Читать книгу Jagd mit Freunden - Udo Lau - Страница 13
ОглавлениеMITTENDRIN
Dezember 1990
Eine Winternacht wie im Bilderbuch, der pulvrige Neuschnee sauber und unberührt, die Luft klirrend kalt, der Sternenhimmel darüber wie glitzernde Tautropfen, die schmale Mondsichel wie ein Symbol der Verheißung: „Du musst raus!“ Besser konnte die Stimmung nicht sein.
Die Kirrungen waren regelmäßig angenommen und die Auswahl umso schwieriger…sie kamen überall.
Doch irgendwie zog es mich zur „Leo Kanzel“. Erinnerungen an alte Zeiten beeinflussten die Entscheidung und gaben dem Abend eine sentimentale Note. Vor fünf Jahren – fast auf den Tag genau – erlebte ich hier, nur einen Steinwurf weit entfernt, mein erstes aufregendes Sauenabenteuer, damals zu zweit mit meinem Freund Rudi.
Die “Pornokanzel“ gab`s nicht mehr, die Lichtung davor war längst zugewachsen, aber die Gesamtlage in diesem Bereich blieb weiterhin ausgesprochen sauenträchtig. Also wurde nur fünfzig Meter entfernt eine neue Kanzel gebaut, die „Leo Kanzel“, benannt nach einem Forstgehilfen, der wesentlich an ihrem Bau beteiligt war.
Und dass ich heute allein war, lag an der beruflichen Anspannung und Zeitnot meines Freundes, der seine neue Firma in Dresden aufbaute. Unser gemeinsamer Doppelschuss damals begleitete mich heute mit wehmütigen Gedanken…Jagd zu zweit macht doch mehr Freude.
Dabei hätte die neue Kanzel mit ihrem geräumigen Innenleben durchaus Platz für zwei geboten. Außerdem war sie in ihrer geschlossenen Konstruktion weitaus komfortabler und mit Tür und Kippfenster auch witterungsgeschützter. Na ja, schaden konnte es nicht.
Es war noch nicht 19: 00 Uhr als ich den Wagen in der kleinen Einfahrt am Teich abstellte und keine 10 Minuten später mollig warm in meinem Ansitzsack saß. Der Drilling mit Kugel, Schrot und Einstecklauf geladen und gesichert stand neben mir, das Glas hing mir vor der Brust und der Blockmalz Hustenbonbon im Mund rundete eine wohltuende Zufriedenheit ab.
Obwohl die kleine Lichtung vor mir nur ein aufgelassener Rückeweg ist und kaum mehr als acht Meter breit und vierzig Meter lang ist, wandelt sich das Bild ständig. Rechts wird es begrenzt von mittelalten Fichten, links verläuft ein eingezäuntes Eichengatter, und beide Seiten vereinen sich in dem leicht ansteigenden Gelände zu einer geschlossenen Sackgasse.
Da erscheint ein Trockengrasbüschel wie der Schatten eines Rehs und ein tiefhängender Fichtenzweig sieht aus wie der Wurf einer schweren Sau, die vorwitzig ihr Haupt aus der schützenden Dickung schiebt.
Und so ruhig die Nacht auch ist, sie lässt doch immer wieder leise Geräusche und Töne zu, die den Lauschenden in ihren Bann schlagen und wach und aufmerksam bleiben lassen. Da rutscht eine Schneelage von einem Tanne, ein leises Huschen zwischen offenem Dürrlaub, das durchdringende Rufen eines Käuzchens oder der eigene Fuß, der das Nylon des Ansitzsackes an der Innenwand der Kanzel rascheln lässt.
Es herrscht eine gespannte Faszination zwischen allen Sinnen und macht dich mit deiner Anwesenheit zu einem Teil der dich umgebenden Natur. Eine wunderbare Wahrnehmung.
So kann es sein, dass Minuten und Stunden zeitlos werden und die Gedanken durch den Raum schweben wie Schneeflocken durch den Winterhimmel.
Und plötzlich nimmt man etwas wahr, das nicht Traumbild sondern Realität ist und es dauert Sekunden, bevor man die Wirklichkeit erfasst. Da stehen sie plötzlich, die schwarzen Flecken im milchigem Weiß, bewegen sich als wollten sie rufen: „Wir sind da!“
Dann fährt es wie ein Stromstoß durch deine Adern, dann sind deine Nerven wie elektrisiert und der Puls hämmert dir die Schläfrigkeit aus dem Körper. Dieser Augenblick ist wie eine Droge, die mit einem Schlag neue Empfindungen und Gefühle in dir freisetzt. Das ist unvergleichbar.
