Читать книгу Lilie und Drache - Karin Kehrer - Страница 5
Kapitel 2
Оглавление„He Langschläferin!“ Sheilas Stimme riss Carys aus einem wirren Eindruck von Kälte, Dunkelheit und unsagbarer Angst. Sie öffnete die Augen, schloss sie gleich wieder, als das helle Sonnenlicht sie blendete. Sheila hatte rücksichtslos die Vorhänge zurückgezogen und die gleißende Helle, die selbst durch ihre geschlossenen Augenlider drang, brachte ihren Kopf zum Schmerzen. Oder er hatte es schon vorher getan und es wurde ihr nur jetzt in diesem Moment so richtig bewusst.
„Was‘n los?“ Mehr als ein undeutliches Nuscheln brachte sie nicht zustande.
„Ach du liebe Zeit! Du siehst ja grauenvoll aus! Was hast du nur angestellt?“ Sheilas Stimme klang unerfreulich munter, sie war Frühaufsteherin und ein Ausbund an unerschöpflicher Energie.
„Nichts. Mir geht’s nicht gut. Hab Kopfschmerzen.“ Carys zog die Bettdecke über den Kopf, aber das half nicht viel gegen Sheilas Tatendrang.
„Unsinn! Das hab ich dir gestern schon nicht geglaubt. Du hast mir außerdem versprochen, dass wir nach Notting Hill fahren. Schon vergessen?“
Carys stöhnte. Ja, das hatte sie tatsächlich. Normalerweise hätte sie sich auch darauf gefreut. Es gab nichts Schöneres, als an einem Samstag den Portobello Market zu besuchen, in den Menschenmengen unterzutauchen und nach allem möglichen Krimskrams zu stöbern.
„Was war eigentlich gestern wirklich mit dir los?“
Carys öffnete die Augen, nur um sie sofort wieder zu schließen, als sie Sheilas forschenden Blick bemerkte.
„Nichts. Kopfschmerzen. Sagte ich schon.“
„Schon wieder Unsinn. Es war alles in Ordnung bis Derek den Spielplan für die nächste Saison bekanntgab. Was ist so schlimm an Hamlet?“
„Nichts.“ Nur die Tatsache, dass Mark Hanson dabei sein wird.
Sheila zog eine Schnute. „Das glaub ich dir nicht. Aber ich werde dir dein Geheimnis schon aus der Nase ziehen, verlass dich drauf!“ Sie versetzte Carys einen sanften Stoß. „Und nun raus aus den Federn. Sonst versäumen wir das Beste.“
„Und das wäre?“ Carys rappelte sich hoch. In ihrem Kopf klopfte es dumpf und ihr Mund fühlte sich pelzig an. Zu viel billiger Wein.
Sheila strahlte. „Frühstück in Charlie’s Café, was sonst? Die besten Muffins von London!“
Ihre Freundin wusste genau, dass Carys dieses Café liebte. Der hohe Raum mit dem alten Holzboden und dem zusammengewürfelten Mobiliar strahlte eine altmodische und zugleich lässige Behaglichkeit aus, die ihr gefiel. Und die Muffins dort waren wirklich einzigartig.
Carys gähnte herzhaft und grinste schwach. „Schon überredet. Lass mich nur schnell unter die Dusche gehen, damit ich vorzeigbar bin.“
„Klar, aber beeil dich. Eigentlich wollte ich schon jetzt los.“
„Was? Aber es ist doch erst halb acht! Sag mal, wann bist du eigentlich nach Hause gekommen? Ich habe gar nichts mehr mitgekriegt.“
Über Sheilas hübsches Gesicht flog eine zarte Röte. „Keine Ahnung, ich habe nicht auf die Uhr gesehen. Aber es war gar nicht so spät. Irgendwie war es doch nicht so lustig. Derek hat mich nach Hause gebracht.“
„Derek?“
Sheila wich ihrem Blick aus und fixierte beharrlich den Vorhang. „Naja, du hast mich ja im Stich gelassen.“
„Ja, klar. Tut mir leid.“ Carys senkte schuldbewusst den Kopf. Sheila boxte sachte gegen ihren Arm. „Du wirst mir das noch erklären müssen. Keine Ausreden!“
„Aber nicht jetzt.“ Carys seufzte. „Sonst schaffen wir es nie nach Notting Hill.“
„Schon gut. Verstehe. Ab mit dir unter die Dusche!“
Wenig später ließ Carys das heiße Wasser auf ihren Körper prasseln. Sie fühlte sich danach bedeutend besser und freute sich genau wie Sheila auf ihren Ausflug. Sie fasste ihre langen Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen, schlüpfte in Jeans, T-Shirt, Sneakers und zog ihren schwarzen Wollmantel an, drapierte noch einen Schal mit blau-grünem Schottenkaro um den Hals. Zwar schien die Sonne, aber der Wind war um diese Jahreszeit schon empfindlich kalt.
