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2.5 Volition und lernbegleitende Emotionen

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Jahrzehntelang hat sich die Motivationspsychologie mit den individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens beschäftigt, die dazu führen, dass überhaupt Lernabsichten gebildet werden. Interesse an den spezifischen Inhalten einer Lernanforderung, die Hoffnung auf Lernerfolg und eine gute Leistung sowie der damit verbundene Wunsch, sich ein weiteres Mal in seinem eigenen Leistungsvermögen bestätigt zu sehen, motiviert zum Lernen. Diese Motive können dazu antreiben, eine Lernabsicht auszubilden und Anstrengungen in die Bewältigung von Lernaufgaben zu investieren. Die Absicht, ein Ziel zu erreichen, ist jedoch bekanntlich nicht identisch mit ihrer Realisierung. Hierfür bedarf es der Initiierung und Ausführung geeigneter Handlungen, die – weil sie ja gewollt sind – als volitional bezeichnet werden (Heckhausen & Kuhl, 1985).

Damit wird eine Thematik wieder aufgegriffen, die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Narziß Ach (1905) unter der Bezeichnung »Willenstätigkeit« bzw. »Willensbetätigung« untersucht worden war. Um die Volition einerseits von der Motivation abzugrenzen und andererseits deutlich zu machen, dass beide im Handlungsablauf eng aufeinander bezogen sind, haben Heckhausen, Gollwitzer und Weinert (1987) das Rubikon-Modell zielgerichteter Handlungen formuliert ( Abb. 2.11). Der Grundgedanke dieses Modells ist, dass in dem Moment der Entscheidung für das Umsetzen einer Handlung die Grenzlinie zwischen Motivation und Volition überschritten wird. Heckhausen et al. (1987) haben die Bezeichnung Rubikon-Modell gewählt, um an die folgenreiche Entscheidung Caesars zur bewaffneten Überquerung des Grenzflusses Rubikon zwischen Gallia Cisalpina und Rom (im Jahr 49 v. Chr.) zu erinnern. Das war ein Staatsstreich. Caesar kam damit seiner geplanten Entmachtung durch den römischen Senat zuvor. Von dem Moment an, in dem Caesar seine Absicht zum Überschreiten des Rubikon gefasst hatte, gab es kein Zurück mehr.


Abb. 2.11: Das Rubikonmodell des Handelns nach Heckhausen (1989; modifiziert übernommen aus Rheinberg & Vollmeyer, 2019, S. 223)

Verspürt eine Person einen hinreichend ernsthaften Wunsch, etwas zu tun, so beginnt sie damit, die Machbarkeit und die Konsequenzen seiner Umsetzung und die Wünschbarkeit dieser Konsequenzen zu beurteilen. Dem Rubikon-Modell zufolge befindet sich die Person dabei zunächst in einer realitätsorientierten motivationalen Phase, in der sie offen für alle entscheidungsrelevanten Informationen ist. Insbesondere werden auch negative Informationen sondiert, geradezu so, als wolle die Person sich selbst davon überzeugen, dass es sich nicht lohne, dem Wunsche folgend zu handeln. Nur wenn sich die Überzeugung einstellt, dass die Folgen einer Nicht-Realisierung des Wunsches im Vergleich zu den Folgen seiner Realisierung unannehmbar sind, kommt es zur Intentionsbildung: Aus dem Wunsch wird eine Absicht. Das ist der entscheidende Punkt.

Mit der Absichtsbildung ist der Rubikon überschritten, so dass sich die Bewusstseinslage der Person schlagartig ändert. Die Person tritt in eine realisierungsorientierte Volitionsphase ein, in der vorzugsweise solche Informationen beachtet werden, die für die Realisierung der Absicht relevant sind. Wenn die Absicht etwa darin besteht, einen bestimmten schulischen Bildungsabschluss zu erreichen, dann gewinnen in der Volitionsphase jene psychischen Kräfte an Bedeutung, die über das notwendige »Motiviertsein« und über die notwendige Bereitschaft, Anstrengung zu investieren, hinausgehen. Erst die volitionalen Kräfte ermöglichen es, die Umsetzung der gebildeten Absicht unbeirrt und hartnäckig zu verfolgen. Sie äußern sich z. B. in protektiv-handlungsleitenden Einstellungen und Überzeugungen, so etwa in der Überzeugung, die bevorstehenden Ereignisse und Handlungen selbst vollständig kontrollieren zu können (Gollwitzer, 1991). Erst wenn das eigene Handeln zur Realisierung der Absicht geführt hat, lässt der volitionale Bewusstseinszustand nach. Es kommt dann zur Deaktivierung der Intention und die Person kehrt zurück in einen realitätsorientierten Bewusstseinszustand. In der motivationalen Phase konkurrieren dann erneut die unterschiedlichen Wünsche und Bedürfnislagen, bevor es zu einer neuen Absichtsbildung kommen mag.

Die volitionalen Kräfte zeigen sich in besonderen Verhaltensweisen, die wir gemeinhin als Hinweise auf ein diszipliniertes und gewissenhaftes Lernen werten. Gewissenhaftigkeit wird übrigens auch in der Persönlichkeitspsychologie als eine der zentralen Dispositionen angesehen, in der sich Menschen systematisch voneinander unterscheiden (McCrae & Costa, 1999).

Pädagogische Psychologie

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