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V.3. Dimensionen der Menschenwürde in der Literatur des Naturalismus
ОглавлениеZwei literarische Dimensionen der Menschenwürde prägen die Literatur des Naturalismus. Zum einen kommt ihr eine doppelte programmatische Relevanz zu: Thematisch rücken menschenunwürdige, den Menschen entwürdigendeEntwürdigung soziale Realitäten und Phänomene in den Fokus. Theoretisch wird traditionellen Menschenwürdebegriffen von den aus den Wissenschaften entlehnten Annahmen über den Menschen das Fundament entzogen (z.B. WillensfreiheitWille, freier Wille, GottebenbildlichkeitGottebenbildlichkeit), und doch wird die literarische Tätigkeit in den Dienst des Menschen und seiner VervollkommnungPerfektibilität, Vervollkommnung gestellt. Zum anderen wird in den besprochenen literarischen Texten das neue Menschenbild übernommen. Es kommt jedoch nicht zu einer Wiederherstellung der Menschenwürde durch genuin ästhetische Mittel, vielmehr wird durch Figurenzeichnung und -konstellation der Begriff in den Texten zur Diskussion gestellt und auf Möglichkeiten seiner Neuformulierung überprüft. Während in Papa Hamlet die pessimistische Sicht auf den tatsächlich würdelosenWürdelosigkeit Menschen überwiegt, sind die beiden analysierten Dramen ambig: Der Würdelosigkeit bzw. der Entwürdigung durch MilieudeterminationDetermination steht der vorsichtig optimistische Verweis auf das geradezu utopische Therapeutikum der HumanitätHumanität gegenüber, das die Möglichkeit des Glaubens an einen besonderen Wert des Menschen garantiert. Will man die sozialkritische Tendenz der Texte stärker betonen, muss man die Texte als Enthüllung der den Menschen entwürdigenden Faktoren lesen.
In diesem Zusammenhang wird jedoch auch das grundlegende Paradox des naturalistischen Umgangs mit der Menschenwürde offenbar: Die naturalistische Literatur hat den Anspruch, die Wirklichkeit mit wissenschaftlicher Genauigkeit abzubilden; gleichzeitig fordern die Programme, die Idee der Menschenwürde ästhetisch zu rekonstituieren – ein eigentlich unmöglicher Spagat, ein Problem, das kaum befriedigend zu lösen ist. Die Folge sind problematische, komplexe und keinesfalls uneingeschränkt positiv zu bewertende Figuren wie Loth, der das Postulat der WillensunfreiheitWille, freier Wille zwar aufweicht, dessen naturalistisch fundierte Ethik aber vollkommen inhuman bleibt, und Toni, deren intuitive HumanitätHumanität verheerende Konsequenzen für sie als IndividuumIndividuum hat.