Читать книгу Literarische Dimensionen der Menschenwürde - Max Graff - Страница 58
V.2.2.1. Würde als soziales Konstrukt
ОглавлениеVor Sonnenaufgang stellt weniger die Proletarisierung einer Familie als vielmehr die Folgen plötzlichen Reichtums in den Fokus. Entsprechend versuchen die Figuren nicht, zwanghaft an kontingenten Formen der Würde festzuhalten, sondern stellen – mit bisweilen satirischem Effekt – protzend ihre wirtschaftliche Prosperität zur Schau. So ist es überaus komisch, wenn der rücksichtslose Kapitalist Hoffmann klagt, dass „ein Mann in meiner Stellung auf Schritt und Tritt beobachtet wird“ (CA 1, 21), und gleichzeitig das Abendessen mit dem eben eingetroffenen Gast und Freund Loth zu einem feudalen Empfang macht. Der Tisch ist „mit Delikatessen überladen[]“, es wird edler Champagner serviert (CA 1, 28). Während Loth die Trinkgewohnheiten seiner Gastgeber mit Sarkasmus kommentiert, dient Frau Krause gerade der Konsum von Alkohol, auch von teuren Lebensmitteln, der eigenen sozialen Aufwertung: „Bei a Adlijen wird doch auch aso viel getrunk’n“ (CA 1, 33). Grotesk wird diese forcierte Manifestation sozialer Würde nicht nur durch das exzessive, offensichtlich krankhafte Ausmaß des Konsums, sondern auch durch die Ridikulisierung der Figuren in den Personenbeschreibungen der Regieanweisungen. So wird Kahl als „dumm-pfiffig[er]“, „plumper Bauernbursch“ bezeichnet, „dem man es ansieht, daß er soweit möglich gern den feinen, noch mehr aber den reichen Mann herausstecken möchte“ (CA 1, 29); Frau Krause, die „furchtbar aufgedonnert“ und teuer gekleidet erscheint, strahlt „Hoffart, Dummstolz, unsinnige Eitelkeit“ aus und macht schließlich einen „undefinierbaren Knicks“ (CA 1, 29). Ihr Bemühen, sich vom „Battelvulke“ (CA 1, 30) abzusetzen, wird so als hohle Pose entlarvt. Der lächerlich wirkende Versuch, den eigenen sozialen Status über Äußerlichkeiten zu inszenieren – ein Motiv, das auch in anderen Dramen HauptmannsHauptmann, Gerhart begegnet –, enthüllt jene Würde, die sich durch genau diese Kontingenzen definiert, als soziales, äußerliches Konstrukt. Dies lenkt den Blick umso stärker zum einen auf die Menschen an sich, zum anderen auf die sozialen Prozesse, die die Lebensverhältnisse schnell und bedrohlich radikal verändern, und betont gleichzeitig den Einfluss solcher sozial konstruierter Rollen.