Читать книгу Lilie und Drache - Karin Kehrer - Страница 9

Kapitel 6

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Es ist dunkel. So dunkel, dass sie nicht einmal die Hand vor Augen sehen kann. Wenn sie es denn schaffen würde, die Hand zu heben. Aber sie kann sich nicht bewegen, hat vergessen, wie man einen Fuß vor den anderen setzt, auch nur mit der Wimper zuckt. Sie starrt in die dichte Finsternis, sieht nur undurchdringliche Schwärze.

Angst lodert in ihr auf. Sie kennt diesen Ort, so oft war sie schon hier. Und doch weiß sie nicht, wo dieses „hier“ ist, denn die Finsternis macht sie orientierungslos. Wie ist sie hierhergekommen?

Die Furcht ist in ihr eingesperrt, kann sich nicht befreien. Nicht ein Laut dringt über ihre Lippen. Sie muss diese Angst bezwingen, um entkommen zu können. Dann wird alles gut.

Sie lauscht.

Es ist still. Nur das Klopfen ihres Herzens dröhnt in ihren Ohren.

Warum ist sie hier? Was soll sie tun?

Nur ein winziger Lichtstrahl, bitte!

Oder nein, kein Licht. Es ist besser, nicht zu wissen, nicht zu sehen. Schreckliches verbirgt sich vielleicht in der Finsternis.

Plötzlich ein leichter Luftzug. Er ist kalt, verstärkt ihre Starre noch. Sie kann ihn nicht orten, er ist überall um sie. Und er bringt diesen Geruch mit. Unbeschreiblich, als hätte sich eine Tür in die tiefsten Abgründe der Finsternis geöffnet, als entweiche der Atem einer uralten Kreatur, die irgendwo lauert.

Sie hält den Atem an, muss doch wieder Luft holen, um nicht zu ersticken. Die scharfe Kälte beißt in ihren Lungen.

Sie beginnt zu zittern, möchte fortlaufen, aber etwas hält sie hier fest, etwas Unsichtbares, Mächtiges. Es ist überall um sie herum, wie eine dichte Wolke.

Dann in der Stille ein Geräusch. Ein leises Schaben, als gleite etwas über den Boden. Es muss einen festen Untergrund hier in dieser Finsternis geben, irgendetwas, worauf ihre Füße stehen.

Aber sie kann sich noch immer nicht bewegen. Kein Gefühl in den Händen, ihre Füße, mit denen sie sich vorwärts tasten möchte, gehorchen ihrem Willen nicht.

Sie steht und lauscht. Panik wogt wieder in ihr hoch wie eine Welle, die sie zu verschlingen droht. Ruhig! Bleib ruhig! Das ist ein Traum. Nur ein Traum. Es muss einer sein.

Da ist etwas. Es bewegt sich, kommt auf sie zu. Ein Flüstern huscht durch die Finsternis, wie von unzähligen Stimmen, sie sprechen in fremden Sprachen, Worte voller Schmerz und Qual.

Etwas Kaltes, Weiches legt sich um ihre Beine. Sie kann sich immer noch nicht rühren, muss zulassen, dass dieses Wesen – oder was immer das auch sein mag – langsam ihren Körper erobert. Sie möchte schreien, sie kann nicht. Dort wo dieses Ding sie berührt, gefriert das Blut in ihren Adern. Jetzt kommt der Schmerz. Nadelscharf dringt er in ihre Haut, ihr Fleisch, in die Knochen. Sie reißt den Mund auf, keucht. Gott, hilf mir! Hilf!

Das Etwas hüllt sie ein, immer mehr. Sie ist nur mehr Schmerz, ihr Körper löst sich auf, wird aufgesaugt von diesem Ding, wird Teil der vielen flüsternden Stimmen. Weiß jetzt auch um ihre Qual, aber es ist zu spät.

Carys fuhr mit einem Ruck hoch, öffnete den Mund, holte keuchend Atem. Ihr Kopf dröhnte, ihr Herz klopfte, als wolle es aus der Brust springen.

Sie sank auf das Bett zurück, noch immer schwer atmend. Der Pyjama klebte nass und kalt an ihrem schweißbedeckten Körper. Sie befreite die Beine, die fest in die Decke gewickelt waren. Eine mögliche Erklärung dafür, dass sie sich in ihrem Traum nicht hatte bewegen können. Aber das konnte nicht alles sein. Das war es nie.

Sie lag noch einen Moment reglos auf dem Bett, starrte auf den Streifen der Straßenbeleuchtung, der durch das Fenster fiel, drehte den Kopf und sah auf den Wecker.

Fünf Uhr morgens.

