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Wettlauf gegen die Amtsgewalt

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Als ich reichlich spät in Sichtweite meines Autos komme, sehe ich bereits eine Politesse die Straße entlanglaufen. Sie hat solch eine auffallende rote Haarfarbe und einen dermaßen dicken Hintern, dass man sie gar nicht übersehen kann. Dummerweise hat sie aber auch einen gewaltigen Vorsprung und mein Parkschein ist bereits abgelaufen. Ich gebe Gas und versuche die Gute einzuholen. Die schlendert gemütlich von Auto zu Auto. Ihren Computer hat sie bereits in der Hand, um schneller die Daten der Verkehrssünder eintippen zu können. Ich ärgere mich, dass ich ihr, wie so viele andere Autofahrer auch, den Job leicht mache, weil wir es nicht schaffen, rechtzeitig zurück zu sein.

Wobei, in dem Fall könnte sich dieser Umstand durchaus günstig für mich auswirken, denn die Politesse hat viel zu tun und ist schwer damit beschäftigt, Beweisfotos anzufertigen und allerhand Knöllchen unter die Scheibenwischer zu klemmen.

Ich schöpfe Hoffnung, bin mir aber im Klaren, dass das Rennen noch nicht entschieden ist, denn mein Auto steht sozusagen am anderen Ende des Horizonts. Der Schweiß läuft mir schon den Rücken hinunter, denn mein Einkauf ist bleischwer und ich habe das Gefühl, dass meine Arme gleich über den Gehweg schleifen.

Die Sandalen drücken. Sie sind wohl eher Sitzschuhe und nicht dafür gemacht, Wettläufe zu veranstalten. Bestimmt werde ich später eine große Blase am Fuß entdecken.

Aber ich gebe nicht auf. Schließlich habe ich satte vier Euro für den Parkschein bezahlt. Das ist viel Geld und berechtigt mich doch wohl, mal ausnahmsweise ein, zwei Minütchen länger stehen zu bleiben.

Ist das anstrengend! Kurz überlege ich, ob ich nicht einfach bremsen und mir in der Eisdiele, an der ich gerade vorbeihechte, eine kühle Erfrischung genehmigen soll. Aber ich entscheide mich dagegen. Laufen soll ja auch gut für die Figur sein, also renne ich weiter und schaffe es, die Dame abzudrängen und sogar zu überholen.

Ich drücke auf die Fernbedienung meines Türöffners und gerade als sie ihre Nase Richtung Ablage streckt, packe ich meinen Parkschein und knülle ihn zusammen. Gewonnen! Mit großer Willenskraft schaffe ich es, nicht die Hand zur Faust zu ballen und gen Himmel zu strecken.

Diese Geste auszuführen wäre aber sowieso schwierig geworden, denn meine Arme zittern vom vielen Schleppen. Stattdessen grinse ich und sage freundlich: „Guten Tag!“ Die Ordnungshüterin schaut mich irritiert an. Wahrscheinlich wird sie nicht so oft gegrüßt und weiß deshalb nicht, wie sie diese Geste einordnen soll.

Dann verzieht sie ihr Gesicht zu so was wie einem angedeuteten Lächeln und nickt mir zu. Höchst zufrieden lasse ich mich auf den Sitz fallen, kurbele erst mal die Fensterscheibe runter, damit ich wieder zu Atem komme und mache mich auf den Heimweg.

Dort lasse ich mich erschöpft auf die Couch fallen, schnappe mir eine große Tüte Chips und greife nach dem Ratgeber. Das Ding ist echt spannend. Zu spannend, denn ich achte nicht auf die Zeit und lasse mich doch glatt von Michael beim Lesen erwischen.

