Читать книгу Quintarrh - Patricia Gasser - Страница 9
ОглавлениеDas Meisterwerk
Wie geheißen sandte Arion am nächsten Morgen Arturion zu Apollonia. Dieser wollte sich eigentlich mit seinen Freunden treffen. Doch jetzt musste er schon wieder seinen lästigen Pflichten nachkommen. Ihm wäre es lieber gewesen, Liuson hätte seine Stelle als Träger der Magie des Spätsommers abbekommen. Das erwähnte er gleich bei Apollonia, als er bei ihr ankam.
»Werter Arturion, eine Vision kann man nicht rückgängig machen, oder einfach auslöschen. Das ist eine Ehre, solch eine Verantwortung anvertraut zu bekommen! Du wirst Deinen Teil dazu beitragen, um die Magie in unserem Volk zu belassen. Auch wenn es Dir nun lästig ist oder Dich noch überfordert.«
Arturion schaute die Lichtelfin traurig an. Nun musste er sich wohl doch erneut dem Schicksal ergeben und weitere anstrengende Aufgaben erfüllen, anstatt ein einfaches Elfendasein zu fristen. Apollonia gab ihm ein paar kleine Übungen, die er vorerst in Angriff nehmen sollte, bis seine Zeit für die Lehre kam. Noch war Arions Lehrzeit. Doch wie versprochen, waren die weiteren Aufgaben nun ein Leichtes.
Die fünf flüchtenden Familien aus der Stadt jenseits des großen Flusses kamen währenddessen zügig voran, was auch von Nöten war. Die Landschaft war unspektakulär eben und ohne jegliche Hindernisse. Selbst Bäume gab es kaum. Doch dies erleichterte es auch den Spähern Tyrannoks, sie leichter zu finden. Visnimbor würde ihnen die Gefahr rechtzeitig anzeigen. Er flog und lief abwechselnd nebenher, um sie zu beschützen. Sein kräftiger Drachenschwanz war entspannt. Auf ihrem Weg sammelten sie Beeren und Wurzeln von den spärlich verteilten Büschen in der öden Landschaft, die sie vorsichtig in einen Korb legten. Sie konnten nicht genug auf ihrer Flucht mitnehmen und mussten daher unterwegs pflücken, was ihnen die Natur schenkte.
»Visnimbor flieg hoch, um nach Verfolgern oder anderen Gefahren Ausschau zu halten!« forderte einer der Elfenväter den gemeinsamen Drache auf, und dieser geriet dabei aus Versehen in eine Wolkenwand, was einen plötzlichen Wolkenbruch auslöste und die Elfen in kürzester Zeit komplett durchnässte.
Der spontane Regenguss war eine willkommene Abkühlung. Sie trockneten in Windeseile, da die Sommersonne gleich wieder kräftig vom Himmel schien. Als sie sich gerade etwas im Schatten eines Steines ausruhen wollten, schnellte Visnimbors Drachenschwanz in die Höhe.
»Seht, Visnimbors Drachenschwanz!« rief eins der Elfenkinder und warnte damit lauthals die Elfen um sich.
Schneller als gewollt kam Arturion an die Reihe, denn der Spätsommer nahm Einzug ins strahlende Tal. Was der Elfenjüngling nicht bedachte, war, dass seine Jahreszeit äußerst kurz verlief, und er alles schneller erlernen musste als die anderen vier. Das wurde ihm erst bewusst, als ihn die Lichtelfin darauf aufmerksam machte.
»Geehrter Arturion, Deine Zeit ist etwas verkürzt. Der Spätsommer bringt uns ein wenig in Zeitdruck!«
Das hätte sie besser nicht gesagt. Arturion revoltierte sowieso gerne gegen äußerlichen Druck, und dies sprengte alles, was ihn bisher behelligt hatte. Teauh musste deshalb umso mehr die Launen Arturions ertragen.
Den kleinen Bruder störte dies seit seiner Ernennung, zum zweiten Heilerelfen, kaum noch. Er ging zu seinem Erstaunen immer mehr in dieser Aufgabe auf und genoss die Zusammenarbeit mit Quirion.
Den Erwählten des Spätsommers befriedigte es kaum noch. Er brauchte ein neues Ventil. Apollonia hatte diese Entwicklung an Arturion beobachtet. Auch die anscheinend sehr starke Bindung zu seinem Elfenfreund, dem selbsternannten, zukünftigen Drachenzüchter, wurde zeitweise problematisch. Arturion und Liuson verband seit der geglückten Bebrütung von Jubas Ei, durch Heron, eine tiefe Freundschaft. Er teilte ungern die Aufmerksamkeit seines neuen besten Freundes mit anderen Elfenjünglingen. Seine Freizeit mit Liuson zu verbringen und über die Neuzucht von Drachenmischlingen zu sinnieren, nahm seine Gedanken mehr ein, als die Lehre bei Apollonia. Jegliche Ablenkung von seinem geliebten Zeitvertreib kam ihm überflüssig vor. Der Ärger über seine neuesten Verpflichtungen stieg von Tag zu Tag.
Apollonia wollte nun Arturions angestauten Frust nutzen und ins Positive umwandeln. Daher gab sie ihm viele kleine Aufgaben, die ihm Erfolgserlebnisse bescheren sollten. Von Mal zu Mal erhöhte sie die Anforderungen, um herauszufinden, wo seine Grenze lag. Eine Trennung von seinem Freund für eine begrenzte Zeit schien ihr inzwischen für mehr als sinnvoll. Die Lichtelfin ließ beide Elfenjünglinge zu sich rufen. Denn auch Liuson war ein Teil dieser Aufgabe.