Mit dem Bus würden sie eine gute Stunde brauchen. Leider Zeit genug für ihre Zimmergenossin, sie auszufragen. Aber sie würde sie vertrösten müssen. Auf keinen Fall wollte sie unter all den Leuten über Mark Hanson sprechen.
Es war aber nicht weiter schwierig, Sheila abzulenken. Sie erzählte ihr sämtliche Einzelheiten über den Abend, den Carys versäumt hatte und untermalte ihre Schilderungen mit lebhaften Gesten und viel Kichern, wie es ihre Art war. Dass die Affäre zwischen Valerie Mitchell und Don Peters, Käthchen und Petruchio in der Widerspenstigen Zähmung in der abgelaufenen Saison, nun offiziell war, obwohl beide eigentlich anderweitig gebunden waren. Dass die neue Sekretärin ein Auge auf Derek geworfen hatte, der sie aber ignorierte. Bei der Erwähnung von Dereks Namen wurde Sheila wieder rot und Carys beschlich der Verdacht, dass ihre Kollegin neuerdings für den Spielleiter des Globe Gefühle entwickelt hatte. Was nicht verwunderte, denn Derek war tatsächlich ein netter Kerl. Auch wenn er durchaus verstand, sich durchzusetzen, wirkte er Frauen gegenüber immer ein wenig linkisch und schüchtern. Und er sah ganz gut aus, war aber nicht Carys‘ Typ, auch aus dem Grund, weil sie eher auf Männer stand, die sie körperlich überragten.
Sie ließ Sheila reden und hoffte, sie würde nicht noch einmal das Thema Mark Hanson zur Sprache bringen.
Erleichtert atmete sie auf, als sie den Bus verließen und sog tief die frische Oktoberluft ein. Es war ein wunderschöner Tag, der Himmel wölbte sich blitzblau über ihnen und die Sonne ließ die noblen viktorianischen Villen von Notting Hill strahlen. Im Gegensatz dazu wirkten die zahllosen Verkaufsstände, an denen alles Mögliche angeboten wurde – von Früchten und Gemüse bis über Secondhand-Kleidung, Schmuck, Bildern und Antiquitäten - wie das pralle, bunte Leben.
„Was meinst du? Zuerst Frühstück?“ Sheila strahlte mit der Sonne um die Wette.
„Klar. Ich habe einen Bärenhunger!“
„Na dann los!“
Das kleine Café in der Portobello Road, untergebracht in einem ebenerdigen weißen Gebäude, war bereits ziemlich bevölkert. Aber Sheila entdeckte noch einen winzigen Tisch im Hof in einer Ecke. Carys setzte sich, während ihre Freundin sich in die Schlange an der Theke einreihte, um zu bestellen. Wenig später war sie auch schon da und ließ sich mit einem Seufzer auf den Stuhl fallen.
„So und nun keine Ausreden mehr. Ich möchte endlich wissen, was mit dir los ist. Du schleichst neuerdings herum wie ein Gespenst, träumst schlecht …“
„Aber …“
Sheila wedelte mit der Hand. „Denkst du, ich kriege es nicht mit, dass du immer wieder Albträume hast? Außerdem sprichst du im Schlaf.“
„Tut mir leid. Ich wollte nicht …“ Carys senkte peinlich berührt den Kopf.
