Читать книгу Ein stilles Dorf in Kent - Gerda M. Neumann - Страница 13
Kapitel 6
ОглавлениеDie große Tür zu Mrs Grahams Haus stand an diesem warmen Aprilnachmittag weit offen. Als erstes fielen Olivia die vielen schweren Sessel auf, die zahlreich und willkürlich in der Halle verteilt standen. In einem hockte ein Mädchen auf seinen Fersen, ein Buch auf dem Schoß und Finger in den Ohren, versenkt in seine Geschichte. Rechts neben der Tür stand ein ausladender geschlossener Schreibtisch, dahinter eine sympathische Frau um die Vierzig. Raymund stellte sie Olivia als Mrs Higham vor und fragte nach der Hausherrin. Olivia hörte ein helles, fast mädchenhaftes Lachen und eine kleine, zierliche Frau eilte heran.
»Mr Fisher! Oh, ich sehe, Sie haben Besuch. Wir kommen einmal ohne weiteres ohne Sie aus. Besuch ist etwas so Schönes. Noch dazu bei diesem Wetter!« Ihre hohe, leicht aufgeregte Stimme schwebte gleichsam auf der letzten Silbe und eine Pause trat ein.
»Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber sehen Sie, meine Nichte liebt Bücher und würde sich gern in Ruhe umschauen, während ich meinen Pflichten nachgehe. Darf ich sie Ihnen vorstellen: Viola Imbry.« Mrs Higham war hinter ihrem Schreibtisch hervorgekommen und schüttelte Olivia herzlich die Hand. Mrs Graham verhielt sich etwas förmlicher, aber ihr Willkommen war genauso herzlich gemeint. Mit behutsamer Nachhilfe von Raymund Fisher nahm sie seine Nichte Viola schließlich unter ihre Fittiche und zeigte ihr die Bücherei.
Die Eingangshalle und drei große Räume im Erdgeschoss hatten Bücherschränke bis zur Decke – fast war man versucht zu sagen, an allen vier Wänden. Doch die beiden Erker der großen Räume rechts und links der Halle waren ausgespart, in ihnen standen Sessel. Mit den Erkern im Rücken hatte man in beiden Räumen zwei deckenhohe Regale vor sich, rechts und links frei im Raum stehend, zwischen denen ein halbhohes Regal stand, über das hinweg man die gegenüberliegenden Türen sah. Die eine führte in die Wohnküche, die beiden Flügel der anderen standen offen und ließen den Blick über ein quer stehendes Regal durch die gegenüberliegenden Fenster in den Garten schweifen. Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass die freistehenden Regale auf beiden Seiten gut gefüllte Fächer hatten.
»Das ist Wahnsinn…« Olivia blieb vor einigen Stößen Kinderbüchern stehen, die am Boden lagen.
»Allmählich wird es etwas voll«, wieder erklang dieses mädchenhafte Lachen. »Aber wenn genügend Bücher ausgeliehen sind, haben diese wieder Platz im Regal.«
»Sie sortieren keine Bücher aus?«
»Aber nein! Das wäre doch zu schade! Ich finde die gelegentlichen Stöße sehr gemütlich.«
Olivia drehte sich einmal um die eigene Achse, um zum Abschluss ihre Arme auszubreiten: »Mrs Graham, dies alles ist… wie die Welt aus einem Kinderbuch!«
»Warum gerade das?« Hell schwebte die Frage zu ihr herüber, von Verblüffung getragen.
Langsam ließ Olivia die Arme sinken und sah sich ruhig um. »Erst einmal diese Überfülle von Büchern… dann diese großzügigen Räume: Die Fenster, der Stuck rundum an der Decke… die vielen riesigen Sessel… wenn man um die hohen Regale biegt, weiß man nicht, was einen erwartet, vielleicht… zumindest in einem Buch wäre das der Fall… und noch mehr Bücherstöße… es scheint mir die ideale Voraussetzung zum Stöbern…« Sie sah die zierliche, grauhaarige Frau mit blitzenden Augen an: »Ich komme ins Schwärmen, aber irgendwie fühle ich mich, als wäre ich in einen Traum gefallen, der mir enorm gefällt!«
»Entschuldigen Sie bitte, wenn ich mich so dazwischen dränge. Habe ich gerade gehört, Sie finden unsere kleine Bücherei traumhaft?«
Olivia wirbelte herum und sah vor sich eine Frau unbestimmten Alters, mindestens einen Kopf größer als sie selber, sehr aufrecht, dadurch ein wenig an eine strenge Schulleiterin erinnernd, die sie nüchtern musterte. Mit einer leichten Kopfneigung stimmte sie zu.
»Ivy«, wandte sich die Frau an Mrs Graham, »das Kompliment bekommt man nicht alle Tage.« Und zu Olivia gewandt fuhr sie fort: »Darf ich annehmen, dass ich in Ihnen die Nichte von Mr Fisher vor mir habe? Ich hörte, dass er Besuch bekommt.« Die Frage, klar artikuliert, kühl im Ton, löste Olivias Büchertraum in die Wirklichkeit auf.
»Ja, richtig, ich bin eine Nichte von Mr Fisher.«
»Es freut mich, sie in unserer Gemeinde begrüßen zu dürfen.« Das klang förmlich, aber nicht unfreundlich. »Darf ich annehmen, dass Sie länger bleiben, da Sie sich hier so eingehend umschauen?«
Eine erneute Neigung des Kopfes bestätigte auch diese Frage.
