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Widerstand

Arturions Lehrzeit ging schneller vorbei, als er zu hoffen wagte. Bisher hatten seine Freunde sein Werk noch nicht zu sehen bekommen. Es blieb vorerst bei Apollonia in Gewahrsam. Die Lichtelfin überließ Arturion die Entscheidung, wann er den Drachen aus Stein seinen Freunden offenbaren wollte. Er wollte sich damit Zeit lassen. Der richtige Zeitpunkt würde schon kommen, da war er sich sicher. Nun hatte er erst mal den letzten Auftrag zu erfüllen. Er sollte Serah zu Apollonia bringen. Ihre Zeit war gekommen, den Umgang mit der Herbstmagie zu erlernen. Bis zum Winteranfang hatte sie Zeit dazu, dann kam Juwen an die Reihe.

Das Elfenmädchen mit den blonden Locken und den großen blauen Augen war schwer zu finden. Arturion versuchte es als erstes bei den Drachen, wo man sie meistens vorfand. Er fand zwar Poesia, aber Serah war nicht zu entdecken. Bei ihr zu Hause war sie auch nicht. Doch Quirion, der jüngere Bruder konnte ihm weiterhelfen.

»Serah ist bei Deliah.«

»Es sei Dir gedankt. Ich werde mein Glück bei Deliahs Familie versuchen.«

Somit lief er zu deren Zuhause. Es war etwas höher gelegen in der Siedlung am Montaurei. Der Weg dorthin war ein wenig beschwerlich, doch die Lage war hervorragend. Von Deliahs Haus konnte man sogar die strahlende Festung am Montumbra sehen. Und die Aussicht über die weite Ebene am Fuße des strahlenden Tales war atemberaubend.

Etwas außer Atem klopfte er an die Tür der Familie Deliahs. Ihr kleiner Bruder Skarion öffnete diese und ließ den jungen Besucher ein.

»Wir haben Besuch. Arturion ist da.« rief dieser ins Haus hinein. Sofort erschien seine Mutter hinter ihm. Liebevoll wuschelte die zierliche Elfe durch die stoppligen Haare Skarions.

»Werter Arturion, wie können wir Dir helfen?«

»Ich suche nach Serah. Quirion meinte, sie sei bei Euch.«

»Richtig. Die beiden nähen sich gerade ein neues Gewand.«

»Apollonia lässt nach Serah schicken. Ich soll ihr ausrichten, dass ihre Zeit nun begonnen hat, um in die Lehren der Magie eingewiesen zu werden.«

»Wie erging es Dir denn in dieser Zeit?« wollte Deliahs Mutter wissen.

»Besser als gedacht«, meinte Arturion mit einem geheimnisvollen Lächeln auf den Lippen.

Es kamen tatsächlich noch mehr Gäste. Noch einer in edler Kleidung, der sich gleich zu den zwei andern setzte und einer, der eher in dieses einfache Gasthaus passte. Der einfach gekleidete Elf schaute in Richtung der auffälligen Besucher und murmelte unschöne Worte vor sich hin. Er konnte von Glück sprechen, dass die Edlen ihn nicht gehört hatten. Die waren nun in ein angeregtes Gespräch vertieft und gestikulierten wild mit ihren Armen und Händen. Die Flüchtlinge beobachteten alles um sich. Es war ein wahres Schauspiel. Plötzlich wurden sie von einem lauten Knacken abgelenkt. Der letzte Gast, der etwas zu wohlgenährt war, hatte sich auf eine Bank im Wirtshaus gesetzt, und diese gab ächzend unter seinem Gewicht nach. Der Gast in seinem purpurnen Gewand fuhr erschrocken auf und schaute nun grimmig auf den am Boden sitzenden Elfen.

»Schaut mich nicht so schadenfreudig an, ihr Wichtigtuer. Habt Ihr nichts Besseres zu tun, als auf einen armen Geschädigten, schwer für sein Wohl arbeitenden Elfen, hinunter zu schauen? Arrogantes Pack, kommt hierher in euren teuren Gewändern und erniedrigt uns mit euren Blicken!«

Einer der gutgekleideten Elfen packte nun den Dicken grob an seiner Jacke und zog ihn mit Schwung auf die Füße. Die Leichtigkeit, mit der er dies tat, hätte man ihm nicht zugetraut, so schmächtig wie er war.

