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Bei der Weimarer Republik in der Lehre. Die sicherheitspolizeiliche Zusammenarbeit zwischen Finnland und Deutschland

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Die Arbeit der Behörde richtet sich zum größten Teil gegen die Rechtsterroristen, denn deren Organisationen in Deutschland waren in der Tat gewalttätige Vereinigungen. Auch den Kommunismus und die Aktivitäten der Linksrevolutionäre hat diese Behörde verfolgt und erst als wir mehrfach darauf aufmerksam gemacht hatten, dass bei uns die Ideologie der Bolschewisten die Wurzel allen Übels sei, da bemerkte Dr M., dass es auch bei ihnen so sei.174

Esko Riekki über seinen Besuch bei der Sicherheitspolizei in Deutschland 1923

Um die Stellung und die zukünftige Arbeit der Geheimpolizei in Finnland gegen Kritik abzusichern, unternahmen der neue Leiter der Behörde Esko Riekki und sein Stellvertreter Hugo Penttilä im Oktober 1923 eine Informationsreise nach Deutschland, Polen, Litauen, Lettland und Estland. Ihr Ziel war es, die Organisation und die Tätigkeit der staatlichen Polizeibehörden in den jeweiligen Ländern kennenzulernen. Gleichzeitig hatte man versucht, auch Informationen über die britische, französische und amerikanische Sicherheitspolizei zu erhalten, aber diese wurden aus Gründen der Geheimhaltung nicht gegeben. Die Einstellung zu den Deutschen wiederum wurde dadurch geprägt, dass beide Seiten wenig voneinander wussten: Riekki und die Geheimpolizei hatten keine Kenntnisse von der Organisation der Polizeiverwaltung in Deutschland, und die Deutschen beantworteten zunächst die schriftlichen Anfragen nicht. Erst ein persönlicher Besuch in Berlin führte zu einem Resultat. Riekki schrieb, dass die Deutschen „zunächst uns gegenüber sehr vorsichtig gewesen seien, sie hätten Informationen über uns eingeholt und gefragt, was wir wollten“.175

Die politische Polizei der Weimarer Republik, die 1920 ihre Arbeit als „Reichskommissariat für die Überwachung der öffentlichen Ordnung“ aufgenommen hatte, war ursprünglich ein ehemaliges geheimes kaiserliches Kabinett, aber nach ihrem Erscheinungsbild war sie eine demokratisch strukturierte Überwachungsbehörde. Prinzipiell hatte sie überall im Land ihre Büros und Referenten, aber wegen der föderalen Struktur in Wirklichkeit hauptsächlich allein auf preußischem Gebiet. Die Zentrale befand sich in Berlin. Zusätzlich zu dieser geheimen Staatspolizei existierte noch im ganzen Land eine öffentliche staatliche Polizei, die sog. erste Abteilung des Berliner Polizeichefs, I A, die für die Ausländerüberwachung und für die Untersuchung von Verbrechen zuständig war, welche gegen den Staat gerichtet waren.176

Riekkis Reise nach Berlin bedeutete den ersten Kontakt zu den deutschen Amtskollegen. Die persönlichen Beziehungen ermöglichten in der Folgezeit eine ständige Zusammenarbeit. Bis zur Mitte der 20er Jahre war es üblich, die deutschen Kontakte entweder direkt oder per Kurierpost über die deutsche Botschaft in Helsinki laufen zu lassen. Die Korrespondenz war keineswegs einseitig, die finnische Geheimpolizei beantwortete auch deutsche Anfragen.177 Die Zusammenarbeit bestand hauptsächlich darin, gegenseitig Informationen über die Kommunisten und die Komintern auszutauschen. Typisch dafür waren etwa die jeweiligen, mehrmals im Jahr erarbeiteten Berichte über die Aktivitäten der Kommunisten sowohl in Finnland wie auch in Deutschland. Im Dezember 1924 schickte etwa Riekki auf Anfrage der Deutschen diesen 32 abgefangene Telegramme zwischen der sowjetrussischen Botschaft in Helsinki und dem Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten (Narkomindel) zur Auswertung.178

Riekkis Ansprechpartner Mitte der 20er Jahre in Berlin war der Oberregierungsrat Mühleisen, mit dem auch persönliche Kontakte aufgebaut wurden. So traf etwa der stellvertretende Leiter des Passamtes, Jalmari Sinivaara, Mühleisen im April 1925 in Deutschland und im Gespräch wurde angedeutet, dass er eventuell nach Finnland reisen würde, um sich mit den Vertretern der dortigen Geheimpolizei zu treffen. Von den Deutschen bekam man auch Informationen über die neuesten Entwicklungen auf polizeilichem Gebiet. Mühleisen erklärte sich bereit, der Geheimpolizei verschiedene technische Hilfsmittel zu besorgen, wie z.B. einen Fotoapparat, der in einer Aktentasche Platz hat, sowie eine neu entwickelte Stempelfarbe.179

