Читать книгу Literarische Dimensionen der Menschenwürde - Max Graff - Страница 59
V.2.2.2. Alkoholismus, Degeneration und WürdelosigkeitWürdelosigkeit
Оглавление„Der Alkohol degenerirt nicht nur die Nachkommen, er verwandelt den Menschen in eine viehische Kreatur, voll Trägheit und brutaler Gesinnung“ – so eine zeitgenössische Einlassung zur Alkoholfrage.1 Übermäßiger Alkoholkonsum gilt als vererbbar, den Menschen erniedrigend, seine Willenskraft lähmend und als Motor von GewaltGewalt – Motive, auf die auch HauptmannsHauptmann, Gerhart Drama rekurriert.
Das Motiv des zum TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung degradierten Menschen ist im Text auf vielsagende Weise ambivalent. Zunächst greift es Loth auf. Als beim Abendessen über die Jagd gesprochen wird, die Loth als „Unfug“ ablehnt (CA 1, 31), behauptet er: „Muhammedaner oder Christ, Bestie bleibt Bestie“ (CA 1, 32). Der Mensch ist eine „Bestie“, ein gefährliches Tier, nicht nur in einem neutral-wissenschaftlichen Sinn als vorläufiger Endpunkt einer Evolution, sondern mit einer eindeutig abwertenden Konnotation. Das Jagen dient Loth als Beleg für die rohe, tierische Natur des Menschen. Implizit ist dies eine moralische Verurteilung; der Mensch wird zum Unmenschen. Bezeichnenderweise ist der Alkoholgenuss das nächste Gesprächsthema.
Der Vergleich mit dem TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung dient auch dem Kreis der Familie Krause, der selbst ein massives Alkoholproblem hat, als Möglichkeit der (moralischen) Abgrenzung gegen die sozial und ökonomisch benachteiligten Bergleute. Frau Krause kommentiert Loths Vortrag über die Gefahren des Alkohols mit den Worten: „[…] inse Bargleute saufen woahrhaftig zu viel“, und Kahl ergänzt: „Die saufen wie d’ Schweine“ (CA 1, 35). Dass Kahl – Helenes Verlobter, Liebhaber Frau Krauses und als höchst depravierte Figur gezeichnet – gegenüber Tieren eine besonders abscheuliche Grausamkeit zeigt – er tötet alles, wie Helene bemerkt, „Zahmes und Wildes“ (CA 1, 31; vgl. 44–45) – ist vor diesem Hintergrund sinnfällig: Die neureiche Familie definiert und legitimiert sich in Abgrenzung zu den vermeintlich würdelosenWürdelosigkeit Arbeitern und zum Tier. Diese offensichtliche Ironie wird durch die kurze Erzählung Loths gesteigert: Ohne zu wissen, dass es sich um den alten Krause handelt, berichtet er von einem „steinreiche[n] Bauer[n]“, den er im Wirtshaus beim Trinken beobachtete: „Das reine Tier ist er natürlich. Diese furchtbar öden, versoffenen Augen, mit denen er mich anstierte“ (CA 1, 37). Wieder macht Loth nicht bloß eine nüchterne Feststellung. Die Degradierung zum Tier, die nicht nur Folge des Alkoholismus ist, sondern auch durch den Sprechakt geschieht, ist als moralische Kritik intendiert.
Zu Beginn des zweiten Akts wird die Animalisierung mit dem Auftritt des betrunkenen Bauern Krause auch auf genuin dramatische Weise inszeniert. Die Szene, die durch ausladende, präzise Regieanweisungen Aussehen, Spiel und Gestik der Figur vorschreibt, zeigt einen Mann, der aufgrund exzessiven Alkoholkonsums offenbar auf eine vormenschliche Entwicklungsstufe zurückgefallen ist. Krauses Artikulationsfähigkeit ist stark eingeschränkt; betrunken grölt er nur schwer verständliche Satzfetzen, daneben „[]murmelt und []murrt“ er „einiges Unverständliche“ (CA 1, 39). Wie ein primatenähnliches Wesen, das den aufrechten Gang noch nicht recht gewohnt ist, richtet er sich auf, „versucht gerade zu gehen“ (CA 1, 39), greift seinen Geldbeutel „mit einiger Mühe und unter Zuhilfenahme beider Hände“ (CA 1, 39–40). Sein Äußeres mutet wild an, sein Haar ist „ungekämmt und struppig“, seine Kleidung „schmutzig“; wie ein neugieriges TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung spielt er mit dem Geldbeutel. Als er sich an Helene vergehen will, fällt der Schlüsselbegriff: „[M]it der Plumpheit eines Gorillas“ fasst er sie an. Helene ist entsetzt und schreit: „Tier, Schwein!“ (CA 1, 40).2
Die Gleichsetzung des Menschen mit dem TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung hat demnach verschiedene Facetten: Zum einen ist sie die Basis des naturalistischen Menschenbildes, das Loth geradezu programmatisch vertritt. Wie in Papa Hamlet erscheint WürdelosigkeitWürdelosigkeit als Folge von DeterminationDetermination durch soziale Faktoren, in diesem Falle durch den Alkoholismus der neureichen Familie und der verarmten Bergleute. Auf einer zweiten Ebene zielt der Mensch-Tier-Diskurs auf moralische Selbstbestätigung (Familie Krause, durchaus ironisch!) bzw. moralische Kritik (Loth). Loths moralisches Urteil beruht dabei auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen; er vertritt gleichsam eine naturalistisch fundierte Ethik. Diese Kritik ist nicht nur als innerfiktionale Figurenrede, sondern auch als Autorposition zu bewerten.3 Der Alkoholismus fördert nicht nur die ohnehin wissenschaftlich belegte tierische Natur des Menschen zu Tage, sondern wirft den Menschen auf der evolutionären Leiter zurück. Aus dieser Einsicht heraus vertritt Loth ein normatives Verhaltensideal, den rigorosen Antialkoholismus, den er der durch Alkohol drohenden EntwürdigungEntwürdigung entgegensetzt. Er weist im Dialog nicht nur durch statistisches Material die determinierende Macht des Alkohols nach, sondern postuliert auch dessen Vererbbarkeit: „Die Wirkung des Alkohols, das ist das Schlimmste, äußert sich sozusagen bis ins dritte und vierte Glied“ (CA 1, 35). Loths Menschenbild ist zwar wissenschaftlich fundiert, geht aber darüber hinaus, indem es eine Vision enthält, die dem Programm des Naturalismus vollkommen entspricht: Er will ‚den Menschen gesund machen‘.4 Vor diesem Horizont ist sein späteres Verhalten zu bewerten.