Читать книгу Almas Rom - Patrizia Parolini - Страница 33
ОглавлениеXXVIII
«Babbo, kommst du nicht mit?» Alma stand im abgedunkelten salottino.
Cristoforo winkte ab, sein Arm sank schlaff auf das Sofa zurück, seine Augen waren geschlossen. «Geht ihr!»
Mutter sah ihn besorgt an, legte ihre Hand, deren Haut vom vielen Packen und Putzen rau und rissig geworden war, an seine eingefallene Wange und zog behutsam die Wolldecke über ihn. So verliessen sie das Haus ohne den Vater, bogen in die Via Mecenate ein und machten sich zu ihrem allerletzten Sonntagsspaziergang in Rom auf. Die Herbstsonne schien mild vom blauen Himmel. Der Wind brachte die Blätter der Laubbäume zum Rascheln. Vögel zwitscherten. Alma erinnerte sich an die ottobrate, die fröhlichen Volksfeste, die nach den drückend heissen Sommermonaten gefeiert wurden. Jedes Mal war es ein aussergewöhnliches Ereignis gewesen, wenn die Familie in die römische Campagna hinausgefahren war und ausnahmsweise in einem Gasthaus gegessen hatte.
Schade, kommt ein solcher Ausflug in diesem Jahr nicht in Frage, bedauerte Alma. Sie spürte die Last der bevorstehenden Rückkehr wie einen zentnerschweren Stein auf ihrer Brust. Die Angst, für Vater könnte es schon zu spät sein, lähmte sie, und auch das Wissen, dass sich der Umzug nicht mehr vermeiden liess. Sie hatte geglaubt, durch das Gebet und die Gespräche genügend Kraft geschöpft zu haben. Doch nein, alles kam wieder hoch: Wut, Ohnmacht und Schmerz. Genauso heftig wie an dem Tag, als sie von Gavignano zurückgekehrt waren. Sie blickte auf, sah das Kolosseum am unteren Ende der Via Mecenate zwischen den dunkelgrünen Zypressen, den hohen Palmen und den Meerkiefern mit ihren in den Himmel strebenden Nadelwolken und spürte einen Stich in ihrem Herz – hier hatte sie Antonio getroffen!
Bis hierhin hatten alle geschwiegen. Aber jetzt rannten die Kleinen schreiend los, quer über das Feld. Unten ratterte die Tramway am Kolosseum vorbei, Kutschen fuhren auf und ab, die Hufe der Pferde klapperten auf den Pflastersteinen, ein Automobil brummte und holperte über den Platz. Einheimische spazierten auf den Strassen, fremdländische Touristen bewunderten das weltliche Wahrzeichen Roms. Nachmittags war das Monument ab drei Uhr geöffnet, sonntags war der Eintritt frei. Die Kleinen stürmten Stufe um Stufe hinauf, während Giacomo auf Mutter wartete, die keuchend die Treppen emporstieg.
Der Lieblingsplatz von Alma und Attilio war die zweistöckige Halle im vierten Stockwerk. Von hier aus sah man unter sich die verfallenen Tribünen und das Oval der Arena und ausserhalb des Amphitheaters die südlich gelegenen Hügel der Stadt. Auch die Pyramide in San Saba und die Wasserleitung, die auf den Monte Palatino zuführte, die Aqua Claudia.
Als sie zurückkehrten, durchfuhr es Alma wie ein Blitz: Strohhut, schwarze Locken. War das Antonio am Zeitungsstand von sor Augusto? Alma wurde es leicht ums Herz. Sie merkte, wie sie errötete. Sie grüsste und tat, als ob nichts wäre. Doch noch im Treppenhaus kehrte sie unter dem Vorwand, Rachele zu besuchen, um und eilte wieder nach unten.
«Ah, da ist die Liebste ja!», unterbrach sor Augusto das Gespräch mit Antonio, als sie den Kopf zum Haustor hinausstreckte.
Alma hob den Zeigefinger an den Mund.
«Was für ein geeigneter Zeitpunkt!», spöttelte er und gab Antonio einen Klaps auf die Schulter.
«Alma!» Antonio schaute sich um, nahm ihren Arm und zog sie ein Stück die Via Merulana hinunter, dann bogen sie in eine Seitenstrasse ein. «Haben Sie gehört? Der Flug über Bengasi, der erste Bombenabwurf? Wir haben Tripolitanien erobert! Wir werden bald die Herren über Ostafrika sein!» Antonio war ganz aufgeregt. «Wissen Sie, dort gibt es so viel fruchtbares Land. Unsere Leute werden nie mehr so weit weg wie nach Amerika auswandern müssen. Es wird neue Arbeitsplätze geben!» Er rückte seinen Strohhut zurecht.
Alma blickte ihn verständnislos an: Was interessierte sie Bengasi? «Pah, auswandern! Ich müsste die Stadt nicht verlassen, wenn meine Eltern keine Auswanderer wären», erwiderte sie ungehalten.
«Oh», er blickte sie aus seinen dunklen Augen an. Lange. Nachdenklich. «Sie wären nicht hier, wenn Ihre Eltern nicht ausgewandert wären!»
«Was nützt das, wenn ich trotzdem gehen muss?» Alma liess den Kopf hängen. «In drei Tagen brechen wir auf.»
Antonios Lächeln verschwand. «Ich hoffe, ich sehe Sie bald wieder!», gab er leise zurück.
Sie nickte, blieb stehen.
«Sie kommen ja bald zurück! Oder?» Seine Stimme tönte eindringlich.
«Ja, sicher!» Sie blickte in seine Augen und versuchte zu lächeln. Sie konnte ihre Tränen nicht verbergen. Sie schämte sich, das Lächeln geriet zur Grimasse. Sie schaute weg, strich mit der Hand über seinen Arm, nahm seine Finger, liess sie wieder los und kehrte um. Es war wieder da, das entsetzliche Reissen in ihrer Brust.
Am Tag darauf holten die Männer von Fratelli Gondrand Möbel und Hausrat, Kisten und Koffer zum Transport in die Schweiz ab. Folco musste sich von der Hälfte seiner Spielsachen trennen und Alma Antonios Buch den fremden Händen mitgeben. Zurück blieben weitgehend leere Räume.