„Du kannst ja nichts dafür. Diese Rigips-Wände sind nun mal ziemlich dünn. Es ist nur manchmal ganz schön unheimlich. Du brabbelst unverständliches Zeug, aber es klingt, als hättest du wahnsinnige Angst vor irgendetwas.“
Carys zuckte mit den Schultern. „Ich hatte das schon als Kind. Das kommt wahrscheinlich von zu viel Fantasie. Hat zumindest meine Mutter immer gesagt.“ Ein leiser Schmerz wehte durch ihr Inneres. Die Erinnerung an ihre Mutter hätte sie gerne verdrängt.
„Echt? Scheint mir eine ziemlich armselige Erklärung zu sein. Hast du schon mal daran gedacht, dir professionelle Hilfe zu suchen?“
Carys zuckte mit den Schultern. „Doch. Aber es hat nichts gebracht. Es kommt und geht. Wenn der ärgste Stress vorbei ist, wird es sicherlich wieder besser.“
Sie wich Sheilas forschendem Blick aus. Ganz stimmte das nicht.
„Und was ist jetzt mit Mark Hanson?“
Carys zuckte zusammen. War es so offensichtlich?
„Nun guck nicht so. Ich habe dich gestern beobachtet. Es war alles in Ordnung, bis sein Name fiel. Du warst plötzlich bleich wie Hamlets Totenschädel, als Derek die Neuigkeit bekanntgab.“
„Das ist nicht Hamlets Schädel“, sagte Carys automatisch.
„Lenk nicht ab“. Sheila sah sie mit gespielter Strenge an. „Du weißt, was ich meine.“
Carys seufzte. „Also gut. Es wird ja sowieso herauskommen, also kann ich es dir genauso gut jetzt sagen. Ich rede nur nicht gerne darüber. Aber vielleicht ist es besser, wenn du es von mir erfährst. Dann musst du dir die wilden Gerüchte erst gar nicht anhören. Ich war mit ihm zusammen.“
Sheilas blaue Augen wurden kugelrund. „Was? Du warst … mit IHM, mit Mark Hanson???“
„Pst! Muss ja nicht jeder wissen!“ Carys warf einen verstohlenen Blick in die Runde. Aber anscheinend hatte niemand Sheilas Ausbruch mitbekommen.
„Und? Wie … ich meine … das ist doch kaum zu glauben! Mark Hanson! Mit dir! Warum hast du nie etwas erzählt?“
Carys lächelte bitter. „Naja, ich rede wirklich nicht gerne darüber.“
„Ja, schon klar. Also war es eher unerfreulich? Das verstehe ich nicht.“
„Hey, er ist kein Halbgott oder so. Nur ein Mann, zugegeben, ziemlich berühmt, aber in Wahrheit …“
„Was? Immerhin sieht er traumhaft aus, ist der gefragteste Shakespeare-Darsteller überhaupt, sein Hamlet ist Weltklasse!“
„Er ist ein Idiot. Ein eitler, selbstgefälliger Idiot.“
Sheila starrte sie entsetzt an
„Nun sei nicht so schockiert.“ Carys hätte gelacht, wäre ihr die ganze Sache nicht so peinlich gewesen. „Natürlich sieht er umwerfend aus und die Frauen laufen ihm scharenweise hinterher. Deshalb war ich auch so durch den Wind, als er sich plötzlich für mich interessierte. Ich konnte es gar nicht glauben.“
Sie schwieg, verlor sich in wehmütigen Erinnerungen. Er hatte beinahe altmodisch um sie geworben, ihr Schmuck und Blumen geschenkt, sie zum Essen ausgeführt. Geiz konnte man ihm gewiss nicht vorwerfen.
Sie schrak auf, als der Kellner die Bestellung brachte. Tee und Schokomuffins.
„Was ist passiert?“ Sheila stach in den Kuchen, ließ die Gabel in der Luft schweben und sah sie erwartungsvoll an.
„Ich romantischer Trottel dachte, er wäre die Liebe meines Lebens“, sagte Carys leise. „Es war wie ein Traum.“
Mark war ein wundervoller Liebhaber gewesen. Hitze stieg in ihr auf, als sie daran dachte.
„Er war gut“, sagte Sheila vergnügt. „Das dachte ich mir immer schon. Er hat dieses gewisse Etwas.“
„Tja, das Problem war nur, er konnte dieses gewisse Etwas nicht auf eine Frau beschränken. Wäre doch jammerschade gewesen, wenn er es sich wegen einer bei all den anderen verscherzt hätte.“ Carys lächelte bitter, in Erinnerung an die Demütigung, die sie erleiden musste.
