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IV.4.1. Das vermenschte TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung, der vertierte Mensch: die Jahrmarktszene
ОглавлениеFür den jungen BüchnerBüchner, Georg war die Grenze zwischen Mensch und TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung klar definiert; Menschenwürde zu besitzen bedeutete, kein Tier zu sein. Eine ähnlich deutliche Abgrenzung begegnete ihm in der dualistischen Philosophie DescartesDescartes, René’ (Mensch vs. Tier, Seele vs. Leib), mit der er sich als junger Universitätsdozent in Exzerpten für eine geplante Vorlesung auseinandersetzte. Die Jahrmarktszene stellt diese Perspektive entschieden in Frage.1 Diese Szene bzw. Szenenfolge hat expositorischen Charakter;2 die Worte des Ausrufers sind programmatisch für die ständige Unsicherheit in Bezug auf den Status der im Drama vorgestellten Figuren. Er kündigt nicht nur lautstark seine Vorstellung an, sondern formuliert auch grundsätzliche Gedanken über das Verhältnis von Mensch und Tier. Die „KunstKunst, Künstler“ (H1,1; MA 199) und die „Erziehung“ (H2,3; MA 211) nähern die von GottGott geschaffene, aber nicht mit menschlichen Fähigkeiten ausgestattete „Kreatur“ (H1,1; MA 199) dem Menschen an. Der vorgeführte Affe kann nicht nur menschliches Verhalten nachahmen (aufrechter Gang, Gruß, Kuss, Weissagen, Abfeuern einer Pistole, Musikalität), sondern adaptiert auch äußerliche Merkmale des Menschen („Rock und Hosen“, „Säbel“ [H1,1; MA 199]). Die außerfiktionale Funktion dieser Grenzverwischung ist es, zu verdeutlichen, wie durch Dressur, also eine Form der DeterminationDetermination, das Tier quasi zum Menschen werden kann; umgekehrt werden Menschen (Woyzeck, Marie) durch soziale Determination quasi zu Tieren – dem vermenschten Tier entspricht im Drama der vertierte Mensch. Der aufklärerische Grundgedanke der PerfektibilitätPerfektibilität, Vervollkommnung – des einzelnen Menschen, aber auch der Gattung – wird hier auf das Tier übertragen. Im Grenzbereich ist der Übergang scheinbar fließend, hier treffen sich Mensch und Tier auf einer Stufe: „Der Aff’ ist schon ei Soldat, s’ ist noch nit viel, unterst Stuf von menschliche Geschlecht!“ (H2,3; MA 211). Zwei Gedanken sind hier enthalten, der kontinuierliche Übergang vom Tier zum Menschen3 und die wie natürlich erscheinende Hierarchie innerhalb der menschlichen GesellschaftGesellschaft. Damit werden Menschenwürdevorstellungen, die das Zuschreiben von Würde an metaphysische Kategorien knüpfen (Seele, VernunftVernunft, Denkfähigkeit) in Zweifel gezogen, indem ihr großes Problem, nämlich jenes der Grenzziehung, offengelegt wird. Das gilt zum einen für die hier mit satirisch-groteskem 4 Einschlag verhandelte Unterscheidung von Mensch und dressiertem Tier, weist zum anderen aber bereits voraus auf moderne Diskussionen um die Menschenwürde am Anfang und am Ende des menschlichen Lebens. Prägnant formuliert der Ausrufer dieses Problem in oxymorischen Kollokationen: „Alles Erziehung, haben eine viehische Vernunft, oder vielmehr eine ganze vernünftige Viehigkeit, ist kei viehdummes IndividuumIndividuum wie viel Person […]“ (H2,3; MA 211). Im „Innere[n] der Bude“ (H1,2; MA 199) treibt Büchner diesen Gedanken auf die Spitze.5 Das dressierte Pferd wird, obwohl seine tierhaften Züge hervorgehoben werden („Schwanz am Leib, auf sei 4 Hufe“ [H1,2; MA 199]), als ein die menschliche Gesellschaft beschämendes Wesen gepriesen, das nicht nur über eine „viehische Vernünftigkeit“ verfügt, sondern aufgrund seiner Fähigkeit, den „Verstand“ einzusetzen, geradezu als Gelehrter zu betrachten sei (H1,2; MA 199): „Ja das ist kei viehdummes Individuum, das ist ei Person! Ei Mensch, ei tierische Mensch und doch ei Vieh, ei bête […]“ (H1,2; MA 199). Das bestätigt zwar gewissermaßen die intuitive Gültigkeit der Orientierungskategorien Mensch und Tier („und doch“), benennt das Tier aber im Gegenzug mit zwei Begriffen, die die Differenz wieder nivellieren: Auch das Pferd ist ein „Individuum“,6 eine „Person“. Mithin müsste dem Pferd also Würde zugesprochen werden, wenn man an den Begriff der Person bei KantKant, Immanuel denkt!7 Selbst die animalische Triebhaftigkeit ist kein Gegenargument, sondern wird verklärt, als das Pferd sich „ungebührlich“ aufführt und offenbar uriniert: „Sehn Sie das Vieh ist noch Natur unverdorbe Natur!“ (H1,2; MA 199). So wird erstens der Mensch zu einem Tier unter anderen Tieren,8 ist also nicht mehr die unangefochtene ‚Krone der SchöpfungKrone (der Schöpfung)‘.9 Gleichzeitig kommt es zweitens zu einer „philosophischen Rechtfertigung des Tierischen im Menschen“:
