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IV.4.3. EntwürdigungEntwürdigung = WürdelosigkeitWürdelosigkeit?
ОглавлениеIm Lenz konstituiert BüchnerBüchner, Georg die Menschenwürde der vermeintlich würdelosenWürdelosigkeit Titelfigur mit ästhetischen Mitteln. Im Woyzeck wird die Würde des zutiefst entwürdigtenEntwürdigung, doppelt fremdbestimmten Protagonisten sowohl inner- als auch außerfiktional wiederhergestellt.
Im Dialog mit dem Hauptmann (H4,5; MA 223–224) schafft es Woyzeck – ähnlich wie Lenz im Kunstgespräch – sich doch recht zusammenhängend zu artikulieren. Nachdem er zunächst nur mechanisch und gleichsam besinnungslos antwortet (vgl. das anaphorische „Ja wohl, Herr Hauptmann“ sowie die wiederholte Apostrophe „Herr Hauptmann“) und der Hauptmann den „ganz abscheulich dumm[en]“ Untergebenen lächerlich macht, widerspricht Woyzeck dessen Ansichten über MoralMoral, Moralität. Freilich überzeugt er den Hauptmann, der Woyzecks Argumentation mit verstörender Ignoranz übergeht, nicht; immerhin aber hat ihn der „Diskurs […] ganz angegriffen“. Bedeutsamer aber als das innerfiktionale Scheitern des Dialogs ist der außerfiktionale Effekt: Woyzeck entlarvt das Gefasel des Hauptmanns als hohle Phrasen, seine „Würde“ als leere Pose. Woyzecks Einwände – Armut, KreatürlichkeitKreatürlichkeit, Hoffnungslosigkeit – sind schlagend, weil sie der bürgerlichen Vorstellung von Moral und Würde die nackte soziale Realität gegenüberstellen.1
Dem Zuschauer des Dramas stellt sich zudem die Frage, ob der Mord an Marie überhaupt eine Tat, eine selbstbestimmte Handlung einer autonomenAutonomie und verantwortlichen Person oder eher die notwendige Folge der Manipulation eines vollkommen determiniertenDetermination, entwürdigtenEntwürdigung Menschen ist. Das zweite Gutachten, das der Mediziner Clarus über den historischen Fall anfertigte, der BüchnerBüchner, Georg als Vorlage diente, stellt fest, „daß bei ihm [i.e. Woyzeck; MG] die Freiheit des WillensWille, freier Wille in diesem Zustande keineswegs aufgehoben gewesen sei“ (MA 647). Dieser Beurteilung liegt ein normatives, kantischesKant, Immanuel Menschenwürdeverständnis zugrunde: Da Woyzeck ein Mensch ist, ist er ein potentiell vernunftfähiges Wesen, besitzt theoretisch einen uneingeschränkt freien Willen und ist somit moralischen Handelns fähig. Seine Tat basiert auf einer freien Entscheidung, demnach muss er bestraft werden. Die bisherige Forschung macht jedoch bisweilen geltend, dass der Mord an Marie keineswegs als „Tat“2 zu betrachten sei, der eine freie, autonome Entscheidung vorausging.
BüchnersBüchner, Georg Fiktionalisierung des historischen Falles enthüllt zum einen, wie verlogen eine GesellschaftGesellschaft ist, die auf der einen Seite von AutonomieAutonomie, WillensfreiheitWille, freier Wille, ja Menschenwürde redet, auf der anderen Seite aber nicht einmal in der Lage ist, die grundlegendsten existenziellen Bedürfnisse des Einzelnen zu stillen: Versorgungssicherheit für sich und seine Familie. Objekt der Kritik sind die Umstände und das Gesellschaftssystem, die Menschen produzieren, die tierähnliche, ohnmächtige Existenzen führen müssen. So wird das tragische Ende des Dramas zwar nicht entschuldbar, aber erklärbar und nachvollziehbar. Zum anderen stellt Büchner – in einer geradezu perversen dramatischen Wendung – Woyzecks Mord an Marie tatsächlich als Tat, als bewusste Handlung dar, als letzten möglichen autonomen Akt der Würde eines vollkommen entwürdigtenEntwürdigung Menschen.3 In der innerfiktionalen Welt ist Woyzeck Opfer tiefster MenschenwürdeverletzungenMenschenwürdeverletzung. Die Gesellschaft bringt ihn in eine Situation, die ein Mensch nicht aushalten kann; der Mord wird zum letzten Ausweg, zur letzten Möglichkeit, die eigene Würde wiederherzustellen. Dass Woyzeck dabei gerade den Menschen, den er am meisten liebt, umbringt, legt das ganze Ausmaß der sozialen Katastrophe offen. Dass Woyzecks Handlung tatsächlich eine autonome, planmäßige ist, beweist die Vorbereitung durch den Messerkauf. Auch die Art des Tötens ist vielsagend: Büchner lässt Woyzeck Marie nicht etwa auf eine distanzierte Art, z.B. mit einer Pistole, ermorden, sondern mit einem Messer, was vom Täter ein sehr aktives, unmittelbares Töten erfordert. Auf solche Weise wird etwa Wild erlegt oder Nutzvieh geschlachtet. Woyzeck behauptet sich durch den Mord also als Mensch, setzt sich durch die Art des Tötens vom TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung, zu dem ihn die Gesellschaft macht, ab. Auf eine juristische Bewertung oder eine Bestrafung Woyzecks verzichtet Büchner in der innerfiktionalen Welt bewusst; der Fokus liegt vielmehr darauf, was mit dem Menschen Woyzeck passiert.