„Ich glaubte die Gerüchte über seine notorische Untreue nicht. Ich wusste zwar, dass er vor mir andere gehabt hatte, aber ich dachte nicht, dass er gleichzeitig …“ Sie atmete tief durch. „Er hatte neben mir noch eine Affäre mit Cheryl de Vere.“
Und sie musste es auf eine dermaßen demütigende Art und Weise erfahren, dass ihr jetzt noch übel wurde, wenn sie daran dachte …
Er hatte sie an ihrem Geburtstag erst zu Mittag angerufen, obwohl sie schon seit dem Morgen auf seine Glückwünsche wartete. Sie plante, an diesem Abend eine Party zu geben. Nichts Besonderes, nur ein paar gute Freunde. Und Mark. Malte sich das so schön aus, dass dies der Anlass wäre, ihre Beziehung offiziell zu machen.
Stattdessen teilte er ihr mit, dass er nicht kommen könne, dass er anderweitige Verpflichtungen habe. Cheryl habe ihn eingeladen.
Sie war noch so dumm gewesen, zu insistieren, er könne diese Verabredung ja absagen, als er ihr die schonungslose Wahrheit offenbarte. Er sei schon länger mit Cheryl zusammen, er habe nur nicht gewusst, wie er es ihr, Carys, beibringen könne. Dass ihre Beziehung nur eine kurze, vergnügliche Affäre für ihn gewesen sei und er eine Wette gewonnen habe, dass er die scheue unzugängliche Schönheit aus Wales knacken würde. Sie wollte es immer noch nicht glauben, brachte ihn dazu, sie anzuschreien. Ob sie denn so dumm sei und nicht begreife, dass sie ihm im Weg sei.
Carys zog die Schultern hoch und drehte die Teetasse in ihren Händen. Selbst jetzt tat die Erinnerung an diese furchtbare Szene noch weh.
Sheila öffnete ihren Mund und klappte ihn wieder zu. Natürlich wusste sie, wer Cheryl de Vere war. Die wunderschöne blonde Schauspielerin spielte ebenfalls hauptsächlich Shakespeare-Rollen und war gleichzeitig mit Mark vor einem Jahr engagiert gewesen, auch wenn sie nicht zusammen in einem Stück aufgetreten waren.
„Ok, das ist stark“, murmelte sie endlich. „Aber er ist nicht mehr mit ihr zusammen.“
Carys lachte bitter. „Nein, natürlich nicht. Er wechselt seine Geliebten wie seine Rollen. Und jetzt kommt er wieder. Und ich werde für seine Kostüme verantwortlich sein.“ Ein Schauder erfasste sie und Tränen traten in ihre Augen. Undenkbar, ihn wiederzusehen und so tun zu müssen, als wäre er ihr egal …
Sheila ergriff ihre Hand. „Das ist ja echt scheiße. Du musst da durch, oder?“
Carys schluckte. „Ja. Muss ich. Obwohl ich mich, ehrlich gesagt, momentan am liebsten einfach nur verkriechen würde.“
„Oh nein! Du schaffst das schon. Es ist ja noch genug Zeit. Vielleicht hast du bis dahin gelernt, damit umzugehen. Oder du lernst jemand anderen kennen und vergisst diesen Mistkerl.“ Das war typisch Sheila. Immer positiv gestimmt. Sie war derzeit Single und genoss ihre Freiheit.
„Ja, mag sein.“ So ganz überzeugt war Carys nicht. Marks Verrat hatte eine tiefe Wunde geschlagen. Dabei hatte sie bis jetzt geglaubt, einigermaßen darüber hinweg zu sein.
Sie nippte an ihrem Tee, der inzwischen Trinktemperatur erreicht hatte und kaute auf ihrem Muffin herum. Sie hatte keinen Appetit mehr, aber sie wollte sich nichts anmerken lassen.
