Читать книгу Literarische Dimensionen der Menschenwürde - Max Graff - Страница 60
V.2.2.3. Helenes SuizidSuizid: kein autonomerAutonomie Akt der Würde
ОглавлениеDass sich Helene am Ende des Dramas ausgerechnet mit einem „Hirschfänger“ (CA 1, 97) das Leben nimmt, ihr Tod also mit dem semantischen Feld ‚TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung‘ assoziiert wird, indiziert, dass ihr SuizidSuizid als Folge einer DeterminationDetermination durch das Milieu zu deuten ist und nicht etwa als autonomerAutonomie Akt der FreiheitFreiheit. Werner Bellmann hat überzeugend dargelegt, dass Helenes Selbstmord mit der naturalistischen Determinationslehre übereinstimmt. Geprägt durch die „außerfamiliäre Erziehung“, die ihr zwar erlaubt, die eigene Situation zu reflektieren und korrekt zu beurteilen, aber auch bewirkt, dass sie konservativ-bürgerliche soziale und Geschlechterrollen internalisiert hat, und durch das familiäre Milieu, in dem sie mit grassierendem Alkoholismus und dessen Folgen konfrontiert ist, sieht sie in Loth ihre einzige Hoffnung auf Rettung. Als sie realisiert, dass Loth sie zurückgelassen hat, „flieht sie in den Tod, um den Zustand der EntwürdigungEntwürdigung zu beenden und der Macht des Milieus zu entrinnen“.1 Dass Bellmann die Vokabel „Entwürdigung“ wählt, ist naheliegend: Tatsächlich zeichnet HauptmannHauptmann, Gerhart die Folgen des Alkoholismus für die gesamte Familie – nicht nur die rein biologischen, sondern auch die zwischenmenschlichen – als Entmenschung. Helene selbst registriert dies im Gespräch mit Loth: „Es ist ganz entsetzlich, wie es hier zugeht; ein Leben wie – das … wie das liebe Vieh – ich wäre darin umgekommen ohne dich – mich schaudert’s!“ (CA 1, 78). Doch selbstständig gelingt es Helene nicht, ihre Situation zu ändern; deswegen stilisiert sie Loth zu ihrem Retter. Hier offenbart sich das Problematische an dieser Figur: Zwar ist sie durchaus der Reflexion fähig, besitzt auch ein intuitives Verständnis für die Differenz von Gut und Böse sowie eine humane Geisteshaltung, aber sie ist unfähig, auf dieser Grundlage einen eigenständigen Willen zu bilden, der zu einer autonomen Handlung werden könnte. Als Frau besitzt sie keine eigene Würde; lediglich in Verbindung mit einem männlichen Retter entwickelt sie ein Gefühl des eigenen Werts, nur an der Hand des Mannes kann sie handeln.2 Genau deswegen ist Helenes Suizid auch nicht als Akt der Würde, als reflektierter, selbstständiger Entschluss zum Freitod nach dem Vorbild von GottschedsGottsched, Johann Christoph Cato inszeniert. Da Helene einer autonomen Entscheidung nicht fähig ist, entfällt der klassische Entscheidungsmonolog.3 Helenes Suizid geschieht fast sprachlos; es geht ihm ein gestisches Spiel voraus, das ihre Verzweiflung, ihren Kontrollverlust verrät. Nach der Lektüre des Abschiedsbriefs Loths irrt sie wie eine „halb Irrsinnige“ umher, hat „Mühe, aufrechtzustehen“, und handelt mit „verzweifelte[r] Energie“ (CA 1, 97). Ihre gestammelten letzten Worte beziehen sich auf Loth; ihre Tat ist kein autonomer Akt, sondern eine Verzweiflungstat, weniger eine Flucht als eine reflexartige Handlung.4
Eines verbindet Helene aber doch mit GottschedsGottsched, Johann Christoph Cato: Auch Helene tötet sich nicht auf, sondern hinter der Bühne. Auf den ersten Blick ist das inkonsequent; immerhin propagiert der Naturalismus den genauen, nichts verhüllenden Blick und das Überwinden künstlerischerKunst, Künstler Tabus. Zudem hat das Stück das Motiv des ‚vertierten‘ Menschen, zu dem sich Helene durch einen grausigen SuizidSuizid auf der Bühne womöglich machen würde, breit entfaltet und augenfällig vorgeführt (Krause). Erklären lässt sich dieser Sachverhalt durch HauptmannsHauptmann, Gerhart spezifischen Umgang mit dem Begriff der Menschenwürde: Im Einklang mit der naturalistischen Programmatik schildert er eindrücklich die Bedrohung der Menschenwürde durch soziale Faktoren; die vollständige Demontage der Idee unterbleibt aber – denn die Möglichkeit der Überwindung der WürdelosigkeitWürdelosigkeit ist im Stück mitangelegt.5 Deutlich wird dies bei einem genaueren Blick auf die Figur des Loth.