Читать книгу Literarische Dimensionen der Menschenwürde - Max Graff - Страница 50

V. Die Menschenwürde und die Literatur des Naturalismus

Оглавление

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Begriff der Menschenwürde als Epitheton in Formulierungen wie „menschen(un)würdiges Dasein“ ein politisches Schlagwort, besonders im Denken der frühen Sozialisten.1 Es verrät die Einsicht, dass die Menschenwürde mit der zunehmenden Dringlichkeit der ‚Sozialen Frage‘ und im Zuge von Urbanisierung, Industrialisierung und Proletarisierung sehr realen, materiellen Bedrohungen ausgesetzt ist, und dass dem Menschen bestimmte Lebensumstände nicht zuzumuten sind; die Menschenwürde wird zu einer politisch-sozialen Kampfformel.2 Für die Literatur des Naturalismus, die sich der Wiedergabe der modernen Welt und deren Folgen für die conditio humana verpflichtet sieht, hat die Menschenwürde aber nicht nur diese sozialgeschichtliche Relevanz, sondern sie gewinnt auch für die Ästhetik und das der KunstKunst, Künstler zugrundeliegende, auf zeitgenössische wissenschaftliche Erkenntnisse zurückgreifende Menschenbild an Bedeutung.

Die Literatur des bürgerlichen Realismus beschreibt vielfach die Aporie des IndividuumsIndividuum, das einem von der GesellschaftGesellschaft normativ verstandenen, tendenziell äußerlichen Würdebegriff gegenübersteht. Wenn als menschenwürdiges nur ein den bürgerlichen Normen und gesellschaftlichen Werten entsprechendes Leben gilt, wenn Ehre als Leitideal die Würde übertrumpft, müssen SelbstbestimmungSelbstbestimmung, SelbstverfügungSelbstverfügung und AutonomieAutonomie des Einzelnen zurückstehen. Entsprechend dominant sind in der literarischen Welt des 19. Jahrhundert die Konflikte zwischen Individuum und Gesellschaft – die nicht selten im SuizidSuizid enden, der den Rezipienten zu einer Reflexion über die Werte der Gesellschaft und deren Kollision mit der Würde des Menschen drängen soll.3 Auf der darstellungsästhetischen Ebene tendiert der nicht umsonst als ‚poetischer‘ bezeichnete Realismus dazu, das HässlicheHässliche, die Würde Bedrohende auszusparen, es unter die Oberfläche zu verbannen oder aber es zu verklären. Das würdige Sterben ist in der Literatur des Realismus noch möglich – anders als in den Jahrzehnten darauf.4

Im Naturalismus sind es weniger Konflikte zwischen IndividuumIndividuum und GesellschaftGesellschaft als die das Individuum und seine Würde bedrohenden sozialen Kräfte, die in den Fokus rücken. Dass gerade die Naturalisten Georg BüchnerBüchner, Georg, vor allem Lenz und Woyzeck, wiederentdecken und feiern, ist kein Zufall: In Büchner finden sie einen Dichter, der mit bemerkenswerter Genauigkeit und Drastik die entwürdigendeEntwürdigung Macht gesellschaftlicher Verhältnisse und deren Auswirkungen auf Leben und Erleben des einzelnen Menschen beschreibt – und dies mit einem vehementen Plädoyer für EmpathieEmpathie, Menschlichkeit und Menschenwürde verbindet.

Das naturalistische Menschenbild, seine Konsequenzen für den Menschenwürdebegriff sowie dessen Relevanz für Kunstverständnis und -praxis werden im Folgenden mit Blick auf einschlägige naturalistische Programme und auf kanonische Texte der bedeutendsten Vertreter der Bewegung, des Autorenduos Arno HolzHolz, Arno und Johannes SchlafSchlaf, Johannes sowie Gerhart HauptmannsHauptmann, Gerhart, expliziert.

Literarische Dimensionen der Menschenwürde

Подняться наверх