Sie fröstelte, stand auf und zog den feuchten Pyjama aus. Als sie zur Kommode ging, um einen sauberen zu holen, fiel ihr ein leichter Schimmer auf. Er kam von dem Holzkästchen, das sie dort abgestellt hatte. Merkwürdig. Sie zwinkerte mit den Augen. Keine Täuschung. Das Holz leuchtete in einem sanften, hellen Licht. Es konnte nicht von der Straßenbeleuchtung kommen, denn in diese Ecke drang der Strahl nicht.

Langsam streckte sie die Hand aus, berührte das Holz, zuckte erschrocken zurück. Es war warm.

Träumte sie noch immer? Wenn das der Fall war, dann hatte sie dieser Traum im Gegensatz zu dem anderen, der ihr schrecklich vertraut war, noch nie heimgesucht.

Sie fixierte das Kästchen. Das Licht pulsierte nun leicht, es sah aus, als sei ein schlagendes Herz in dem Behältnis eingesperrt. Ein Schauder überlief sie. Ohne das merkwürdige Ding aus den Augen zu lassen, öffnete sie die Schublade, tastete nach frischer Wäsche und zog ein Nachthemd über.

Das Kästchen leuchtete noch immer, wirkte seltsam lebendig. Zögernd streckte sie die Hand aus, nahm es auf. Die sanfte Wärme des Holzes empfand sie als angenehm.

Sie kehrte zum Bett zurück, setzte sich im Schneidersitz darauf und stellte das Kästchen vor sich auf die Decke. Natürlich träumte sie. So etwas konnte nicht wirklich geschehen, oder?

Woher kam dieses Licht? Es war, als würde es aus dem Inneren des Behältnisses dringen, als wäre in ihm die Quelle eingeschlossen. Eine Art Batterie, die sich aus irgendeinem Grund aktiviert hatte?

Vielleicht schaffte sie es jetzt, das Ding zu öffnen?

Sie legte den Finger auf das Wappen, fuhr die Konturen nach, stieß einen überraschten Laut aus als der Deckel aufsprang. Der Lichtschein wurde intensiver, aber Carys konnte trotzdem erkennen, dass in dem Kästchen eine Art Papierrolle lag. Vorsichtig zog sie daran, es machte ein bisschen Mühe, denn sie war fest hineingesteckt worden.

Es war kein Papier, wie sie feststellte, als sie es ganz in die Hand nahm. Eher eine Art Pergament, es griff sich rau und ziemlich fest an. Es war warm und tatsächlich die Lichtquelle. Es pulsierte leicht und vermittelte den Eindruck, als hielte sie etwas Lebendiges in den Händen. Seltsamerweise spürte sie weder Angst noch Widerwillen.

Vorsichtig entrollte sie das Pergament. Zu ihrer Verwunderung war es leer. Sie betrachtete eine Weile das leuchtende Ding in ihren Händen, fühlte die Wärme, das stete, leichte Vibrieren. Aus einem Impuls heraus strich sie sanft mit dem Finger über die Oberfläche, zuckte zurück, als es plötzlich stärker zu beben begann, ließ es erschrocken auf die Decke fallen, als es sich zusammenzog und mit einem leisen Rascheln wieder öffnete. Mit einem Mal flimmerte etwas auf der leuchtenden Oberfläche auf, verschwand aber so schnell wieder, dass Carys nicht feststellen konnte, was es gewesen sein mochte.

„Was willst du mir sagen?“, flüsterte sie, schüttelte gleich darauf ungläubig den Kopf. Jetzt redete sie schon mit einem Stück Pergament! Als wolle es beweisen, dass dies alles Wirklichkeit sei, bewegte sich das seltsame Relikt wieder, zog sich zusammen, straffte sich, bis es völlig glatt war. Wieder erschien etwas auf der Oberfläche, ein schwarzes Flimmern, das zu einem Zeichen wurde. Ein Buchstabe? Wenn ja, dann hatte sie noch nie etwas Derartiges gesehen. Diesmal blieb es länger bestehen, als wolle es sie zwingen, es zu entziffern.

„Tut mir leid“, murmelte Carys. „Ich kenne diese Schrift nicht.“

Sie begann zu kichern – das war doch alles völlig widersinnig!

Der Buchstabe – oder was immer das sein mochte – verschwand. Das Pergament begann wieder zu beben, es war, als müsse es seine ganze Kraft zusammennehmen. Noch einmal tauchte ein Zeichen auf, gleich darauf noch eines, danach fünf hintereinander. Ein Wort? Eindeutig in einer anderen Schrift als zuvor, aber auch diese glich keiner, die Carys jemals gesehen hatte. Es ähnelte Buchstaben, die sie einmal auf Zeichnungen von indischer Kleidung entdeckt hatte.

