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IV.4. „Bin ich ein Mensch?“ – Grenzprobleme im Woyzeck (1836/37)
ОглавлениеMaries Ausspruch „Bin ich ein Mensch?“ ist die Kernfrage des Dramas. Als sie diese Frage in der Textfassung H4,4 (MA 222) stellt, ist sie kein Versuch der Selbstvergewisserung oder der Selbstreflexion – dazu sind die Figuren in BüchnersBüchner, Georg Fragment nicht mehr fähig –, sondern eine rhetorische Frage, eine ärgerliche Reaktion auf Woyzecks (berechtigte) Eifersucht. Gleichwohl hat sie leitmotivische Qualität1 und variiert zudem ironisierend sowohl ein Bibelwort (Ps 8,5) als auch eines der philosophischen Grundprobleme KantsKant, Immanuel, nämlich die Frage: „Was ist der Mensch?“2 Büchner ist allerdings keineswegs an einer anthropologisch-idealistischen Antwort interessiert, sondern behandelt die Frage in einem dezidiert gesellschaftlich akzentuierten Kontext. Nicht der Mensch an sich, sondern das IndividuumIndividuum und seine Gefährdung durch bestimmte soziale Realitäten und Konstellationen stehen im Fokus. Bezeichnend ist auch das Genus des Substantivs „Mensch“ in Maries Frage, das wohl als Neutrum zu deuten ist.3 Zwar ist dies ein durchaus geläufiger, pejorativer Ausdruck für eine Dirne, eine Hure – genau darum geht es ja in der Eifersuchtsszene zwischen Woyzeck und Marie –; gleichwohl lässt sich die Passage aus außerfiktionaler Sicht als Hinweis auf ein zentrales Thema des Dramas deuten: die ‚Versächlichung‘, die VerdinglichungObjekt, Objektifizierung, Ding, Verdinglichung, Dinghaftigkeit des Menschen.
Woyzeck ist ein in seiner Würde zutiefst verletztes, animalisiertes, zum bloßen Menschenmaterial reduziertes Wesen. Ausgehend von der Jahrmarktszene wird im Folgenden gezeigt, wie die Grenze zwischen Mensch und TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung problematisiert und wie Woyzeck im Menschenversuch nicht nur zum Tier, sondern zum bloßen ObjektObjekt, Objektifizierung, Ding, Verdinglichung, Dinghaftigkeit degradiert wird. Gleichzeitig wird deutlich, wie im Text bestimmte Vokabeln anzeigen, dass die herrschenden Klassen den aufklärerisch-idealistischen Menschenwürdebegriff hochhalten, aber vollkommen pervertieren.