Die Verdrängung und Unterdrückung des Tierischen im Menschen, die die Komik der zweiten Budenszene einklagt, reproduziert sich in der Behandlung der TiereTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung, in ihrer lächerlichen Dressur zur Menschenebenbildlichkeit in der ersten Budenszene. Der Mensch entlastet sich von seiner eigenen Unterdrückung, indem er das Tier unterjochend sich gleichmacht.10
Der Akzeptanz der Triebhaftigkeit des vermenschlichten TieresTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung entspricht in negativer Spiegelung das Verdammen der Triebnatur des vertierten Menschen Woyzeck durch den Doktor. Das (pseudo)philosophische Programm des Ausrufers stellt demnach die Frage nach dem Wesen des Menschen; gleichzeitig verlieren jene vermeintlich klaren Kategorien, an die die Zuschreibung von Würde in aufklärerischen und idealistischen Entwürfen geknüpft wird, jede systematische Gültigkeit.
Allerdings nennt der Ausrufer ein Distinktionsmerkmal, das das TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung dann doch vom Menschen trennt und das bereits DescartesDescartes, René und HerderHerder, Johann Gottfried11 postulierten: die Sprachfähigkeit. „Kann sich nur nit ausdrücke, nur nit expliziern, ist ein verwandlter Mensch!“ (H1,2; MA 199).12 Doch auch diese Kategorie wird im Stück hochproblematisch: Dass das einfache Volk, allen voran Woyzeck, eine dialektal gefärbte, von emotionalen Ausbrüchen geprägte Sprache spricht, kennzeichnet diese keinesfalls schlicht als „natürlich“ oder „naturalistisch“; vielmehr äußert sich darin die „Bewußtseinsverfassung der Ausgebeuteten und Unterdrückten“.13 In der Logik der Jahrmarktszenen ist die Sprache Spiegel der Vertierlichung des Menschen.
Was in den Budenszenen noch als eher (pseudo)philosophisches Programm mit deutlich komischem Einschlag erscheint, wird im weiteren Verlauf als reales Resultat sozialer DeterminationDetermination und Ausbeutung aufgedeckt. Die „Thematik von der inneren Vertiertheit des Menschen [erweitert sich] zur Erniedrigtheit des Menschen zum TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung durch den Mitmenschen“14 – und nähert sich somit der Funktion der Theriomorphisierung im Landboten an. Was der Mensch ist, ob, wann und warum er Würde besitzt und worin diese besteht, ist an diesem Punkt äußerst fraglich.
Auf den Mensch-TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung-Diskurs, der in der Jahrmarktszene programmatisch eröffnet wird, rekurriert das Stück immer wieder.15 So vergleicht etwa Marie den Tambourmajor mit einem Löwen (H4,2; MA 220 und H4,6; MA 224), dieser apostrophiert die offenbar sexuellSexualität, Sex erregte Marie als „[w]ild Tier“ (H4,6; MA 225); der jüdische Händler nennt Woyzeck einen „Hund“ (H4,15; MA 231), und dieser will schließlich nicht Marie, sondern das Tierisch-Triebhafte in ihr, die „Zickwolfin“ (H4,12; MA 229) töten.16 Das Tierische ist – zumindest in diesem sozialen Milieu – allgegenwärtig. Nun führt das Stück vor, wie in einem konkreten Fall ein Mensch (Woyzeck) zum Tier (und weiter!) degradiert wird; ganz intuitiv begreift man sein Schicksal als MenschenwürdeverletzungMenschenwürdeverletzung. Dieses intuitive Verständnis sowohl der Verletzung der Würde als auch der Würde selbst inszeniert BüchnersBüchner, Georg Drama eindrücklich. Die Analyse des Falls Woyzeck zeigt, wie man den Menschenwürdebegriff des Textes ex negativo inhaltlich präzisieren kann.17