»Bitte, darf ich Sie einander vorstellen«, Mrs Grahams helle Stimme milderte unwillkürlich die kühle Tonlage der anderen Frau, »dies ist Lady Evelyn Cardoon, sie bewohnt das Herrenhaus von Howlethurst. Ihre Familie hat es vor mehr als vierhundert Jahren gebaut – Evelyn, dies ist Viola Imbry, Mr Fishers Nichte, es ist genauso wie Sie angenommen haben.«
Lady Cardoon musterte sie aus ihrer natürlichen Höhe ungestört weiter, bis Olivia schließlich ein offizielles Lächeln aufsetzte: »Ich bin kein gefährliches Tier, ich interessiere mich nur für Bücher. Und für Inneneinrichtung«, schob sie hinterher, ohne genau zu wissen, warum eigentlich.
Eine Augenbraue hob sich leicht, ein wissendes Lächeln spielte um die Mundwinkel, Lady Evelyn Cardoon folgte ihren eigenen, jahrhundertealten Verhaltensweisen: »Das sagen Sie so, aber in Wirklichkeit sind Sie Privatdetektivin!«
»Wie kommen Sie denn darauf? Nein, das nun ganz und gar nicht!«
Mit der kühlen Distanziertheit, die Lady Cardoons angeborenes Verhalten war, stellte sie mit leichtem Tadel in der Stimme fest: »Mr Fishers Nichte verhinderte den Mord an der Bildhauerin Viktoria Gaynesford«, so als würde sie einer unwissenden Schülerin auf die Sprünge helfen.
›Zu wem spricht sie jetzt‹, fragte Olivia sich unwillkürlich und hielt der Musterung weiter stand.
»Seine Frau hat es seinerzeit hier überall erzählt«, ergänzte Lady Cardoon, wieder leise tadelnd.
»Hat sie das…? Dann sprechen Sie von meiner Cousine. Aber sie ist auch keine Privatdetektivin, sondern Übersetzerin und… ja, Kulturjournalistin, vielleicht könnte man das so sagen. Sie schrieb damals einen großen Artikel über Viktoria Gaynesford für ein Kunstmagazin. Auf dem Wege geriet sie in die ganze Geschichte hinein.«
»Ach so, mehr war es nicht? Lediglich ein Zufall?«
»Aber Evelyn, ich bitte Sie, das klingt, als wäre es dann nur noch halb so viel wert. Die aufmerksame junge Frau hat ein Menschenleben gerettet.«
»Richtig.« Lady Cardoon gab ihre Musterung auf und gönnte Ivy Graham einen nachdenklichen Blick, bei dem Olivia der hervorstechende scharfe Nasenrücken der strengen Lady ins Auge fiel. Leonard hatte mal behauptet, diese Art Nasen seien der Ausweis uralten Adels. »Du sagst es – wenn diese junge Dame hier Bücher so sehr liebt, will ich ihr nicht weiter im Weg stehen. Wir werden uns vermutlich gelegentlich begegnen…« sie sah Olivia abwartend an. »Sie bleiben doch länger, sagten Sie das nicht?«
»Ich denke schon«, gab Olivia bereitwillig zu, der kurze Satz klang in Lady Cardoons Rücken aus.
»Nehmen Sie ihr ihre etwas herablassende Art bitte nicht übel«, Mrs Grahams helle Stimme verhehlte den Ärger nicht ganz. »Sie wird mit den Jahren immer kühler im Ton und ich kann das so gar nicht vertragen.«
»Haben Sie denn viel mit ihr zu tun?«
»Ja und nein. Dienstags sitzt sie seit einigen Wochen vorn an der Bücherausgabe, sie ist vorübergehend für eine sehr nette Frau eingesprungen. Ich glaube, die Kinder kommen nun vermehrt an den anderen Tagen.«
»Das stimmt! Ich kann sie gar nicht leiden!«
»Aber Jemima, nimm es nicht persönlich. Sie kommt einfach aus einer anderen Gesellschaftsschicht. Und hier im Ort ist sie die einzige aus dieser Welt, das ist sicher auch für sie schwierig, weißt du?«
»Weiß ich. Darf ich mal an die Bücher, vor denen Sie stehen, bitte.«
Mrs Graham trat freundlich beiseite. »Das ist Jemima«, wandte sie sich mit einer einladenden Handbewegung wieder an Olivia.
»Und ich bin Viola.«
»Hab ich schon gehört.«
»Und ich dachte, du bist tief in dein Buch versunken.«
»War ich auch. Ich weiß nicht, wann Sie gekommen sind. Aber ich habe vorhin zugehört, als die alte Distel mit Ihnen geredet hat.«
Das Entsetzen von Mrs Graham beantwortete Olivia mit kaum zurückgehaltenem Gelächter. »Jemima, Cardoons sind die hohen, sehr schönen Silberdisteln. Stechen tun die anderen, die Thistles, die auf den Wiesen zwischen den Blumen wachsen und einen in die Fußsohlen beißen; du weißt, die Dinger, die Iaah vorgibt, so gerne zu fressen.«
»Sie mögen die Geschichten von Pooh?« Jemima strahlte. Doch umgehend schob sie die Schultern nach hinten: »Obwohl ich sie jetzt nicht mehr lese!«
»Warum nicht? Ich lese sie immer wieder, auch heute noch, wenn ich mich ganz schlecht fühle, zum Beispiel nach einem gruseligen Traum, mitten in der Nacht.«
»Das hilft?«
»Bei mir immer. Versuch es mal.« Mit einer leichten Geste auf das Regal, das sie blockierte, trat Olivia beiseite und ging mit ihrer Gastgeberin zurück in die Diele. Mrs Higham nahm gerade mehrere Bücher zurück, von einer großen, ernsten Frau mit schneeweißen Haaren, zu einem Knoten verschlungen. Sie redeten freundlich miteinander. »Irgendwo hier, Mrs Graham, standen doch die Bücher über Kent.« Olivia ließ sich im Schneidersitz davor nieder.