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EXKURS I

Der Karlsruher FV im Jahr 2011: C-Klasse auf dem Nebenplatz \\\ Stadion-Überreste \\\ „Prinz Berthold“, leerstehend

2. April 2011

Es ist einer der angenehmsten Wege, die zu einem deutschen Fußballstadion führen. Wenn man zum Wildparkstadion von Karlsruhe unterwegs ist, lässt man zunächst den Mittelpunkt der Stadt, den Marktplatz und das Schloss, hinter sich, passiert den Schlossgarten und geht hinein in den weiten Hardtwald, das ehemalige Jagdrevier der badischen Großherzöge.

Und das nebenbei: Das Wildparkstadion hat im Gegensatz zu vielen anderen bundesdeutschen Sportstätten glücklicherweise seinen Namen behalten, seit 1955. Wie sehr sei das dem Karlsruher SC und seinem Anhang gegönnt, angesichts von Traditionsnamen und lokalen Bezeichnungen, die dem Mammon zuliebe andernorts verschwunden sind.

Jedoch, wir sind nicht auf dem oft zurückgelegten Weg zu einem Heimspiel des KSC. Diesmal heißt es noch weiter gehen, das Stadion bleibt links liegen, denn der Karlsruher FV spielt im Frühjahr 2011 natürlich nicht im Wildparkstadion, sondern als Untermieter der DJK Ost Karlsruhe.

Seit der Verein im Sommer 2007 wieder auflebte, ist er auf Wanderschaft, denn sein angestammtes Terrain in der Nordweststadt, also das Stadion bei der Telegraphenkaserne, existiert nicht mehr. Der KFV spielte als Gast beim Gehörlosen SV in der Südstadt, beim SV Südwest in Oberreut und nun eben bei der DJK. Es gibt keine 2. Mannschaft und keine Nachwuchsteams, weshalb der Traditionsverein auch keinen Anspruch auf einen festen Platz innerhalb Karlsruhes erheben kann.

Die satte, grüne Rasenfläche vor dem DJK-Vereinsheim liegt an diesem Sonntagnachmittag im April verwaist da. Denn spielen darf der KFV nur auf dem Nebenplatz, auf dem das Gras eher seltener wächst.

Es geht an diesem Sonntagnachmittag gegen die FT Forchheim aus Rheinstetten. Das Kürzel FT steht für Freie Turnerschaft und die Herkunft aus dem 1933 von den Nazis zerschlagenen Arbeitersport. Leider tragen die KFVler nicht die traditionelle schwarz-rote Spielkleidung, sondern orangene Hemden, ebensolche Stutzen und schwarze Hosen.

KFV gegen Forchheim, das ist ein Punktspiel der Kreisklasse C, Staffel 1. Der Fußballkreis Karlsruhe hat fünf C-Klassen, überwiegend treten dort 2. Mannschaften an. Den Eintritt von zwei Euro kassieren zwei junge Frauen, indem sie den Platz umrunden. Mehr könnte man noch für Sitzplätze verlangen, aber die gibt es nicht. Zuschauer dürften es um die 60 gewesen sein.

Der KFV tritt als Drittletzter der Tabelle an und wird es nach dem 1:2 gegen Forchheim auch bleiben. Sein Team setzt sich vor allem aus italienischen Zuwanderern zusammen, die den Vorteil haben, sich in ihrer Heimatsprache auf dem Spielfeld verständigen zu können. Der bekannteste Spieler ist Pietro Lombardi, Jahrgang 1992 – er hat 2011 als Sänger den RTL-Wettbewerb „Deutschland sucht den Superstar“ gewonnen.

2004 hatte der ehemals so noble und erfolgreiche Verein den Spielbetrieb in der B-Klasse eingestellt: Es war kein Geld mehr da, noch nicht einmal mehr für die Verbandsabgabe. Offensichtlich hatte der Klub zeitweise trotz des kontinuierlichen sportlichen Niedergangs auf zu großem Fuß gelebt. Zum hundertjährigen Bestehen 1991 musste es schon der FC Bayern München als Gastspiel-Gegner sein.

