Читать книгу Ein stilles Dorf in Kent - Gerda M. Neumann - Страница 5
Kapitel 1
ОглавлениеKönntet ihr womöglich mit Leonards Auto kommen, Puck?‹
›Sicher! Wir können auch mit der Bahn kommen, wenn dir das lieber sein sollte? Allerdings hättest du dann die Fahrerei nach Staplehurst am Hals.‹
›Das macht nichts. Gar nichts. Wunderbar, Puck, ganz wunderbar. So machen wir es.‹
Olivia, die sich diesen Dialogfetzen in Erinnerung rief, während die Zugbremsen rumorten, blitzte Leonard vergnügt an: »Welches Geheimnis wohl auf uns wartet?« Und der Zug kam zum Stehen. Fast schneller als die Waggontüren sich öffneten, sprang sie auf den Bahnsteig und umarmte ihren Onkel.
Raymund Fisher war physisch betrachtet ein kleiner Mann, nicht viel größer als seine Nichte, also etwa ein Meter siebzig groß. Dazu hager, mit tiefen Furchen im Gesicht und, wie zur Milderung dieser Lebensspuren, einem sich allmählich lichtenden Dschungel grauer Locken. Olivia war überzeugt, dass er sie jetzt, wo er auf dem Lande lebte, gelegentlich eigenhändig mit der Schere traktierte. Er erwiderte ihre Umarmung mit Freuden. Dann umfasste er ihre Schultern und schob sie so weit von sich, dass er sie ansehen konnte. Zwei gleiche dunkelbraune Augenpaare versicherten sich ihrer Zusammengehörigkeit. Raymund Fisher drückte noch einmal die Schultern seiner Nichte, bevor er sich Leonard zuwandte.
Er mochte Olivias Freund oder Lebenspartner oder wie immer er ihn bezeichnen sollte – wie viel einfacher war es doch gewesen, als so eine Beziehung zur Ehe geführt hatte und man einfach von dem ›Mann‹ reden konnte – aber er war wohl wieder einmal unnötig kompliziert: Der baumlang vor ihm aufragende Mann war inzwischen auch für ihn einfach ›Leonard‹ und sie verstanden sich ausgezeichnet.
Während der Autofahrt schwiegen sie. Olivia schaute auf das vorbeiziehende Land: die heckenumsäumten Weiden, den lichten Wald, die roten Ziegelsteinhäuser von Sissinghurst und wieder auf Wald. Sie unterdrückte einen Seufzer: »Es ist so schön hier, Raymund, ich verstehe gerade überhaupt nicht, warum ich so lange nicht hier gewesen bin!«
»Das kann ich dir sagen, Puck, weil ich nicht hier sein wollte. Ich bin lieber nach London gekommen. Anns Tod hat mir diese ländliche Idylle entschieden verleidet… aber langsam wird es besser. Als in diesem Frühjahr die Osterglocken blühten und die bescheidenen Primeln unter den Hecken, fand ich das Leben alles in allem doch wieder ganz schön.«
Olivia nickte stumm. Bilder ihrer Tante Ann schoben sich vor die vorbeiziehende Landschaft. Ihre hellen, lachenden Augen in dem klaren alterslosen Gesicht, die glatten, kurzen Haare, die immer hellbraun geblieben zu sein schienen und allen Wetterunbillen standhielten, und die weitgeöffneten Arme, die sie zur Begrüßung fest an den weichen molligen Körper zogen. Gerade bevor eine unerwartete Traurigkeit sich ihrer bemächtigte, waren sie angekommen. Der Wagen hielt vor einer schwarzen Haustür. Den kurzen Weg von der Straße dorthin säumte Heiligenkraut. ›Es gibt kein gastlicheres Willkommen‹, dachte Olivia auch dieses Mal und wehrte sich entschlossen gegen die lauernde Traurigkeit. Der Zugang öffnete sich wie ausgestreckte Arme und machte Platz für zwei bequeme Holzsessel rechts und links neben der Haustür. Wer immer kam, er konnte sich niederlassen. Das Haus selbst war ein Fachwerkhaus aus der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts mit schiefen Wänden, einem behäbigen Dach und geziegelten Schornsteinen.