Der Dicke fühlte sich dadurch umso mehr gedemütigt und fing jetzt erst recht an, die edlen Gäste zu beleidigen:

«Widerliche Schicki-Mickis«, zischte er dem in Augenhöhe befindlichen Elfen im purpurnen Umhang geradewegs ins Gesicht. Stinkender Atem und eine bemerkenswerte Salve Speichel begleiteten seine Worte. Ohne mit der Wimper zu zucken wischte der Elf mit dem Ärmel seines edlen Gewandes über sein Gesicht, mit der anderen Hand hielt er immer noch den Dicken fest, der weiter wetterte.

Der Gastwirt schritt nicht ein. Er beobachtete das Ganze nur. Gelähmt vor Entsetzen! Doch ein Herr der Flüchtlinge, der dieses unflätige Benehmen nicht akzeptieren wollte, mischte sich nun beherzt ein. Auch wenn ihn seine Frau versuchte davon abzuhalten. Auch die anderen Elfenmänner gesellten sich dazu. Die Elfenmütter und ihre Kinder hielten sich im Hintergrund. Ein anderer Elfenvater versuchte, den dicken Elfen zurückzudrängen, um vernünftig auf ihn einzureden. Doch dieser hatte sich schon so in Rage geredet, dass er sich nicht mehr stoppen konnte. Er war nicht nur dick, sondern strotzte auch vor Kraft und fegte zwei der Flüchtlinge zur Seite. Damit hatte er sich nicht nur die edlen Elfen zum Feind gemacht, sondern auch die Flüchtlinge gegen sich aufgebracht. Der dicke ungepflegte Elf rammte mit voller Wucht seinen Kopf in den Bauch des zweiten Edelmannes. Dieser klappte zusammen und schnappte nach Luft. Der Purpurne und der dritte Gast in vornehmer Kleidung wurden zugleich mit je einer Hand von dem aufgebrachten Besucher gepackt und quer durchs Wirtshaus geschleudert. Direkt vor die Flüchtlinge. Annelin half den beiden benommen wirkenden Edelmännern vorsichtig wieder auf die Beine. Die bedankten sich mit einem freundlichen Nicken bei ihr, und drehten sich zurück. Dem Geschehen zu. Da versuchte der Dicke gerade, auch den Dritten von ihnen in die Mangel zu nehmen. Doch er wurde von allen Elfenmännern der Flüchtlinge in Schach gehalten, was kein leichtes Unterfangen war. Die Wut des Dicken schien ihm unermessliche Kraft zu verleihen. Der Dritte im Bunde der edlen Elfen schaute ihn nur verächtlich an, als er sich loszureißen versuchte.

»Du solltest nun dieses Gasthaus verlassen. Sonst kann ich für nichts garantieren. Diese einfachen Leute hier haben sich ehrenhaft benommen, und uns beigestanden, obwohl sie nicht dazu verpflichtet waren. Sie kennen Anstand und Sitte, was man von Dir nicht behaupten kann. Wir haben uns unseren Rang in der Gesellschaft hart erarbeitet und tragen mit Stolz diese edlen Gewänder. Auch wir waren einst einfache Elfen. Wir haben uns durch ehrlichen Handel von Dracheneiern unseren Rang in den Reihen unseres Elfenvolkes erarbeitet. Du hast somit keinen Grund, uns drei zu beleidigen!«

Die fein gekleideten Elfenherren gingen zurück zu ihrem Platz. Die Männer der Flüchtlinge brachten den dicken Elfen zur Tür des Gasthauses. Sie ließen es sich nicht nehmen, ihn mit einem Tritt in den Allerwertesten hinaus zu komplementieren. Befriedigt traten sie zurück ins Gasthaus und gesellten sich wieder zu ihren Familien.

Die drei Dracheneihändler kamen umgehend zu ihnen. Sie verneigten sich dankend.

