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Kapitel 12
ОглавлениеArian brach mit Sylhyan im Morgengrauen des nächsten Tages auf, als die Sonne gerade eine Ahnung von Licht am Horizont war. Die Mauern von Silkarnon wirkten grau im anbrechenden Tag und lagen bald nur mehr als fahles Viereck unter ihm. Er ließ Ifan und seine Männer, die zur gleichen Zeit losgeritten waren, hinter sich, während sein Windpferd mit kräftigem Flügelschlag aufstieg.
Die Abordnung aus Silkarnon würde die Ansiedlungen der Bauern aufsuchen, die auf dem Weg in das Dorf Halin’Din lagen. Seine Aufgabe war es, den Lichtwall aus der Luft auf Beschädigungen zu überprüfen.
Dieser magische Schutz verlief entlang der felsigen Grate des Gebirges von Hestgow, das jetzt unter ihm lag. Die zerklüftete Kette zog sich von Norden nach Süden durch das Reich der Sardars und bildete die natürliche Grenze zu Mardonnon. Aber selbst diese Barriere hatte damals die Schwarze nicht davon abgehalten, über Ladarnon und Sardaryon herzufallen. Erst der magische Wall, den sein Vater vollendet hatte, schützte die Bewohner der beiden Provinzen vor den Angriffen der Schwarzen. Seitdem lagen diese Landesteile abgeschottet von jedem Unheil in einer Art friedlichen Dämmerschlaf. Allerdings mochte der trügerisch sein.
Arian stellte bald fest, dass es schier unmöglich war, den Wall aus der Luft abzusuchen. Zwar zeigte er sich ihm als undurchdringliche weiß leuchtende Nebelwand, aber in Bodennähe befanden sich unzählige Spalten und Nischen, die er von oben nicht einsehen konnte. Also beschloss er, sich zu Ifan und seinen Männern zu gesellen, die am dritten Tag in Halin’Din eintreffen sollten. Dies war die letzte Ansiedlung vor der Grenze zu Mardonnon. Das Dorf lag am Fuß des Gebirges von Hestgow.
Er lenkte Sylhyan auf den Boden zu und ließ ihn austraben. Seine Aufmerksamkeit wurde auf den bewundernswerten Anblick gelenkt, der sich ihm bot.
Die Strahlen der Sonne tauchten den Kalkstein in zartrosa Licht, die schroffen Spitzen des Gebirges hoben sich hoch in den tiefblauen, wolkenlosen Himmel. Die Luft war an diesem Frühsommerabend noch immer lau. Die weiß gekalkten Häuser des Dorfes schmiegten sich an den Fuß der Hügelkette, aus zahlreichen Schornsteinen stieg Rauch auf und verbreitete das würzige Aroma von gepressten Grassoden, die hier als Brennmaterial verwendet wurden. Gleichzeitig drang der Geruch von gebratenem Fleisch in seine Nase. Die Bewohner von Halin’Din erwarteten sie, nachdem Ifan einen Boten geschickt hatte.
Mit Leichtigkeit holte er die Männer ein. Ifan grüßte ihn erstaunt. „Du bist schon zurück?“
„Ich konnte von oben keine Beschädigung des Walls feststellen“, meinte er kurz. „Ich muss mir die genaue Stelle zeigen lassen.“
Sie ritten auf die Befestigungsmauer zu. Das Dorf war während der Kriege gegen die Armeen der Schwarzen mit einer ringförmigen Mauer geschützt worden, so wie alle Ansiedlungen in Ladarnon. Die Straßen führten strahlenförmig auf den Dorfplatz zu, links und rechts davon befanden sich die Wohnhäuser der Bauern, mit Stroh gedeckte Katen aus Kalkstein.
In der Mitte des Dorfes waren das Gemeinschaftshaus und der Tempel des Heldon, des Lichtgottes, dem die Bewohner der beiden Provinzen huldigten, erbaut worden.
Ihr Erscheinen rief großes Aufsehen hervor. Als sie auf dem Dorfplatz ankamen, hatten sich schon beinahe sämtliche Bewohner von Halin’Din versammelt. Einige waren dem Trupp vom Dorfeingang her gefolgt und andere strebten vom gegenüberliegenden Ende der Ansiedlung auf den Platz zu.
Ifan hatte Arian berichtet, dass Halin’Din etwa siebenhundert Einwohner zählte. Früher war das Dorf ein bedeutender Umschlagplatz für Waren aus Mardonnon und Zordon gewesen, aber seitdem der Schutzwall bestand, den nur ein Sardar durchschreiten konnte, und die beiden östlichen Provinzen so gut wie unbewohnt waren, hatte es seine Bedeutung verloren. Die wichtigste Einnahmequelle stellten jetzt die Rinder dar, deren Milch zu dem berühmten Halin’Diner Käse verarbeitet wurde und deren Fleisch durch die Bergkräuter besonders aromatisch schmeckte.