Raymund führte seine Gäste ins Bad, damit sie sich frisch machen konnten. Er selbst richtete den vorbereiteten Lunch, plötzlich ein wenig aufgeregt und ein klein wenig umständlich. Olivia versuchte zu helfen, doch er ließ es nicht zu. Also sah sie sich um. Onkel und Tante hatten das Haus zu beiden Seiten ausgebaut: Neben der Küche ein großes Bad und auf der gegenüberliegenden Seite neben dem Wohnzimmer eine Bibliothek, damit war der Garten zur Straße hin vollständig abgeschirmt, nur ein schmaler Weg an der Badezimmermauer entlang stellte die Verbindung nach draußen her. Anschließend hatten sie das Haus nach hinten geöffnet: Rückwand von Küche und Wohnzimmer markierten lediglich einige Stützsäulen, dahinter erstreckte sich in der vollen Ausdehnung des alten Hauses ein Wintergarten. Hier stand der Esstisch, an den Raymund sie nun einlud, Platz zu nehmen. Leonard trennte sich von dem ersten Bücherregal, an dem er hängen geblieben war, Bücher zur Geschichte von Kent und Gartenbücher. »Nicht nur«, Raymund deutete auf die beiden untersten Fächer, »dort stehen Bücher über Oxford und die Themse und so weiter. Die Vergangenheit lebt noch, wenn auch etwas abgesenkt.«
Während sie munter zugriffen, das Frühstück in Fulham lag nun doch eine Weile zurück, tauschten sie Neuigkeiten aus. Olivia hatte die Übersetzung eines modernen Romans ins Deutsche fast beendet, Leonard war gerade wieder in Mombasa gewesen, bei großen Wiederaufforstungsprojekten, an denen er als Wissenschaftler der London School of Economics teilnahm. Onkel Raymund stellte viele Fragen und gewann dabei seine alte, Olivia so sehr vertraute Gelassenheit zurück. Er selber hatte die letzten Wochen hindurch gelesen, wie auch all die Monate davor, viele Bücher, die er sein Leben lang schon hatte lesen wollen, war Fragen nachgegangen, zu denen er immer schon Antworten hatte bekommen wollen. Und nichts von alledem hatte mit seinem Fachgebiet als Universitätsprofessor zu tun gehabt. »Wisst ihr, Militärgeschichte ist nicht geeignet, persönliche Fragen zu beantworten. Ganz gelegentlich denke ich in den letzten Wochen wieder an meine alte Profession, aber noch drängt es mich nicht zur Rückkehr.«
Olivia sah ihn aufmerksam an: »Aber mit irgendwelchen strategischen Fragen beschäftigst du dich, sonst hätten wir nicht mit der Bahn kommen sollen.« Ein Grummeln, das fast aus Raymunds Brustkorb zu kommen schien, ersetzte die Antwort und ließ Olivia und Leonard kurzfristig den Atem anhalten. Ein ganz ähnliches Grummeln schien von den Palmen her zu antworten, die am anderen Ende des Wintergartens um eine Sitzgruppe herumstanden. Der Haufen aus Kissen und Decken, der dort lag, bewegte sich und ein Katzengesicht schob sich verschlafen aus der Lücke unter der Decke heraus. Die beiden Gäste starrten es an und die schrägen Bernsteinaugen starrten sie an. Onkel Raymund nahm das verschlafene Tier auf den Arm: »Siehst du, das ist Olivia und da drüben, das ist Leonard, zwei sehr enge Familienmitglieder, du solltest dich mit ihnen anfreunden, bitte.« Und mit einem leisen Lächeln fuhr er fort: »Darf ich vorstellen: Marmalade, Nachfahrin von Jock III. Hausherr über Chartwell.«