Irgendwie geschieht das Folgende wie in Trance. Man greift zum Glas und schaut sich die Bande an, als gehören sie zu einem selbst. Frischlinge werden zu Überläufern, Einzelstücke zu kapitalen Keilern. Die Optik gaukelt dir Trugbilder vor und die Nähe zum Geschehen vergrößert das Gesehene unwirklich.
Inzwischen hat die Erfahrung gelehrt, wie lange man beobachten darf und ab wann man handeln muss. Vom Verhalten der Rotte und ihrer Vertrautheit ist es abhängig, sich die Zeit zu nehmen oder den Drilling.
Drei Frischlinge um die 25 kg. keine Bache, sehr ungewöhnlich. Ich warte noch. Oft sichert die Vorsichtige noch in ihrer Deckung, aber nach 5 Minuten wird es Zeit. Als einer etwas abseits steht, bin ich im Anschlag. Die linke Hand zwischen Lauf und Auflage, den Schaft fest in der Schulter und den Zeigefinger am Abzug. Der Zielstachel wandert zwischen Teller und Blatt hin und her, das Ohrläppchen würde man treffen, kein Wunder bei nur zwanzig Meter. Ein wenig Schamgefühl kommt auf, unwaidmännisch? Unsinn! Das Stück muss liegen, Küchenschuss und gut.
Bauz, die Detonation reißt ein großes Loch in die winterliche Stille. Der Wutz liegt auf dem Fleck und seine Geschwister sind verschwunden.
Bisher eine ganz normale Geschichte, wo liegt das Besondere? In der Tat, nichts Ungewöhnliches…doch die Überraschung folgte auf dem Fuß: ich war gerade dabei, routinemäßig die Waffe nachzuladen, da rappelt sich die Sau doch wieder auf. Ich traue meinen Augen nicht, keine zehn Sekunden nach dem Schuss torkelt sie nach links gegen den Zaun, macht kehrt und ist nach oben in den Fichten verschwunden, noch ehe ich mit der Waffe ein zweites Mal im Anschlag bin. Nicht zu fassen, der Butzemann lag doch schon mausetot da…ich kann’s nicht glauben.
Nun, auch das kommt mal vor. Ein Krellschuss, ein zweites Leben, eine Halluzination? Keinesfalls, die leere Patronenhülse fühle ich zwischen meinen Fingern und an der Stelle wo der Jüngling lag, meine ich auch durch das Glas Schweiß zu erkennen.
Ich beruhige mich und warte ab. Bis 21: 30 Uhr will ich noch sitzen bleiben, solange kann ich meine Neugierde noch bezähmen. Doch der Vorgang lässt mich nicht los und immer wieder suche ich nach einer Erklärung.
Aber es tut sich nichts mehr und die Ruhe der Winternacht ist wieder eingekehrt. Langsam rolle ich meinen Ansitzsack zusammen, verschnüre ihn auf dem Rucksack, krame die Handschuhe und den Rest in die Taschen, nur die Taschenlampe lasse ich draußen und die Waffe geladen. Vorsichtig klettere ich die Stufen der Kanzel hinunter, lege unten den Rucksack ab, das Glas darauf und mache mich auf den kurzen Weg zum Anschuss.
Die Waffe in der linken Hand, die Taschenlampe rechts – ausgeschaltet – stapfe ich durch den unberührten Pulverschnee. Es sind keine fünfzehn Schritt bis zu der Stelle, wo der Frischling bereits im Dampf lag.
Nach etwa der Hälfte der Distanz hebe ich den Blick nach vorn und traue meinen Augen nicht: keine acht Meter vor mir steht eine Rotte Sauen auf der Kirrung!!! Es ist nicht zu fassen – aber ich träume nicht – auch wenn ich zwischen Schreck und Unglaube wie betäubt bin. Wie hingezaubert und völlig geräuschlos müssen sie in dem winzigen Augenblick von rechts aus den Fichten gekommen sein, als ich, den Blick nach unten, den Weg hinaufgegangen bin…
Wie angewurzelt bleibe ich stehen. Das einzige was sich bewegt, sind meine Nackenhaare, die sich spürbar nach oben sträuben. Das habe ich noch nie erlebt, Sauen auf offener Fläche acht Meter vor mir.
IM KESSEL
Ich wage nicht einmal den Kopf zu drehen und glaube immer noch, das Ganze nur zu träumen. Doch das genüsslich einsetzende Schmatzen, das aufgeregte, futterneidische Hin – und Herwuseln lassen gar keinen Zweifel an der Realität des Schauspiels aufkommen.
Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf, allein mein Körper scheint wie gelähmt. Aus den Augenwinkeln, keine sechs, sieben Schritt links von mir, steht ein stärkeres Stück, offensichtlich die Bache. Auch das noch! Mehrmals bläst sie argwöhnisch die Luft durch ihren Wurf, ohne sich aber gleich danach dem reichlich ausgestreuten Mais wieder zuzuwenden. Es müssen so an die acht Stück sein, so genau kann ich sie in meiner Panik gar nicht zählen. Ohnehin bin fest davon überzeugt, dass sich der Spuk in wenigen Sekunden auflöst und ich aus meinem Tiefschlaf auf der Kanzel erschrocken aufwache.
Gefühlt seit einer Ewigkeit, real aber wohl nur seit zwei Minuten, stehe ich nun völlig regungslos da und merke, wie langsam wieder klare Gedanken in meinen Kopf kommen und mir sagen: du musst handeln!
Links den Drilling, rechts die Taschenlampe in den Händen, habe ich mich selbst mattgesetzt, wie soll ich da zu Schuss kommen? Wie in einer Superzeitlupe gehe ich in die Knie und achte mit jeder Faser meines Körpers auf die Reaktion der Sauen vor mir, besonders die Bache habe ich dabei im Blick. Der Bewegungsvorgang des Bückens bis zum Ablegen der Lampe in den Schnee dauert mindestens eine Minute, dann ist die rechte Hand frei. Da spüre ich einen leisen Luftzug, der mir von vorne ins Gesicht streichelt und mir den intensiven Sauenduft zuträgt…wie Parfüm in diesem Augenblick und die Gewissheit, dass sie mich nicht wittern.
So etwa muss dem berühmten Sauenexperten und-wissenschaftler Meinhardt zu Mute sein, wenn er sich als „Familienmitglied“ in seiner Rotte bewegt. Doch so vertraut schien mir meine Situation nicht zu sein.
Noch immer rechne ich fest damit, dass mich eines der Stücke gleich mitkriegt und sich der Rest von selbst erledigt. Stattdessen komme ich ebenso langsam aus der Kniebeuge wieder hoch, wie ich runtergegangen bin und bringe noch das Kunststück fertig, gleichzeitig den Drilling von der linken in die rechte Hand zu wechseln. Dabei suche ich mit prüfendem Blick ein geeignetes Stück vor mir aus. Es sind vier oder fünf Frischlinge, zwei Überläufer und die Bache.
So unvergleichlich intensiv das Schwarzwild wittern kann, so wenig ausgeprägt ist ihre Sehschärfe, sonst hätten sie mich längst als Fremdkörper ihrer Rotte eingestuft und das Weite gesucht. So aber erlauben sie mir, mein verwegenes Tun fortzusetzen.
Alle stehen sie auf diese kurze Entfernung ziemlich dicht zusammen und machen mir das Ansprechen und die Auswahl zusätzlich schwer. Erst als ich die Waffe tatsächlich schon in Schulterhöhe habe und mit dem rechten Daumen den Sicherungsknopf nach vorne schiebe, scheint die Sache ernst zu werden.
Da rückt die Bache noch einmal zwei Meter nach vorn, jetzt kann ich sie bald streicheln. Wenn ich mich nicht beeile, läuft sie mich über den Haufen oder verwechselt mich mit einem rauschigen Keiler. Was für eine irre Situation!
Durch das sechsfache Glas sehe ich fast nur Schwarz und muss mit dem Zielstachel weit nach rechts und links schwenken, bevor ich den Rand des Pulks ausmachen kann. Da löst sich ein einzelner Brocken und steht breit vor meiner Mündung. Jetzt oder nie, diese Geschichte glaubt mir ohnehin keiner. Kurz hinter dem Teller fasse ich ihn an und drücke ab.
Mündungsblitz und Kugelschlag zerreißen die Luft und befördern mich wie von magischer Zauberhand aus dem Traum in die Wirklichkeit. Plötzlich stehe ich allein da als wäre nichts geschehen. Den Bruchteil einer Sekunde hatte ich befürchtet, von der Bache überrannt zu werden und stehe nun stocksteif da, für einen Augenblick wie versteinert.
Da sehe ich vor mir einen dunklen Fleck, einer der auch liegen bleibt und keinen Mucks mehr tut, der Überläuferkeiler liegt mit knapp 50 kg.vor mir, na,also…geht doch.
Dieser flachsige Gedanke beweist die enorme Anspannung, die mich in den letzten sechs Minuten beherrscht hat und sich jetzt in einer unbändigen Erleichterung breit macht.