Arian lief beim Gedanken daran das Wasser im Mund zusammen. Er musste über die ungewohnte Regung innerlich schmunzeln.
Vor dem Gemeinschaftshaus, einem ebenfalls ebenerdigen, langgestreckten Gebäude, erwartete sie ein großer, kräftiger Mann mit braunem Haupt- und Barthaar. Als Ifan vom Pferd stieg und auf ihn zutrat, sank er ehrerbietig auf ein Knie.
Arian glitt von seinem Aylfar und warf einen Blick auf die versammelte Menge. Sofort senkten alle ihre Köpfe und verbeugten sich. Ehrfürchtiges Schweigen breitete sich aus. Die Dorfbewohner würden warten, bis er die rituellen Grußworte an sie richtete. Auch wenn er mittlerweile der einzige Sardar war und die Bewohner dieses Dorfes schon lange keinen mehr zu Gesicht bekommen hatten, galten doch noch immer die alten Verhaltensregeln.
„Ich grüße euch, Bewohner von Halin’Din. Ich komme zu euch als Vertreter Heldons, des Einzigen und Wahren Gottes, der allen Wesen sein Licht schenkt.“
„Wir danken Euch, Euer Hochwohlgeboren, für die Gnade Eures Erscheinens. Heldon gewähre Euch ein langes Leben.“ Die vorgeschriebene Antwort auf seine Begrüßung. Gedankenfetzen schwebten auf ihn zu und er nahm sehr gut wahr, dass die Ehrfurcht zum Teil nur geheuchelt war. Eine Mischung aus Angst, Zorn und Gleichgültigkeit umschwirrte ihn. Er schloss für einen Moment die Augen, versuchte, sich vor dieser Welle aus Gefühlen abzuschotten.
Der Fluch Berkans treffe Euch, Euer Hochwohlgeboren.
Arian erstarrte, öffnete die Augen, bemühte sich, in der Menge denjenigen auszumachen, der diesen giftigen Gedanken gedacht hatte. Er sah nur geneigte Häupter.
Ifan fasste sachte nach seinem Arm, sah ihn erschrocken an. Arian schüttelte leicht den Kopf. Es war nicht der richtige Augenblick, um über seine Wahrnehmung zu sprechen. Doch wenn er einen Beweis brauchte, wie sehr sein Volk sich gegenüber den Menschen versündigt hatte, würde er ihn nicht nur hier, sondern an allen Orten im Reich der Sardars finden.
Der Dorfvorsteher hatte sich vor ihm auf den Boden geworfen und wartete mit gesenktem Kopf auf seine Befehle.
„Erhebe dich“, sagte Arian mit rauer Stimme.
Der Mann stand auf, vermied aber immer noch, ihn anzusehen. „Es wäre uns eine Ehre, Euch ein bescheidenes Abendmahl in unserem Gemeinschaftsraum anbieten zu dürfen“, flüsterte er.
Arian lächelte ein wenig gequält. Im Gegensatz zu manch einem seiner Vorfahren bereitete es ihm kein Vergnügen, diesen bestimmt umsichtigen Mann so demütig zu sehen.
„Wir nehmen die Einladung gerne an und würden uns über die Gesellschaft des Dorfrats freuen.“
Er breitete jetzt die Arme aus, hielt die Handflächen zuerst zum Himmel und dann über die versammelte Menge. „Heldon gewähre diesem Dorf seinen Schutz und dessen Bewohnern ein langes und fruchtbares Leben.“
Ein erleichtertes Lächeln huschte über das Gesicht des Dorfvorstehers. Sobald ein Sardar eine Segensformel gesprochen hatte, bedeutete das sein Wohlwollen den Bewohnern gegenüber. Auch eine uralte Tradition, die man hinterfragen konnte oder nicht. Denn viele Sardars hatten sich nicht um Wohl und Wehe ihrer Untertanen gekümmert, ja einige ihre Gabe und ihre Macht sogar missbraucht.
Es mochte durchaus sein, dass Bitten um Heilung von Gebrechen an ihn herangetragen wurden. Arian hoffte, dass es nicht zu viele sein mochten. Er hatte seine Gabe so lange nicht angewendet, dass er beinahe daran zweifelte, ob er sie noch beherrschte. Aber er würde diese Bitten nicht abschlagen können. Natürlich würden die Dorfbewohner damit bis nach dem Abendessen warten.
