Читать книгу Blutige Finsternis - Lucy Darkness - Страница 12
ОглавлениеDie Wochen vergingen. Der Winter war längst dem nahenden Sommer gewichen. Meine Bank hatte mich telefonisch angerufen, dass sie mein Penthouse nun der Zwangsvollstreckung unterworfen hätten. Nun war ich obdachlos und besaß nur noch das, was sich in meinem Wagen befand. Das rote Kleid mit den Blutflecken hatte ich mitgenommen.
Wieder hatte ich einen Jahrmarkt entdeckt. Er kampierte am Ende des Ortes. Wie lange ich das noch durchhalten würde, wusste ich nicht. Meine Kraft würde mich bald verlassen. Gegen Abend schlenderte ich über den Rummel. Alles war wie auf den vorherigen Märkten gewesen. Es war laut, die Menschen schrien, amüsierten sich. Doch ich erkannte kein bekanntes Gesicht.
In diesem Moment jedoch fühlte ich wieder diese merkwürdige Kälte und plötzlich war da dieser furchtbare Geruch, der mich an den schlechten Atem der alten Hexe erinnerte. Für einen kurzen Moment dachte ich, Jerina zu sehen. Eine junge Frau huschte da hinten vorbei. War sie es?
Ich schleppte mich langsam nach hinten, vorbei an den Wohnwagen, hinein in die Dunkelheit. Von weitem sah ich ein Lagerfeuer. Menschen saßen dort, sie sangen, sie grölten. Als sie mich bemerkten, wurden sie ganz still und blickten mich durchdringend an. So, als würden sie einen Geist sehen. Vielleicht war ich das auch schon.
Ich stand vor ihnen. In meiner Hand hatte ich das Kleid und ihre Blicke waren zornig aber auch ängstlich. Eine Mischung aus Wut und Furcht. Ich hatte keine Ahnung, wieso, aber sie erkannten mich und ich wusste, ich bin hier richtig.
»Ich muss mit Jerina sprechen! Bitte!«
Ein alter, stämmiger Mann stand auf. Seine Haare waren bereits vergraut, doch seine Augen waren so voller Schwärze, wie ich es zuvor nur bei der Alten gesehen hatte.
»Du hast hier nichts verloren. Verschwinde!« Seine Stimme klang bitter und so voller Wut. Einer unaussprechlichen Wut.
»Bitte ich flehe Euch an. Ich muss Jerina sprechen!«
Andere Männer standen nun auf. Sie kamen bedrohlich näher. Ich wich keinen Schritt zurück. Wie hätte ich auch.
Keiner wollte mit mir sprechen. Ich flehte sie erneut an. Ihre Fäuste flogen in mein Gesicht. Als ich Minutenspäter (oder waren schon Stunden vergangen?) wieder aufwachte, lag ich blutverschmiert im Dreck. Das rote Kleid lag neben mir.
Alle meine Knochen schmerzten. Ich konnte kaum aufstehen und versuchte mich zurück zu meinem Auto zu zehren. Vor dem Wagen stand plötzlich ein junges Zigeunerkind, das mich anlächelte. Sie war vielleicht 10 oder 12 Jahre alt.
»Du willst Jerina sprechen«, fragte sie mich und kicherte wie die alte Frau.
»Ja ...«, hauchte ich.
»Du kommst zu spät. Es gibt keine Jerina mehr ...«, wieder kicherte sie.
»Bitte ...«, flehte ich das kleine Kind an.
»... Du suchst Jerina? Die Jerina ... Die junge Frau, die so fröhlich an ein Versprechen glaubte und dafür alles gab ... Die Jerina gibt es nicht mehr ... Sie liegt tot unter der Erde. Namenlos irgendwo in der Weite ... Sie war einem anderen versprochen, doch hatte ihr Herz Dir geschenkt. Doch Du wolltest sie nicht.
Wochen später stellte sie fest, dass sie schwanger war. Ihre Familie konnte das nicht akzeptieren. Sie wurde verstoßen und sprang wenig später mit dem neuen Leben unter ihrem Herzen in den Tod. Dabei trug sie das rote Kleid, das Du so krampfhaft in Deiner Hand hältst. Jerina hat unsere Familie hintergangen. Sie hat es damit für uns nie gegeben ... Genauso wie es Dich bald nicht mehr geben wird!«
Die Worte des kleinen Mädchens wurden bedrohlicher. Sie wusste, wer ich war ... sie wusste alles.
»Bitte helfe mir. Ich bereue, was ich gemacht habe. Ich will alles ändern ... bitte ... sage mir, wo finde ich die alte Frau?«
Das Kind kicherte wieder leise.
»Du willst die alte Frau finden? Du Narr! Du hast Dein Versprechen gebrochen und damit Deinen Tod besiegelt ... die alte Frau, die Du suchst ... ist längst dahingeschieden. Kurz nach Jerinas Selbstmord ist ihre Großmutter vor lauter Kummer eingeschlafen. Du bist nun der nächste ... doch vorher wirst Du leiden ... leiden«, sie kicherte.
Ich schloss für ein paar Sekunden die Augen. Als ich sie wieder öffnete, war das kleine Mädchen verschwunden. Vollkommene Stille herrschte.