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Volitionale Stile
ОглавлениеAus Alltagsbeobachtungen gewinnt man bisweilen den Eindruck, dass sich Menschen systematisch in der Art und Weise unterscheiden, wie sie mit Störungen bei der Umsetzung beabsichtigter Handlungen umgehen. Die Niedergeschlagenheit, die eine unangenehme Nachricht auslösen kann, beeinträchtigt das Lernverhalten der einen Person nur für wenige Stunden, das einer anderen aber für Tage und Wochen. Bei ihr hält das lähmende Gefühl fortwährend an, so dass sie nur noch über ihre missliche Lage nachdenken kann und ihr jeglicher Schwung fehlt, sich auf die neu anstehenden Lernaufgaben zu konzentrieren. Kuhl (1981) hat aufgrund von Beobachtungen dieser Art auf stabile Persönlichkeitsunterschiede in der Herangehensweise an beabsichtigte Handlungen geschlossen. Er unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen lageorientierten und handlungsorientierten Personen.
Der Begriff der Handlungsorientierung bezeichnet eine Disposition, die die erfolgreiche Umsetzung von Absichten in die Tat begünstigt. Handlungsorientierten gelingt die Handlungskontrolle in der Regel besonders gut (Kuhl & Kazen, 2003): Eine missliche Lage führt bei ihnen nicht zu einem übermäßig langen Nachgrübeln darüber, wie es dazu gekommen ist oder wer daran Schuld habe. Stattdessen beginnen sie sehr bald wieder damit, verschiedene Handlungsmöglichkeiten zu generieren. Lageorientierte Personen dagegen verharren in einer Fixierung auf eine eingetretene oder vorgestellte missliche Lage, was ein Verhalten hervorbringt, das wir in Kapitel 1.2 als Phänomen der »erlernten Hilflosigkeit« beschrieben haben.
Die Forschung hat zunächst gezeigt, dass Lageorientierung eigentlich durchaus etwas Positives sein kann: Zögern und Nachdenken kann gegenüber einem allzu schnellen Handeln Vorteile haben, besonders in komplexen Situationen, die zahlreiche, oft gar nicht sofort erkennbare Risiken bergen. Lageorientierte zeigen in der Tat auch bei [komplexeren] Alltagsaufgaben […] (z. B. Erarbeitung eines Lehrbuchtextes) gegenüber Handlungsorientierten Leistungsvorteile, wenn sie nicht unter Zeitdruck gesetzt werden und sich überhaupt in einer relativ entspannten Situation befinden. […] Lageorientierung bringt erst dann mehr Nachteile als Vorteile, wenn der Wechsel zur Handlungsorientierung auch dann nicht mehr gelingt, wenn es wirklich Zeit ist zu handeln. (Kuhl & Kazen, 2003, S. 205 f)
Individuelle Unterschiede in der Handlungs- versus Lageorientierung lassen sich anhand des Fragebogens HAKEMP erfassen (Kuhl & Beckmann, 1994). Dabei werden drei Facetten des volitionalen Stils unterschieden, die von den Autoren als prospektive Handlungs- vs. Lageorientierung (HOP-LOP), als Handlungs- vs. Lageorientierung nach Misserfolg (HOM-LOM) und als Handlungs- vs. Lageorientierung während der Tätigkeitsausführung (HOT-LOT) bezeichnet werden. Diese drei Facetten beziehen sich auf die Initiierung von Handlungen, die man sich vorgenommen hat (d. h. auf die generelle Handlungsbereitschaft), auf die Fähigkeit zur Misserfolgskontrolle (d. h. auf die »erschwerte« Handlungsbereitschaft, nachdem man bereits mit Misserfolgen oder anderen aversiven Ereignissen konfrontiert wurde) sowie auf die Persistenz des Handelns (d. h. auf die Bereitschaft, an einer Tätigkeit festzuhalten).