Deutschland war jedoch nicht der einzige Kooperationspartner, sondern unter Riekkis Leitung baute die Geheimpolizei im Laufe der 20er Jahre Beziehungen zu vielen anderen europäischen Polizeibehörden auf. Die vertraulichsten und engsten Kontakte hatten die Finnen zu schwedischen Behörden, aber wichtige Kooperationspartner waren schon seit 1918 auch Polen und die baltischen Staaten.180

Das Verhältnis zwischen der finnischen Geheimpolizei und den deutschen Sicherheitsbehörden entsprach jedoch dem zwischen Lehrer und Schüler. Für die Geheimpolizei ergab sich durch Deutschland die Möglichkeit, die technischen und taktischen Fertigkeiten des Polizeiwesens zu verbessern, und mit Hilfe von Berlin versuchte man neue Methoden zu entwickeln, wie man die neue finnische Sicherheitspolizei aufbauen sollte. Am deutlichsten kam dies in der Absicht von Riekki zum Ausdruck, Lehrer aus Deutschland nach Finnland zu holen. Im Januar 1925 kam folglich Dr. Römer aus der Behörde von Oberregierungsrat Mühleisen für einen Zeitraum von zwei Monaten nach Finnland. Riekki hatte im Voraus gewünscht, dass Dr. Römer Muster für die Anlage von Karteien mitbringt, die in Deutschland bei der Überwachung von Ausländern und politisch verdächtigen Personen benutzt wurden, sowie solche, die auch für Verhörprotokolle und für die praktische Handhabung von Vorschriften und Bestimmungen der politischen Polizei geeignet waren.181

Als Folge von Dr. Römers Besuch wurde das Archivsystem der Geheimpolizei gemäß dem deutschen Muster umgestaltet, und es wurde ein System entwickelt, das nach Sach- und Personenthemen geordnet war. Dr. Römer hielt dem Personal der Geheimpolizei auch Vorträge über Verhörtaktik und darüber, wie man bei der Strafverfolgung technische Mittel nutzen kann.182 Die Vortragsprotokolle wurden an die entsprechenden Abteilungen geschickt, damit alle Organisationen der Geheimpolizei von den deutschen Erfahrungen profitieren konnten. Den Inhalt von Dr. Römers Vorträgen nahm Riekki zum Anlass, erneut festzustellen,

wie außerordentlich wichtig es für ein erfolgreiches Verhör sei, dass der Beamte sich gegenüber der zu vernehmenden Person korrekt verhält. Dazu kommt, dass die körperliche Misshandlung beim Verhör ein Zeichen für die Unfähigkeit und das fehlende Gespür des Vernehmungsbeamten in unserer Behörde ist. Da es unangenehme Folgen nach sich zieht, dürfen solche Methoden nicht in Frage kommen. Der Vernehmungsbeamte hat auch viele andere wichtige Vorschriften zu beachten, sowohl vor als auch während des Verhörs.183

Auch Riekki schickte Mitarbeiter der Geheimpolizei zur Fortbildung nach Mitteleuropa. Der Obergeheimpolizist Freedy Kekäläinen fuhr 1930 zur Kriminalpolizei sowohl in Wien als auch in Dresden, um dort zu lernen, wie graphologische Studien betrieben werden. Kekäläinen entwickelte sich auf diesem Gebiet zum führenden Experten, auch wenn einige auf seiner Dienstreise erlernte Methoden der Schriftauswertung durchaus problematisch waren. Riekki hielt sie für „Humbug“.184

Anfang der 30er Jahre geriet die Weimarer Republik zunehmend in eine politische Sackgasse, die sich als verhängnisvoll herausstellen sollte. Dieser Todeskampf war auch bei den Sicherheitsbehörden zu spüren. Der Kooperationspartner der finnischen Geheimpolizei das Reichskommissariat wurde 1929 aufgelöst und durch eine neue Behörde ersetzt. Deren Handlungsspielraum wurde bedingt durch die andauernde Verfassungs- und Parlamentskrise immer enger. Im Laufe der 20er Jahre machte aber ein junger Mitarbeiter bei der Geheimpolizei Karriere. Während des nächsten Jahrzehnts sollte innerhalb der Behörde seine Zusammenarbeit mit den Deutschen von entscheidender Wichtigkeit werden.

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