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Von ganzem Härzel von Rosemarie Simmendinger-Katai

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Sehr früh am Morgen – ach, fast noch in der Nacht, hat Härzel heute Vroint aufgeweckt. Sie wollte unbedingt spazieren gehen. Sie wollte einmal wieder was ganz anderes machen als gewöhnlich. Vroint war gar nicht begeistert. Es ist doch noch so dunkel und gefährlich, meinte er. Aber gegen Härzels Klopfen konnte er einfach nichts Gescheites einwenden und so machten sie sich auf den Weg.

Das Geplänkel zwischen Vroint Verstand und Härzel Herz während dieses morgendlichen Ausflugs möchte ich dir, liebe Leserin und dir, lieber Leser nicht vorenthalten.

Der Waldweg war bisher angenehm zu begehen. Da taucht plötzlich links ein schmaler Pfad auf, der steil nach oben führt.

Vroint: Stopp! Das ist gefährlich!

Härzel: Ich will aber da lang.

Vroint: Den Weg kennst du doch gar nicht.

Härzel: Ja, deswegen.

Vroint: Meistens wird das nichts, wenn du wohin gehst oder etwas machst, das du nicht kennst. Dann muss ich dir wieder aus der Patsche helfen.

Härzel: Du tust ja so, als wäre ich die paar Mal, wenn ich was Neues probiert habe, kurz vor meinem endgültigen Stillstand gewesen.

Vroint: Stimmt ja auch. Jedenfalls war es manchmal peinlich.

Härzel: Wie – peinlich. Dir oder mir?

Vroint: Na ja, was denken die Leute. Ich bin der Verstand und verstehe alles, auch die Leute.

Härzel: Und wie ist das mit mir? Mich verstehst du auch?

Vroint: Zugegeben – das fällt mir tatsächlich schwer. Du bist schon sehr speziell. Genau genommen denke ich, dass du süchtig bist.

Härzel: Ich – süchtig? Ich trink nix – noch nicht mal Kaffee, rauche nicht und nehme weder Pulver noch Pillen. Wie kommst du da jetzt drauf?

Vroint: Ich hab‘ da so einen Verdacht.

Härzel: Aha. Dann mal raus damit – ich bin gespannt. Und es ist dir hoffentlich nicht peinlich?

Vroint: [Druckst herum] Also. Also. Es ist Sehnsucht, glaub ich.

Härzel: Sehnsucht. [Pause] SEHNsucht. [Pause] SehnSUCHT. [Pause] Haha! Das gefällt mir.

Vroint: Jetzt spinn‘ nicht wieder rum. Du und deine Wortfummelei. Ich meine das im Ernst.

Härzel: Was heißt hier Wortfummelei? Übrigens hätte ich dir so eine Wort-Erfindung gar nicht zugetraut. Und du hast recht, mein lieber Freund. Ich bin hochgradig sehnsüchtig!

Vroint: Du gibst es zu?

Härzel: Ich finde, unsere Wörter verraten schon einiges. Manchmal mehr, manchmal genügen sie nicht.

Vroint: Du machst mich wahnsinnig!

Härzel: Das geht aber schnell. Jetzt beruhige dich erst einmal. Dann bitte ich dich, mir hörend zu folgen. Unterbrich mich nur, wenn es zu gefährlich oder peinlich wird.

Vroint: Na gut, zehn Minuten.

Härzel: [Lächelt] Vielleicht geht es ja schneller? Schau mal: Sehnsucht, sehnsüchtig. Ich schau‘ mir die Begriffe gerne genauer an. Da hat sich einiges dahinter versteckt, was wir nicht mehr beachten. Aus Gewohnheit vielleicht? Dir ist zum Beispiel SUCHT aufgefallen. Ich frage dich: Ist jemand süchtig, der etwas sucht? Mir fällt SEHN auf. Sehnen und Sehen. Ich bin ein HERZ!