„Hör mal.“ Sheila beugte sich vor, fasste wieder ihre Hand. „Ich weiß, dass du deinen Job liebst. Du darfst nicht wegen dieses Kerls aufgeben. Außerdem sind wir beide ein absolutes Dream Team. Ich wäre dermaßen sauer auf dich, wenn du alles hinschmeißen würdest, du hättest nur mehr Albträume!“
Carys musste lachen. Natürlich stimmte es. Sie konnte sich keinen anderen Beruf vorstellen. Es war immer wieder faszinierend, wie sehr ihre Kostüme die Menschen verwandelten. Wie aus dem netten, ruhigen Don Peters der feurige Petruchio wurde, oder aus der freundlichen Margret Helm die intrigante Lady Macbeth. Natürlich hatten die Kostüme nur einen gewissen Anteil daran, aber er war wichtig. Und sie liebte es, ihre Fantasie spielen zu lassen. Sheila als ihre Assistentin kannte inzwischen jeden Winkel der Bühne genau, wusste, wie das Licht eingesetzt werden musste, um die Darsteller am vorteilhaftesten zur Geltung zu bringen, oder vermittelte auch einmal zwischen dem Spielleiter und ihr, wenn ihre Vorstellungen zu weit auseinanderlagen.
Sie liebte den Geruch und die Atmosphäre in den Räumen des Theaters, den riesigen Fundus, in dem sie liebend gerne stöberten, die Fröhlichkeit Sheilas und ihren unerschöpflichen Optimismus.
Ja, sie waren wirklich ein tolles Team!
Sollte Mark nur ruhig kommen und seinen tödlichen Charme versprühen! Diesmal würde sie immun gegen ihn sein!
„Du könntest ja mal unabsichtlich eine Nadel in seiner Hose vergessen.“ Sheila schien ihre Gedanken erraten zu haben und lächelte spitzbübisch.
„Keine gute Idee. Womöglich würde ich auf der Stelle gefeuert.“ Carys grinste. Sie fühlte sich plötzlich, als wäre eine schwere Last von ihr genommen worden. Vielleicht hätte sie schon längst ihre Sorgen mit Sheila teilen sollen, anstatt ihren Kummer hineinzufressen. Und das sagte sie ihr auch.
„Ach was, dazu sind Freundinnen ja da!“ Sheila umarmte sie kurz und heftig. Dann sprang sie auf.
„Na komm! Jetzt stürzen wir uns ins Gewühl!“ Sie hakte sich bei ihr unter. Wieder einmal fühlte sich Carys ein wenig befangen. Sheila war mindestens einen Kopf kleiner als sie und sie kam sich immer ein bisschen unbeholfen neben ihr vor.
Wenig später tauchten sie in das Gewimmel auf dem Markt ein. Menschenmassen schoben sich durch die Gassen und versperrten oft genug die Sicht auf die einzelnen Stände, aber das machte Carys nichts aus. Sie genoss den Bummel, drängte sich sachte, aber bestimmt vor, wenn sie etwas Vielversprechendes entdeckte. Bald trennten sich die Freundinnen, um einzeln zu stöbern. Sie vereinbarten, sich in zwei Stunden bei Mr. Lee’s zum Lunch zu treffen, einem relativ preisgünstigen Chinarestaurant in der Kensington Park Road.
Carys streifte weiter durch die Gassen. Sie hatte kein bestimmtes Ziel, keine genaue Vorstellung, ob und was sie einkaufen sollte. Das war meistens die beste Voraussetzung, um unverhofft zu einem Schnäppchen zu kommen. Sie begutachtete einige Stoffe, die auf einem Wühltisch lagen, wurde aber nicht fündig. Die nächste Produktion in der neuen Saison, die sie ausstatten sollte, war ein Stück eines zurzeit noch unbekannten jungen Autors. Es spielte in den 1990ern, die Hauptrollen würden mit Nachwuchsschauspielern besetzt werden.
Sie schlenderte weiter und musste vor einem Antiquitätengeschäft stehen bleiben, weil wieder einmal kein Durchkommen war. Dabei fiel ihr Blick in die Auslage und blieb an einem Kästchen, offensichtlich aus Holz, hängen. Sie starrte wie gebannt darauf. Auf den ersten Blick schien es nichts Besonderes zu sein, aber irgendetwas daran faszinierte sie. Sobald die Menschenmenge sich ein wenig auflöste, ging sie näher. Die Scheibe war ziemlich schmutzig, deshalb konnte sie kaum Einzelheiten erkennen. Auf dem Deckel befand sich ein geschnitztes, rundes Motiv.
