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|IX|Vorwort

(1) In diesem Buch stecken 20 Jahre Arbeit. Es ist das Produkt einer intensiven Beschäftigung mit grundlegend konzeptionellen Forschungsfragen für eine Theorie der modernen Gesellschaft. Für mich persönlich war diese Arbeit außerordentlich wichtig – und produktiv. Sie ist in ein „ordonomisches“ Forschungsprogramm gemündet, das ich als Wirtschaftsethiker verfolge.[1]

Dieses Buch ist aus der Überzeugung entstanden, dass eine gründliche Beschäftigung mit Gesellschaftstheorie (und darauf aufbauender Gesellschaftspolitik) auch anderweitig orientierten Lesern Nutzen zu stiften vermag. In jedem Fall soll seine Lektüre zum eigenständigen (Weiter-)Denken anregen.

Vorgestellt werden 20 Autoren, die den Rang eines gesellschaftstheoretischen Klassikers beanspruchen dürfen. Jeder dieser Autoren wird systematisch darauf hin befragt, welche Problemstellung seinem Gesamtwerk zugrunde liegt, mit welchen Erkenntnisgewinnen diese Problemstellung bearbeitet wurde und welche Lektionen das Gesamtwerk für die heutige Forschung zu bieten hat.

Mit besonderer Aufmerksamkeit wird der Frage nachgegangen, welchen Stellenwert die hier untersuchten Klassiker den Institutionen – und dem öffentlichen Verständnis von Institutionen – beimessen, die das Verhalten der Individuen aufeinander abstimmen, indem sie nicht nur die intendierten, sondern vor allem auch die nicht-intendierten Auswirkungen individuellen Verhaltens gesellschaftlich koordinieren. Das implizite Motto der 20 Aufsätze lautet, dass Theorie für die Praxis gemacht wird. Deshalb wird jeder Klassiker auch daraufhin befragt, welche gesellschaftspolitischen Implikationen sich mit seinem Gesamtwerk verbinden.

Im Vordergrund der 20 Aufsätze steht nicht, etwas über die Klassiker zu lernen, sondern etwas von ihnen zu lernen. Diese Untersuchungen zur Gesellschaftstheorie eignen sich für Forschung und Lehre: als Inspiration für die eigene theoretische Arbeit, als Nachschlagewerk für einzelne Autoren, als Seminargrundlage oder als Vorbereitung für ein Selbststudium. Neben Ökonomen spricht dieses Buch vor allem Philosophen, Soziologen und Politikwissenschaftler an, aber auch Pädagogen sowie all jene, die sich mit den theoretischen Grundlagen der modernen Gesellschaft vertraut machen möchten.

Im Unterschied zu sonstigen Sammelbänden weist dieses Buch mehrere Besonderheiten auf: Alle Aufsätze stammen aus (m)einer Hand, sind also aus einer |X|einheitlichen Perspektive – mit jeweils dem gleichen Erkenntnisinteresse – geschrieben und verleihen dem Buch so Homogenität und thematische Geschlossenheit. Die Aufsätze zielen auf ein vertieftes Verständnis des je zugrunde liegendendes Denk-Ansatzes. Deshalb werden die einzelnen Klassiker nicht kursorisch abgehandelt, etwa anhand einzelner Schriften, mit denen sie berühmt geworden sind. Stattdessen wird systematisch stets das Gesamtwerk betrachtet. Diese Vorgehensweise ermöglicht es, einen roten Faden zu rekonstruieren, der die einzelnen Schriften des Klassikers miteinander verbindet. Die grundlegende Problemstellung (und gegebenenfalls deren Änderung im Zeitverlauf), mit der sich die gesellschaftstheoretischen Denker in ihrem jeweiligen Gesamtwerk auseinandergesetzt haben, soll auf diese Weise deutlich werden. Dies ist wichtig, weil nur so die Art der Problembearbeitung verständlich wird, für die sich die einzelnen Klassiker jeweils entschieden haben. Insofern lässt sich die den einzelnen Aufsätzen zugrunde liegende Interpretationsmethode als systematische Kombination mikroskopischer Textexegese und makroskopischer Werkexegese kennzeichnen, die die Detailanalyse einzelner Schriften und den Blick fürs große Ganze wechselseitig füreinander fruchtbar zu machen versucht: In jedem Aufsatz wird eine Lesart vorgestellt, derzufolge die einzelnen Schriften eines Klassikers sich jeweils zu einem Gesamtwerk fügen, das einen Sinnzusammenhang konstituiert und mithin einen Kon-Text bildet, durch dessen explizite Berücksichtigung sich die einzelnen Texte des jeweiligen Autors nicht nur präziser auslegen, sondern auch besser verstehen und einordnen lassen.

