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Studie: Ist der Entwicklungszusammenhang zwischen Selbstkonzept und Leistung tatsächlich reziprok?

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Die vielen empirischen Bestätigungen einer bidirektionalen Beziehung zwischen Selbstkonzept und Leistung basieren zumeist auf Variationen des klassischen Cross-Lagged-Panel-Modells. Anhand eines Längsschnittdatensatzes mit mehr als 2.000 Grundschulkindern, von denen zwischen Ende der 1. und Mitte der 4. Klasse das Lese-Selbstkonzept und die Leseleistung erhoben wurden, prüften Ehm, Hasselhorn und Schmiedek (2019) den Entwicklungszusammenhang zwischen Selbstkonzept und Leistung mit einer Reihe neuerer statistischer Modelle, etwa dem Random-Intercept Cross-Lagged Panel Model. Es ergaben sich deutliche Unterschiede in den Ergebnissen in Abhängigkeit davon, ob die klassische oder eine neuere Analysemethode gewählt wurde. Während Effekte von der Leistung auf das Selbstkonzept in allen Modellierungen nachgewiesen werden konnten, fand sich für den umgekehrten Effekt unter Anwendung der neueren statistischen Modelle kaum Evidenz. Übereinstimmend damit kommen Wu et al. (2021) in ihrer Metaanlyse zu der Schlussfolgerung, dass im Grundschulalter wohl vor allem der Skill-Development-Ansatz zutreffend sein sollte und dass die Annahme des reziproken Wirkzusammenhangs erst für ältere Jahrgangsstufen gültig ist.

Aber kommen wir abschließend noch einmal auf das Verhältnis von Leistungsmotiv und Fähigkeitsselbstkonzept zurück. Ob das Leistungsmotiv das Fähigkeitsselbstkonzept determiniert oder ob sich der Kausalzusammenhang gerade anders herum darstellt, ist genauso schwer zu beantworten wie das berüchtigte Henne-Ei-Problem. Da allerdings die theoretischen Modellvorstellungen zum Leistungsmotiv im Vergleich zu denen des Selbstkonzepts elaborierter ausfallen, scheint uns die Konzeption des Leistungsmotivs besser geeignet, interindividuelle Unterschiede individueller motivationaler Voraussetzungen des Lernens zu umschreiben. Um deutlich zu machen, dass das Selbstkonzept (oder auch das verwandte Konzept der Selbstwirksamkeitserwartungen) nicht schon vollständig in der motivationspsychologischen Theorie des Leistungsmotivs enthalten sind, sprechen wir vom Lern- und Leistungsmotivsystem als einem relativ zeitstabilen Personmerkmal, das durch die Einschätzungen der eigenen Fähigkeiten, durch differenzielle Attribuierungstendenzen nach Erfolgs- bzw. Misserfolgserlebnissen und durch die assoziierten Zielsetzungen, Selbstbewertungen und damit verbundenen emotionalen Empfindungen näher charakterisiert ist.

Pädagogische Psychologie

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