Читать книгу Schriften in deutscher Übersetzung - Plotin - Страница 33
ОглавлениеOb es auch von den Einzeldingen Ideen gebe
Ob es auch von den Einzeldingen eine Idee gibt? Nun, wenn ich und jeder einzelne sich auf das Geistige zurückführt, so muß auch das Prinzip jedes Einzelnen im Geistigen liegen. – Allerdings, wenn Sokrates und die Seele des Sokrates immer Sokrates ist, dann muß es einen Sokrates an sich geben, und demgemäß muß dann die Einzelseele auch in der oberen Welt vorhanden sein …; ist sie dagegen nicht immer ‘Sokrates’ sondern wird immer eine andere, z. B. die früher Sokrates war, Pythagoras oder sonst ein anderer, dann ist der bestimmte Einzelmensch nicht in der oberen Welt. – Freilich wenn die Seele die rationale Form aller einzelnen Menschen, die sie in ihren Verkörperungen durchlaufen hat, in sich trägt, dann müssen sie wiederum alle in der geistigen Welt vorhanden sein. Behaupten wir doch sogar daß jede Einzelseele alle rationalen Formen enthalte die der Kosmos enthält. Wenn nun der Kosmos nicht nur die Form des Menschen als solchen, sondern aller einzelnen Lebewesen hat, so auch die Seele. –
Dann ergibt sich aber eine unendliche Zahl von Formen. – Es sei denn daß ein periodischer Rücklauf stattfinde, dann würde die unbegrenzte Zahl begrenzt werden, indem immer wieder dieselben Formen wiederholt werden. – Wenn nun die entstehenden Dinge überhaupt zahlreicher sind als ihr Urbild, wofür sind dann überhaupt für alle auch in einer Periode entstehenden Dinge Formen und Urbilder nötig? Es genügt dann doch ein ‘Mensch’ für alle Menschen, so wie eine begrenzte Zahl von Seelen genügt unzählige Menschen hervorzubringen. – Indessen, es ist nicht möglich daß die verschiedenen Wesen dieselbe rationale Urform haben, es genügt nicht ein Mensch als Urbild; denn die individuellen Menschen unterscheiden sich voneinander nicht nur durch die Materie, sondern durch zahllose spezifische Unterschiede der Form, sie verhalten sich nicht wie die Bildnisse des Sokrates zu ihrem Original, sondern man muß den Unterschied unter ihnen aus verschiedenen Urformen herleiten (?). So umfaßt der gesamte periodische Umlauf alle diese Formen, beim nächsten Mal aber entstehen wieder dieselben Dinge nach denselben Urformen. Die damit gegebene Unendlichkeit in der geistigen Welt aber braucht man nicht zu fürchten; denn sie ist als ganze in einem unteilbaren Punkt, und tritt nur gleichsam hervor wenn sie wirksam wird. –
[2]Wenn indessen die Mischung der Formkräfte des Männlichen und Weiblichen die Verschiedenheit (eines Kindes von den Eltern) hervorbringt, dann könnte es nicht mehr von jedem einzelnen der zur Welt kommt eine individuelle Form geben, jeder der beiden Erzeuger, etwa der Mann, würde dann nicht nach unterschiedlichen Formen hervorbringen sondern nach einer, nämlich seiner eigenen und das heißt dann auch der seines Vaters. – Nein, auch dann steht nichts im Wege, daß sie nach verschiedenen Formen zeugen, da sie ja die sämtlichen Formen in sich haben, aber jeweils andere ihnen zur Hand sind. – Und wenn mehrere Kinder der gleichen Eltern voneinander verschieden sind? Nun, das geschieht infolge des verschieden starken Überwiegens (des männlichen oder weiblichen Prinzips). Doch muß gesagt werden, daß nicht deshalb, weil das Erzeugte in der Erscheinung bald zumeist dem männlichen bald dem weiblichen Erzeuger entspricht, jeder der beiden Erzeuger einen ungleichen Anteil gegeben hat, vielmehr hat jeder sein Ganzes gegeben und ruht ganz im Erzeugten, nur daß entweder beide Anteile oder nur der des einen die Materie bewältigen. Die aber an verschiedenen Stellen (der Gebärmutter) entstehen, wie sollen sie nicht verschieden sein? –
Bringt denn nun die Materie den Unterschied hervor, dadurch daß sie nicht gleichermaßen bewältigt wird? Folglich wären alle Individuen, mit Ausnahme jenes Einen, naturwidrig. So wahr aber die Verschiedenheit eine Vielfältigkeit des Schönen bedeutet, so kann die Idee nicht nur eine sein, sondern lediglich die Häßlichkeit ist auf den Einfluß der Materie zurückzuführen, wobei auch in diesem Fall die vollwertigen Formen zwar verborgen sind, aber doch als ganze hingegeben wurden.