Vroint: [Stöhnt leise]

Härzel: Bschscht. Ich bin ein Herz und habe immer Sehnsucht. Ich sehne mich danach, Neues zu sehen, noch Besseres, und suche danach. Ich halte Ausschau nach mehr Möglichkeiten, Abenteuern, und was es noch gibt, auch was mein Auge – warum auch immer – noch nicht einfangen kann. Das ist meine Natur.

Vroint: Und meine Natur? Das interessiert wieder mal niemand.

Härzel: Jetzt, wo du das sagst, interessiert es mich. Bitte, verrate es mir.

Vroint: Ich bin da, um aufzupassen. Ich hab‘ Erfahrung. Ich bin vernünftig. Ich kenne mich aus. Ich kann Ordnung schaffen. Ich bin neutral und nüchtern. Ich behalte die Kontrolle. Meine Werkzeuge sind die Augen, Ohren, Geruch und Geschmack, das Tasten und weitere feine Kleinigkeiten. Und ich kann mich im Kreis drehen.

Härzel: Auch ich nutze diese Werkzeuge – nur anders. Im Kreis drehen kann ich mich nicht, dafür klopfe ich gelegentlich schneller. Mein lieber Freund, ich habe dir bisher noch nie gesagt, wie sehr ich dich liebe und es schätze, dass du bei mir bist und alles das für mich machst, was du machst. Ich danke dir von Herzen!

Vroint: [Das Gegenteil von verlegen] Für einen Verstand ist das selbstverständlich. Andernfalls müsste er sich Vorwürfe machen. Mit der Liebe bin ich vorsichtig, da könnte ich glatt die Kontrolle verlieren, und das kann ich mir auf keinen Fall leisten. Du brauchst mir nicht zu danken.

Härzel: Aber ich möchte es.

Vroint: [Mit spöttischem Unterton] Wieder mal sentimental?

Inzwischen sind sie auf dem schmalen Pfad unterwegs. Solange sie diskutieren, bleiben sie immer wieder stehen. Jetzt gehen sie schweigend weiter und schauen sich um, beide in ihre Gedanken vertieft – wobei Härzel das Ganze sehr genießen kann.

Härzel: Wie wäre es, wenn wir in Zukunft besser zusammenarbeiten würden?

Vroint: Wie soll das denn gehen?

Härzel: Du mit all deinen Fähigkeiten hilfst mir bei meiner Sehnsucht. Vorher muss ich dir allerdings noch ein Geständnis machen.

Vroint: Jetzt bin ich aber neugierig!

Härzel: Du bist neugierig? Das ist super! Ich trau mich nur nicht so recht. Vielleicht putzt du mich doch gleich wieder runter. Also…ja…also...

Vroint: Na, sag schon!

Härzel: Du machst dich auch nicht lustig, versprochen?

Vroint: Du weißt doch, ich schau mir immer alles neutral und nüchtern an. Sag`s endlich!

Härzel: [Flüsternd] Ich hab‘ mich verliebt.

Vroint: Oh je!

Härzel: Ich hab‘ mich verliebt in „was ich noch nicht kenne“ – in das Unbekannte.

Vroint: [Aufgebracht] Das gibt‘s doch nicht! Das kann doch nicht sein! Das ist doch lächerlich! Genügt es dir denn nicht, in mich verliebt zu sein? Bei mir gibt es wenigstens Vorsorge und Sicherheit und…und…

Härzel: …und klare Grenzen? Ich hab`s gewusst! Du lachst also doch und putzt mich runter, oder wie das heißt. Neutral und nüchtern ist das gerade nicht. Und damit du es weißt, ich kann DICH lieben und das Unbekannte auch und noch viel mehr – ich bin nämlich groß. Größer als du jemals denken kannst.

Vroint: Entschuldige, ich wollte dich nicht beleidigen. [Nachdenklich] In das Unbekannte verliebt! Woran merkst du das?

Härzel: Es klopft, zieht und bumbert. Manchmal unregelmäßig. Erst wenn ich ein paarmal tieeef ein- und ausatmen lasse, wird es etwas ruhiger. Dann bekomme ich auch wieder mit, was sonst noch los ist.