»Das ist nicht wahr!«
»Aber ja, Puck, natürlich ist es wahr.« Das Lächeln in seinen Augen verstärkte sich, während er sachlich erklärte: »Winston Churchill wünschte sich, dass immer ein Nachfahre seines Katers Jock auf Chartwell leben sollte. Und ihr wisst ja, erfüllbaren Wünschen kommt der National Trust durchaus nach. Katzen haben aber nun mal nicht nur einen Nachkommen und so fand ein alter Freund nach Anns Tod, es sei eine gute Idee, mir eine Nachfahrin von Churchills Kater in Obhut zu geben… für einen alten Militärhistoriker nachgerade eine Schuldigkeit… Wie dem auch sei, ich habe diesem lieben Gesicht nicht lange widerstanden.«
»Du hast mir nie davon erzählt!«
»Nein. Zu Anfang war es mir ein wenig peinlich, fürchte ich. Und dann dachte ich, es sei das nächstliegende, ihr würdet euch einfach kennenlernen.«
Olivia war zu ihrem Onkel an die Glasfront getreten und betrachtete das Tier auf seinem Arm: Es hatte weiches ingwerfarbenes Fell mit einem leichten Tigermuster, einen weißen Brustlatz, weiße Pfoten und eine rosa Nasenspitze wie ein Jaguar. Leise begann sie mit ihr zu reden, nach kurzem Zögern schnupperte Marmalade in den Luftraum zwischen sich und der fremden Frau. Raymund setzte sie auf den Boden und öffnete die Tür: »Kommt, wir gehen ein wenig durch den Garten.«
Der Garten war von hohen Hecken umschlossen. Dem Wintergarten gegenüber standen Haselnusssträucher im ersten Frühlingsgrün, zur rechten, auf der Seite der Bibliothek, wuchs eine dichte Taxushecke, davor lagen einige Gemüsebeete, und zur linken, nach Süden, schloss eine Lorbeerhecke das Grundstück ab. Es war groß genug, dass man sich bedenkenlos draußen unterhalten konnte. Marmalade strich um sie herum und entschied sich dann, Leonard genauer kennenzulernen. »Das letzte Jahr war ein schlechtes Haselnussjahr, in diesem Frühjahr sehen die Sträucher vielversprechender aus.« Raymund schlenderte auf die Hecke zu.
»Klingt wie die Gesprächseröffnung eines MI5-Agenten.« Keine Reaktion.
»Schau, die Wolfsmilch blüht, die Leberblümchen nicht mehr, aber bald werden die Akelei wieder Blau vor die Hecken bringen. Da drüben übrigens«, er deutete nach links an die Füße eines besonders mächtigen Strauches, »werden etwas später wilde Akelei blühen, sie sind weinrot und klein, eine bescheidene, sehr schöne Waldblume.« Olivia liebte Gärten. So hatte sie kein Problem mit dem Thema, das ihr Onkel beharrlich verfolgte. Gleichzeitig wuchs die Neugier auf das, was er nicht erzählte, mit mindestens gleicher Beharrlichkeit.
