Читать книгу Requiem für ein Kind - Joseph Groben - Страница 7
Altertum
ОглавлениеIn fast allen Gesellschaften des Altertums hat das Kindersterben stumme, aber deutliche Zeugnisse hinterlassen.
Ramses II. (1303–1213 v. Chr.), der bedeutendste der ägyptischen Pharaonen, hat über die Hälfte seiner 110 Kinder begraben müssen. Um das Andenken seiner verstorbenen Söhne zu ehren, genauer »um ihr ewiges Leben zu sichern«, ließ der trauernde Pharao das umfangreichste Mausoleum des »Königstals« erbauen. Die Entdeckung dieses wahrhaften Labyrinths von über 100 Kammern durch Kent Weeks im Jahre 1995 gilt als eine der archäologischen Sensationen des 20. Jahrhunderts. Ramses überlebte zwölf »Kronprinzen«, erst der 13. Dauphin lebte lange genug, um die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Ramses II. hat 67 Jahre lang regiert.
Die archäologischen Untersuchungen der altgriechischen Gräber belegen eine hohe Kindersterblichkeit; die meisten Kinder starben, bevor sie das dritte Lebensjahr vollendet hatten. Die Häufigkeit der Verluste und der Schwangerschaften hat vermutlich eine allzu starke Bindung der Eltern an die Kleinkinder verhindert. Aber die Gräber, die Grabstelen, die Beigaben (Statuetten, Keramiksaugfläschchen, Spielzeug, Puppen) sowie die attischen Inschriften zwischen dem 8. und 6. vorchristlichen Jahrhundert offenbaren teilweise eine tiefere Trauer bei Kindern als bei manchen Erwachsenen. Grundsätzlich war Trauer bei einem Kindertod eine pietätvolle Verpflichtung. Der athenische Redner Aischines (390–314) warf seinem Gegner Demosthenes (384–322) vor, diese Pflicht verletzt zu haben, weil er bereits sieben Tage nach dem Tod seiner Tochter die Trauerkleidung abgelegt hatte. Das galt als ein schlimmer Verstoß gegen eine religiöse Verpflichtung.
Der römische König Numa Pompilius (715–672), dem man die Vorschriften der religiösen Einrichtungen zuschreibt, begrenzte streng die Trauerdauer der Eltern. Gemäß Plutarch (Numa 12,3) soll er sogar die Trauer für ein Kind unter drei Jahren verboten haben. Jenseits dieses Alters durften die Eltern so viele Monate Trauer tragen, wie das Kind dieses Alter überschritten hatte, bei einem Maximum von zehn Monaten. Bis zum Alter von 40 Tagen, also bis zu den ersten Zähnen des Milchgebisses, wurden die Kinder nicht eingeäschert, aber sie wurden in einer Nische in der Hauswand begraben (Plinius nat., 7,72, Juvenal 139–140 »terra clauditur infans«).
Im 1. Jahrhundert vor Christus beruft sich Cicero noch auf Numa Pompilius, wenn er sich in seinen »Tusculanae disputationes« gegen jegliche Trauerkundgebung für ein Kind unter drei Jahren ausspricht. Aber diese stoische Haltung war weder repräsentativ für alle römischen Jahrhunderte noch für alle Eltern, nicht einmal für ihn selbst. Beim Tod seiner einzigen Tochter Tullia fiel er auf durch übermäßige öffentliche Schmerzensäußerungen, die von vielen Zeitgenossen als übertrieben kritisiert wurden.
Kaiser Augustus (27 v. Chr. bis 14 n. Chr.) wurde zutiefst getroffen durch den Tod von vier jungen Männern, die alle als Thronnachfolger galten: zuerst Marcellus (23. v. Chr.), der Sohn seiner Schwester Octavia, dann seine beiden Neffen Lucius Caesar und Caius Caesar, die Söhne seiner einzigen Tochter Julia, die in einem Abstand von zwei Jahren 2 und 4 nach Chr. dahinstarben. Zahlreiche Trauerdenkmäler, die an vielen Orten des Kaiserreichs errichtet wurden, zeugen von einem wahren Gedächtniskult und dass die römischen Städte an der tiefen Trauer des Kaisers Anteil nahmen, u.a. ein Traueraltar in Reims, ein Traueraltar in Trier, die berühmte »Maison carrée« in Nîmes, ein Tempel zu Ehren der beiden Brüder. Anlässlich des Todes von Drusus Nero, dem Schwiegersohn des Kaisers, schrieb Ovid eine lange »Consolatio«, eine Gattung, die auch von Seneca gepflegt wurde. In seiner »Consolatio ad Marciam« erwähnt er auch die Trauerfälle des Augustus, seiner Schwester und seiner Gattin. Die erste fand nur Trost in der Einsamkeit, während Livia ihren Schmerz schließlich überwand und ins gesellschaftliche Leben zurückkehrte.