Wo ist der Freund, mit dem ich dieses Abenteuer teilen kann? In diesem Moment hätte ich gern jemanden an meiner Seite gehabt, dessen Verständnis und ungeteilte Freude mein Glücksgefühl verdoppelt hätte, ganz abgesehen von der ehrlichen Bestätigung dieses unglaublichen Geschehens.
Langsam löst sich die Spannung und es gelingt mir mit staksigen Schritten zum erlegten Stück zu gehen. Sieben Schritte sind es nur…unglaublich! Stolz und innerlich noch immer aufgewühlt lege ich die Hand auf seine borstige Schwarte und spüre fast eine Verbundenheit mit ihm. Da fällt mein Blick wie zufällig hinter den Körper des Überläufers und erfasst eine breite Schweißfährte, die unter den Fichtenzweigen verschwindet. Sofort denke ich an den beschossenen Frischling, der sich ja wieder hochgemacht hat und geflüchtet ist…Als wäre das vor Stunden passiert, so verzerrt kommen mir die realen Zeitabläufe vor und so sehr hat mich das eben Erlebte noch in seiner Gewalt.
Bei klarer Überlegung kann das aber gar nicht sein, die Fluchtrichtung des Frischlings war ja eine ganz andere. Tausend Gedanken wirbeln mir durch den Kopf. Ich muss mich erst einmal beruhigen und einen klaren Gedanken fassen. Ich folge der Schweißfährte in die Dickung und werde nach 15 Metern ein weiteres Mal überrascht: da liegt sauber gestreckt einer der Frischlinge… aber welcher? Eindeutig nicht der erste! Dieser muss beim Schuss auf den Überläufer direkt dahinter gestanden haben und die gleiche Kugel erwischt haben, unglaublich.
Solche versehentlichen „Paketschüsse“ kommen beim Schwarzwild immer wieder mal vor, zumal dann, wenn eine Situation so ungewöhnlich ist und einen schnellen Ablauf provoziert. Mir wiederfuhr das nun zum ersten Mal und ausgerechnet heute, ohne freundschaftliche Unterstützung.
Was war aber mit dem 1.Frischling passiert? Noch bevor ich mich um die beiden erlegten Stücke kümmerte, suchte ich dessen Anschuss. In dem inzwischen von der zweiten Rotte aufgewühltem Terrain war es gar nicht so einfach, die Stelle zu finden, an der ich mir eingebildet hatte, mit dem Glas von der Kanzel aus den Schweißfleck gesehen zu haben. Aber dann fand ich einige Spritzer, die unter dem Neuschnee und zwischen den gelben Maiskörnern kaum zu entdecken waren.
Sicherheit aber gab mir erst der Fluchtweg links an den Zaun, das Torkeln zurück und der weitere Weg nach oben in die „Sackgasse“. Soweit verfolgte ich das Fährtenbild und brach dann ab in der Überzeugung, morgen früh bei einer geordneten Nachsuche das Stück zu finden. Heute hatte ich noch genug Arbeit mit den beiden gefundenen Stücken.
ALLEIN GEGEN ALLE
Weit nach Mitternacht lag ich im Bett, völlig erschöpft von der Versorgung und dem Transport der beiden Stücke, die ich mit Mühe in den Kofferraum bekam. Aber das Glücksgefühl und die große Freude über dieses einmalige Erlebnis verliehen mir ungeahnte Kräfte, ließen mich aber auch nur schwer in den Schlaf kommen.
Ich erwischte Klaus am nächsten Morgen noch beim Frühstück. Er schaute mich ungläubig an, als ich ihm meine Geschichte erzählte. Wir kennen uns nun schon lange und haben wohl auch manches Jagdabenteuer geteilt, aber bei diesem Bubenstück wäre er gern dabei gewesen.
Als ich ihn dann um seine Hilfe bei der Nachsuche bat, war er sofort bereit. Hatte er doch damit die Gelegenheit, wenigstens noch Zeuge bei einem Ausgang sein zu können, dessen Ende wir beide ja noch nicht wussten.
Unsere beiden Rauhaardackel assistierten eifrig und erfolgreich. Nach fünf Minuten rief mein Freund das erlösende Waidmannsheil und der zweite Frischling lag auf der Strecke.
Wir konnten nicht umhin, dieses ungewöhnliche Erlebnis bei einem zünftigen Frühschoppen in unserer Lieblingsgaststätte zum„Rippchentrail“ noch einmal in all Einzelheiten zu würdigen. An aufmerksamen Zuhörern aus der Familie hat es nicht gemangelt.