Читать книгу Literarische Dimensionen der Menschenwürde - Max Graff - Страница 47
IV.4.2. Der Menschenversuch und seine innerfiktionale Rechtfertigung
Оглавление„[W]as […] über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.“1 Würde zu haben, bedeutet also nach KantKant, Immanuel, keinen Preis zu haben. Das menschliche Leben und der menschliche KörperKörper haben in BüchnersBüchner, Georg Drama jedoch einen Preis, und zwar in zweierlei Hinsicht. In der Messerkaufszene zahlt Woyzeck zum einen zwei Groschen für das Messer, mit dem er Marie töten wird, weil die Pistole zu teuer ist; hier ist nicht nur das Leben, sondern sogar der Tod Thema „ökonomische[r]“ (H4,15; MA 231) Überlegungen.2 Zum anderen sind jene zwei Groschen genau der Betrag, den Woyzeck dafür erhält, dass er sich, seinen Körper und letztlich sein Leben für Humanexperimente3 zur Verfügung stellt. Die Verfügung über den eigenen Körper gibt er – vertraglich geregelt (vgl. H4,8; MA 226) – ab, gezwungen durch seine große Armut,4 die Überlegungen über die Freiwilligkeit dieser Handlung wie Hohn erscheinen lässt. Woyzeck ist doppelt fremdbestimmt: durch das Tierhafte in ihm und durch das Experiment, das ganz offensichtlich seine leibseelische Integrität zerstört.
Innerfiktional rechtfertigen gleich drei philosophische Phrasendrescher – der Hauptmann, der Doktor und der Professor – den Menschenversuch auf perfideste Art und Weise.5 Die ersten beiden spielen sogar direkt auf Menschenwürdevorstellungen an, indem sie dem vom Ausrufer entworfenen Menschenbild ein idealistisches entgegenstellen. Der Hauptmann spricht, bezeichnenderweise „mit Würde“ (!) (H4,5; MA 223), über MoralMoral, Moralität. Er wirft Woyzeck vor, ein Kind „ohne den Segen d. Kirche“ (H4,5; MA 223) und somit „keine Moral“ zu haben; dieser antwortet mit einem doppelten Einwand. Erst versucht er, seine Vorstellung eines mitleidigen, allliebenden GottesGott zu formulieren, der seine Zuwendung nicht von Äußerlichkeiten abhängig macht. Dann bemerkt er, dass für die „arme Leut“ (H4,5; MA 224) „Moral“ und „TugendTugend“ leere Begriffe darstellen, da sie nur in Verhältnissen materieller Sicherheit denkbar und möglich sind. Die Armen aber sind auf ihre KreatürlichkeitKreatürlichkeit, ihre Triebhaftigkeit, ihr „Fleisch und Blut“ zurückgeworfen (H4,5; MA 224); „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, wie es bei BrechtBrecht, Bertolt heißt.6 „[E]s kommt einem nur so die Natur“, klagt Woyzeck. Doch der Hauptmann lässt dies nicht gelten, kein Wort mehr vom Lob der „unverdorbe Natur“. Er insistiert vielmehr: „Ich hab auch Fleisch und Blut. Aber Woyzeck, die Tugend, die Tugend!“ (H4,5; MA 224). Tugend und Moral als Überwindung der Natur und der Notwendigkeit der Bedürfnisse – der Hauptmann greift hier ein von der Stoa bis zur Klassik topisches Begründungsmuster der Menschenwürde auf. Ganz ähnlich philosophiert der Doktor. Als er Woyzeck schilt, der „wie ein Hund“ „an die Wand gepißt“ hat, und dieser sich wieder verteidigt: „Aber Herr Doktor, wenn einem die Natur so kommt“ (H4,8; MA 225), entwirft er ein Bild des Menschen, das naturwissenschaftliche und idealistische Elemente verbindet:
DOKTOR. DIE Natur kommt, die Natur kommt! Die Natur! Hab’ ich nicht nachgewiesen, daß der musculus constrictor vesicae dem Willen unterworfen ist? Die Natur! Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die IndividualitätIndividualität zur FreiheitFreiheit. Den Harn nicht halten können! (H4,8; MA 225)