Kaiser Mark Aurel (161–180) musste den Verlust von acht seiner dreizehn Kinder verschmerzen, die ihm seine Gattin Faustina, die Tochter des Kaisers Antoninus Pius, geboren hatte. Er gab sich die größte Mühe, diese Familientragödien mit stoischer Gelassenheit zu tragen, aber seine Biografen bezeugen, dass er bei jedem Verlust empfindlich getroffen wurde. In seinen philosophischen »Gedanken« versuchte er, sich unerschütterlich zu zeigen, indem er besonders Epiktet zitierte: »Es ist unsinnig, im Winter Feigen auf den Bäumen zu suchen, desgleichen ein Kind zurückzufordern, das geraubt wurde« (XI, 33), oder: »Wenn man ein Kind umarmt, soll man, wie Epiktet sagt, innerlich denken, ›morgen wirst du vielleicht tot sein‹« (XI, 34). Die meisten Kinder starben vor dem Alter von 10 Jahren: Annia Faustina, Gemellus Lucillae, Titus Antoninus, Titus Aurelius, Hadrianus, Domitia Faustina, Titus Fulvus, Marcus Annius. Das Kaiserpaar beweinte alle seine Kinder und setzte ihre Asche im imposanten Mausoleum des Hadrian bei, das später von den Päpsten zur Engelsburg ausgebaut wurde. Ob sie wohl Trost gefunden haben bei der Inschrift, die Kaiser Hadrian selbst verfasst und in der Grabkammer angebracht hatte, einer überraschend zärtlichen Apostrophe an die »Seele«?
ANIMVLA VAGVLA BLANDVLA / HOSPES COMESQVE CORPORIS / QVAE NVNC ABIBIS IN LOCA / PALLIDVLA RIGIDA NVDVLA / NEC VT SOLES DABIS IOCOS
Kleine Seele, schweifende, zärtliche, / Gast und Gefährtin des Leibes / Die du nun entschwinden wirst dahin / Wo es bleich ist, starr und bloß, / Und du nicht wie gewohnt mehr scherzen wirst …
In den Katakomben von Rom und in vielen römischen Städten, u.a. in Trier, dem »zweiten Rom« hat man unzählige Grabinschriften gefunden, die vom tiefen Schmerz der trauernden Eltern Zeugnis ablegen. Die heidnischen Eltern widmeten ihre Denkmäler für die verstorbenen Kinder ihren »Manen«, d.h. ihren Seelen oder guten Geistern, und verwendeten dabei eine stereotypische Formel: DIS MANIBVS POSVERVNT. Mehr als einmal drückten sie ihre Verzweiflung und ihr Unverständnis dadurch aus, dass sie hinzufügten: CONTRA VOTVM oder – INVITI – also »gegen ihren Wunsch«, »ungern, widerwillig«. Natürlich ließ der enge Raum der Marmorplatten nur wenig emotionale Ausdrücke zu. Die Epigraphie ist knapp, »lapidar«. Die Skulpturen, welche manchmal die Epitaphen begleiten, erinnern an liebenswürdige Züge der verstorbenen Kinder; so die Darstellung des Knaben Primulus, der dabei ist, seinen Hund zu streicheln und zu füttern.
Die christlichen Eltern verwendeten eine ganz andere Formel: HIC IACET, HIC QVIESCIT IN PACE (»Hier liegt«, »hier ruht in Frieden«). Außer dem Namen und den sehr genauen Angaben über die Lebensdauer –VIXIT ANNOS/MENSES/ DIES – enthalten die Inschriften oft ganz affektive Adjektive wie DVLCISSIMVS, CARISSIMVS (Süßester, Liebster). Generell wird das Alter des Kindes umso präziser angegeben, je kürzer die Lebensdauer war, als ob man den unschätzbaren Wert eines jeden Tages in dieser kurzen Existenz betonen wollte.
INFANTI DVLCISSIMO DEFVNCTO QVI VIXIT MENSES V DIES XX PATER ET MATER PIISS FECERUNT
Dem süßesten verstorbenen Kind, das 5 Monate und 20 Tage gelebt hat, haben Vater und Mutter aus tiefer Ehrfurcht (dieses Grabmal) errichtet.
Am Ende der Inschrift findet man die Angabe desjenigen, derjenigen, meist der Eltern – PARENTES –, welche die Grabstätte errichtet haben: QVI TITVLVM POSUERUNT. Die christlichen Texte werden oft durch Symbole und Zeichen illustriert, welche einerseits die Unschuld der Kinder und andrerseits ihre Zugehörigkeit zum Christentum betonen: Tauben, das Christus-Monogramm, die apokalyptischen Buchstaben Alpha und Omega. In seinem ersten Brief an die Thessalonicher mahnt der heilige Paulus die Christen, »sich nicht zu betrüben wie die anderen, die keine Hoffnung haben … sich gegenseitig zu trösten« (4,13). Dieser Text wird noch heute oft bei Begräbnissen und Leichendiensten gelesen. Ein Grabstein aus dem 5. Jahrhundert, der in Sion, der »Colline inspirée« von Maurice Barrès gefunden wurde, legt Zeugnis ab von diesem christlichen Glauben an die Auferstehung. Auf das Grab seines Sohnes Nicetius ließ der Vater folgende Inschrift gravieren: CVM CHRISTO IN COELO DEVOTA MENTE RESVRGET (Mit Christus im Himmel wird er nach seinem tiefen Glauben auferstehen).