Читать книгу Quintarrh - Patricia Gasser - Страница 11
ОглавлениеSeltsame Gäste
Am folgenden Morgen wachten die flüchtenden Elfenausgeruht auf. Ihre bisherige Reise hatte ihnen schon einiges abverlangt. Nun hatten sie einen weiteren Drachen nebst Visnimbor als Begleiter gewonnen. Der Eisenpanzerdrache Tyrannoks wurde ohne Rücksicht, samt seinem Reiter seinem Schicksal überlassen. Sein Reiter hatte den Sturz nicht überlebt, aber dem Drachen ging es schon erstaunlich gut. Er hatte wie die Elfen die ganze Nacht hervorragend geschlafen. Seine Flügel fühlten sich noch etwas schwer und unbeweglich an. Dies konnte auch vom langen Schlaf kommen. Der Drache konnte sich nicht erinnern, je so lange geschlafen zu haben. Die Häscher Tyrannoks gestatteten ihnen nicht allzu viel Ruhezeit. Andauernd wurde hart trainiert. Stets mit dem zusätzlichen Gewicht der Rüstung. Der Eisenpanzerdrache blinzelte freundlich in Richtung der rettenden Elfen. Stefok erhaschte den aufmunternden Blick des abgestürzten Drachens, und wandte das Wort an ihn:
«Geehrter Drache, wäre es in Deinem Sinne, Dich unserer Mission anzuschließen? Wir sind auf dem Weg ins strahlende Tal, wo wir uns einen gerechten Herrscher erhoffen. Dem Volk dort scheint das Glück hold zu sein.«
Dass dem nicht immer so war, wurde wohl nicht verbreitet.
»Ihr habt mich in euere Reihen aufgenommen, obwohl ich Euch Böses antat.«
»Nicht Du selbst! Dies liegt nicht in der Natur Eurer Drachenrasse, das wissen wir nur zu gut.«
»Ich schäme mich.«
»Das ist nun Vergangenheit. Du kannst es wieder gut machen, und uns auf unserer gefährlichen Reise beistehen.«
»Es wäre mir eine Ehre.«
Der Eisenpanzerdrache vollführte eine äußerst demütige Verneigung. Die Elfen waren gerührt.
»Wie dürfen wir Dich nennen?«
»Wir hatten keine Namen, nur Ziffern. Ich war die Fünfundsiebzig.«
»Du bist vom Himmel gefallen, deshalb nennen wir Dich nun Caprizelon. Gefällt Dir dieser Namen, geehrter Drachenfreund?«
Der Drache nickte und vollführte eine weitere Verneigung. Nun versuchten es auch die Elfen, doch sie schafften es nicht so huldreich wie Caprizelon. Selbst Visnimbor wagte einen Versuch und kam dabei beinahe zu Fall. Der Eisenpanzerdrache brachte ungewollt das Lachen zurück zu den Elfen der Stadt jenseits des Flusses. Ein schönes Gefühl.
»Genug der Freude, lasst uns nun wieder des Weges gehen!« Annelin scheuchte die fröhliche Truppe unbarmherzig zurück zu ihrem wenigen Gepäck. Hastig sammelten alle ihre Sachen zusammen und versammelten sich bei Annelin. Damit ging ihre Reise weiter. Die Drachen flogen nun über ihnen und suchten den Himmel und die Erde nach vermeintlichen Gefahren ab. Die Sonne brannte nicht mehr in der gleichen Stärke wie bisher, denn der Spätsommer hatte nun Einzug genommen. Reife Früchte lieferten ihnen Nahrung. Die nächsten Tage kamen sie ohne große Erschwernisse voran. Dies gab ihnen erneut die Zuversicht, dass sie das strahlende Tal noch vor Wintereinbruch erreichen konnten. Die nächste Etappe führte sie an einen weiteren Fluss. In einer friedlichen Siedlung konnten sie entspannt rasten und nach längerer Zeit endlich einer gepflegten Körperreinigung nachkommen. Erfrischt machten sie sich danach in einem gemütlichen Gasthaus über einen nahrhaften Eintopf her. Sie fühlten sich sicher und geborgen.
Während die Reisenden aus der Stadt jenseits des großen Flusses, sich von den vergangenen Reisetagen erholten, platzte bei Apollonia überraschend und verfrüht ein Elfenjüngling rein. Ihr Erstaunen hätte nicht größer sein können.
»Werter Arturion, sei gegrüßt. Was hältst Du in Zukunft von einem höflichen Klopfen an meiner Tür?«
»Entschuldige, geehrte Apollonia, aber in meinem Glück habe ich meine Manieren vergessen. Verzeih mir, bitte!«
»Was führt Dich in solch früher Stunde zu mir? Solltest Du Dich nicht Deiner Aufgabe widmen?«
»Du hast nicht mitbekommen, dass ich den ganzen gestrigen Tag und die letzte Nacht an einem Stein gearbeitet habe? Früher wusstest Du das immer schon vorher!«
Damit traf Arturion einen wunden Punkt Apollonias. Ihre innere Stimme war nicht mehr verlässlich. Auch ihre Visionen wurden letztlich wirr und unverständlich. Es fiel ihr schwer, daraus ihre Schlüsse zu ziehen. Sie traute sich kaum noch, ihre Augen zu schließen. Doch sie hatte eine wichtige Aufgabe zu erfüllen.
