Wie macht man das und stricken Sie Ihre Entwürfe dann nach oder was passiert mit ihnen?«

Ein wenig überrascht sah Olivia in die hellen, braunen Augen, die sie aufmerksam ansahen. Sie nickte: »Ich entwerfe die Muster für eine junge Frau, Wangari Aulton; ihr gehört eine kleine Boutique in St. John’s Wood. Wenn Sie die Tür öffnen, stehen Sie vor einer Explosion von Farben, den Mustern von Afrika. Wangaris Mutter ist auf einer Farm im westlichen Kenia aufgewachsen und mit ihren Kindern beinahe jeden Sommer dorthin zurückgekehrt. Für sie alle, es sind drei, sind Kenia und einige andere Länder Schwarzafrikas ein Teil ihres Lebens. Wangari reist mit ihrem Bruder oder auch allein dort herum und sucht Stoffe. Je nachdem entwirft sie daraus Kleidungsstücke oder benutzt sie als Raumdekoration, für Vorhänge, Kissen, Tischdecken…«

»Und Sie?«

Olivia nickte erneut: »Wenn Wangari mit neuen Stoffen aus Afrika zurückkommt, wandere ich in ihrem Haus an der ausgebreiteten Pracht entlang und wähle diejenigen aus, die mit mir reden, wenn Sie verstehen…«

Jetzt nickte Susan.

»Die engere Auswahl konfrontieren wir dann mit den Modefarben des kommenden Winters. Da wir Einzelstücke herstellen, müssen die Kundinnen woanders einen Rock oder eine Hose dazu finden können; die wenigsten wollen in bunten Hosen und bunten Pullovern gleichzeitig herumlaufen, auch wenn sie durchaus aufeinander abgestimmt sind. Die darauffolgenden Wochen schwelge ich dann in einer Fülle von Wolle, bis ich ungefähr ein Dutzend Strickmuster entworfen habe.«

»Die Sie nicht selber stricken?«

»Nein, ich stricke nur meine eigenen Sachen und auch nicht gar so viele, drei bis fünf im Jahr vielleicht… Dieses kleine Farmhaus ist ja wild romantisch!« Olivia blieb am Zaun stehen und sah auf ein überquellendes Durcheinander von Pflanzen, Gartenmöbeln und Kinderspielzeug. Diese Pracht steht tagsüber leer, sagen Sie?«

»Es muss so sein, immer, wenn ich vorbeikomme, ist alles still.«

Susan war daran vorbeigegangen, ehe sie stehen blieb. Olivia betrachtete sich alles eingehend, bevor sie zu ihr aufschloss. Erst nach weiteren fünfzig Metern redete sie weiter. »Wie lange sind Sie hier in Howlethurst?«

»Fast drei Wochen.«

»Und wann kamen Sie zum ersten Mal hier vorbei?«

»Nun, vor Jahren«, ihre Augen lächelten, »und vor vielleicht zwei Wochen… Die Leute könnten auch in Urlaub sein… meinen Sie das?« Olivia nickte wieder einmal.

»Oh, die Stille muss nichts bedeuten, nicht in England. Ein Familienwochenende und am Montag ab mit den Kindern in die Krippe, die Schule und zurück in das andere Leben. Sie sind anders aufgewachsen?«

»Ja, ganz anders. Meine Eltern wohnten bei den Eltern meines Vaters, sie unten, wir oben. Tagsüber lebte ich unten bei meiner Großmutter, mein Großvater hatte seine Schreinerwerkstatt hinten im Garten, er war also auch viel einfach da und ich lief zwischen ihnen hin und her und schaute zu und redete mit beiden. Wir redeten den ganzen Tag. Ich tat auch mit, wenn ich durfte.«

»Eine sehr unenglische Kindheit… ging es so weiter?«

»Nein! Als ich vier war, ging mein Vater, er war Archäologe, im Urwald von Belize oder Guatemala verloren. Ein gutes Jahr später gab es noch immer kein Lebenszeichen von ihm. Meine Mutter arbeitete in der Kostümabteilung des Victoria und Albert Museums. Als sie dann das Angebot bekam, die Verwaltung des historischen Kostümfundus der Salzburger Festspiele zu übernehmen, griff sie zu. Und ich geriet nach Österreich und in die dortige Schule, lernte richtig Deutsch in der täglichen Übung und pendele seitdem zwischen diesen beiden Ländern hin und her.«

»Das Leben ist doch mehr als seltsam.« Nachdenklich, den Blick auf die nächsten Meter vor ihren Füßen, ging Susan weiter. »Da gibt es eine ideale Konstellation und dann geht ein Familienmitglied einfach verloren und nichts ist mehr wie vorher. Waren Sie in Salzburg viel allein?«

»Nein. Das war meiner Mutter unvorstellbar.«

»In Salzburg geht man nicht so leicht verloren wie in Mittelamerika, nehme ich jedenfalls an.«

»Das wohl nicht. Aber ein Kind, das seine Umgebung überhaupt nicht kennt und die Sprache unvollkommen, ist ein spezieller Fall, so sah meine Mutter es jedenfalls. Nach der Schule ging ich in ihr Büro. Dort hatte sie mir einen eigenen Winkel eingerichtet mit einem kleinen Schreibtisch, an dem ich meine Schulaufgaben machte und mich in Bilderbüchern mit der deutschen Sprache herumschlug. Als ich mich allmählich in der deutschen Sprache sicher fühlte, begann ich auf eigene Faust die Schneiderwerkstätten zu entdecken, danach den Fundus – hunderte und aberhunderte von Kostümen… können Sie sich vorstellen, wie es ist, aus einem spannenden Buch aufzutauchen und in eine solche Welt zu geraten? Oder umgekehrt?«