Die Rettung bog im schwarzen Anzug um die Ecke des Wintergartens. Der Anzug gehörte zu einem korpulenten, mäßig großen Mann. Dessen kahlen Schädel umstand ein dichter, sorgfältig gestutzter Kranz grauer Haare. Auf der Nase saß eine unauffällige Hornbrille. Den Oberkörper leicht zur Seite geneigt eilte der Pfarrer die Gartenpfade entlang, die Rechte zum Gruß ausgestreckt. »Miss Lawrence, wie schön, Sie zu sehen. Es freut mich wirklich sehr.« Höflich reichte sie ihm ihrerseits die Hand. Sie hatte Pfarrer Mottram vor drei oder vier Jahren kennengelernt, als sie Tante und Onkel in ihrem neuen Haus besucht und sich im Sonntagsgottesdienst wiedergefunden hatte. Raymund spielte die Orgel. In Oxford hatte er es zwei Jahrzehnte hindurch jeden Abend unter der Woche getan, in der Kapelle seines Colleges. Hier in Howlethurst in Kent, seinem neuen Wohnort, spielte er nun bei allen größeren Gottesdiensten. Auf diesem Wege war er zu einem bekannten und anerkannten Gemeindemitglied geworden, wiewohl er gerade mal vier Jahre in Howlethurst lebte, davon die Hälfte der Zeit als Witwer. Olivia hatte den Pfarrer allerdings wesentlich zurückhaltender in Erinnerung. Im Moment wirkte er ein wenig seltsam, mit einer unterdrückten Unruhe, die anscheinend mit ihr zu tun hatte. Seine eindringliche Musterung beendete sie, indem sie ihm Leonard vorstellte.
»Mr Kilpatrick«, seine Wendung zu dem Mann etwas abseits auf dem Rasen verlief so heftig, dass er dabei Marmalade mit dem Fuß anstieß. Gekränkt marschierte sie davon; auch sie schien ihren alten Freund heute verändert zu finden. »Es freut mich natürlich außerordentlich, dass Sie Ihre Frau begleitet haben. Jeder Denker mehr erhöht die Möglichkeit, unser Problem zu erhellen. Gerade die Unvoreingenommenheit eines Außenstehenden scheint mir Hilfe zu versprechen. Raymund und ich sind ratlos, müssen Sie wissen. Vollständig ratlos. Verstehen Sie?«
»Um ehrlich zu sein – nein. Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen«, bekannte Leonard.
Der Pfarrer vollführte eine weitere heftige Bewegung um seine Achse: »Raymund, soll das heißen, du hast noch nicht über unser Problem gesprochen? In all der Zeit?«
»In all der Zeit! Olivia und Leonard sind gerade mal anderthalb Stunden hier. Und das nach zwei Jahren! Da muss man doch erst einmal in Ruhe ankommen.«
»Wenn du dazu die Ruhe hast… ich meine, es ist ja nicht so, dass ihr euch die Jahre hindurch nicht gesehen hättet.«
»Roger…« Raymunds Hand legte sich leicht um den Oberarm seines Freundes, »wir werden es jetzt tun, nachdem wir Tee gekocht und Fenster und Türen geschlossen haben.«
Olivia musterte unauffällig den sichtlich rastlosen Pfarrer, während sie Teegeschirr zu jener Sitzecke des Wintergartens trug, die dem Wohnzimmer vorgelagert war und mit einer reichen Sammlung großer Topfpflanzen wie die Lichtung in einem Hain wirkte. Ganz natürlich hatte Marmalade hier ihren Schlafplatz bekommen, fand sie. Mitten auf dem Tisch thronte die Plätzchendose ihrer Tante, so wie immer. Sie musste einfach hineingucken – und staunte: Duft von frischem Ingwer strömte ihr entgegen. »Ingwerplätzchen! Raymund, darf ich kosten?«
»Selbstverständlich! Greif zu!«
Sie knabberte an dem knusprigen und gleichzeitig ein wenig klebrigen Keks und schaute zu, wie ihr Onkel das gerade nicht mehr kochende Wasser geruhsam über die Teeblätter goss. Schließlich war die große Kanne gefüllt. »Die Plätzchen sind auch gut, aber ganz anders als die von Ann.«
»Aber ja, Puck! Sei nicht enttäuscht, alles im Leben ändert sich einmal. Und gerade für Ingwerplätzchen, denke ich, hat jede englische Hausfrau ihr Geheimrezept. Diese enthalten bestimmt irgendetwas von der Quitte. Sie sind von Aphra Mottram, weißt du…«