Auf einen Wink Ifans näherten sich fünf junge Burschen, um den erlauchten Gästen die Pferde abzunehmen. Arian folgte mit seinem Bruder an seiner Seite dem Dorfvorsteher in das Innere des Gemeinschaftsraums.
Der große Saal war schon für das Abendessen vorbereitet worden. Auf den Tischen aus massivem Eichenholz lagen weiße Leinendecken, bestickt mit Bordüren aus grünen Ranken. Blank gescheuerte Teller aus Holz, daneben Löffel und Messer mit Griffen aus Rinderhorn bildeten die Gedecke. Krüge aus Zinn beinhalteten Wasser und Wein.
Aus einem Nebenraum waren hektische Stimmen zu hören. Dort befand sich wahrscheinlich die Küche.
Der Dorfvorsteher, der sich als Efgud Nilsam vorstellte, bat seine Gäste, sich zu setzen. Arian und Ifan erhielten die etwas erhöhten Ehrenplätze in der Mitte der Tafel, während ihre Begleiter, der Dorfvorsteher und die fünf Ältesten des Dorfes sich zu den übrigen Stühlen begaben. Im rückwärtigen Teil des Saales war für die Oberhäupter der Familien gedeckt worden. Es mochten an die fünfzig sein.
Mägde eilten auf einen Wink des Dorfvorstehers mit Schüsseln herein, in dem sich mit Kräutern versetztes Wasser befand. Die Gäste wuschen sich darin die Hände. Die Mädchen huschten eilig davon, als sie ihre Aufgabe erfüllt hatten.
Es würde ein langer Abend werden, denn zu Ehren der hohen Gäste wurden bestimmt nach dem Essen noch alle möglichen Arten von Unterhaltungen geboten.
Ifan warf Arian einen forschenden Blick zu, den er mit einem verhaltenen Lächeln erwiderte. Noch immer fand er es ungewohnt und seltsam, dass sein jüngerer Bruder sich Sorgen um ihn machte. Früher war es umgekehrt gewesen.
Wie Arian befürchtet hatte, zog sich das Abendessen in die Länge. Die vielen Köstlichkeiten, die gereicht wurden, versöhnten ihn allerdings wieder. Es gab kräftige Rinderbrühe mit Gemüse und Getreide, Forellen, deren feines weißes Fleisch mit Kräutern gewürzt war. Hasenfleisch in einer dicken Soße von Süßwurzeln, einen Rinderbraten, der beinahe auf der Zunge zerging und als Abschluss den berühmten Halin’Diner Käse. Sein zarter Schmelz und sein edles Aroma begeisterten auch Arian, der zugeben musste, dass er lange nicht so hervorragend gegessen hatte. Auch der leichte, würzige Wein, der nicht berauschend wirkte, schmeckte wunderbar.
Er versuchte, so gut es ging, nicht auf die ängstlichen Blicke der Dorfbewohner zu achten, die jeden seiner Bissen und den Gesichtsausdruck, den er zur Schau stellte, beobachteten, und es wurde ihm bewusst, wie sehr er sich an seine Einsamkeit gewöhnt hatte. Er beeilte sich daher, jedem Gericht sein Lob auszusprechen.
Danach kam der Auftritt eines Sängers, der zur Begleitung einer Leier die alten Balladen der Ladarnos zum Besten gab.
Hinter Arians Schläfen begann sich ein dumpfes Klopfen bemerkbar zu machen. Das ständige Gewirr von Stimmen, das in seinem Kopf herrschte, erschöpfte ihn zunehmend. Glichen sie zu Beginn noch dem Flüstern der Verlorenen, allerdings ohne den Unterton der Verzweiflung, so hörten sie sich jetzt, nach dem reichlichen Essen, wie eine nicht enden wollende Kakophonie an. Er wusste nicht mehr zu unterscheiden, ob es Gedanken oder gesprochene Worte waren. Eine ganze Palette unterschiedlicher Empfindungen stürmte auf ihn ein, wurde vor ihm ausgebreitet. Die alltäglichen Sorgen der Menschen, Klatsch und Tratsch, Liebe und Hass, Freude und Leid. Früher hatte er sich dagegen schützen können, aber es erschütterte ihn, wie schwach seine Abwehr mittlerweile geworden war. Der künstlerischen Darbietung folgte er deshalb eher halbherzig, obwohl der Sänger mit angenehmer Stimme einfache, zu Herzen gehende Melodien zum Besten gab.
