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Blankoscheck und Säbelrasseln?

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Wie durch einen österreichisch-serbischen Konflikt ein Weltkrieg entfesselt werden konnte, welche Motive die einzelnen Staaten hatten, hat bereits Generationen von Historikern, Politikern und Publizisten beschäftigt. Auch wenn es heute schwerfällt, der Logik der damaligen Diplomatie zu folgen: Für Kaiser Franz Joseph stand die Glaubwürdigkeit seines Reiches auf dem Spiel. Das habsburgische 51-Millionen-Einwohner-Reich gehörte immer noch zu den europäischen Großmächten. Wenn es sich nicht einmal in der eigenen Region durchsetzen konnte, wie sollte es dann Respekt von den Großmächten erwarten dürfen? Österreich-Ungarn setzte im Juli 1914 den Krieg als Mittel der Politik ein, allerdings sollte es sich um einen zeitlich begrenzten lokalen Krieg handeln.

Teile der österreichischen Diplomatie sahen den Anlassfall Sarajevo als ideale Chance, deutsche Unterstützung auf dem Balkan zu erhalten – denn bis dahin hatte das Deutsche Kaiserreich die österreichischen Balkanprobleme nie ernst genommen. Der britische Außenminister war wiederum davon überzeugt, dass sich Wien niemals so weit vorgewagt hätte, hätte es sich von den deutschen Erwartungen nicht gedrängt gefühlt. Mit dem berühmten »Blankoscheck« des deutschen Bündnispartners als Rückendeckung, riskierte die Donaumonarchie einen Krieg, der ihre Möglichkeiten weit überstieg.


Franz Conrad von Hötzendorf, Generalstabschef der k. u. k. Armee und prominenter Befürworter eines »Präventivkrieges« gegen Serbien

Doch war es wirklich nur eine fatale Bündnisautomatik? Die Konflikte zwischen den Bündnisblöcken waren freilich schon seit Jahrzehnten angewachsen. Die Spannungen zwischen dem Deutschen Kaiserreich und Frankreich bestanden seit dem Deutsch-Französi- schen Krieg von 1870/71 und der Annexion von Elsass-Lothringen. Das deutsche Flottenbauprogramm hatte zu einem Wettrüsten mit Großbritannien geführt, das sich als traditionelle Seemacht vom Prestigeprojekt des deutschen Kaisers in die Enge getrieben sah. Die Annäherung des russischen Zarenreiches an Frankreich machte wiederum den deutschen Kaiser nervös, sah man sich doch nun von Feinden eingekreist. Die Franzosen halfen den Russen bei der Aufrüstung, und in Deutschland glaubte man, jetzt noch einem solchen Zweifrontenkrieg gewachsen zu sein, in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr.

Säbelrasseln war in der Politik an der Tagesordnung, und alle europäischen Staatsmänner haben 1914 bewusst mit dem Risiko eines großen Krieges, der von beiden Seiten als Verteidigungskrieg bezeichnet wurde, gespielt. Allerdings dachte dabei niemand an einen Weltkrieg, der vier Jahre dauern und zehn Millionen Tote kosten würde. Fatal war jedoch der bei allen Nationen vorherrschende Glaube an einen quasi schicksalshaften und »reinigenden« Krieg, der die festgefahrenen Fronten wieder neu ordnen würde.

So erlebten wir den Ersten Weltkrieg

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