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Der Spieler. Bruno Aaltonens Aufstieg in der Auslandsabteilung der Geheimpolizei

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Man kann sagen, dass die Engländer die Spionage für einen spannenden und interessanten Sport halten. Sie kann mit der Großwildjagd verglichen werden. In beiden Fällen wird die Ungeschicklichkeit mit dem Tod bestraft.185

Bruno Aaltonen auf der Tagung der Geheimpolizei 1934

Für die Deutschland-Kontakte bei der Geheimpolizei waren sowohl Riekki selbst als auch Bruno Aaltonen zuständig, der in der hierarchisch aufgebauten Struktur der Behörde immer weiter aufstieg. Der sprachgewandte und ehrgeizige Aaltonen nahm schließlich in den Beziehungen zu den nationalsozialistischen Polizeibehörden eine Schlüsselposition ein.

Bruno Sakeus Aaltonen wurde 1901 in Helsinki in einer Familie geboren, die zur oberen Schicht der Arbeiterklasse zählte. Seine Muttersprache war zwar Schwedisch, aber er konnte auch perfekt Finnisch. Während des Bürgerkrieges wurde der 17-jährige Gymnasiast, der Mitglied des Schutzkorps in Helsinki war, zum Kompaniechef ernannt, und daher war es ihm möglich, gemeinsam mit den in Finnland eingetroffenen deutschen Truppen an der Eroberung Helsinkis mitzuwirken. Die in der Schule erworbenen Sprachkenntnisse bestimmten jetzt zum ersten Mal deutlich sichtbar die Richtung seiner Karriere. Im Frühjahr und Sommer 1918 war er zunächst als Dolmetscher für das deutsche Jägerbataillon 4 an der Infanterieschule in Hamina tätig und danach für das deutsche Ausbildungstruppenkommando in Lieksa. Im Spätsommer musste er zurückkehren, um die Abiturprüfung abzulegen. In seinem Besitz befanden sich jetzt von den Deutschen ausgestellte Zeugnisse, in denen ihm attestiert wurde, dass er die deutsche Sprache vollständig beherrsche.186

Nachdem der Bürgerkrieg zu Ende war, kehrte er nach Helsinki zurück und begann an der dortigen Universität mit dem Jurastudium. Im Dezember 1924 bewarb sich der sprachbegabte und an ausländischen Themen interessierte junge Mann um die Stelle des jüngeren Referenten, zuständig für das westliche Ausland bei der Auslandsabteilung der Geheimpolizeizentrale in Helsinki. Die Geheimpolizei brauchte für diese Stelle eine sprachkundige Person für die Aufrechterhaltung der Kontakte zu vielen ausländischen Amtskollegen, und Aaltonen gab in seiner Bewerbung an, Finnisch, Schwedisch, Englisch, Deutsch, Französisch und ein wenig Spanisch zu beherrschen. Die Probeübersetzungen waren zwar nicht immer fehlerfrei, aber letztlich war die Meinung von Esko Riekki entscheidend: „Er wird eingestellt. Es gibt allerdings noch sprachliche Mängel.“Aaltonens Deutschkenntnisse waren zwar „noch schwach und ungelenk“, aber „wir werden sehen, ob er sich einarbeitet, denn ansonsten scheint er ein gescheiter Mann zu sein“.187

Im Januar 1925 betrat Aaltonen zum ersten Mal als Mitarbeiter der Geheimpolizei die Zentrale in der Ratakatu 12. Man hatte ihn zunächst für zwei Monate zur Probe eingestellt, und es war geplant, dass er neben der Arbeit sein Studium fortsetzen sollte. Die Probezeit verlief ohne Schwierigkeiten, aber schon am 1. Mai wurde er „beim übermäßigen Trinken im Büro“ erwischt und deshalb von Riekki mündlich abgemahnt. Diesen Verstoß hielt man offensichtlich nicht für sehr bedenklich bei einem 24-jährigen Mann, der gerade in den Mai gefeiert hatte. Das blieb dann aber auch die einzige Abmahnung, die wegen Alkoholkonsums in Aaltonens Karriere ausgesprochen wurde, und schon Anfang 1926 wurde Aaltonen zum vorgesetzten Referenten im Auslandsbüro ernannt.188

Die Arbeit bei der Geheimpolizei bot wenigstens am Anfang reichlich Neues und Interessantes. Aaltonen durfte oft auf Dienstreise gehen und die Welt kennenlernen. Im Mai 1927 unternahm er in seinem Urlaub eine von der Geheimpolizei finanzierte Dienstreise nach Frankreich und England. Der Zweck dieser Fahrt war es, sich mit „der Organisation und den Arbeitsweisen der französischen Staatspolizei“ sowie mit der Tätigkeit des Military Intelligence (MI 5) vertraut zu machen. Dies war keineswegs Aaltonens erste Reise nach Frankreich, denn er hatte schon „u.a. in das französische Polizeiwesen Einblick gewonnen, er beherrschte sowohl Französisch als auch Englisch, und es war ihm gelungen, bei seinen früheren Reisen Kontakte zu knüpfen“. Die Reise war zwar von der Behörde genehmigt worden, aber der Leiter des Kanzleibüros bei der Geheimpolizei, Armas Thomenius, stellte dennoch Aaltonen im September 1927 zur Rede „wegen seiner Auslandsreisen, die schon ein Gesprächsthema in der Stadt seien“. Die Erklärung dürfte zufriedenstellend gewesen sein, denn Anfang 1927 wurde Aaltonen offiziell zum Referenten ernannt.189