Ifan warf ihm einen Seitenblick zu und winkte den Dorfvorsteher zu sich. „Wir danken Euch für dieses wunderbare Mahl, aber jetzt würden wir gerne ungestört über die Ereignisse sprechen, die zu unserem Erscheinen führten.“
Nilsam verbeugte sich und führte sie aus dem Saal in einen weitläufigen Hof zu einem gegenüberliegenden Gebäude, nachdem Ifan seine Männer der Obhut eines Knechtes überlassen hatte, der ihnen das Nachtquartier zeigen sollte.
Arian atmete tief die kühle Nachtluft ein. Sein Kopf schmerzte immer noch und am liebsten hätte er sich zurückgezogen. Ifan fasste ihn am Arm und sah ihn wieder besorgt an. „Was ist dir?“
Er schüttelte den Kopf und versuchte ein Lächeln. „Zu viele Menschen“, murmelte er.
„Willst du dich ausruhen? Ich kann auch allein mit Nilsam sprechen.“
„Nein. Ich möchte mir seinen Bericht anhören.“ Er schluckte, atmete noch einmal tief durch. Nicht umsonst hatte er gelernt, seine Befindlichkeiten stets allem anderen unterzuordnen. Von einem Arcsardar wurde erwartet, dass er Stärke zeigte, wurden die Angehörigen seines Volkes doch früher wie Halbgötter verehrt. Aber vielleicht stimmte das mittlerweile nicht mehr und er war zu einem Relikt geworden, dem man eher Spott und Verachtung zollte. Wer mochte dieser hasserfüllte Mensch gewesen sein, der diesen einen Satz gedacht hatte? Er hätte es herausfinden können, wenn er die Gedanken der Dorfbewohner gelesen hätte, aber er war viel zu müde dazu. Es war nicht der Mühe wert, sie würden morgen weiterreisen und er würde wahrscheinlich nie wieder einen Fuß in dieses Dorf setzen.
Nilsam hieß sie in einen ebenfalls ebenerdigen Raum eintreten, der mit massiven Holzstühlen und einem großen Tisch eingerichtet war. Die Fenster standen offen. Trotzdem roch es ein wenig muffig, als würde er nicht oft benützt. Der Dorfvorsteher entzündete die Kerzen auf dem Leuchter, der auf dem Tisch stand. Als er aus einem Krug Wein einschenkte, winkte Arian ab. Er wollte nur Wasser. Die Schmerzen in seinem Kopf kamen und gingen wie sachte Wellen aber sie waren jetzt erträglicher.
„Wenn Ihr es gestattet, hole ich den Jungen, der Zeuge des Vorfalls war.“ Ifan nickte und Nilsam eilte hinaus. Er kam überraschend schnell in Begleitung eines schmalen, etwa zehnjährigen Knaben, zurück, der für sein Alter sehr selbstsicher auftrat. Er verbeugte sich vor Arian und Ifan und blieb abwartend mit gesenktem Kopf stehen.
Nilsam schloss die Fenster. Ifan hieß die beiden mit einer Handbewegung sich setzen. „Berichte, was du gesehen und gehört hast.“
Der Junge räusperte sich. „Es war in der letzten Neumondnacht vor“ – er zählte an den Fingern ab – „neun Tagen. Da ist es geschehen.“
„Wer bist du? Wer ist dein Vater?“
„Iltur Sarkoy ist es, Herr. Er ist der Besitzer des größten Hofes hier in Halin’Din. Mein Name ist Iltur der Jüngere“, sagte der Junge nicht ohne Stolz.
„Wie viele Rinder besitzt deine Familie?“ Ifan lächelte den Jungen an. Der musterte ihn ohne Scheu. Arian allerdings wurde von ihm mit einem halb argwöhnisch, halb ehrfurchtsvollen Blick bedacht.
„Dreihundert, Herr. Wir treiben aber nicht alle auf die Alm. Nur einen Teil davon.“
„Dieser Abschnitt ist der größte. Er liegt zwei Meilen entfernt vom Hof, einen halben Tagesritt östlich von Halin’Din und erstreckt sich bis zu den Steilhängen des Abrus, nicht wahr?“
„Es ist so, wie Ihr sagt, Herr.“ Der Junge sah Ifan aufmerksam aus hellen blauen Augen an.
„Jeder Bauer darf einen bestimmten Abschnitt der Alm bewirtschaften, das ist schon seit Generationen so“, warf Nilsam ein.
Ifan nickte. „Erzähl weiter“, sagte er zu dem Jungen.
Arian trank einen Schluck Wasser. Die kühle Flüssigkeit belebte ihn und es gelang ihm, nur zuzuhören und die Gedanken der Anwesenden auszusperren.
