Читать книгу Lilie und Drache - Karin Kehrer - Страница 4
Kapitel 1
ОглавлениеCarys hastete zur Garderobe, griff blindlings nach ihrer Jacke und lief einfach los. Aus dem Theater in die Schlucht des New Globe Walk, in dem sich der Hall ihrer Schritte fortpflanzte, sodass sie kurz glaubte, jemand sei ihr gefolgt. Jemand, der sie für ihr Verhalten tadeln oder sie sogar für ihre kopflose Flucht verspotten würde. Aber sie drehte sich nicht um, um zu sehen, ob ihr Verdacht stimmte. Sie rannte einfach weiter. Selbst als sie in die Park Street kam, in der um diese Zeit bedrohliche Schatten in den Büschen lauerten, hielt sie nicht inne.
Groß gewachsene Frauen werden nicht überfallen. Das behauptete ihre Zimmerkollegin Sheila immer. Sie umklammerte trotzdem den Schlüssel in ihrer Jackentasche fester.
Sie fluchte, als sie auf den Randstein trat und mit dem Fuß umknickte. Warum musste sie auch diese verdammten High Heels tragen? Kein geeignetes Schuhwerk für einen Dauerlauf, aber wer hätte auch gedacht, dass sie sich am Ende dieses Tages auf eine dermaßen unsinnige Flucht einlassen würde? Sie blieb stehen, überlegte kurz, umzukehren und zurückzugehen. Vielleicht hatte noch niemand ihre Abwesenheit bemerkt und sie konnte tun, als wäre sie nur kurz auf der Toilette gewesen.
Nein, sie wollte nicht mehr zur Party zurück und belanglosen Smalltalk absolvieren, nachdem sie die niederschmetternde Neuigkeit erfahren hatte.
Sie hätte vielleicht den Bus nehmen sollen, aber sie war viel zu aufgewühlt gewesen, um zu warten. Außerdem brauchte sie zu Fuß auch nicht viel länger. Bewegung würde ihr guttun und ihren Kopf reinigen, auch wenn sie nicht das geeignete Schuhwerk trug und ihr die Dunkelheit Angst einflößte. Sie fröstelte im kalten Abendwind. Sie hätte Hosen anziehen sollen und nicht den leichten geblümten Minirock.
Sie atmete tief durch und marschierte weiter, mit hoch erhobenem Kopf. Eine Ryder lässt sich nicht so einfach unterkriegen. Schon gar nicht von einem solchen Idioten!
Während sie an der Kunstgalerie in der Guildford Street vorbeiging, warf sie immer wieder kontrollierende Blicke auf die gegenüberliegende Straßenseite, die von einer Absperrung gesäumt war. Dahinter erhob sich der riesige Erdhaufen einer Baustelle. Die Gegend auf dieser Seite der Themse wurde einerseits geprägt von mehrstöckigen Wohnhäusern mit Parkanlagen, aber auch Industriegelände und besonders die Unterführungen machten ihr Angst.
Aber noch war ihre Wut größer als ihre Furcht. Wie konnte dieser Blödmann es wagen, ihr Leben wieder aus der Bahn zu werfen! Hatte er sie nicht schon genug gedemütigt?
Tränen stiegen in ihre Augen, als sie an die mitleidigen Blicke dachte, die ihr Derek zugeworfen hatte. Er wusste wahrscheinlich als Einziger Bescheid. Aber sicher nicht mehr lange. Es würde sich schnell herumsprechen, besonders, da Mark bestimmt nicht auf dreckige Anspielungen verzichten würde. Mark Hanson, dieser Mistkerl!
Carys lief weiter, jetzt blind für ihre Umgebung, beschleunigte ihr Tempo wieder, aber diesmal vor Zorn. Wehe dem, der ihr in die Quere kam! Einige Nachtschwärmer, die auf der belebteren Southwark Bridge Road unterwegs waren, warfen ihr verwunderte Blicke zu, aber niemand sprach sie an.
