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IV.5. Dimensionen der Menschenwürde bei BüchnerBüchner, Georg
ОглавлениеBüchnersBüchner, Georg begriffliche Auseinandersetzung mit der Menschenwürde kennzeichnet eine bemerkenswerte Entwicklung: Die Gymnasialschriften bedienen sich recht unoriginell aufklärerisch-klassischer Begründungsmuster der Menschenwürde (Vernunftbegabung, AutonomieAutonomie, Entscheidungsfreiheit). Dem gegenüber stehen die späteren Texte, in denen die Gefährdung, die VerletzungMenschenwürdeverletzung oder der vermeintliche Verlust der MenschenwürdeWürdelosigkeit thematisiert werden. Büchner enthüllt die Fragwürdigkeit der VernunftVernunft als Zuschreibungskriterium von Menschenwürde und die DeterminationDetermination des Menschen (durch soziale Unterdrückung, durch die Geschichte, durch das TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung- und Triebhafte sowie die KreatürlichkeitKreatürlichkeit des Menschen, durch den Wahn). Den intrinsischen Wert spricht Büchner jenen, die aus idealistischer Perspektive würdelos erscheinen mögen, keineswegs ab – selbst der Geringste hat eine unantastbare Menschenwürde.
Mit großem sprachlichem Aufwand inszeniert BüchnerBüchner, Georg zum einen entwürdigendeEntwürdigung Vorgänge, zum anderen vermeintliche WürdelosigkeitWürdelosigkeit. Der Hessische Landbote aktiviert das aufwieglerische Potential der Rhetorik der Entwürdigung, die den Rezipienten suggeriert, dass sie wie TiereTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung ausgenutzt werden. Eingekleidet in biblische Sprache ist ein naturrechtlicher Würdebegriff: Die Bauern sollen sich auf ihre Würde und die damit einhergehenden Rechte besinnen und sich wehren. In der rhetorischen Entwürdigung werden zudem die Unterdrücker den Unterdrückten gleichgemacht. Im Lenz verdeutlichen vielsagende sprachliche Konstruktionen Autonomieverlust und beginnenden Wahn. Im Woyzeck wird die Grenze zwischen Mensch und Tier brüchig – ein programmatischer Angriff auf ein überholtes, die soziale Realität verkennendes Menschenbild. Die Thematisierung und Inszenierung von MenschenwürdeverletzungenMenschenwürdeverletzung haben ebenfalls einen scharfen sozialkritischen Impetus. Die Bauern des Landboten und Woyzeck werden theriomorphisiert und schamlos zu Mitteln der Herrschaftssicherung degradiert; ihnen wird von den sozial Höhergestellten, die sich auf verlogen-zynische Weise mit leeren Phrasen rechtfertigen, kein inhärenter Wert zuerkannt.
Der rhetorischen EntwürdigungEntwürdigung, der bedrückenden Inszenierung von MenschenwürdeverletzungenMenschenwürdeverletzung und dem Eindruck vermeintlicher WürdelosigkeitWürdelosigkeit entspricht als positiv-überwindende ‚Gegenmaßnahme‘ die literarische Konstitution, d.h. die außerfiktionale Wiederherstellung der Menschenwürde im Lenz und im Woyzeck. Beide Texte sind ingeniöse Versuche, Menschenwürde mit den Mitteln der Literatur zu (re)konstituieren. Durch erzählerische bzw. dramaturgische Entscheidungen (personale Darstellung und auktoriale Artikulation von Lenz’ Innenleben; Einfügen von Szenen, die Woyzeck als empfindenden, liebenden Menschen zeigen) werden die entwürdigten und vermeintlich würdelosen Figuren dem Rezipienten anthropologisch gleichgestellt und als MitleidMitleid, Verständnis und AchtungAchtung verdienende Menschen gekennzeichnet. Entsprechend ist die KunstKunst, Künstler- und Literaturfähigkeit einer Figur auch nicht mehr an kontingente Formen der Würde gebunden.
BüchnersBüchner, Georg Menschenwürdebegriff fußt auf einem egalitären Menschenbild, das Menschlichkeit, Empathiefähigkeit und SolidaritätSolidarität, wie sie nicht zuletzt im Kunstgespräch im Lenz zum Ausdruck kommen, als Grundvoraussetzungen des menschlichen Zusammenlebens setzt, und dem (ex negativo durch die Schilderung von zu verurteilenden Instrumentalisierungen postulierten) Recht auf SelbstbestimmungSelbstbestimmung, was der allgegenwärtigen DeterminationDetermination keineswegs widerspricht.1 Sein Menschenwürdebegriff ist nicht normativ in dem Sinne, dass der Mensch bestimmte Kriterien erfüllen muss, um als würdevolles Wesen zu gelten. Vielmehr klagt er für jeden Menschen, ohne Rücksicht auf äußerliche oder innerliche Merkmale, Würde und bestimmte Rechte ein. Würde ist ein dem Menschen nicht zu nehmendes Wesensmerkmal. Das hat eine starke naturrechtliche Komponente, verzichtet bei der Begründung der Würde aber auf die Bindung an die VernunftVernunft. Menschenwürde bedeutet nicht primär die Pflicht des Trägers, auf eine bestimmte Art, mithin ‚moralisch‘ zu handeln, sondern vor allem sein Recht, auf eine bestimmte Weise, und zwar ‚menschenwürdig‘, behandelt zu werden.