Dieses Buch hat einen ökonomischen Schwerpunkt, behandelt aber über die Disziplingrenzen hinweg auch philosophische, soziologische, historische und politikwissenschaftliche Aspekte. Die ökonomischen Konzepte sind mit Hilfe von Graphiken didaktisch so aufgearbeitet, dass man auch als Laie ohne vertiefte Mathematikkenntnisse die grundlegenden Ideen nachvollziehen kann. Insofern versteht sich dieses Buch als integrativer Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Inter-Disziplinarität: Es versucht, die Verständnislosigkeit zu überwinden, mit der sich Vertreter unterschiedlicher Disziplinen oft begegnen, indem es auf eine möglichst klar formulierte – und damit der Kritik zugängliche – Problemexposition setzt sowie auf die Arbeitshypothese, dass sich unterschiedliche Perspektiven nicht widersprechen müssen, sondern vielmehr ergänzen können.

Bei den hier versammelten 20 Aufsätzen handelt es sich ursprünglich um die von mir geschriebenen Einleitungstexte der Schriftenreihe „Konzepte der Gesellschaftstheorie“, deren Einzelbände zwischen 1995 und 2014 jedes Jahr gemeinsam von Martin Leschke und mir im Verlag Mohr Siebeck herausgegeben wurden.[2] Diese Einleitungsaufsätze werden hier erstmalig gesammelt veröffentlicht. Sie sind weitgehend unverändert wieder abgedruckt. Jedem Aufsatz wurde ein Nachtrag hinzugefügt, der aktuelle Informationen zum Klassiker und seinem Werk ergänzt. Die Rechtschreibung wurde vereinheitlicht. Ferner wurden die Graphiken neu gesetzt.

(2) Georg Siebeck ist herzlich zu danken für den ganz außerordentlichen Mut, den er seinerzeit als Verleger an den Tag gelegt hat, zwei gerade erst frisch promovierten Nachwuchswissenschaftlern zuzutrauen (und sie durch dieses Zutrauen |XI|zu begeistern und zu befähigen), eine eigene Schriftenreihe aus der Taufe zu heben. Auch Martin Leschke gegenüber habe ich eine große Dankesschuld angehäuft: für eine nunmehr 20jährige (und hoffentlich noch lange fortbestehende) Zusammenarbeit, die stets reibungslos und – wenigstens für mich – äußerst lehrreich war. Den Teilnehmern der Konferenzen zu den „Konzepten der Gesellschaftstheorie“ verdanke ich unzählige Anregungen und Hinweise für konstruktive Kritik. Gleiches gilt für die Gruppe hochtalentierter (Nachwuchs-)Wissenschaftler, die sich mit mir für die Ordonomik engagieren. Stellvertretend seien hier nur Markus Beckmann, Stefan Hielscher und Matthias Georg Will namentlich genannt. Julia Cachay ist zu danken für die tatkräftige Unterstützung bei der Überarbeitung von beinahe 100 Graphiken, Fabian Horstmann für die Erstellung der Register. Stephanie Warnke-De Nobili ist zu danken, weil sie mit großem Engagement dieses Buchprojekt betreut hat. Der Verlag war bei der Beschaffung der Photos behilflich. Last not least gilt ein von Herzen kommendes Dankeschön meiner Frau, ohne deren verlässliche Unterstützung – nicht nur in Form von Nachsicht, Geduld und Verständnis – das immense Arbeitsprogramm nicht durchführbar gewesen wäre, von dem die hier abgedruckten 20 Aufsätze Zeugnis ablegen.

(3) Schlussbemerkung: Als Wirtschaftsethiker bin ich ganz bewusst sehr zurückhaltend, was moralische Appelle anbelangt. Deshalb möchte ich niemanden dazu aufrufen, das Buch in einem Zug von vorn nach hinten durchzulesen, zumal jedes einzelne der 20 Kapitel für sich allein steht und unabhängig von den anderen verstanden werden kann. Aber ein konstruktiver Hinweis sei mir an dieser Stelle doch erlaubt: Wenn man die Beiträge dieses Buches so liest, wie ich es bei der redaktionellen Überarbeitung getan habe (nämlich chronologisch und in einem Zug), dann bilden die 20 Aufsätze – auch aufgrund gelegentlicher Querverweise – einen inneren Zusammenhang, eine Art Argumentationsbogen. Der könnte seinerseits interessant und aufschlussreich sein – und keineswegs nur für jene Leser, die der hochgradig speziellen Frage nachgehen, warum bestimmte theoriestrategische Weichenstellungen im Forschungsprogramm der Ordonomik so und nicht anders vorgenommen werden: Der rote Faden (und das Credo) dieses Buches besteht in der Überzeugung, dass die moderne Gesellschaft so überaus komplex geworden ist, dass der gesunde Menschenverstand einer möglichst leistungsfähigen und an klassischen Vorbildern geschulten Theorie bedarf. Ohne eine methodisch reflektierte Komplexitätsreduktion laufen wir Bürger nämlich Gefahr, buchstäblich die Welt nicht mehr zu verstehen – und sie dann auch nicht konstruktiv gestalten zu können.

Halle, im Juni 2016 Ingo Pies

Moderne Klassiker der Gesellschaftstheorie

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