Der Heimweg erschien ihr diesmal endlos lange, obwohl sie ihn schon oft zu Fuß gegangen war.
Keuchend bog sie schließlich in die Library Street ein, achtete nicht auf die nächste Baustelle, die zu dieser Tageszeit in bedrohliches Dunkel gehüllt war. Selbst das Rascheln des Windes in den Abdeckplanen machte ihr keine Angst.
Eigentlich hatte sie unendliches Glück gehabt, diese Wohnung in der Nähe des Globe Theatre, ihres Arbeitsplatzes seit zwei Jahren, zu ergattern. Vor nicht ganz einem Monat hatte Sheila Walters die Stelle ihrer Assistentin bekommen, nachdem ihre Vorgängerin in Karenz gegangen war. Ihre Eltern besaßen eine kleine Dachgeschosswohnung mit zwei Schlafzimmern in der Library Street und Sheila bot ihr an, die Wohnung mit ihr zu teilen. Carys, die zuvor in Kingston upon Thames ein winziges Zimmer bewohnte und mit dem Zug eine Stunde nach London pendeln musste, sagte natürlich erfreut zu. Die Miete betrug einen Bruchteil dessen, was sie normalerweise hätte zahlen müssen. Ein Entgegenkommen von Sheilas Eltern, die froh waren, dass die Wohnung genutzt wurde. Die dreistöckigen Backsteinhäuser boten zwar einen gleichförmigen und tristen Anblick, und es gab keinen Lift, aber das störte sie nicht.
Das Licht am Eingang schaltete sich automatisch ein und warf einen trüb gelblichen Schein auf die metallene Eingangstür. Sie nestelte den Schlüssel aus ihrer Jackentasche und sperrte auf. Wie immer empfing sie der Geruch nach Fish and Chips.
Ihre Füße schmerzten und ihr war übel. Sie hatte seit dem Morgen nichts gegessen, hatte geglaubt, sich nach Herzenslust auf der Party verköstigen zu können. Dann stürzte sie nur schnell ein Glas Wein hinunter und flüchtete nach dieser niederschmetternden Neuigkeit. Sie wollte es noch immer nicht glauben. Ausgerechnet Mark Hanson! Als ob es nicht genug andere Schauspieler gäbe!
Carys stieß den Atem aus und begann, die Treppe hoch zu stapfen. Im ersten Stock drangen laute Stimmen aus einer Wohnung. Bei Mrs. Forrester lief der Fernseher. Die alte Frau war nahezu taub und beinahe jeden Abend gab es Beschwerden. Sie war froh, dass sie im dritten Stock nichts davon mitbekam.
Endlich stand sie vor der Wohnungstür, schloss auf und knipste das Licht an. Wohltuende Stille empfing sie. In der Luft hing noch ein leichter Geruch von Sheilas Parfüm und der Duft nach Lavendel erfüllte den schmalen Flur. Sie zog ihre Jacke aus und hängte sie sorgfältig auf einen Bügel. Das Kleidungsstück aus dunkelgrünem Samt hatte sie selbst entworfen und genäht. Sie trug es nur zu besonderen Anlässen. Die Party zum Saisonende im Globe Theatre hätte ein solcher sein sollen. Mit einem Seufzer schlüpfte sie aus den High Heels, nahm die Haarspange ab und schüttelte ihre langen, rotbraunen Locken, bis sie ungebändigt über ihren Rücken fielen. Ein flüchtiger Blick in den Spiegel ließ sie erschrocken zusammenzucken. Sie sah aus wie ein Gespenst. Blasse Haut, riesengroße graublaue Augen, dunkle Ringe darunter. Mit schlaflosen Nächten und Albträumen hatte sie auch ohne Mark Hanson zu kämpfen. „Blöder Scheißkerl“, murmelte sie.
