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Die unterägyptischen Kulturen des Neolithikums
ОглавлениеAls die wichtigsten prädynastischen Kulturen Unterägyptens sind vor allem zu nennen:
– die Fajum-Kultur (ca. 6000–4000 v. Chr., sesshaft ab etwa 4500 v. Chr.), nachgewiesen durch mehrere Siedlungsplätze um die Fajum-Senke mit dem Birket Qarun;
– die Merimde-Kultur (ca. 5000–4100 v. Chr.), bezeugt durch eine Hauptsiedlung am westlichen Deltarand;
– die El-Omari-Kultur (ca. 4600–4400 v. Chr.) im Bereich von Heluan, Wadi Hof Ras el-Hof, alle gegenüber von Saqqara gelegen, und
– die Maadi- oder auch Buto-/Maadi-Kultur (ca. 4000–3000 v. Chr.), vertreten im gesamten Delta, im Süden bis auf die Höhe des Fajum.
Die frühen dauerhaft-sesshaften Unterägypter bilden typisch prädynastische Gemeinschaften und ernähren sich von Landwirtschaft, Jagd und Fischfang sowie Viehzucht. Angebaut werden Emmer, Weizen, Gerste und diverse Hülsenfrüchte, in Merimde zusätzlich Futterwicken und Ampfer. Man züchtet Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe; in der Fajum-Kultur spielt die Zucht im Vergleich zur Jagd eine untergeordnete Rolle, während die Träger der Maadi-Kultur hingegen lediglich einige Wasservögel jagen. Das Angebot des erlegbaren Wildes bietet eine reiche Palette: Antilopen, Gazellen, Vögel, Nilpferde (die gefährlichsten Tiere Afrikas), Krokodile und in Merimde, wo Hunde domestiziert sind, darüber hinaus das Ur, Strauße, Löwen und Kleinkatzen – hier stehen auch Schildkröten, Muscheln und Schnecken auf dem Speiseplan. Der Fischfang ist im wasserreichen Delta und im Fajum generell sehr wichtig.
Die Menschen wohnen in leichten ovalen Hütten aus Flechtwerk, die in lockerer Bebauung die Siedlungen bilden, sie legen ausgekleidete Vorratsgruben im Boden an und braten ihr Fleisch an zahlreichen Feuerstellen. In Merimde und dem Fajum entwickelt sich eine intensive Produktion von Feuersteingeräten, bei Heluan verarbeitet man Flachs zu Leinenstoffen, in Maadi vermutlich Kupfererz. Insgesamt sind die unterägyptischen Kulturen eher bäuerlich geprägt, es gibt weder Funde noch Befunde, die auf eine gesellschaftliche Führungselite schließen lassen.
Die Toten werden in flachen Grubengräbern auf der Seite liegend und mit angezogenen Beinen als sog. Hockerbestattungen ohne nennenswerte Beigaben außerhalb der Siedlungen beigesetzt. Durch die im Laufe der Jahrtausende ständige Verlagerung des Siedlungskerns, geschieht es in Merimde und bei Heluan, dass ein Teil der Siedlung auf einem viel älteren Friedhofsabschnitt aufliegt. Hieraus darf jedoch keinesfalls geschlussfolgert werden, dass die Toten im Ort oder gar in den Häusern niedergelegt worden sind.
Kontakte bestehen sicher zwischen Merimde und dem Fajum, beide Kulturen scheinen zudem ihren Ursprung im Jordantal zu haben. Eine der ältesten Menschendarstellungen überhaupt stammt aus Merimde und zeigt einen handtellergroßen, ovalen männlichen Kopf aus gebranntem Ton (Ägyptisches Museum Kairo, JE 97472).
Die Maadi-Kultur unterhält intensive und ausgeprägte Handelsbeziehungen vor allem mit dem palästinischen Raum, von wo u.a. Gefäße und andere Gebrauchsgegenstände sowie Rohmaterialien wie Kupfer und natürlicher Asphalt eingeführt werden. Offenbar leben auch zeitweise Menschen aus diesem Gebiet in Maadi. Darüber hinaus gibt es Kontakte zur südlichen Naqada-Kultur, jedoch scheint es, dass »die Maadi-Kultur wie ein Pfropfen das Niltal nach Norden hin verschloss«6 und Kontakte zwischen dem palästinischen Raum und Oberägypten zu verhindern weiß, der erst durch die Expansion der Naqada-Kultur von Süden her aufgelöst werden kann. Die Siedlung Buto im nördlichen Delta bietet, ähnlich dem tapferen gallischen Dorf in den Geschichten um Asterix, als eines der letzten Bollwerke der Maadi-Kultur der expandierenden oberägyptischen Naqada-Kultur Einhalt. Mit ihrer Niederlage beginnt die Geschichte des geeinten Ägypten.
Die Delta-Kulturen weisen große Unterschiede zu den Kulturen des Südens auf, diese sind fraglos bedingt durch die Kontakte zum östlichen Mittelmeerraum, die den südlichen Nachbarn fehlen. Diese Unterschiede sind die Grundstrukturen, in die sich die spätere Vorstellung der Beiden Länder, von Ober- und Unterägypten, fügen und der Ursprung des so sehr ausgeprägten Gedankens der Dualität, der in der späteren pharaonischen Kultur vorherrschen wird.