»Vermutlich nicht. Meine Welt war immer sehr wirklich…«

»…und sie waren sehr allein… oder?«

»Schwer zu sagen, ich lebte meist unter vielen Menschen, in Krippen, Kindergärten, Ganztagsschulen, Internaten und in Indien in einem Waisenhaus. Allein, wirklich allein bin ich jetzt zum ersten Mal.«

»Sie waren früher häufiger hier?«

»Ein paar Mal, ja. In den letzten Jahren.«

»Wie kam es dazu?«

Susans Blick streifte ihre Gefährtin, die riesige Schafweide und konzentrierte sich dann wieder auf die wenigen Meter vor sich. »Es scheint alles so lange her zu sein und dabei sind es ganze viereinhalb Jahre. Damals traf ich Tante Delia in London. Ich verbrachte gerade einige Ferientage bei meiner Mutter und irgendwie erreichte mich ihre Einladung zu einem Picknick in der Heide von Hampstead. Ich sehe das London dieses Tages immer wieder vor mir, von jenem Hügel aus unten im Sommerdunst. Es war meine Stadt, nie hatte ich das so deutlich empfunden. Ich hatte überhaupt nie das Gefühl gehabt, irgendwohin zu gehören. Tante Delia hatte mich wohl beobachtet, jedenfalls stellte sie die richtigen Fragen und das Ende dieses Gespräches war eine Einladung in ihr Haus in Kent, das nun das meine ist.« Sie schwieg und ließ den Blick zurück und über die Schafe schweifen.

Ihr Lächeln zeigte sich wieder und sie folgte der stummen Aufforderung zum Weitersprechen. »Die ersten zwei Wochen hier veränderten mich mehr als ich damals erkannte. Im nächsten Sommer verbrachte ich die gesamten Ferien bei Tante Delia und fuhr nur gelegentlich für einen Tag nach London, um meine Mutter zu sehen oder einfach durch die Stadt zu laufen. Ich kannte London natürlich, schließlich bin ich dort aufgewachsen, von den Internatszeiten mal abgesehen, aber plötzlich war alles neu. Und dieses neue London gehörte auf aufregende Weise zu mir. Gelegentlich begleitete mich Tante Delia, aber nicht immer. Das ganze wiederholte sich im folgenden Sommer für vier Wochen, bevor ich nach Indien ging – und jetzt bin ich wieder hier…«

Sie waren im Reden über eine Kuppe gekommen und in einiger Entfernung sah man die ersten Häuser von Howlethurst liegen. »Schauen Sie mal«, Susan deutete mit dem Kopf leicht nach vorn, »dort taucht ein Bewohner dieses Ortes auf, der auch in Indien nicht auffallen würde.«

Sie näherten sich einander, er hielt sich genauso sorgfältig an den vorgegebenen Weg wie sie, fixierte Susan schließlich und blieb direkt vor ihr stehen. Der Mann war durchschnittlich groß, durchschnittlich breit und trug eine braune Tweedhose und eine dunkelgrüne Wetterjacke. Damit endete das Durchschnittliche abrupt. Der große Kopf wuchs ins Riesige durch eine Unmenge grauer, widerspenstiger Locken und sein Bart schien aus dem Drahthaar eines Terriers zu bestehen und bedeckte die Hälfte seiner Brust. Den Augenbrauen hatte die Natur ebenfalls ein Übermaß an Haaren zugedacht. Darunter hervor schauten wasserblaue Augen fest in Susans Gesicht. »Wieder unterwegs. Freut mich zu sehen.«

Susan antwortete mit einem Lächeln. Sie blieb stumm. Schließlich rissen seine Augen sich von ihr los und nahmen Olivia in den Blick. »Sie habe ich hier noch nicht gesehen. Besuch?« Olivia nickte schweigend. »Wir werden uns wiedersehen.« Er umrundete sie und kam hinter der Hügelkuppe zügig außer Sicht.

Olivia holte tief Luft: »Ein verkleideter Druide?«

»Wie schön, dass Sie das sagen! Vielleicht… Haben Sie seinen seltsamen Stock bemerkt? Nein? Er schwingt ihn immer in der Luft herum. Nie benutzt er ihn zum Abstützen.«

»Und?«

»Er hat auch keine Spitze, um ihn auf den Boden aufzusetzen, sondern zwei Teile, die mich an eine Zange erinnern, eine kleine Handzange an einem langen Stock.«

Zu ihrem Bedauern waren sie inzwischen auf der Hauptstraße angekommen, in einiger Entfernung lag das Kriegerdenkmal. »Er könnte die öffentlichen Anlagen dieses gepflegten Ortes reinigen und anschließend einen Spaziergang machen«, schlug Olivia vor.

Susan sah sie verwundert an. »Das wäre eine Möglichkeit…« Für den restlichen Spaziergang schwieg sie, auch wenn ihnen nur sehr vereinzelt jemand begegnete. Der Green war vollkommen leer bis auf den Postwagen, der gerade vor dem Pfarrhaus hielt. Olivia streckte ihr zum Abschied die Hand hin: »Wir werden uns bald wieder sehen?« Mit einem zustimmenden Lächeln wandte Susan sich ihrer Haustür zu.

Ein stilles Dorf in Kent

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