„Wir haben wie üblich die Rinder am späten Nachmittag in die Pferche getrieben. Es wäre gefährlich, sie in der Dunkelheit frei grasen zu lassen, sie könnten abstürzen. Die Tiere werden dabei gezählt und sollten welche fehlen, werden sie natürlich gesucht. Sie sind unser wertvollster Besitz. An diesem Nachmittag fehlte kein einziges und ich war froh darüber. Ich sollte nämlich noch zurück auf den Hof, um beim Schlachten zu helfen.“
„Das heißt, du hast die Alm verlassen, bevor es dunkel wurde?“
„Ja, Herr. Ich schaffte es gerade noch vorher zum Hof.“ Er stockte und schüttelte sich. „Ich muss immer daran denken – wenn ich geblieben wäre …“
„Wie viele Männer waren auf der Alm?“ Zum ersten Mal richtete Arian das Wort an ihn. Der Junge zuckte zusammen und fixierte den Boden, um ihm nicht in die Augen blicken zu müssen.
„Drei, Euer Hochwohlgeboren“, sagte er leise. „Üblicherweise wird nach dem Zusammentreiben zu Abend gegessen. Wir gehen da oben meist früh schlafen.“
„Und wann bist du auf die Alm zurückgekehrt?“
Iltur wandte sich mit einer gewissen Erleichterung, wie es Arian schien, wieder Ifan zu.
„Erst am nächsten Nachmittag. Ich sollte wieder beim Zusammentreiben helfen und oben übernachten.“
„Und dann?“ Arian beugte sich nach vor und fixierte den gesenkten Kopf des Jungen. Der kauerte sich plötzlich zusammen. Sein Gesicht wurde blass. Arian spürte eine Welle von Angst, obwohl er noch immer keinen Versuch gemacht hatte, seine Gedanken zu lesen.
„Es war unheimlich“, flüsterte der Knabe. „Niemand war da. Kein einziges Rind, keiner der Männer. Es war, als hätten sie sich in Luft aufgelöst.“ Er stockte kurz. „Ich habe zuerst einfach gewartet, weil ich dachte, ich wäre zu früh. Aber als sie immer noch nicht auftauchten, kriegte ich es mit der Angst zu tun. Und dann habe ich bemerkt, dass da keine Spuren waren. Zumindest keine von diesem Tag.“
„Keine Spuren?“
Iltur errötete und wandte sich an Ifan. „Ja, Herr. Eine solch große Herde hinterlässt doch - nun ja -das, was hinten rauskommt, wenn Ihr wisst, was ich meine. Aber da waren nur alte Fladen auf dem Pfad, keine frischen. Und auch keine im Gehege. Das heißt, sie haben den Pferch am Morgen gar nicht verlassen.“
„Und die Männer waren auch verschwunden?“
Der Junge nickte stumm, einen Ausdruck von Entsetzen auf seinem Gesicht.
„Gab es sonst noch etwas, was du bemerkt hast?“ Arian beugte sich wieder vor. Langsam, um den Jungen nicht zu erschrecken.
Gestank … grauenhaft … Angst wehte ihn sein Bewusstsein.
„Du hast also etwas Merkwürdiges gerochen?“, fragte Arian sanft.
Iltur zuckte zusammen, streifte ihn mit einem flüchtigen Blick und nickte. „In der Hütte. Da war … ich weiß auch nicht. Es roch … schlecht. Ich meine, nicht so wie sonst. Irgendwie böse.“
Der Knabe war zu jung, um Angriffe der schwarzen Schatten erlebt zu haben, aber Nilsam erinnerte sich, wie sein besorgter und entsetzter Gesichtsausdruck zeigte. „Meint Ihr, es beginnt wieder?“
Ifan sah Arian an. Der zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Aber es hört sich ganz so an. Wenn es nicht doch eine harmlose Erklärung für den Vorfall gibt.“
„Wir haben alles abgesucht, Euer Hochwohlgeboren“, beeilte sich Nilsam zu sagen. „Hundertfünfundzwanzig Rinder und drei Männer können sich nicht einfach in Luft auflösen. Natürlich haben wir daran gedacht, dass das Vieh gestohlen worden sein könnte, aber dann hätte es Spuren geben müssen.“
Ein kalter Funke flackerte in Arians Brust auf. So viele Kreaturen bedeuteten Lebenskraft, Blut, Nahrung für die Schwarze. Das war bestimmt erst der Beginn. Wenn die Diener der Schwarzen ausschwärmten, würde auch sie wiederkommen. Wie hatte er jemals glauben können, es sei zu Ende!