»Werte Elfen, Ihr habt wahrlich ehrenhaft gehandelt und uns beigestanden. Wir möchten Euch zum Danke etwas schenken.«

»Das war doch selbstverständlich. Wir haben gern geholfen.« Die Händler schauten sich an und nickten einvernehmlich. Dann gingen zwei raus und holten das Geschenk.

In der Siedlung im strahlenden Tal lief Arturion mit Serah den Hang hinunter zu Apollonia, die für die Zeit, in der sie die Auserwählten unterrichten wollte, ein leer stehendes Häuschen der Siedlung bezogen hatte. Vor nicht allzu langer Zeit waren die Elfen zurück auf den Montaurei gezogen, da bald die kalte Jahreszeit Einzug halten würde. Noch war die Zeit der reifen Früchte und bunten Blätter. Die Zeit der Lehre für Serah.

Der Herbst hatte seinen ganz eigenen Geruch. Serah atmete die frische, feuchte Luft gierig ein. Prickelnd lief ein Schauer ihren Körper runter und löste ein wenig Serahs angespannte Stimmung. Ein herab segelndes Blatt streifte ihre Wange, als sie mit Arturion den schmalen Pfad zu Apollonias Häuschen entlanglief. An einer Wegkreuzung hielten sie an, denn eine Wand aus dichtem Nebel baute sich vor ihnen auf und sie wussten nicht, welcher Weg zu ihrem Ziel führte. Die Sicht wurde so schlecht, dass sie kaum die Hand vor ihren Augen sehen konnten.

»Auch das noch!« schimpfte Serah. Sie hatte schon den ganzen Weg wütend vor sich hergebrabbelt. Und es wurde nicht besser, als sie beinahe von einer reifen Beere erwischt wurde, die sich von einem Zweig gelöst hatte, und in freiem Fall auf Serah zuraste. Ihr gutes Gehör rettete sie. Im letzten Moment neigte sie ihren biegsamen Rücken nach hinten und die Frucht landete sanft auf dem am Boden liegenden bunten Laub. »Nicht einmal die Früchte des Herbstes gönnen mir meine Ruhe!«

Arturion bückte sich nach dem fruchtigen Geschoß und packte sie in eine Tasche, die er bei sich trug, um sie später zu einem leckeren Nachtisch verarbeiten zu lassen. Der Nebel lichtete sich. Serahs Laune wurde dadurch nicht besser. Sie herrschte Arturion giftig an:

»Kann ich nicht bis morgen warten?«

»Von mir aus schon, doch ich habe Apollonia versprochen, Dich unverzüglich zu ihr zu bringen. Ich möchte mein Versprechen halten.«

»Versprechen, das ich nicht lache! Was ist so dringend, dass es nicht warten kann?«

»Deine Zeit mit Apollonia ist kostbar. Du hast nur den Herbst, um deine Prüfung zu bestehen!«

»Ja, ja, aber ein Tag mehr oder weniger…«

»Wie du meinst. Serah, mir ist kalt.«

Arturion hüpfte rum, um sich warm zu halten, und rieb sich dabei die Oberarme.

»Ich geh nach Hause. Mach doch was Du willst!«

»Dann geh ich halt hin. Es interessiert doch eh keinen, was ich will«, murmelte Serah und verzog schmollend ihren hübschen Mund. Mit stampfenden Füssen verfolgte sie den restlichen Weg zu Apollonias Hütte. Der Nebel verzog sich mehr und mehr und durch die restlichen Schwaden sah sie Apollonia auf Nebula, deren Drachen, auf sie zufliegen. Sie landete sachte, während Serah auf die Eingangstür des neuen Zuhauses Apollonias zuging, um dort auf die Lichtelfin zu warten. Das Elfenmädchen blickte der Lichtelfin erwartungsvoll entgegen. Apollonia war nun in das warme Licht der Herbstsonne getaucht, und ihr langes Kleid wallte im Wind. Serah konnte ihren Blick nicht von der wunderschönen Lichtelfin wenden. Ihr bloßer Anblick ließ ihren ganzen Ärger verblassen.

»Vielleicht ist ja alles bloß halb so schlimm«, dachte Serah laut.