Aus einem Impuls heraus öffnete sie die Ladentür. Eine Kaskade von Glöckchen bimmelte melodisch, als sie in das dämmerige Innere trat. Überwältigt blieb sie stehen. Der kleine Raum war vollgestopft mit Unmengen von Krempel. Es mochte auch das eine oder andere wertvolle Exponat darunter sein, das war aber in diesem Durcheinander nicht wirklich auszumachen. Vor ihr stand ein Glasschränkchen, das nach Regency aussah, die beiden Stühle daneben waren eindeutig diesem Stil zuzuordnen. Daneben lehnte ein massiver goldener Bilderrahmen mit Art-Déco-Motiven. Über ihr schwebte eine ausgestopfte Eule mit ausgebreiteten Flügeln. Sie zog den Kopf ein, um nicht anzustoßen und spähte in das Halbdunkel.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Sie zuckte zusammen, als sie die brüchige Altmännerstimme hörte, die irgendwo aus dem hinteren Teil des Ladens kam. Schlurfende Schritte näherten sich und dann tauchte der Besitzer der Stimme – und wahrscheinlich auch des Ladens – vor ihr auf. Er sah genau so aus, wie sie sich ihn in ihrer Fantasie gerade ausgemalt hatte. Ein schmächtiger Mann mit vollem weißem Haar und einer goldgefassten Brille auf der Nase.
„Ich … entschuldigen Sie, aber ich interessiere mich für das Kästchen in der Auslage.“
Der alte Mann hob die buschigen weißen Augenbrauen. „Ein Kästchen?“
„Ja, es steht ganz vorne links.“
„Wenn Sie es sagen.“ Er lächelte entschuldigend. „Ich fürchte, ich habe ein wenig den Überblick verloren. Seit mein Geschäftspartner gestorben ist, bin ich noch nicht dazu gekommen, hier alles zu sortieren.“
Er wandte sich ab, ohne auf ihre Antwort zu warten und sie hätte auch nicht gewusst, was sie ihm sagen sollte.
Er schlurfte zur Auslage, sorgsam darauf bedacht, nirgendwo anzustoßen und begann, herumzukramen. Dabei murmelte er Unverständliches vor sich hin. Carys sah sich ein wenig unbehaglich um. Es widerstrebte ihr, diesem gebrechlichen Mann Umstände zu machen, und das aus einer Laune heraus.
Mit einem triumphierenden Lächeln tauchte er so plötzlich zwischen dem alten Kram auf, dass sie zusammenzuckte. „Meinten Sie das?“ Er hielt ihr das Kästchen hin.
Carys nickte und nahm es in die Hand. Es fühlte sich angenehm an. Sie trat zur Tür, um es im Licht zu betrachten. Es war etwa sechs mal vier Inches groß und schlicht gearbeitet. Auf dem Deckel befand sich ein geschnitztes Wappen. Sie sah es genauer an und hielt erstaunt inne. Sie kannte dieses Motiv, aber woher? Es war rund und stellte eine stilisierte Lilie dar, die von einem Drachen umrahmt wurde. Der schuppige Leib legte sich wie schützend um die Blume. Die Krallen berührten zärtlich eine der Blütenblätter. Vorsichtig strich sie mit dem Daumen darüber. Die Schnitzerei war äußerst fein gearbeitet, aber sie konnte den Stil nicht zuordnen. Trotz des Drachenmotivs wirkte es nicht asiatisch. Ein eigenartiger Duft entströmte dem Holz. Sie hielt das Kästchen an ihre Nase und schnupperte. Ein sanfter und zugleich herber Geruch, mit einer leichten, warmen Note, wie ein Hauch aus einer anderen Welt, der etwas in ihr berührte, etwas, das sie nicht benennen konnte.
„Gefällt es Ihnen?“ Die Stimme des Mannes holte sie aus ihrer Versunkenheit.
