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Trauer ohne Tränen

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Nicht allen ist es gegeben, ihre Trauer so elementar zu äußern wie Dostojewski oder Hugo. Manche tragen stumm an ihrem Leid, erstarren seelisch und verlieren den Kontakt zur Umwelt. Bei anderen weiß man nicht, ob das Schweigen echte Gefühlsscheu, Stoizismus oder Gefühlskälte ist. Der sonst so mitteilsame Michel de Montaigne verlor wenig Worte über den Tod seiner fünf Töchter, vermutlich weil es »nur« Mädchen waren, und schickte seiner Frau den Trostbrief des Plutarch.

Theodor Fontane schrieb nach dem Tode seines Sohnes: »Der Dritte, seines Todes froh / Liegt auf dem weiten Teltow-Plateau.« Dass der befremdliche Ausdruck nicht nur »des Reimes willen« zustande kam, belegt eine Tagebuchnotiz, die von geradezu bestürzender Unberührtheit des Gefühls zu zeugen scheint: »… Am Freitag schien es etwas besser, dann kam eine furchtbare Nacht (Mete pflegte ihn von Dienstag an) und am Sonnabend früh um 9 Uhr starb er. Als ich eintrat, war er eben tot. Das Begräbnis war herrlich, 4 Uhr Nachmittag, schönster Herbsttag, Exzellenzen und Generäle in Fülle. Kränze über Kränze, und die Gardeschützen gaben die drei Salven, die ihm als ›alten Krieger‹ zukamen. Er liegt nun auf dem Lichterfelder Kirchhof, einem umzäunten Stück Ackerland, und ich wünschte mir die gleiche Stelle …« Bei Effi Briests Tod offenbarte er eine ganz andere Wärme des Gefühls. Ob seine Romanfiguren ihm näher gestanden haben als der eigene Sohn oder ob der altersweise Schriftsteller seine Resignation hinter äußeren Fakten verbirgt oder neutralisiert, wer wagte es, darüber ein Urteil zu fällen?

Nach dem Tod seines einzigen Kindes und seiner Frau schrieb Lessing recht philosophisch und geistreich: »Die Freude war nur kurz. Und ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn! Denn er hatte soviel Verstand! Soviel Verstand! – Soviel Verstand! … Glauben Sie nicht, dass die wenigen Stunden meiner Vaterschaft mich schon zu einem Affen von Vater gemacht haben! Ich weiß, was ich sage. War es nicht Verstand, dass man ihn mit eisernen Zangen auf die Welt ziehen musste? Dass er so bald Unrat merkte? War es nicht Verstand, dass er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen? Freilich zerrt mir der Ruschelkopf auch die Mutter mit fort.« Wenn er dann noch hinzufügt: »Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen«, so verstehen wir, dass hier jemand in seinem Tiefsten getroffen ist, dass er aber seinen Schmerz heroisch-männlich niederkämpft. Nicht bei jedermann haben Tränen eine heilsame Wirkung.

Rabindranath Tagore zeigte äußerlich keine Trauer beim Verlust seiner drei Kinder, weil er sich schämte, vor aller Augen seinen Schmerz »zu erniedrigen«.

Igor Strawinsky verlor 1938 seine fast 30-jährige Tochter Ludmilla, deren Tragödie er hautnah am Krankenbett miterlebt hatte. Aber in seinem Konzert »Dumbarton Oaks«, das er gerade damals komponierte, findet sich keine Spur einer Trauerarbeit. Beim Tode bedeutender Persönlichkeiten schrieb er jedoch eine beachtliche Reihe von Elegien, von Rimsky-Korsakov bis Kennedy.

Thomas Mann ging 1948 sofort nach dem Freitod seines Sohnes Klaus zur »Tagesordnung« über und sagte keinen einzigen öffentlichen Auftritt ab. Offensichtlich wollte er sich nicht die Blöße geben, einem Fremden Einblick in sein innerstes Gefühlsleben zu gewähren. Die Trauer blieb seine Privatsphäre. Ihm war deutlich bewusst, was Platen so scharf und pessimistisch formuliert hat:

»Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts,

Es kehrt an das, was Kranke quält, sich ewig der Gesunde nichts!«

André Malraux verlor am 23. Mai 1961 bei einem Verkehrsunfall seine beiden einzigen Söhne Gauthier und Vincent. Wenige Tage darauf nahm er an einem offiziellen Empfang bei de Gaulle teil und führte als Kulturminister den amerikanischen Präsidenten Kennedy durch die Prunkräume von Versailles, ohne ein einziges Wort über seinen Verlust zu verlieren.

Vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang auch ein prominentes Gegenbeispiel anführen: Joe Biden, der 46. Präsident der Vereinigten Staaten, kam immer wieder auf seine persönlichen Verluste zu sprechen, auf den frühen Tod seiner Frau und seiner Tochter, besonders auf den Tod seines erfolgreichen Sohnes Joseph Robinette Beau, der am 30. Mai 2015 an einem Hirntumor gestorben ist. Am Vorabend seiner Vereidigung, am 19. Januar 2021, würdigte er dessen Verdienste und fügte hinzu: »I only have one regret. Beau is not here. Because we should be introducing him as president.« Nur allzu gerne hätte er seinem Sohn die Präsidentschaft überlassen.


Die Gräfin von Nassau-Saarbrücken mit ihren drei Kindern.

Allerdings, in einer Gesellschaft, deren Wertmesser nur Glück, Schönheit und Erfolg gelten lassen, ist Trauer eine höchst unwillkommene Erscheinung. Ihre äußeren Zeichen werden als Störfaktor und Zumutung empfunden und müssen tunlichst in die Unsichtbarkeit verbannt werden. Wer dennoch Trauer bekundet, begibt sich ins Abseits der Isolation. Bei einem Großteil der Bevölkerung scheint die Fähigkeit zu trauern oder mitzuleiden völlig abhandengekommen zu sein. Für sie ist bereits der obligate alljährliche Friedhofsbesuch zu Allerseelen oder zum Totentag eine Belastung und ein leeres Ritual. Wie sollten sie echten Anteil am Schmerz anderer, fremder Menschen nehmen? Die Trauer gehört zu jenen einsamen Grenzerfahrungen, die man nur versteht, wenn man sie selbst durchleben muss.

Das Verhältnis des modernen Menschen zum Tod, auch wenn das Todesthema durch die grausigen Berichte des Bildschirms »enttabuisiert« scheint, bleibt höchst ambivalent, und meistens geradezu unaufrichtig. Jeder ist bereit einzusehen, dass der Tod der natürliche und unabwendbare Ausgang des Lebens ist. Dennoch versuchen alle, wie Freud scharfsinnig entlarvend formuliert, den Tod »totzuschweigen, denn im Unbewussten ist jeder von seiner Unsterblichkeit überzeugt« (Zeitgemäßes über Krieg und Tod, 1915).

Requiem für ein Kind

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