Читать книгу Am Anfang war Ägypten - Michael Höveler-Müller - Страница 14
TRADITIONEN
ОглавлениеDie alten Ägypter sind ein äußerst traditionsbewusstes Volk, das Veränderungen –wenn überhaupt – nur sehr langsam und zögerlich annimmt. Ein Beispiel mag dies illustrieren: Die Darstellungen der Könige Narmer (um 3000 v. Chr., Abb. 6 a) und Thutmosis III. (um 1450 v. Chr., Abb. 39) zeigen beide Herrscher während der Niederschlagung von Feinden. Rund 1550 Jahre trennen die beiden Männer voneinander, und doch sind die Veränderungen in der Wiedergabe geradezu minimal und beschränken sich auf Detailbeobachtungen besonders im Spiel der Muskulatur. Die Aussage der Darstellung sowie fundamentale Richtlinien in Proportion, Bewegung und Ausdruck bleiben über den gesamten Zeitraum hinweg unverändert.
Die zeitlichen Dimensionen, die beide Reliefs voneinander trennen, entsprechen denen, die uns Heutige, am Anfang des 21. nachchristlichen Jahrhunderts Lebende, etwa von dem Jahr 470 n. Chr. trennen – und man bedenke, wie sehr sich die Art der Darstellung in demselben Zeitraum bei uns verändert hat. Dieser Vergleich mag als Sinnbild für die übrigen Bereiche des politischen, religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens der Menschen im pharaonischen Ägypten dienen, in denen Veränderung und Entwicklungen nur langsam und gemächlich stattfinden. Das Leben in der Tradition stellt für die alten Ägypter eine gewisse Sicherheit dar, sie ist in gleicher Weise eine Verbindung zu Vorfahren wie zu den Nachkommen, das Bindeglied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und die Gewissheit, dass die wirklich bedeutsamen Grundlagen immer die gleichen bleiben würden. Diese Qualität der Kontinuität, das Bewusstsein für Tradition ist ein Basispfeiler der Maat, der Göttin der Weltordnung, der Wahrheit und der Gerechtigkeit, die das gute und richtige Leben verkörpert und die Menschen dorthin führt und lenkt.2 Abrupte Brüche und Umstürze passen nicht in das Weltbild und die Struktur des Lebens am Nil. Der berühmteste Versuch einer massiven Umgestaltung und religiösen Umwälzung ist von König Amenophis IV./Echnaton (um 1350 v. Chr.) unternommen worden – und dieser wird dafür mit der damnatio memoriae belegt.