Die Lichtelfin war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie nicht einmal das kräftige Klopfen an ihrer Türe hörte. Arturion öffnete sie. Vor ihnen stand der Steinhauer Petrion mit der Statue Arturions. Das Werk seiner letzten Stunden, bevor er in tiefen Schlaf verfiel.
»Höhöm…«, ließ Petrion ein lautes Räuspern hören, was die Lichtelfin tatsächlich aus ihren Tagträumen riss. Verwirrt schüttelte sie ihre wunderschöne Haarpracht, um ihre Sinne wieder zu erwecken. Der Steinhauer starrte Apollonia unwillkürlich an. Er konnte seinen Blick nicht von ihr wenden. Sie umfing eine ätherische Schönheit, die einen in seinen Bann zog. Arturion boxte ihm mit seinem Ellbogen in die Seite, um den Meister auf den Boden der Realität zurückzuholen.
»Aua, was tust Du da?«
»Ich habe Dich gerade aus einer peinlichen Situation gerettet, Meister«, antwortet der Elfenjüngling frech. Petrion lief augenblicklich rot im Gesicht an, als ihm bewusst wurde, dass Arturion damit Recht hatte. Verlegen blickte er zu Boden.
»Sei gegrüßt, Li … Li … Lichtelfin Apollonia!« stammelte er. Zu gern hätte er den Rhythmus seines Herzschlages verlangsamt, doch beim Anblick dieser wunderschönen Elfin wurde dies unmöglich. Um sich nicht weiter zu blamieren, stellte er das Meisterwerk Arturions nun ohne weitere Worte vor Apollonia ab und ging bloß mit einem leise gemurmelten Abschiedsgruß und einem kurzen sehnsüchtigen Blick auf sie durch deren Tür ins Freie.
Die Lichtelfin schaute ihm überrascht nach. Dann fiel ihr Blick auf das Werk Arturions. Sie schaute ihn fragend an.
»Das, geehrte Apollonia, ist die Antwort auf Deine Frage«, meinte er ohne Umschweife. »Dies macht mich glücklich. Es macht mir Freude, etwas Neues zu erschaffen, und ich bin wirklich gut darin!« ergänzte er seine vorangegangenen Worte wenig bescheiden.
Apollonia nickte und kreiste nun um die wunderschön gearbeitete Skulptur, die einen ungewöhnlichen Drachen zeigte. Sie fuhr mit ihren Fingern vorsichtig über das behauene Gestein. Plötzlich spürte sie etwas, das sich wie Buchstaben anfühlte. Sie bückte sich, um genauer hinzusehen. Es waren Schriftzeichen in die Skulptur eingemeißelt. In der alten Schrift ihres Volkes. Sie kniff ihre Augen zusammen, um den Blick zu schärfen und das Geschriebene zu entziffern. Still las sie, was Arturion in seinem Schaffensdrang eingemeißelt hatte:
Drache aus Stein, aus fünf wird ein, so soll es sein.
Der Drache sah anders aus als alle Flugwesen, die sie je gesehen oder von denen sie gehört hatte. Es ging ein starker Sog von der Statue aus. Sie verströmte eine magische Aura. Die Inschrift hatte Apollonia in dem Moment schon wieder vergessen, als sie sich Arturion zuwandte, um ihm ihr ehrliches Lob für sein Werk auszusprechen.
Die Ausbildung Arturions war nun beinahe abgeschlossen. Noch ein paar kleinere Aufgaben, dann war Serah an der Reihe.
Im Gasthaus zum »Nikarus«, wo die fünf Familien einen entspannten Abend verbrachten, kam ein weiterer Gast hinzu. Alle waren in bester Stimmung, als der kostbar gewandete Besucher den Schankraum betrat. Er trug einen bodenlangen purpurnen Umhang, der von einem beeindruckenden, edelsteinbesetzten Gürtel zusammengehalten wurde und war keinesfalls ein Gefolgsmann Tyrannoks. Sein Gewand entsprach nicht dessen Farben und Muster. Zudem würde dieser keinen seiner Leute in solch kostbarer Aufmachung kleiden. Doch wer war dieser Elf, der zu später Stunde in diesem einfachen Gasthaus um Unterkunft bat?
Der mysteriöse Gast setzte sich an einen entfernten Tisch und würdigte die weiteren Besucher keines Blickes. Er schien unnahbar, und als ob er etwas zu verbergen hätte.
Die geflüchteten Familien unterhielten sich nun nur noch im Flüsterton. Der Gastwirt bediente derweil den Edlen mit seinem hervorragenden Eintopf und selbstgebrautem Eichelbier.
Es blieb nicht bei dem einen mysteriösen Gast. Wenig später kam ein Weiterer hinzu. Auch dieser war kostbar gekleidet und schien nicht in die einfachen vier Wände des Gasthauses zu passen. Als der feine Elf den Schankraum betrat, wurde es für einen kurzen Moment mucksmäuschenstill. Diesen schien dies nicht zu stören. Er schaute sich kurz um und lief dann ohne Umschweife zum Elfen im purpurnen Umhang. Beide legten sich, zum Gruße, die rechte Hand auf die Brust, und verneigten sich voreinander. Dann setzten sich beide. Doch sie sprachen kein Wort miteinander. Beide saßen sie still am Tisch und schwiegen sich an. Sie schienen auf etwas oder jemanden zu warten. Nun schauten die Elfenfamilien der Stadt jenseits des Flusses gebannt zur Tür. Sie waren sich sicher, dass gleich ein weiterer Gast kommen musste. Oder sogar mehrere. Und sie sollten Recht behalten.