Etwas atemlos kamen die beiden bei Apollonia an. Arturion erhoffte sich, dass sie sich doch noch um entschied, und Liuson trotz ihrer Vision, an seiner Stelle einsetzte. »Seid gegrüßt, werte Herren Arturion und Liuson.« Die Lichtelfin räusperte sich kurz, denn was sie nun zu verkünden hatte, würde nicht auf allzu große Freude stoßen. »Es bleibt mir nichts anderes übrig, als Euch nun für einige Tage zu trennen.«
»Wie? Was meinst Du mit trennen, werte Apollonia?«
»Eure Wege werden sich für fünf Tage ohne Ausnahme trennen. Jeder Verstoß verlängert diese Auflage um einen Tag mehr. Eure Freundschaft mag Euch sehr wichtig sein, aber das Wohl des Volkes ist wichtiger!«
Arturions Wünsche wurden nicht erfüllt, wie er eben erfuhr. Im Gegenteil belästigte sie ihn erneut mit einer weiteren absurden Aufgabe. Die Schlimmste, und hoffentlich Letzte! Fünf Tage keinen Spaß mit Liuson. Kein einziges Treffen wurde ihnen erlaubt. Beide schauten die Lichtelfin entsetzt an.
»Das grenzt an Grausamkeit!« wetterte Liuson, hängte aber gleich noch ein »werte Apollonia«, hinterher, als ihm bewusst wurde, wie respektlos seine Worte waren, und senkte beschämt seinen Blick.
»Das ist nicht Euer Ernst! Das könnt Ihr uns doch nicht antun!« klönte Arturion hinterher. »Wenigstens nur einen Tag«, bat er hoffnungsvoll.
Aber Apolonia blieb unbeugsam und ließ nicht mit sich verhandeln. Der Elfenjüngling konnte keine Ablenkung gebrauchen. Seine Zeit an ihrer Seite war kostbar und allzu kurz. Der Spätsommer war allzu schnell vorbei. Und der Widerwillen gegen seine Verpflichtungen musste endlich ein Ende nehmen. Es war verständlich und einfacher, sich mit unterhaltsamen Dingen zu beschäftigen, anstelle sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Dies stand Arturion nun bevor.
Während Arturion noch mit seinem Schicksal haderte, suchten die Augen der Flüchtenden die Gegend nach der Gefahr ab, die der Wolkenbruchdrache durch seinen steil hochstehenden Drachenschwanz anzeigte. Rasmok entdeckte sie zuerst. Er zeigte zum Himmel, wo sich die Drachen Tyrannoks abzeichneten. Der Stein, in dessen Schatten sie sich etwas ausruhen wollten, gab ihnen nicht genug Schutz vor den Augen ihrer Verfolger. Sie mussten schnell handeln. In ihrer Nähe waren noch einige weitere, etwas kleinere Steine verstreut.
»Kinder, verteilt euch hinter den Steinen. Geschwister jeweils gemeinsam«, wies Annelin den Elfennachwuchs mit knappen Worten an. Wie geheißen liefen sie umher und suchten gemeinsam hinter verschiedenen Steinen Deckung.
»Es gibt keinen freien Platz mehr hinter Steinen«, rief ein kleines Elfenmädchen panisch und rannte ihren Schwestern hinterher.
»Hierher!« riefen diese und duckten sich hinter ein paar abgeknickte Schilfhalme. Doch von oben konnten sie trotz Stein und Schilf noch ohne Probleme gesehen werden. Sie brauchten eine zündende Idee, um sich gegen die Häscher Tyrannoks zu behaupten.
»Geehrter Liuson, meine Entscheidung mag Euch grausam vorkommen, aber Arturion kann nun keine weitere Ablenkung mehr gebrauchen. Er muss sich endlich seiner Bestimmung bewusst werden. Geh, und kehre in fünf Tagen wieder zurück. Solltet ihr meiner Anweisung nicht Folge leisten, dann vielleicht auch in ein paar Tagen später!«
»Nun werter Arturion, deine schwerste Aufgabe zuerst. Danach wird dir alles umso leichter fallen. Finde heraus, was Dich glücklich macht, und wo Deine Stärken, Deine besonderen Fähigkeiten liegen.«
»Aber ich weiß das doch schon!«
»Dann erzähle mir davon.«
»Ich bin glücklich, wenn ich mit meinem Freund zusammen über die Drachenzucht sprechen kann.«
»Ja, das glaube ich Dir. Welche herausragenden Fähigkeiten zeichnen sich dabei bei Dir heraus? Was macht Dich dabei besonders?«
Arturion schaute die Lichtelfin mit seinen tiefgrünen Augen verständnislos an.
»Ich bin dabei glücklich, das war doch eine der Bedingungen.«
»Durchaus richtig, aber worauf es mir besonders ankommt, ist, dass Du erkennst, was Dich ausmacht. Gehe nun nach Hause und denke darüber nach. Deinen Unterricht beim Steinhauer wirst Du übrigens weiterhin besuchen.«
Ohne sich noch umzusehen, oder sich von Apollonia zu verabschieden, drehte sich der Elfenjüngling um und ging wie geheißen nach Hause, wo er ein wenig zu schmollen gedachte.