Ende 1928 war zwar der nun 27-jährige Aaltonen immer noch Jurastudent, aber die schnelle Karriere erhöhte nur noch seinen Ehrgeiz. Trotz des fehlenden Abschlussexamens blieb es sein Ziel, eine Spitzenposition in der Behörde zu besetzen. Die Praxis Riekkis, diesen reiselustigen und sprachkundigen jungen Mann als seinen Vertreter überall in Europa arbeiten zu lassen, führte dazu, dass Aaltonen sich selbst unersetzlich machen konnte, indem er immer wieder die Bedeutung seiner persönlichen Beziehungen für die Pflege der geheimpolizeilichen Auslandsverbindungen betonte.

Im August 1928 berichtete Aaltonen dem Leiter des Kanzleibüros, Armas Thomenius, dass ihm eine Stelle in einem skandinavischen Reisebüro in Paris für 3000 Franc Monatsgehalt angeboten worden sei. Er sei bereit, die Stelle anzunehmen, „weil er hier keine Aufstiegschancen habe und weil er ins Ausland wolle. Er bestritt durchaus nicht, zu faul zu sein, um das Studium erfolgreich zu beenden.“ Es handelte sich dabei um einen klaren Erpressungsversuch, der auch tatsächlich gelang. Thomenius erwiderte, dass Aaltonen „solche Tätigkeiten eines Laufburschen“ erst gar nicht in Betracht ziehen solle, sondern lieber „bei der Geheimpolizei bliebe, wo er eine Zukunftsperspektive und die Möglichkeit für eine Gehaltserhöhung habe, wenn er sich nur zusammenreiße und mit Elan an die Arbeit ginge“. Aaltonen hatte seine Bedeutung für die Geheimpolizei durchaus richtig verstanden. Man versuchte nun, ihm eine Gehaltserhöhung zuzuschanzen, weil „er die Absicht geäußert habe, den Beruf zu wechseln, er aber wegen seiner Sprachkenntnisse für uns von großer Wichtigkeit sei“. Als Riekki Aaltonen im Januar 1929 die Gehaltserhöhung mitteilte, hielt dieser die Anhebung für ausgesprochen gering und bemerkte, dass die Geheimpolizei gute Sprachkenntnisse finanziell nur gering belohne. Riekki antwortete, „dass es dann billig wäre, wenn er fleißiger arbeiten würde, aber zur Zeit sei sein Einsatz nicht sehr hoch“, und Riekki bemerkte, „dass entweder seine Arbeitsweise zu verbessern sei oder aber er zu gehen habe“.190

Im Jahr 1929 war Aaltonen zum ersten Mal als Beauftragter Riekkis in Deutschland, und im September 1932 wurde er zum Bürochef der Überwachungsabteilung ernannt. Ohne ein abgeschlossenes Jurastudium hatte Aaltonen praktisch die Spitzenposition im Dienst der Geheimpolizei erreicht. Das Verhältnis zu Riekki wurde zeitweilig auf eine harte Probe gestellt, und Riekki beklagte sich im Februar 1933 darüber, wie

Aaltonen leichtfertig Informationen direkt an das Außenministerium weiter gibt. Trotz vieler Hinweise von mir zeigt sich diese Tendenz auch in seinem Verhalten gegenüber den Ausländern – Wirklich unnötig! Hier handelt es sich weder um bösen Willen noch um etwas Anderes als Gedankenlosigkeit, aber daraus können unangenehme Folgen entstehen.191

Als Folge der weltpolitischen Ereignisse kam es jedoch in dieser Zeit bei der Karriere von Aaltonen zu einer Wende. In der deutschen Gesellschaft und Polizeiverwaltung war es gerade zu einer grundlegenden Veränderung gekommen. Im Januar 1933 ergriffen die von Adolf Hitler geführten Nationalsozialisten die Macht und begannen Deutschland nach den Vorgaben der Hitler-Diktatur in einen Polizeistaat zu verwandeln. Die frühere Zusammenarbeit riss ab, bekannte Behörden verschwanden, und an ihre Stelle traten mehrere neue Polizeibehörden, deren Struktur man noch nicht durchschaute. Riekkis Kontakte zu den deutschen Polizeibehörden, die er in den 20er Jahren geknüpft hatte, verloren ihren Wert, und man musste mit den neu aufgestellten Ämtern der Nationalsozialisten die Bedingungen für eine Zusammenarbeit absprechen. Für Aaltonen ergaben sich daraus neue Aufgaben und Möglichkeiten. Eines Tages sollten sie ihn an die Spitze der Geheimpolizei führen und schließlich seinen Untergang besiegeln.

Geheime Waffenbrüderschaft

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