Sie räusperte sich. „Ja. Wieviel würde es kosten?“
„Lassen Sie mal sehen.“ Er drehte es in den Händen. „Es ist mit keinem Preis ausgezeichnet, womöglich steht es nicht auf der Inventarliste. Merkwürdig.“ Der Mann runzelte die Stirn. „Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich es überhaupt schon einmal gesehen habe.“
Er reichte es ihr zurück und sie suchte nach dem Verschluss, aber es gab keinen, obwohl ein schmaler Spalt darauf hinwies, dass es sich öffnen lassen musste. Vielleicht war er auch verloren gegangen, aber auf dem glatten Holz gab es keine Spuren davon.
„Ich würde es Ihnen für fünfzig Pfund überlassen, was meinen Sie?“
Carys überlegte kurz.
„Es ist sehr hübsch gearbeitet und ich glaube, es ist ziemlich alt, auch wenn ich sonst nichts darüber sagen kann“, meinte der Mann. „Also fragen Sie mich nicht, woher es stammt.“
„Ich denke, das ist ein angemessener Preis.“ Carys lächelte und der Mann nickte zustimmend. „In Ordnung. Soll ich es Ihnen einpacken?“, meinte er noch dienstfertig, als sie ihm den Fünfzig-Pfund-Schein überreichte.
Sie schüttelte den Kopf. „Es geht so, lassen Sie nur. Ich habe eine große Tasche mit.“
Aber er hielt schon ein purpurrotes Seidentuch in den Händen und schlug das Kästchen ein. „Damit es nicht zerkratzt wird.“ Er lächelte sie an. „Viel Freude damit und alles Gute für Sie.“
Sie dankte ihm, seltsam gerührt über seine Freundlichkeit.
Carys verließ den Laden und das melodische Bimmeln der Glöckchen klang in ihren Ohren nach.
Sie blinzelte ein wenig benommen im hellen Sonnenschein, so als wäre sie aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt zurückgekehrt in ihr normales Leben. Die Menschen, die sich durch die Menge schoben, um ihren alltäglichen Geschäften nachzugehen, das ganze Treiben rings um sie her, kam ihr fremd vor. Sie gehörte nicht hierher. Ein merkwürdiger Gedanke. Sie schüttelte den Kopf über diese seltsame Anwandlung.
Um sich abzulenken, warf sie einen Blick auf die Uhr. Es blieb ihr noch fast eine Stunde bis zum Treffen mit Sheila, die sie damit verbringen würde, weiter nach Kleidern und Stoffen Ausschau zu halten. Sie fand einen alten Vorhang aus schwerem Brokat mit bordeaux- und ecrufarbenem Muster, aus dem sie eine perfekt fallende Robe schneidern konnte, und eine Rolle Spitzenstoff. Auch an einem Stand, an dem handgehäkelte Borten angeboten wurden, kaufte sie ein. Außerdem entdeckte sie ein schwarzes Kleid im Stil der zwanziger Jahre mit einem langen Oberteil und einem tief gesetzten, in Falten gelegten Rock, der gerade das Knie umspielte. Goldfarbene Knöpfe auf den Schultern sorgten für einen eleganten Blickfang. Das Kleid musste sie einfach für sich selbst kaufen. Sie wusste zwar noch nicht, zu welcher Gelegenheit sie es tragen sollte, aber sie liebte Samtstoff.
Als sie bei Mr. Lee’s eintraf, winkte Sheila ihr von einem Zweier-Tisch zu. Wie immer hatte ihre Freundin es geschafft, pünktlich zu sein, während Carys meist die Zeit vergaß, wenn sie ins Stöbern geriet. Aber als sie Sheila ihre Einkäufe zeigte, war die wieder versöhnt. Besonders das schwarze Kleid gefiel ihr sehr gut. „Du bist groß und schlank, das wird dir wunderbar stehen“, seufzte Sheila und musterte ihre eigene Figur. „Ich werde eher in der Kinderabteilung fündig, aber ich hasse rosa T-Shirts mit Häschen darauf.“ Sie zog eine Grimasse und Carys musste lachen. „Du übertreibst. Du nähst dir, genau wie ich, das meiste selbst. Und ich habe dich noch nie in einem rosa T-Shirt mit Häschen gesehen. Es würde dich wahrscheinlich jünger machen.“
Sheila kicherte. „Das nehme ich jetzt als Kompliment, obwohl es in unserem Alter eher eine Beleidigung sein könnte.“ Ihre Augen funkelten. „Ich sehe, es geht dir besser. Ich wusste doch, dass ein Ausflug auf den Markt genau das Richtige für dich sein wird.“
„Ja, du hast recht.“
Ein Kellner brachte ihnen die Speisekarte. Als Carys das Drachenmotiv auf dem Umschlag der Karte entdeckte, dachte sie wieder an ihren spontanen Einkauf. Der Drache sah aber definitiv nicht so aus wie der auf dem Kästchen. Wo hatte sie dieses Wappen – wenn es denn eines war - schon gesehen?