Das Wort prangte auffordernd auf dem leuchtenden Untergrund, als solle sie sich dazu äußern.

„Nein – auch das verstehe ich leider nicht.“

Das Wort verschwand, hinterließ einen dunklen Abdruck auf dem Hintergrund, der sich gleich darauf ebenfalls auflöste. Das Pergament raschelte noch einmal leise, neue Wörter erschienen.

Diesmal konnte sie die Schrift lesen.

Greetings to thee, merch y ddraig. Gwarcheidwad y Golau.

Sei gegrüßt, Tochter des Drachen. Wächterin des Lichts.

Starr vor Staunen las Carys die Botschaft. Doch bevor sie sich einen Reim darauf machen konnte, was das zu bedeuten hatte, erschienen neue Buchstaben.

Zwei Mächte beherrschen seit Anbeginn der Zeiten die Welten, stand plötzlich da.

Heldon, der Herr des Lichts und Berkan, der Herr der Dunkelheit.

Bekam sie jetzt eine Einführung in die Mythologie eines fremden Volkes? Wie funktionierte das bloß? Sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn Wort für Wort tauchte auf dem Pergament auf und verschwand, sobald sie es gelesen hatte.

Beide Mächte müssen im Gleichgewicht sein, damit die Welten bestehen können. Beide können niemals ohne einander sein.

Doch seit Ewigkeiten sind Licht und Dunkelheit im Wettstreit um die Vorherrschaft. Während Berkan eine Welt voller Finsternis, Schmerz und Grauen kreierte, schuf Heldon eine Welt voller Licht und Schönheit, ein wahres Paradies. Fruchtbares Land, bevölkert von einer Vielzahl von Pflanzen und Tieren und menschlichen Wesen aller Art.

Er schuf all dies in vielen Sonnenumläufen und als er sah, dass seine Schöpfung gelungen war, ruhte er.

Dies nutzte Berkan, um in Heldons Werk einzugreifen. Er streute seinen giftigen Samen aus und von diesem Augenblick an entstanden Krankheiten, die sich heimtückisch ausbreiteten und Leid und Tod über die Geschöpfe des Lichtgottes brachten. Neid und Missgunst säte er, Eifersucht und Angst. Das Dunkle hielt Einzug in der Welt des Heldon.

Als der Lichtgott erwachte und Berkans Werk entdeckte, geriet er in Zorn. Doch er konnte nichts tun, um seine Schöpfung wieder heil zu machen.

Aber er schuf Wesen, die das Unheil mildern sollten. Sie waren von vollkommener Schönheit, beschenkt mit der Gabe seines Lichtes. Sie sollten diese Gabe zum Heil der Kreaturen nützen, die Menschen Weisheit und Liebe lehren und ihre Gebrechen heilen, die sie durch Berkans Wirken befallen hatten.

Er schuf einmal tausend dieser Wesen und nannte sie Sardars, das bedeutet in der Alten Sprache Wächter des Lichts …

Die letzten Wörter lösten sich auf.

„Warte!“ Carys nahm das merkwürdige Dokument vorsichtig auf, aber es schien, als wären seine Kräfte endgültig erschöpft. Das Licht verschwand, das Pergament erschlaffte, dann hielt sie nur noch ein graues, lebloses Ding in der Hand. Es sah uralt aus.

Carys betrachtete es noch eine Weile stumm und staunend. Was war das bloß gewesen? Eine Art Zaubertrick? Wenn ja, welchen Sinn sollte der haben?

Sie nahm das Kästchen in die Hand. Das Licht war fort, das Holz fühlte sich kalt an. Sie drehte es, betrachtete es von allen Seiten. Da war nichts weiter. Es hatte nur dieses merkwürdige Stück Pergament beinhaltet.

Sie rollte es zusammen, steckte es wieder in das Kästchen und schloss es sorgfältig. Als sie probeweise versuchte, es noch einmal zu öffnen, ging es wieder nicht auf. Es funktionierte womöglich nur, wenn dieses Licht leuchtete. Wobei sie nirgendwo einen Mechanismus entdeckt hatte, der es in Gang setzte.

Sie stellte das Kästchen wieder auf die Kommode. Müdigkeit überfiel sie plötzlich mit einer solchen Heftigkeit, dass sie beinahe die paar Schritte zum Bett nicht mehr geschafft hätte. Sie ließ sich auf die Matratze fallen, zog die Decke über sich und versank einen Augenblick später in tiefen Schlaf.

Lilie und Drache

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