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Fokus: Das Modell des »Internal vs. External Frame of Reference« (I/E-Modell)
ОглавлениеDas I/E-Modell von Marsh (1990) erklärt, wie es zur Ausdifferenzierung des akademischen Selbstkonzepts in einen mathematischen und verbalen Bereich kommt. Grundlage ist das Zusammenspiel von zwei simultan ablaufenden Vergleichsprozessen. In einem sozialen (externalen) Vergleich vergleichen Schülerinnen und Schüler ihre eigenen fachlichen Leistungen mit den Leistungen der anderen ihrer Klasse im gleichen Fach. Da Schülerinnen und Schüler, die gut in Deutsch sind, oft auch gut in Mathematik sind, sollte der soziale Vergleichsprozess dazu führen, dass diejenigen mit einem positiven verbalen Selbstkonzept auch über ein eher positives mathematisches Selbstkonzept verfügen. Wenn diese Annahme stimmt, sollte es also positive Korrelationen zwischen dem verbalen und dem mathematischen Selbstkonzept geben.
Die Empirie sieht jedoch anders aus. Zumeist finden sich keine bedeutsamen Korrelationen zwischen dem verbalen und dem mathematischen Selbstkonzept. Verantwortlich ist dafür ein zweiter Vergleichsprozess. Beim dimensionalen (internalen) Vergleich werden die eigenen Leistungen in einem Fach den eigenen Leistungen in einem anderen Fach gegenübergestellt. Dieser Vergleichsprozess bewirkt einen Kontrasteffekt, wodurch das Selbstkonzept für den akademischen Bereich gestärkt wird, für den die individuell besten Leistungen wahrgenommen werden. Nimmt ein Schüler z. B. wahr, dass er besser in Mathematik ist als in Deutsch, so wird sein mathematisches Selbstkonzept gestärkt, sein verbales Selbstkonzept jedoch geschwächt. Somit führt der dimensionale Vergleich am Ende dazu, dass es zu einem negativen Zusammenhang zwischen dem mathematischen und verbalen Selbstkonzept kommt. Durch das Zusammenspiel des externalen und des internalen Vergleichsprozesses kommt es letztlich zu einer Unabhängigkeit des mathematischen vom verbalen Selbstkonzept, da sich der positive Zusammenhang nach dem sozialen Vergleichsprozess und der negative Zusammenhang nach dem dimensionalen Vergleichsprozess ausgleichen.
Das Zusammenspiel von sozialen und dimensionalen Vergleichsprozessen erklärt auch die Bereichsspezifität des Einflusses der Schulleistung auf das Selbstkonzept (Marsh & Craven, 2006). So konnte gezeigt werden, dass gute Mathematikleistungen sich positiv auf das Selbstkonzept in Mathematik, aber negativ auf das verbale Selbstkonzept auswirken. Ebenso beeinflussen gute verbale Leistungen das verbale Selbstkonzept positiv, das mathematische Selbstkonzept jedoch negativ. Der positive Einfluss von Leistung auf das Selbstkonzept innerhalb eines Inhaltsbereichs lässt sich auf den vom I/E-Modell angenommenen sozialen Vergleichsprozess zurückführen, während der negative Einfluss auf das Selbstkonzept in anderen Inhaltsbereichen durch den dimensionalen Vergleichsprozess bedingt zu sein scheint.
Das I/E Modell hat die Forschung zu dimensionalen Vergleichen vorangetrieben und zu einer Theorie dimensionaler Vergleiche geführt, die sich mit den Determinanten und Auswirkungen dimensionaler Vergleiche befasst. In diesem Zuge wurde das »Generalized Internal/External Frame of Reference« (GI/E) Modell entworfen (Möller, Müller-Kalthoff, Helm, Nagy & Marsh, 2016). In diesem Modell wird das klassische I/E-Modell weiterentwickelt: Nun wird berücksichtigt, dass nicht nur Leistungen Gegenstand dimensionaler Vergleiche sein können und dass sich dimensionale Vergleiche nicht nur auf Selbstkonzepte, sondern auch auf andere motivationale und emotionale Merkmale auswirken können. Auch wird die im klassischen I/E-Modell fokussierte Kontrastierung zwischen dem mathematischen und verbalen Bereich durch die Hinzunahme weiterer Schulfächer ergänzt. Wolff et al. (2019) haben zusätzlich das Zusammenspiel sozialer und dimensionaler Vergleiche um das Wirken temporaler Vergleiche (Vergleich der eigenen aktuellen Leistungen mit eigenen früheren Leistungen) ergänzt.
Für den individuellen Lernerfolg ist das Selbstkonzept von hoher Relevanz. Dies belegt vor allem der empirisch gesicherte Zusammenhang zwischen Selbstkonzept und schulischer Leistung (Guay, Ratelle, Roy & Litalien, 2010; Marsh & Craven, 2006). Für die Erklärung des Zusammenhangs von Selbstkonzept und Leistung findet man zwei gegensätzliche theoretische Erklärungsansätze. Nach dem Self-Enhancement-Ansatz stellt das Selbstkonzept eine Determinante der schulischen Leistung dar, während der Skill-Development-Ansatz davon ausgeht, dass es die schulische Leistung ist, die das Selbstkonzept beeinflusst (Guay, Marsh & Boivin, 2003). Die Unterscheidung dieser beiden Ansätze ist nicht nur von theoretischer, sondern auch von praktischer Relevanz. So geht der Self-Enhancement-Ansatz davon aus, dass sich eine Verbesserung des Selbstkonzepts direkt in einer Verbesserung des individuellen Lernzuwachses niederschlägt (Haney & Durlak, 1998). Von einer gezielten Förderung des Selbstkonzepts wären demnach positive Effekte auf die schulische Entwicklung zu erwarten. Auf der Grundlage des Skill-Development-Ansatzes wäre aufgrund der hypothetisch gegenteiligen Wirkrichtung die pädagogische Konsequenz jedoch eine andere. Da beide Ansätze in der Literatur vielfach Untermauerung gefunden haben (Valentine, DuBois & Cooper, 2004), wird mittlerweile davon ausgegangen, dass sowohl die schulische Leistung einen Einfluss auf das Selbstkonzept ausübt, als auch das Selbstkonzept die Leistungsentwicklung beeinflusst (Wu, Guo, Yang, Zhao & Guo, 2021).