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1.1 Okay, es gibt Blackouts. Vor allem aber gibt es verschenkte Chancen

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Wenn man sich als Kommunikationstrainer nach fast 15 Jahren noch an eines seiner allerersten Coachings erinnert, hatte man seitdem entweder sehr wenige Aufträge, oder es muss etwas wirklich Außergewöhnliches geschehen sein. Damals dachten wir zumindest noch, einem seltenen Phänomen auf der Spur zu sein, mittlerweile wissen wir: Wir waren Zeuge eines Managementschicksals, das sehr viele Top-Führungskräfte miteinander teilen, wenn es in die öffentliche Kommunikation geht.

Wir befanden uns im Konferenzraum eines internationalen Finanzinstituts und hatten unser mobiles Fernsehstudio aufgebaut. Drei Scheinwerfer waren bereits installiert, der Kameramann hatte die Kamera geschultert und ein weiterer Kollege verkabelte unsere Teilnehmerin mit einem Ansteckmikrofon. Durch die bodentiefen Fenster konnten wir die leuchtenden Türme der Frankfurter Skyline sehen. Unsere Kundin: Bereichsleiterin, Anfang 40, kurze, blonde Haare, Hosenanzug, Brille, freundlich und offenherzig. Wir waren noch am Anfang unserer Session und wollten nach einem kurzen Vorgespräch mit der ersten Interviewübung beginnen. Nichts Kompliziertes, kein heikles Krisenszenario, ein harmloses »Level 1«-Interview über den Status quo im Unternehmen, die Ziele der Bank und ein konkretes Event im kommenden Monat. So zumindest war der Plan.

Also alle in Position, Lampen an, Kamera auf Rotlicht, kurze Tonprobe und eine erste, ungefährliche Einstiegsfrage. Unsere Klientin schaffte knappe zehn Sekunden, bevor es ihr, im wahrsten Sinne des Wortes, die Sprache verschlug. Ihr kompliziert komponierter Einstiegssatz führte schnell ins Nichts, ihre Stimme wurde brüchig, das von uns dringend herbeigesehnte Verb geriet außer Sichtweite, ihre Konzentration wich wachsender Unruhe. Und dann: Nichts mehr. Blackout. »Wie kann mir so was passieren?«, war in ihren Augen zu lesen. Eine Top-Managerin, gewohnt zu präsentieren. Kopfschütteln über sich selbst.

Im nächsten Moment öffnete sich die Tür des Konferenzraums und zwei Damen vom Catering schoben einen Wagen mit belegten Brötchen hinein. Unsere Klientin hatte offensichtlich andere Pläne, drehte sich mit einem offenen Lächeln zu den beiden um und sagte: »Besten Dank, dass Sie kommen. Sieht ja wieder lecker aus. Aber bitte geben Sie uns noch zehn Minuten, seien Sie so nett. Wir stecken mitten in einer Übung. Ich sage Ihnen dann Bescheid, sobald wir durch sind. Dankeschön.«

Fünf Sätze. Knapp, freundlich, bestimmt, souverän und klar. Ohne Versprecher, ohne Suche nach einem Verb, ohne jeden Fehler. Verbindlich statt verwirrend. Vorgetragen mit offener Haltung und deutlicher Stimme. Man könnte sagen: Mit der sichtbaren und hörbaren Executive Presence, die ihr zu eigen ist. Und dies wenige Sekunden nach einem fürchterlich missratenen Interviewversuch vor unserer Kamera. Wir schauten uns an, sie realisierte, was soeben passiert war, und wir wussten in diesem Moment, dass uns ein interessanter, fruchtbarer Coachingtag bevorstand.

Zugegeben, unsere Bereichsleiterin ist ein extremes Beispiel. Das, was in alltäglichen Situationen jederzeit abrufbar war und was sie auszeichnete – Klarheit, Persönlichkeit, Überzeugungskraft –, wurde im Scheinwerfermoment plötzlich unsichtbar. Doch dieses Phänomen zieht sich, wie wir in den folgenden Jahren feststellten, quer durch alle Chefetagen, vom kleinen Familienunternehmen bis in die Dax-Konzerne. Bei den einen ist es die Kamera, bei den anderen der Schritt auf die Bühne – viel zu oft sind starke (Führungs-)Persönlichkeiten ausgerechnet in diesem entscheidenden Moment so viel schwächer, als sie sein könnten. Und in ihrer Position sein müssten. Nicht ohne Grund. Aber ohne Not.

Es geht uns im Rahmen dieses Buches weniger um die wirklich gravierenden Blackouts, die Top-Manager zum Gesprächsthema des Unternehmens machen oder millionenfach bei Youtube geklickt werden. Das sind die Ausreißer, die alle fürchten, die aber doch relativ selten passieren. Relevanter, weil viel häufiger, sind unserer Ansicht nach die unzähligen öffentlichen Auftritte, die bestenfalls als durchschnittlich durchgehen, obwohl so viel mehr drin gewesen wäre. Sie sind es, die uns ärgern und beschäftigen.

Graues Mittelmaß, zähe Präsentationen, floskelbeladene Interviews, unkonkrete und ergebnislose Verhandlungen. Vergebene Chancen und verschwendete Zeit. Executive Presence bleibt unsichtbar, weil entscheidende Kleinigkeiten aus den wichtigen Feldern Sprache / Stimme, Gestik / Mimik, Struktur und Haltung eben nicht zusammenspielen und die Wirkung des Redners schwächer wird, als sie sein müsste.

Viel mehr als nur Körpersprache – Executive Presence

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