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ОглавлениеSelma hatte mal wieder einen Bad-Hair-Day. Sie sass im Zug zurück nach Basel und fummelte dauernd in ihren Haaren herum. Immer wieder schaute sie ihr Spiegelbild im Fenster an und zupfte an ihrer Frisur herum. Es war zum Verzweifeln. Lea musste ran. Auch wenn sie erst um Mitternacht Zeit hätte.
Selma hatte grottenschlecht geschlafen, was vermutlich daran lag, dass sie schon miesgelaunt ins Bett gegangen war. Sie hatte sich gleich im Hotel Selina ein Zimmer genommen, nachdem sie dort Julia von Gernhild getroffen hatte.
Julia war ein Spross der deutschen Familiendynastie von Gernhild, die mit dem Handel von Tuch, Gewürzen, Kaffee und Tee in Hamburg zu Reichtum gekommen war. Die Nachfahren des Firmengründers Werner von Gernhild vergrösserten das Unternehmen kontinuierlich, mischten in der Seefahrt mit, aber auch in der Waffenproduktion. Was dem Konzern nach dem Zweiten Weltkrieg einen herben Rückschlag verpasste und einen Schatten auf die Familie warf. Trotzdem schafften es die von Gernhild, sich zurückzukämpfen und erfolgreich zu wirtschaften. Ihr Vorteil war auch, dass der Name von Gernhild der breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt war, da es keine Produkte, Marken oder Firmen mit diesem Namen gab. Sämtliche Familienmitglieder achteten stets auf Diskretion. Von Julia von Gernhild, eine der wenigen direkten Nachkommen und der Haupterbin des Familienvermögens, gab es im Internet nur ein einziges Bild. Es zeigte sie lachend auf einer Bergspitze zusammen mit anderen Personen. Damals war sie deutlich jünger. Selma schätzte, dass sie vielleicht 17 oder 18 Jahre alt war. Die blonden Haare und vor allem die hellgrünen Augen waren schon damals sehr auffällig. Selma vermutete, dass das Foto bei einem Ausflug mit Schulkameraden des Lyceum Alpinum Zuoz geschossen worden war, einem international renommierten Institut im Engadin für Kinder wohlhabender Familien.
Selma war also die persönliche Hochzeitsreporterin einer Milliardenerbin. Damit war die Notwendigkeit des Verschwiegenheitsvertrags geklärt.
Das alles hätte Selmas Stimmung keineswegs in den Keller sacken lassen. Schliesslich war Julia eine nette, liebenswürdige und keineswegs arrogante Frau. Auch dass sie für einmal für eine private Reportage engagiert war, war okay. Was Selma aber sauer machte: Ihr Auftraggeber Jonas Haberer wusste das alles. Er wusste auch, dass es sich bei der sogenannten Wanderung mit dem Brautpaar um eine schwierige Tour auf den Piz Bernina handelte. Er hatte es ihr schliesslich gestern Abend am Telefon gestanden. Gewusst habe er es nicht wirklich, hatte er gesagt. Aber geahnt. Selma war sich sicher, dass Haberer bei seinem talentfreien Politikerkumpel Chasper Decurtins ein gewaltiges Honorar für sich herausgeschlagen hatte. Weil er genau wusste, dass Julia unbedingt Selma als Fotografin wollte. Und dass Geld keine Rolle spielte.
«Kotzbrocken», schimpfte Selma leise im Zug nach Basel. «Er war und ist und wird immer einer bleiben.» Sie erinnerte sich an ihre Zeit bei «Aktuell», einer grossen Gratiszeitung. Selma hatte gerade ihre Ausbildung zur Fotografin abgeschlossen. Jonas Haberer, damals der charismatische Chefredaktor dieser Zeitung, heuerte Selma an, machte sie zur Reporterin und hetzte sie von einer Story zur anderen. Wie alle anderen auch. Haberer war ein knallharter Boss und ging über Leichen. Und belog und schikanierte seine eigenen Leute. Hauptsache er bekam eine heisse Story. Der Erfolg gab ihm recht. Da er zudem keine Manieren hatte, verlieh ihm das Team den Übernamen «Kotzbrocken».
Mit den Manieren war es seither etwas besser geworden. Auch sein Umgang mit Menschen hat sich gebessert, dachte Selma. Aber sein neuster Streich bewies etwas anderes. Obwohl er sich entschuldigt und gesäuselt hatte, wie schwer ihm die Lügerei gefallen sei, er aber keine andere Möglichkeit gesehen hätte, um Selma für diesen Hochzeitsjob zu gewinnen. «Bla bla», machte Selma leise.
Sie versuchte, sich zu entspannen. Ihre Gedanken schweiften zum Piz Bernina, zum alten Bergführer mit dem weissen Schnauz, zu ihrem bevorstehenden Training und zu ihrem künftigen Hobby mit Marcel. Was ihre Emotionen gleich wieder hochschiessen liess. Der liebe Marcel hatte sich gestern Abend am Telefon wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert, fand Selma. Warum es ihr so wichtig sei, dass sie ein gemeinsames Hobby hätten, hatte er gefragt. Meine Güte, was für eine Frage? Allein die Tatsache, dass sie «ein gemeinsames Hobby» überhaupt erwähnt hatte, zeigte doch, dass es ihr wichtig war. Männer! Schlimmer: Psychologen!
Als Selma in Basel ankam, war sie noch schlechter gelaunt. Nun störte sie auch die Hitze. Aber dann kam ihr ein Typ in Bergsteigerhosen, mit Steigeisen an den schweren Schuhen, einem umgehängten Seil, Helm und Gletscherbrille entgegen. Marcel!
«Ich mache alles mit», sagte er. «Wir trainieren in einer nach Schweiss und Arnika und Harz riechenden Kletterhalle. Aber den Piz Bernina lasse ich aus. Und das würde ich auch dir dringend empfehlen. Viel zu gefährlich. Da fallen Bergsteiger am Laufmeter hinunter. Okay, das ist übertrieben. Aber das schaffe ich nicht. Nenn mich Weichei oder Warmduscher. Ich bin ein Intellektueller. Ein intellektueller Tram- und Busfahrer. Ich bin ein Stadtmensch, kein Bergler. Ich bin auch kein Abenteurer. Aber ich liebe dich und werde deine Hand halten. Also unten, nicht auf dem Piz Bernina. Ich werde deine Muskeln massieren und dich psychisch stärken. Ich werde dir eintrichtern, dass du dich quälen musst. Du brauchst das. Du bist ein Tier, Selma.» Marcel machte animalische Geräusche. «Aber ich bin …»
«Du bist sexy», unterbrach Selma.
Als sie in Selmas Wohnung am Totentanz ankamen, fielen die beiden übereinander her und liebten sich trotz der enormen Hitze wild und leidenschaftlich wie damals in ihrer ersten Nacht in Engelberg.
«Du bist auch ein Tier», sagte Selma völlig verschwitzt danach.
«Ja, Selma, gib mir Tiernamen, bitte, bitte, dann kann ich gleich nochmal.»
Dann lachten beide, bis ihre Bäuche schmerzten.