Apollonia hatte in dem kleinen Garten vor dem steinernen Häuschen, mit dem schiefergedeckten Dach einiges angepflanzt. Die Häuschen in der Siedlung glichen beinahe alle, wie ein Ei dem anderen. Nur ein paar winzige Veränderungen, wie Türschmuck oder eine andere Farbe des Gartentörchens unterschied sie voneinander. Auch innendrin glichen sie sich größtenteils. Das sollte es den Siedlern leichter machen, sich zurechtzufinden, denn die Familien bezogen nicht jedes Mal dasselbe Häuschen, wenn sie von Hang zu Hang zogen. Eine verwirrende Eigenheit des Volkes vom strahlenden Tal war, dass sie halbjährig die Hangseite wechselten. Im Frühling und Sommer lebten sie am Montumbra, dem Nordhang und im Herbst und Winter am Montaurei dem Südhang. Nur die Familie des Oberhauptes bewohnte stets das gleiche Häuschen. Kusion, das Oberhaupt hatte seine Gründe diese seltsam anmutende Sitte in seinem Volk anzuwenden und sie schien bestens zu funktionieren. Es gibt kaum ein Elfenvolk, das so harmonisch lebte, wie das des strahlenden Tales.

»Geehrte Apollonia, Arturion hatte mich zu Dir gerufen, um nun meine Lehrzeit anzutreten. Es ist mir eine Ehre!«

Von einem Augenblick zum anderen wurde das trotzige Elfenmädchen zum höflichen Lehrling, als wäre nie was geschehen.

»Serah, geschätzte Waldamazone, der heutige Nebel hat uns alle überrascht. Schön, dass Du deinen Weg trotzdem zu mir gefunden hast«, begrüßte sie das Elfenmädchen etwas überschwänglich. »Der Wind ist ein Teil Deines Elementes, das zu beherrschen Deine Aufgabe wird, und das in jeglicher Hinsicht. Ich meine damit nicht unbedingt den Wind, der uns bisweilen um die spitzen Ohren weht.« Apollonia schaute Serah entgegen, die es kaum schaffte, unbeweglich ihren Worten zu folgen. Unentwegt turnte und zappelte sie vor ihr herum. »Könntest Du für einen Moment innehalten?« Beruhigend legte Apollonia Serah die Hand auf die Schulter, um ihre Worte zu bekräftigen. Serah gönnte sich und der Lichtelfin eine Pause.

»Geehrte Lichtelfin, mir ist kalt. Könntest Du mich, seid so gut, in Dein Heim bitten?«

»Wie unachtsam von mir! Selbstverständlich.« Beide gingen gemeinsam ins Häuschen und Apollonia kümmerte sich gleich um ein wärmendes Feuer.

»Nun also zu Deiner Herbstmagie. Arturion hat bereits seine fruchtbare Ernte eingeholt, aber nicht in dem Sinne, wie wir dies aus unserem Alltag kennen. Nur im sprichwörtlichen Sinne. Er hat seine Gabe entdeckt, die schon seit jeher in ihm geschlummert hatte. Sie war wie eine reife Frucht; sie musste bloß noch gepflückt werden. Und Dein Bruder hat gelernt, sein inneres Feuer zu bändigen. Du wirst lernen, Deinen persönlichen Wind zu zähmen und zu lenken. Es ist ein wenig wie das Fliegen auf Drachen. Daher sollte es für Dich ein Leichtes sein, dies zu lernen.«

Das hörte sich für Serah alles sehr kompliziert an. Sie verstand die Worte Apollonias nicht auf Anhieb. Früchte ernten? Feuer und Wind zähmen? Serah war noch sehr jung. Ihr kam es vor, als ob die Lichtelfin in Rätseln sprach. Welche, die sie unbedingt lösen wollte.

Die Lichtelfin spürte, dass das Elfenmädchen nicht alles verstand, was sie ihr sagte. Deshalb wollte sie ihr noch etwas Zeit schenken.

»Werte Serah, komme morgen zu mir. Da werde ich Dir alles etwas genauer erklären. Bis dahin genieße Deine Freizeit!«

Serah verabschiedete sich höflich und trat vor Apollonias Haustür. Der Himmel strahlte mittlerweile in schönstem Blau, und die Sonne schenkte dem bunten Laub einen goldenen Glanz.

Quintarrh

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