Vroint: Das ist also dein Beweis für verliebt sein, ts ts ts. Lass dir das gesagt sein: Das Unbekannte kann man nicht nüchtern und neutral anschauen. Weil man es nämlich nicht sehen kann. Und komm mir nicht wieder mit dem Zeug, dass du da etwas ahnst oder spürst!

Härzel: Doch. Das Unbekannte ist jenseits der Grenzen. Schau doch ein einziges Mal darüber hinaus, was es da alles zu entdecken gibt. Du hast die Grenzen ja selber festgezurrt und müsstest noch wissen, wo sie sind.

Vroint: Ich seh‘ da nix. Eigentlich will ich da auch nicht rüber schauen.

Härzel: Direkt was sehen kann man vielleicht auch nicht. Es ist so ein Ahnen und Sehnen. Und ich spüre ein Kribbeln, wenn ich mich nur ein wenig in die Richtung bewege. Die Augen sehen sowieso nicht alles, womöglich, weil du sie ständig kontrollierst? Aber ich habe schon eine Ahnung davon, dass mich und dich etwas Interessantes erwarten könnte.

Vroint: …„erwarten könnte.“ Ist dir eigentlich klar, was du da sagst? Das bedeutet doch, dass du nicht einmal weißt, ob da überhaupt was ist. Dann wäre das alles, die ganze Mühe, umsonst.

Härzel: Erst müssen wir dorthin, dann gibt es auch wieder was für die Augen zu sehen. Ohnehin wäre es sinnvoll, öfter einmal woanders hinzugehen. Bestimmt hätten auch die Augen damit ihre Freude. Ich würde dir das gern besser beschreiben, allein die Worte fehlen mir.

Vroint: Was es nicht gibt, kann man nicht beschreiben.

Härzel: Und möchtest du mir trotzdem helfen? Wie ich dich kenne, freust du dich danach, wenn du mal etwas Neues lernen darfst. Zumindest hast du damit wieder eine Erfahrung gewonnen, durch die du mich irgendwann einmal schützen könntest, wenn es erforderlich wäre.

Vroint: Was soll ich machen?

Härzel: Bitte begib dich rechts oder links hinter mich, so, dass du mir über die Schulter sehen kannst und mir notfalls einen Rat zuflüstern könntest. Und warte möglichst damit, bis ich dich darum bitte. Bevor du mich bremst, stelle mir zuerst eine Frage. Etwa so: Möchtest du das wirklich? Gibt es hier noch andere Möglichkeiten? Du wirst schon wissen, welche, ich vertraue dir. Für eine Frage ist immer Zeit. Und du – bitte – vertraue mir.

Liebe Leserin und lieber Leser! Die beiden vermeintlichen Kontrahenten und gleichzeitig doch geübten Zusammenspieler haben den steilen Pfad gewählt. Sie ließen sich Zeit und haben sich immer wieder umgeschaut. Vroint, um die Umgebung zu begutachten. Er hat das wirklich sehr dezent gemacht! Und Härzel, um die Umgebung zu bewundern und zu bestaunen. Dabei hat sie immer mal wieder frei und fröhlich einen Jauchzer losgeschickt. Inzwischen wurde es hell und sie erreichten ein weites Bergplateau. Von da aus zeigte sich ein prachtvoller Sonnenaufgang. Sogar Vroint musste zugeben, dass sich der Aufwand (so seine Worte) gelohnt hat.

Was, wenn wir dem Herz erlauben, uns weit über

alle Grenzen hinaus zu tragen?

Was alles könnten wir dann sehen?

Die Sehnsucht ist im Herzen.

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* * *

ROSEMARIE SIMMENDINGER-KATAI hat immer schon vieles gleichzeitig gemacht und sich nie darüber gewundert. Über die Frage einiger Arbeitskollegen, schon Jahre vor ihrer Pension, war sie allerdings erstaunt: „Wie lang musst du noch (arbeiten)?" Sie glaubt, dass jeder seine traurigen Ansichten ändern kann und hilft gerne dabei.

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Der kleine Coach für den Nachttisch

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