„Ist alles in Ordnung?“ Sheila sah sie forschend über den Rand der Speisekarte an.
Carys zuckte zusammen. „Ja, natürlich, warum?“
„Du guckst so komisch. So, als ob du meilenweit weg wärst.“
„Ich habe gerade nachgedacht. Über ein Kostüm.“ Das war nur halb gelogen, aber sie hatte trotzdem ein schlechtes Gewissen. Nur – wie sollte sie Sheila ihre merkwürdigen Empfindungen erklären?
„Ach so.“ Sheila gab sich damit zufrieden. Sie kannte Carys inzwischen so gut, um zu wissen, dass sie öfter gedanklich in fremde Welten abdriftete und machte sich darüber keine Sorgen. Deshalb akzeptierte sie auch das Schweigen ihrer Zimmergenossin und eine gewisse Zerstreutheit während des Essens. Was diese mit Erleichterung zur Kenntnis nahm.
Gerade bevor die Rechnung kam, läutete Carys‘ Handy und holte sie aus ihren Grübeleien. Sie sah auf das Display.
Anne.
Sofort überfiel sie das schlechte Gewissen, das sich seit dem Tod ihrer Mutter ihrer Schwester gegenüber verstärkt hatte. Wann hatte sie zum letzten Mal mit Anne gesprochen? Sie konnte sich momentan nicht erinnern.
Mit einem entschuldigenden Lächeln nahm sie das Gespräch an.
„Helo, Kleine.“ Es berührte sie seltsam, dass ihre ältere Schwester sie immer noch so bezeichnete. „Wie geht’s dir?“
„Gut, danke.“ Carys wollte nicht, dass ihre Antwort so knapp und unhöflich ausfiel, deshalb setzte sie hinzu: „Ich bin gerade mit Sheila beim Lunch. Alles ok.“
„Das freut mich. Hör mal, ich möchte dir einen Vorschlag machen.“ Wie immer kam Anne sofort zur Sache. „Die Saison im Globe ist doch zu Ende und du müsstest ja endlich frei haben. Komm für ein paar Tage zu uns, wir haben uns ewig nicht gesehen und die Jungs würden sich auch freuen.“
Mit den Jungs meinte sie ihren Mann und ihre Zwillingssöhne. Anne war ein Familienmensch durch und durch, etwas, das sie schon immer von Carys unterschieden hatte. Deshalb hatte Anne auch mit neunzehn geheiratet und die jüngere war nach London geflüchtet.
„Na, was sagst du?“ In Annes Stimme lag eine Spur Ungeduld, Carys hatte zu lange geschwiegen.
„Ich überlege gerade“, sagte Carys. „Ein paar Tage muss ich noch dranhängen, um die Kostüme durchzusehen und einzulagern, aber danach könnte ich mir frei nehmen. Ab Donnerstag?“
„Perfekt! Du kommst bestimmt mit dem Zug? Curt kann dich vom Bahnhof abholen. Ich habe nachgesehen. Wenn du um halb neun abfährst, bist du um viertel nach zwölf in Bangor, und wir können gemeinsam um eins lunchen.“
Carys seufzte unhörbar. Annes Fürsorge und ihre Vorliebe, das Leben anderer zu planen, waren manchmal schwer zu ertragen.
„Also gut. Abgemacht. Ich freu mich.“ Sie versuchte, so viel Herzlichkeit wie möglich in ihre Stimme zu legen. Sie wusste noch nicht so recht, ob es tatsächlich stimmte, Anne hatte sie überrumpelt. Andererseits – sie schuldete ihrer älteren Schwester mehr als einen Gefallen, nachdem sie sie so schmählich im Stich gelassen hatte.