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Der Siegeszug des Falkenreiches
ОглавлениеDie Eliten dieser Zeit begründen ihre Bedeutung und ihr Ansehen auf der Kontrolle von Handelsrouten. In Oberägypten kristallisieren sich besonders am Ende von Naqada II, etwa um 3200 v. Chr., die Orte Thinis/Abydos, Naqada/Ombos und Hierakonpolis als Zentren handelspolitischer Macht heraus. Zu dieser Zeit entstehen dort beeindruckende Grabanlagen von einflussreichen Persönlichkeiten. Wir können mit Sicherheit annehmen, dass diese drei Eliten Oberägyptens untereinander um die Vorherrschaft im Naqada-Reich rivalisieren. Wahrscheinlich setzt sich im weiteren Verlauf der Fürst von Hierakonpolis gegenüber dem Bereich von Abydos durch und integriert das Gebiet seines Rivalen, dessen Friedhof als Zeichen der mahnenden Präsenz der »Falken-Fürsten« übernommen wird. Nun stehen sich innerhalb des Naqada-Reiches nur noch zwei Machtblöcke gegenüber: der Fürst von Hierakonpolis mit dem Zeichen des Falken, der die hohe Weiße Krone als Symbol seiner Würde trägt, und der Fürst von Nagada/Ombos, der unter dem Zeichen des Seth-Tieres steht und die sog. Rote Krone als Machtsymbol benutzt. Bereits in der Naqada-Stufe II versinnbildlicht die Rote Krone den Norden und die Weiße Krone den Süden des Territoriums von Naqada. Später werden diese Embleme auf die beiden Landesteile übertragen.10
Der frühe innere Gegensatz, die Dualität innerhalb des Naqada-Reiches wird prägend für die weitere Geschichte Ägyptens. Den Konflikt löst das Falkenreich für sich und übernimmt die Führung über ein geeintes Naqada-Gebiet, das stetig an Ausdehnung und Macht gewinnt. Der Anführer dieser Gruppe vereinigt Horus und Seth in seiner Person, wobei Seth innerhalb der folgenden 500 Jahre nicht weiter von Bedeutung gewesen zu sein scheint.
Die zeitgleiche Buto-/Maadi-Kultur in Unterägypten betreibt einen schwunghaften Handel mit Südpalästina. In Maadi leben kanaanäische Händler und erstmals werden Esel als Transportmittel domestiziert. Die importierten Artikel und Produkte sind nur für den unterägyptischen Markt bestimmt und gelangen nicht in das Einflussgebiet des südlichen, gigantischen Nachbarn. Auf dem weiteren Vormarsch der Naqada-Kultur nach Norden kommen ihre Träger zu für sie neuen und besseren Fernhandelsrouten – das ist das Ende der Maadi-Kultur.
Nachdem die Naqada-Zivilisation in Stufe IIb oder in der frühen Stufe IIc Maadi erreicht und überlagert hat, scheinen zunächst die erfahrenen Händler aus Südpalästina den ägyptischen Handel in die Hand genommen und der Naqada-Kultur eine Art »Entwicklungshilfe« geleistet zu haben. Die naqadisierten Handelsstädte Unterägyptens verteilen nun die reichlichen Fernhandelsgüter nach Oberägypten. Davon zeugt die Vielzahl kanaanäischer Gefäße in Ägypten und das gleichzeitige Fehlen ägyptischer Güter in Südpalästina.11 Die Waren kommen über die Routen des nördlichen Sinai in das östliche Deltagebiet.
Was sich zuvor an Importartikeln relativ gleichmäßig auf mehrere elitäre Gräber der Naqada-Stufen IIc – d aufgeteilt hat, konzentriert sich in Naqada III plötzlich nur noch auf wenige besonders prachtvolle Anlagen einer dünnen Oberschicht.
Das eindrucksvolle Beispiel eines außergewöhnlichen Vertreters dieser Oberschicht bildet das Grab U-j, das ein Team deutscher Archäologen 1988 im prädynastischen Abschnitt des Friedhofes Umm el-Qaab bei Abydos findet.