Mit dem Ausscheiden aus dem Spielbetrieb wurden (verfrühte) Nachrufe auf den Deutschen Ex-Meister verfasst. Der aber war nach wie vor im Vereinsregister eingetragen, was 2007 die Möglichkeit bot, den KFV zu reaktivieren. Das Gelände an der Hertzstraße samt Stadion und Sportheim wurde an einen Investor veräußert, womit erst einmal die Altlasten getilgt waren. Alexander Etzel und Wolfgang Albert († 2010) waren damals die treibenden Kräfte.

2008 spielte der damals 20-jährige Steffen Herberger erstmals für den wieder erstandenen KFV: „Ich war stolz darauf, in einem Dorf im Schwarzwald das KFV-Trikot anziehen zu dürfen!“ Herberger, derzeit Student des Wirtschaftsingenieurwesens in Karlsruhe, wusste um die Bedeutung der drei Vereinsbuchstaben: Der frühere Reichs- und Bundestrainer Sepp Herberger war sein Urgroßonkel, und zur Verwandtschaft zählte auch Johann Herberger, aufgrund seiner Haarfarbe „der rote Herberger“ genannt. Dieser Herberger war bei Phönix Karlsruhe, den Stuttgarter Kickers, dem FC Bayern München und später noch in den USA aktiv.

Inzwischen ist Steffen Herberger 2. Vorsitzender des KFV und die treibende Kraft im Verein. Er unterhält die ausgezeichnete Website (www.karlsruher-fv1891.de) des Klubs und dessen Fanshop im Internet. Die Website gibt es auch in englisch- und französischsprachiger Version, dazu viele Extras wie „Helden“ (inklusive Hirsch, Fuchs, Bensemann), ein gesondertes Kapitel zum Julius-Hirsch-Preis, Statistikteil, KFV-Quiz u.v. a.m. Als Vorsitzenden hat man inzwischen den Karlsruher Baubürgermeister Michael Obert gewonnen, die Mitgliederzahl hat sich zuletzt fast verdoppelt (liegt aber noch unter der Hunderter-Grenze), und neuer Trikotsponsor ist der Bezirksverband der Gartenfreunde Karlsruhe.

Die früheren Mitglieder des KFV aber haben noch nicht „angebissen“: „C-Klasse, das ist doch nicht mehr unser KFV“, lautet ein Argument. Jüngeren wiederum ist die historische Bedeutung des Klubs nur schwer zu vermitteln, sagt Herberger. „Wir haben nicht die Anziehungskraft, die ich mir aufgrund der Vergangenheit vorgestellt hatte. Da hätte ich mir mehr versprochen.“

Aber: Der KFV 2011/12 lebt.

Wer nachsehen will, wo der Verein einst zu Hause war, fahre vom Karlsruher Hauptbahnhof mit der Straßenbahnlinie 2 E hinaus bis zur Haltestelle Siemensallee. Dort, wo das Stadion war, Adresse: Karlsruher Weg 17, ist ein Seniorenheim der Inneren Mission errichtet worden. Davor steht – „Karlsruhe erinnert sich“, heißt dieses Programm des Stadtarchivs – eine Stele mit historischen Bildern vom Stadion und einem Text, der auch die jüdischen Nationalspieler Hirsch und Fuchs benennt.

Am 15. Mai 2010 hat man diese Stele aufgestellt, und die lokale Presse berichtete ausführlich. Der Gewinn der Deutschen Meisterschaft durch den KFV jährte sich damals zum hundertsten Mal. Vor Ort waren auch Karlsruhes Oberbürgermeister Heinz Fenrich, der letzte KFV-Nationalspieler Kurt Ehrmann, die KSC-Fußballlegende Kurt Sommerlatt, der als „weißer Blitz“ einstmals berühmte Sprinter Heinz Fütterer vom KSC und Mitglieder der Familie Hirsch. Gern hätte der C-Klassen-Verein aus dem Anlass ein „Erinnerungsspiel“ gegen Endspielgegner Holstein Kiel (derzeit Regionalliga Nord, also 4. Liga) ausgetragen, doch fehlten dazu die finanziellen Mittel.