Carys ging in ihr Schlafzimmer, schlüpfte in ein bequemes T-Shirt und Leggings und zog dicke Socken an.
Im Wohnzimmer herrschte das übliche Chaos an Stoffresten und Zubehör ihrer kleinen privaten Werkstatt. Auf Sheilas Schneiderpuppe war ihr derzeitiges Werkstück drapiert, die Fragmente einer knallroten Chiffonrobe, die sie für eine Bekannte anfertigte. Ihre eigene war gerade leer, der Torso, übersät mit Stecknadeln, bot einen etwas gruseligen Anblick.
Sie schob ein Stoffbündel zur Seite und setzte sich auf die Couch, ratlos, was sie nun mit dem restlichen Abend anfangen sollte. Es war dumm gewesen, einfach wegzulaufen. Was mochte Sheila von ihr denken? Sie hatte sich nicht einmal ordentlich verabschiedet. Noch jetzt sah sie das erstaunte Gesicht ihrer Kollegin und Freundin vor sich. Sheila würde ihr wahrscheinlich gehörig die Leviten lesen, wenn sie nach Hause kam. Was noch dauern konnte. Die Party würde erfahrungsgemäß nach Dereks Ankündigung erst so richtig in Schwung kommen.
Das Piepsen ihres Handys, das vor ihr auf dem Tisch lag, ließ sie zusammenzucken. Sie warf einen Blick auf das Display. Natürlich Sheila. Was ist los? Wo bist du?
Zuhause, habe Kopfschmerzen, tippte sie als Antwort.
Oje. So plötzlich?
Ja. Tut mir leid. Genieß den Abend.
Mach ich. Wird sicher nicht spät.
Carys legte das Handy zurück auf den Tisch. Eigentlich hätte sie froh darüber sein sollen, dass ihr Vertrag als Kostümbildnerin am Globe für ein weiteres Jahr verlängert wurde. Es war immer ihr Traum gewesen, für dieses Theater zu arbeiten. Doch Dereks Bekanntgabe des Spielplans für die nächste Saison hatte ihr buchstäblich den Boden unter den Füßen weggerissen.
Mark Hanson würde den Hamlet spielen. Und sie würde für seine Kostüme verantwortlich sein. Was für ein Desaster!
Düster starrte sie vor sich hin. Es war unmöglich, Mark noch einmal unter die Augen zu treten, geschweige denn, ihm nahe zu sein, ihn zu berühren. Nicht nach dem, was geschehen war.
Ob er sich noch an sie erinnerte? Es mochte sein, dass er sie vergessen hatte, schließlich bedeutete sie ihm nichts – nur eine von vielen Episoden in seinem Leben. Aber das ihre hatte er völlig aus der Bahn geworfen.
Sie biss sich auf die Lippen, um nicht in Tränen auszubrechen. Warum musste sie auch nur so dumm und leichtgläubig sein! Bitterkeit wallte in ihr auf, ein Gefühl, als müsse sie daran ersticken. Sie stand auf, ging in die winzige Küche, fand eine Tüte Chips und im Kühlschrank eine angebrochene Flasche Chardonnay. Nicht unbedingt das beste Mittel, um ihren Kummer zu bekämpfen, aber es musste genügen. Um die lähmende Stille zu beenden, schaltete sie das Fernsehgerät ein. Dudelsackmusik und Bilder von grünen Hügeln und alten Schlössern faszinierten sie nicht wirklich, aber es war besser als nur dazusitzen und sich düsteren Gedanken hinzugeben. Sie schenkte sich ein Glas Wein ein und trank in großen Schlucken.
Der Alkohol wirkte sofort auf ihren leeren Magen und versetzte sie in eine leichte Betäubung. Geistesabwesend futterte sie die Chips aus der Packung und trank die Flasche leer. Danach wankte sie ins Bett, verkroch sich unter der Decke und dämmerte weg. Und die Finsternis fiel über sie her wie ein hungriges Raubtier.