Innerfiktional kann Woyzeck seine Würde demnach – pervers genug – nur durch den Mord an einem geliebten Menschen behaupten. Außerfiktional, auf der Ebene der Rezeption, rehabilitiert die Art der literarischen Darstellung seine Würde.4 Nicht nur wird Woyzeck – dieser Mann ohne jede kontingente Würde – vom Dichter als literaturfähig betrachtet, und zwar nicht als Figur, die verlacht oder verdammt wird, sondern als mit MitleidMitleid, Verständnis und Bewusstsein für die Umstände seiner Situation zu betrachtender Mensch. Vor allem lässt BüchnerBüchner, Georg in kurzen Momenten zutiefst menschliche Reaktionen und Empfindungen aufscheinen. In der Wirtshausszene beobachtet Woyzeck die mit dem Tambourmajor tanzende Marie; seine Eifersucht zeugt von seiner Verletztheit, von seiner enttäuschten Liebe: „WOYZECK (erstickt). Immer zu – immer zu. (fährt heftig auf und sinkt zurück auf die Bank.) Immer zu, immer zu, (schlägt die Hände ineinander.)“ (H4,11; MA 229). Diese Szene markiert einen Bruch; die Demütigung ist nun auch auf privater, zwischenmenschlicher Ebene erfolgt. Seinem Freund Andres schenkt Woyzeck fürsorglich sein „Kamisolche“ (H4,17; MA 231), als er glaubt, es nicht mehr brauchen zu können. Beispielhaft ist auch die zärtliche Liebe in der herzzerreißenden Szene zwischen Woyzeck und seinem Sohn (H3,2):
WOYZECK. Bub, Christian. […]
WOYZECK (will das Kind liebkosen, es wendet sich weg und schreit.) Herrgott! […]
WOYZECK. Christianche, du bekommst en Reuter, sa sa. (das Kind wehrt sich. Zu Karl.) Da kauf d. Bub en Reuter. (MA 219)
In diesen Momenten wird klar: Trotz aller äußeren und inneren Zwänge, trotz aller Gefährdungen seiner AutonomieAutonomie oder Würde bleibt Woyzeck ein fühlender, liebender, verletzlicher Mensch.5
In der ganz eindeutig ironischen „Predigt“ des Handwerksburschen in H4,11 (MA 229) folgt auf die Frage „Warum ist der Mensch?“ eine Art SchöpfungsgeschichteSchöpfung, die den Menschen in Varianten stets als Mittel zum Zweck beschreibt. Diese teleologische Sicht ist für BüchnerBüchner, Georg unzulässig; der Mensch ist, und allein deshalb hat er Würde.6 Da Woyzeck zu menschlichen Emotionen und Empfindungen fähig ist, ist er – trotz aller Entmenschlichungen, trotz aller EntwürdigungenEntwürdigung – ein Mensch, der Würde besitzt. Diese These – Entwürdigung ist nicht gleich WürdelosigkeitWürdelosigkeit – stellt Büchner mit bis dahin nicht gekannter Vehemenz ins Zentrum seines Stückes; sie ist eine literarische Grundthese, an der sich die Literatur immer wieder, bis heute, abarbeiten wird.