Mein Mann sieht mich grinsend an und ich hoffe, dass er den Titel meiner Lektüre nicht gelesen hat. Dann lockert er seine Krawatte, reckt sich, bis die Knochen knacken und stellt seinen riesigen Aktenkoffer mitten in den Weg. Die Schuhe kickt er unter den Wohnzimmertisch, er selbst lässt sich neben mich aufs Sofa plumpsen. „Na, Faules, was liest du denn da Interessantes?“

An dieser Stelle sollte ich wohl erwähnen, dass mein Mann es schon seit Jahren furchtbar lustig findet, mich ganz liebevoll „Faules“ zu nennen. Diese Angewohnheit ist ein ziemlich ärgerliches Überbleibsel von einem feuchtfröhlichen Abend kurz nach unserer Hochzeit, an dem ich mich bei ihm beschwerte, er habe mir das „Glück“ genommen, worauf er antwortete, dafür würde er mich künftig immer „Faules“ nennen.

Ich musste daraufhin furchtbar lachen, woran natürlich nur die Bowle schuld war, denn witzig war und ist das sicher nicht, aber in dem Moment wurde mein Spitzname geboren. Wenn mich jemand anders als Michael jemals so nennen sollte, werde ich ihn deshalb auf jeden Fall umhauen, das ist klar.

Immer noch versucht mein Mann, einen Blick auf den Buchtitel zu erhaschen und ich tue alles, damit ihm das auch jetzt nicht gelingt. Nach kurzer Zeit gibt er auf und beginnt stattdessen, mich zu piesacken. „Faules, meinst du denn nicht, es gäbe noch was Sinnvolleres zu tun, als die Zeit mit Lesen zu verplempern?“ Er weiß, wie er mich ärgern kann. Der Gute hat Glück, dass ich ihm sein altmodisches Machogehabe meistens nicht übelnehme. Heute aber verstehe ich überhaupt keinen Spaß! Ich bin in Kampfstimmung und funkele ihn deshalb zornig an. Aber Michael ist ebenfalls noch nicht am Ende. „Morgen kommen wieder Leute, um sich das Haus anzusehen. Mein Vater meinte, ich solle mal nachhaken, was die Fenster machen?“ Er zuckt die Schultern, runzelt die Stirn und sieht mich fragend an. Nein, Michael hat definitiv keine Ahnung von unserer kleinen Auseinandersetzung. Ich überlege kurz, ihm davon zu erzählen, entscheide mich aber dagegen. Die ganze Sache wird mir sowieso langsam zu bunt. Schließlich waren erst heute Morgen Besucher da. Mir ist es unangenehm, wenn ständig Fremde durch unser Schlafzimmer tingeln. Nicht alle angeblichen Kaufinteressenten wollen wirklich ein „TraumHeim“ kaufen, manche möchten nur bei fremden Leuten rumschnüffeln.

Ich habe im Fernsehen mal den passenden Bericht gesehen. Es ging um Touristen, die vorgaben, reich zu sein und eine Villa kaufen zu wollen. Die sind dann in traumhaft schönen Häusern rumgelaufen und haben sich eingebildet, Millionäre zu sein.

Gerade hole ich tief Luft, damit ich ausreichend davon habe, um lautstark zu protestieren, da schlägt sich Michael gegen die Stirn „Oh, Mist. In einer halben Stunde fängt schon mein Strong-Man-Kurs an. Ich muss mich beeilen. Wäre ja doof, gleich das erste Training zu verpassen.“

Er dreht sich um und spurtet Richtung Schlafzimmer, wo seine Sporttasche steht. Während er geräuschvoll Schubladen auf- und wieder zu zieht, ruft er: „Warte nicht mit dem Abendessen auf mich, ich will mit den Jungs vom Studio noch was trinken gehen. Laura hat übrigens gejammert, dass sie einen Vokabeltest schreibt. Vielleicht kannst du sie später nochmal abhören?“

Dazu habe ich wenig Lust, aber einer sollte es wirklich machen, denn unsere Tochter ist faul und beherrscht ihren Stoff garantiert noch nicht.

„Tschüß, Schatz, bis später“, meldet sich Michael nochmals kurz zu Wort und weg ist er.

Eva

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