Gut, seien also die Formen verschieden – aber wozu bedarf es so vieler wie in einer Umlaufperiode Individuen entstehen, wo es doch eingestandenermaßen möglich ist daß die gleichen Formen sich hingeben und doch das Entstehende in der äußeren Erscheinung differenziert ist? – Nein, zugegeben wurde das nur sofern sie sich ganz hingeben, hier aber handelt es sich um die Frage ob verschiedenes entstehen kann, wenn die gleichen Formen auch wirklich die Oberhand gewinnen. Sind denn vielleicht deswegen die verschiedenen Formen nötig, weil das schlechthin Identische erst in einer andern Umlaufperiode eintritt, in dieser einen aber nichts schlechthin identisch ist? –
[3]Wie können wir dann aber bei den zahlreichen (?) Zwillingen verschiedene Formkräfte annehmen, oder wenn man gar die Tiere einbezieht, und zumal die welche Mehrlinge werfen? – Nun, bei denen, wo die Jungen ununterscheidbar sind, ist nur eine Form vorhanden. – Aber wenn das so ist, dann gibt es eben nicht so viele Formen wie Individuen. – Nun, es gibt soviele Formen wie es verschiedene Einzeldinge gibt, und zwar soweit als die Verschiedenheit nicht bloß auf einem Zurückbleiben hinter der Idee beruht. Und schließlich, was steht im Wege daß die Formen auch da verschieden sind, wo die Individuen ohne Verschiedenheit sind? Wenn es denn überhaupt völlig unterschiedslose Individuen gäbe; denn wie der Handwerker, auch wenn er Dinge ohne Unterschied macht, dennoch dies Gleiche vermöge eines logischen Unterschiedes erfassen muß, demgemäß er es erst als ein ‘anderes’ machen kann, und also an das Gleiche doch ein gewisses unterscheidendes Moment heranträgt, so muß auch in der Natur, wo das ‘andere’ nicht durch Überlegung entsteht sondern nur durch die Formkräfte, mit der Idee ein unterscheidendes Moment verbunden sein; nur wir können diese Unterschiedenheit nicht fassen. Wenn die Zahl der Hervorbringungen eine willkürliche ist, so ist das eine andere Sache; wenn sie aber ihrer Anzahl nach durch Maß bestimmt sind, so muß dies Wieviel bestimmt sein durch die Entwicklung und Entfaltung sämtlicher Formen; dann muß, wenn sie alle erschöpft sind, ein neuer Anfang einsetzen. Denn wie weit sich diese Welt ausdehnen, wieviele Stadien sie in ihrem Lebenslauf durchlaufen soll, das liegt von Urbeginn vorgezeichnet in demjenigen Wesen das die Formkräfte in sich trägt. Müssen wir also auch bei den Tieren, bei denen eine Vielzahl mit einer Geburt hervorgebracht wird, entsprechend viele Formen annehmen? Die in den Samen und Formkräften dann notwendige Unendlichkeit braucht uns nicht zu schrecken; denn all das trägt die Seele in sich; ja auch im Geist (daher auch in der Seele) ist nochmals die Unendlichkeit dieser Dinge, die dort in der Seele an den Tag treten.