Der freie WilleWille, freier Wille als Ausdruck der FreiheitFreiheit des autonomenAutonomie IndividuumsIndividuum, als Voraussetzung von MoralMoral, Moralität und als Grund der Menschenwürde – das ist die Philosophie KantsKant, Immanuel,7 aber auch die Basis des Würdebegriffs SchillersSchiller, Friedrich: „Schon der bloße Wille erhebt den Menschen über die Thierheit; der moralische erhebt ihn zur Gottheit“ (NA 20, 290). Der Doktor definiert Woyzeck jedoch keineswegs als in seiner Würde zu achtendes und von der Medizin zu therapierendes Wesen. Vielmehr weiß er genau, dass der Proband Woyzeck kurz vor dem Kollaps steht, reagiert sogar mit zynischer Begeisterung darauf, dass er psychische Aussetzer zeigt und trotzdem noch ‚funktioniert‘ (H4,8; MA 226). Hier ist die medizinische Forschung bewusst pathogen, denn sie legt es darauf an, den KörperKörper (und letztlich auch die Psyche) Woyzecks zu manipulieren und die krankhaften Symptome zu beobachten.8 Dabei wird der Körper des Probanden instrumentalisiert, denn die Forschung ist keineswegs Selbstzweck: Ziel ist es, eine möglichst kostengünstige Ernährung für die Armee zu finden.9 Medizinische Forschung ist also ein Herrschaftsinstrument; die Soldaten sollen zu (gerade noch) funktionierenden, möglichst rationell unterhaltenen MaschinenMaschine werden. Wieder ist das Leben des einzelnen Menschen ObjektObjekt, Objektifizierung, Ding, Verdinglichung, Dinghaftigkeit ökonomischer Überlegungen; es hat einen Preis, und dieser soll möglichst gering sein. Die Menschenwürde des Probanden Woyzeck und der Soldaten ist der Staatsökonomie untergeordnet.
Nicht primär das IndividuumIndividuum Woyzeck und seine Psyche zählen, sondern die Daten, die sein KörperKörper auf physiologisch-kreatürlicherKreatürlichkeit Ebene liefert. Nicolas Pethes beschreibt das ‚doppelte Menschenbild‘ des Doktors als Diskrepanz zwischen der tierischen Natur des Menschen und dem an ihn herangetragenen ethischen Anspruch; Experimente könnten also nur an Menschen durchgeführt werden, die diesem Anspruch nicht genügten.10 Insofern sich Woyzeck, gemessen am Menschenwürdebegriff des Doktors, als würdelosWürdelosigkeit erweist, rechtfertigt sein Verhalten seine Benutzung als Versuchsobjekt – freilich erst a posteriori, da seine vermeintliche Würdelosigkeit mindestens zum Teil auf den Folgen des Versuchs selbst beruht. Da Woyzeck nicht mehr als Mensch angesehen wird, kann er bedenkenlos wie ein TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung ausgenutzt werden.11
Die EntwürdigungEntwürdigung Woyzecks erfolgt stufenweise. Er wird dem TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung gleichgesetzt, sein KörperKörper wird partialisiertPartialisierung, indem nur bestimmte Körperfunktionen beobachtet werden, und schließlich verdinglichtObjekt, Objektifizierung, Ding, Verdinglichung, Dinghaftigkeit, weil letztlich nur die statistischen Daten von Interesse sind.12 Das Leben Woyzecks besitzt für den Doktor keinen intrinsischen Wert.13 Das rein auf physiologische Daten gerichtete Erkenntnisinteresse ist ein Zweck, dem Woyzeck als Mittel geopfert wird. In diesem Sinn ist Woyzeck ein „guter Mensch“, wie der Hauptmann sagt (H 4,5; MA 224) – nicht in einem ethischen Sinne, sondern im Hinblick auf seine Nützlichkeit für Vorgesetzte, Militär und Staat, die ihn ‚bis auf den letzten Tropfen‘ ausnutzen.14