Rudimentäre Überbleibsel des Stadions sind vor Ort noch zu erkennen. Beispielsweise der Graswall der Gegengerade an der Hertzstraße, der wegen deren Ausbaus bereits früher reduziert wurde. An der Mauer dahinter sieht man noch die alten Reklamen: „Sparkasse Karlsruhe“. „Autohaus Badenia“. „Feierabend! …und jetzt ein Moninger.“

„Zum Moninger“, das ist der neugotische, burgartige und beeindruckende Bau der Brauerei: das ehemalige Vereinslokal des KFV, im Karlsruher Zentrum, Kaiserstraße 144 / Ecke Karlstraße noch erhalten. Sagenhafte Plastiken schmücken bis heute die Fassade, und eine imposante Lichtreklame wirbt für das Bier. Aber einkehren kann keiner mehr im „Moninger“: Dort befindet sich heute ein „T-Punkt“-Laden. Wie überhaupt die ganze Kaiserstraße vor allem eine Kettenshop-Landschaft darstellt. Deutsche Innenstädte sind inzwischen eben auswechselbar.

Aber noch einmal zurück zum früheren Stadion an der Hertzstraße vor der einstigen Telegraphenkaserne (dieser Hintergrund macht es einfach, Fotos von Heimspielen des KFV zu identifizieren). Heute sind dort Gebäude der Universität-West untergebracht. Was sich an dieser Stelle früher abspielte, zum Beispiel am Ostermontag 1912, dem 8. April, Anpfiff 15 Uhr 30, kann man nachlesen:

„Das Tagesgespräch der Sportsleute in ganz Süddeutschland war die Begegnung KFV gegen den Deutschen Meister Viktoria 89 Berlin (Anm.: 1:3). So brachten denn die Züge von nah und fern zahlreiche Sportanhänger. Der Zudrang nach dem Sportplatze an der verlängerten Moltkestraße war gewaltig. Die Wagen der Elektrischen waren überfüllt, Auto folgte auf Auto, Zuschauer in endloser Zahl pilgerten zum Spielplatz.“ („Karlsruher Tagblatt“)

6.000 Besucherinnen und Besucher wurden gezählt, neugierig darauf, ob der KFV das 6:1 vor wenigen Wochen in Berlin wiederholen könnte. In der Vorausschau hatte der KFV seine Spieler, die für die Nationalmannschaft und die süddeutsche Auswahl berufen worden waren, mit Sternchen markiert: Hollstein, Gros, Breunig, Bosch, Tscherter, Förderer, Fuchs und Hirsch.


Ein Bild aus alten KFV-Tagen: Zu seinem 50. Geburtstag 1927 schnürt Ivo Schricker (Bildmitte) noch einmal die Kickstiefel. Rechts von ihm stehen Julius Hirsch, dem er in der NS-Zeit helfen wird, Fritz Tscherter und Ernst Hollstein.

Heute liest man gegenüber dem einstigen Stadionareal am Gebäude Ecke Hertzstraße / Karlsruher Weg noch immer die Aufschrift einer Gaststätte: „Prinz Berthold“. Laut Karlsruher Adressbuch von 1912 war das unter der Anschrift Hardtstraße 123 die „Wirtschaft zum Prinzen Berthold“. Man darf annehmen, dass die Kämpen des KFV und ihre Anhänger oft dort eingekehrt sind. Eine Vereinswirtschaft also, wie sie vielerorts bestanden hat und wie es sie heute aufgrund der vereinseigenen Sportheime kaum mehr gibt. Aus der „Wirtschaft zum Prinzen Berthold“ wurde in unseren Tagen „Tong Moi“ und zuletzt „Sahmaran“. Als der Autor 2011 nachgeschaut hat, standen die Räumlichkeiten leer.

Und der Karlsruher FV spielt hier nicht mehr. Oder, um einen Martin-Scorcese-Filmtitel abzuwandeln: „KFV doesn’t live here anymore.“

Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet.

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